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Vom Reichtum zwischen Kamm und Tal

Zehn Wochen Mitarbeiten und -lernen auf dem nördlichsten Permakulturhof der Welt.

von Stephan Böhm , erschienen in 43/2017

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»Die Neuen wollen nicht ins Bett!«, ruft Niklas, der schon den dritten Sommer auf der schwedischen Farm verbringt. Nicht das Dutzend heute angereister Praktikanten sind gemeint, sondern die 350 jungen Legehennen, die ebenfalls heute aus einem Zuchtbetrieb angekommen sind. »Helft mit!« Was für ein Einstand – bei einsetzender Dämmerung jagen wir hinter dem Federvieh her, um es über  Nacht in das sichere Hünermobil zu sperren. »Dort!« – »Nein hier!« –»Zu spät!« – »Hab’s!«
Wir sind auf Ridgedale, der nördlichsten Permakultur-Farm der Welt (59°50’N). Und ich, der sich hier noch unbeholfen von den jungen Hühnern foppen lässt, bin einer von 32 Menschen ganz verschiedenen Alters mit unterschiedlichsten Hintergründen, die die Neugierde aus Australien, Hongkong, den USA, Kanada, der Türkei und allen Teilen Europas hierher nach Schweden trieb. Wir wollen lernen von Richard Perkins, einem der profiliertesten, kreativsten, aber auch streitbarsten Lehrer, den die Szene zu bieten hat. Dreieinhalb Stunden nördlich von Göteborg liegt sein Hof, der im heutigen Entwicklungsstadium klar auf Lehre und praktisches Erleben ausgerichtet ist. Unsere gemeinsame Zeit auf Ridgedale beginnt im Mai 2016 mit einem zweiwöchigen Zertifikatskurs in Permakulturdesign (PDC). Schwedens Frühling zeigt sich da noch verhalten, erste Knospen sind kaum zu sehen. 
Ende 2014 hatte ich während eines PDC-Kurses in der Schweiz von Richard Perkins und seiner Farm erfahren. Hier kommen, so recherchierte ich im Internet, neben den klassischen Permakulturelementen auch Techniken wie »Holistic Management« und »Keyline Design« zum Einsatz (siehe hierzu den Artikel »Das Neuland im Kopf« aus Oya 18/2013 oder Niklas Kulliks Bachelorarbeit »Entwicklungsszenario der landwirtschaftlichen Flächennutzung durch ein Keyline Kultivierungsmuster« von 2016). Beim Betrachten der vielen Fotos, die Richard regelmäßig vor allem auf Facebook teilt, wusste ich: Da will ich hin! Es waren der umfassende systematische Ansatz und das offenbar rasante Tempo, in dem Ridgedale sich entwickelte, die in mir den Wunsch nährten, mehr über diese Art der Landbewirtschaftung zu erfahren. Ich meldete mich für die »Hardcore-Variante«: das zehnwöchige Praktikum von Mai bis Juli 2016, das mit dem PDC-Kurs beginnt.
Mit mir geht Anfang Mai ein praller, kaum tragbarer Seesack an Bord der Fähre nach Göteborg. Meine Vorfreude ist riesig.

Der Name als Programm
Der Engländer Richard Perkins und seine schwedische Partnerin Yohanna Amselem suchten die alte, rund 10 Hektar große Farm unter einer Vielzahl von Alternativen im ganzen Land aus. Ausschlaggebend für die Entscheidung im Winter 2013 waren neben dem günstigen Preis zusammenhängende, hügelige Weiden, verschiedene Wasserläufe, angrenzender Wald, ein bezugsbereites Bauernhaus sowie halbwegs intakte Nebengebäude, die einen sofortigen Beginn des Betriebs ermöglichten. Richard benannte sein neues Zuhause nach den englischen Worten »ridge« (Kamm, Bergrücken) und »dale« (Tal), also den wichtigsten Grundstrukturen des Keyline Designs.
Lehre und Bewirtung finden in zwei Jurten statt, die den Sommer über aufgestellt werden. Für das zehn bis zwölfköpfige Kernteam, das jeweils von April bis Oktober anheuert, hält die Farm feste Unterkünfte bereit. Gäste und Praktikanten wohnen in Zelten oder in spärlich eingerichteten Containern. Ich teile mir meinen mit sieben weiteren Kursteilnehmern. Petek aus der Türkei und Taylor aus Australien beziehen ihre Zelte gegenüber – und frieren in den ersten Nächten erbärmlich. Wir alle helfen mit warmen Klamotten.
Unser Tagesablauf ist fest geregelt. Morgens um 6 Uhr 30 beginnen die Routinearbeiten: Jurten, Sauna und Plumpsklos säubern; frisches Geschirr bereitstellen; alle Tiere auf die Weiden führen, füttern und tränken; jäten, säen und ernten in den Gemüsebeeten. Um 8 Uhr belohnt uns ein reichhaltiges Frühstück. Danach steht bis zum Mittag Lehre auf dem Stundenplan. In zwei weiteren Nachmittagsblöcken wird wieder Wissen vermittelt, vertieft oder aber in die Tat umgesetzt. Die Abende stehen zur freien Verfügung, doch spontane Vorträge versammeln uns immer wieder in Gemeinschaft.
Mit Fachbegriffen aus den verschiedenen Strömungen der Landbewirtschaftung zeichnet Richard ein ganzheitliches und vielseitiges Bild einer möglichen Farmgestaltung. Als guter Didaktiker macht er uns anhand kunstvoller Tafelskizzen den Zugang zu komplexen Sachverhalten leicht. Derart vorbereitet, nehmen wir in einer ersten theoretischen Übung das Keyline-­Kultivierungsmuster von Ridgedale unter die Lupe. Die Aufgabe besteht darin, das bestehende Agroforst-System zu erweitern, ohne dabei die Nutzung des Graslands zwischen den Baumreihen zu beeinträchtigen.
Das Keyline Design seiner Farm, welches Regenwasser länger halten sowie gleichmäßiger auf den landwirtschaftlichen Nutzflächen verteilen soll, entwickelte Richard streng nach der vom Keyline-Erfinder P. A. Yeomans entwickelten »Skala der Dauerhaftigkeit«. Demnach sind die dauerhaftesten und am schwierigsten zu beeinflussenden Faktoren das Klima und die Topographie. Abnehmend dauerhaft und etwas leichter beeinflussbar wird es bei der Faktorenfolge Wasser, Straßen, Zugänge, Bäume sowie Boden. Letzterer ist der am wenigsten permanente Faktor. Diese prinzipielle Betrachtungsweise Yeomans dient als Planungshilfe, die das Vorgehen strukturiert. So können nicht nur möglichst viele Zusammenhänge berücksichtigt werden, auch den örtlichen Gegebenheiten kann Rechnung getragen werden.

Ausgeklügeltes Weidemanagement
Das sogenannte silvopastorale System (die Kombination von forst- mit weidewirtschaftlichen ­Elementen) Ridgedales ist zurzeit auf die Haltung zweier Mutterkühe und deren drei Kälber sowie einer rund 30-köpfigen Schafherde ausgelegt. Dazu kommen zwei selbstgebaute Hühnermobile, die jeweils etwa 350 Legehennen Zuflucht bieten, sowie zehn mobile Käfige für die Freiland-Hühnermast. Das Geflügel verbessert die Bodenqualität, indem es zugekauftes Bio-Kraftfutter in Dünger verwandelt und diesen während seiner Wanderschaft in jeden Winkel der Farm trägt. Wer wo, wann und wie lange picken und grasen darf, regelt ein komplexer Weideplan. In diesen fließen neben der Anzahl der Tiere auch die Qualität sowie die notwendige Regenerationszeit jeder einzelnen Weideparzelle ein. So stecken wir jeden Morgen die mobilen Zäune neu und treiben die Tiere weiter.
Die Vorjahre lehrten, dass die Anzahl der Insekten und Fliegenlarven in den frischen Kuhfladen dann ihren Höhepunkt erreicht, wenn die nützlichen Mistkäfer schon weitergezogen sind. Daher wandern die Legehennen nun den Kühen im viertägigen Abstand hinterher und picken die Larven der lästigen Fliegen aus dem Dung. So erhalten sie nicht nur wertvolle Proteine, sondern verteilen durch ihr Scharren auch flächendeckend die Nährstoffe. In der Zeit zwischen Kühen und Hühnern fressen die Schafe das, was die großen Wiederkäuer übrigließen.
Nie bleiben die verschiedenen Spezies länger als fünf Tage an einem Fleck, damit sie die beginnende natürliche Regeneration des Grases nicht stören. Danach dauert es zwischen 30 und 45 Tagen, bis die Flächen wieder genutzt werden. Diese Art der Bewirtschaftung setzt auf saftiges Gras sowie auf gesundes Wurzelwerk, das den Boden lockert, Wasser bindet und massenhaft CO2 einlagert. Erste Erfolge sind deutlich sichtbar: Das Gras auf Ridgedales Weiden hat inzwischen deutlich mehr Biomasse und ist grüner als das Gras, das bei den Nachbarn zunächst brachliegt, um dann auf EU-Kosten mehrmals im Jahr maschinell gemulcht zu werden.

Hühner, die Schlaf rauben
Nach knapp zwei Wochen ist Niklas sehr zufrieden mit uns: Das Zubettgehen der neuen Gefiederten klappt schon fast so gut wie das der älteren Damen aus dem Vorjahr, die auf dem Nachbarfeld abends von alleine in ihr sicheres Mobil wandern. Jetzt sind wir abends nur noch vier hühnertreibende Praktikanten, frisch verstärkt durch Border-Collie-Hündin Miso, die, nach ein wenig gemeinschaftlicher »Einarbeitung«, die Hühner auf uns zu oder unter dem Mobil hervor treibt. Miso erleichtert die Sache, doch bei der nördlichen Breite bricht im Mai die Dunkelheit kaum vor Mitternacht herein und die Hühner sind vorher nicht ins Bett zu bekommen. Unser Wecker klingelt aber weiter jeden Morgen erbarmungslos um 6 Uhr – und so kämpft unser Hühner-Team gegen ein täglich größer werdendes Schlafdefizit.
In diesen Tagen verabschieden wir uns von den Teilnehmern des eher theoretisch geprägten PDC-Kurses. Übrig bleiben neben dem Kernteam 14 Praktikanten, die für acht weitere Wochen vor allem praktisch lernen, anpacken und hinfühlen wollen. Es wird ernst: Zum einen gehen wir vermehrt dem Kernteam zur Hand, um es neben den schon bekannten Routineaufgaben nun auch bei Reparatur, Waldarbeit, Marketing und Verkauf zu unterstützen. Zum anderen versuchen wir uns an der Umsetzung von Plänen aus dem Designkurs: So pflanzen wir binnen eines Tages mehr als 100 kleine Kastanienbäume in die Furchen, die am Vortag mittels Tiefenpflug zwischen den bestehenden Obstbaumreihen entlang unserer Markierungen gezogen wurden.

Rauchende Köpfe und raue Hände
Das größte Projekt, das wir zu stemmen haben, ist zweifelsohne das Anlegen eines Bewässerungsteichs von etwa 300 000 Litern, der Wasser für die Gärtnerei liefern und Sonnenstrahlen auf den noch jungen Weinberg lenken soll. Mittels Maßband, Nivelliergerät und Luftaufnahmen von Richards Drohne legen wir die groben Umrisse des künftigen Teichs fest. Mit Eimer und Stoppuhr bestimmen wir den Wasserzufluss aus dem angrenzenden Bach. Die so erhobenen Daten sowie verschiedene Softwareprogramme helfen uns, Antworten auf folgende Fragen zu finden: Wieviel Füllmaterial brauchen wir für den Deichbau? Welchen Durchmesser muss der Ablauf mindestens haben, damit auch bei starkem Regen nichts überfließt? Wieviele Rollen lehmhaltigen Vlieses, das die Abdichtung des sandigen Bodens sicherstellen muss, werden benötigt? Nach einigen Tagen rauchender Köpfe sind das 3D-Modell erstellt sowie die Wasserlinie des Teichs markiert und ausreichend Füllmaterial und Vlies bestellt. Die Baggerarbeiten können beginnen! Am ersten Tag ist der Mutterboden beseitigt, nach zwei Tagen sind klare Konturen erkennbar, am Abend des dritten Tags ist der Rohbau fertig. Wir verlegen Dichtungsbahnen und tauchen in Seen der Umgebung nach Wasserpflanzen für unser Werk. Gemäß Berechnung sollte der erste Tropfen den Ablauf in weniger als zwei Tagen benetzen. Die Voraussage erweist sich dann auch tatsächlich als richtig.
So liefert jede Generation von Praktikanten und Kernteams ihren Beitrag zum Wachstum der kreativen kleinen Farm. Saison um Saison legen neue Baumreihen, Windschutzhecken, Zäune, Ställe, Baumhäuser und ab jetzt auch ein Teich Zeugnis einer raschen Entwicklung ab.
Nach knapp der Hälfte unserer Zeit auf Ridgedale sind die ersten Masthühner schlachtreif. Auch hier werden wir voll eingebunden. Im hofeigenen, EU-zertifizierten Schlachthaus – einem ehemaligen Bürocontainer – endet nun Woche um Woche das beschauliche Dasein von 150 Hühnchen. Weiteres Einsatzgebiet: Ein gut isoliertes kleines Gewächshaus ermöglicht eine frühe Aussaat, während ein großes Tomaten und Gurken bis in den Herbst garantiert. War auf den Gemüsebeeten bei unserer Ankunft noch nichts als braune Erde zu sehen, so quellen hier nun üppig Salat, Karotten, Radieschen, Spinat und vieles mehr. Jede Woche bringen Mitglieder des Kernteams vorbestellte Gemüsekisten an Verteilungspunkte im Umkreis von 50 Kilometern. Eier (300 bis 500 Stück täglich) und Masthühner finden ebenfalls reißenden Absatz.

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Globale Vernetzung, regionaler Absatz
Bewusst verzichtet Richard auf eine Bio-Zertifizierung, die vor allem Aufwand und Kosten verursachen würde. Stattdessen setzt er auf einen regionalen, für alle Verbraucher transparenten Hof. Der zweimal pro Saison stattfindende »Tag der offenen Farm« mit immer weit über hundert Gästen erfreut Kunden und Farmbelegschaft zugleich: Die einen sehen, wie und wo ihr Essen produziert wird. Die anderen verkaufen neben frischem Kaffee und Richards Buch zum Hof auch alle anderen Produkte – solange der Vorrat reicht.
Zunächst lukrativer als die noch in der Entwicklungsphase steckende Landwirtschaft erscheint jedoch Richard Perkins’ schier unendliches Know-how, das er im Permakulturdesign-Kurs, im Praktikum oder aber als Berater weltweit gerne teilt – Richard nutzt alles Wissen aus seinen langjährigen Erfahrungen im Selbststudium in verschiedenen Klimazonen, seinen ausgezeichneten Ruf als Lehrer sowie sein hervorragendes internationales Netzwerk. So verwöhnt er auch seine eigenen Schüler auf Ridgedale immer wieder mit Gastauftritten befreundeter Experten.
Nicht nur wir, sondern auch die Hühner lernen. Den nächtlichen Job des Zubettbringens können bald schon zwei Menschen plus Miso locker erledigen. In den Wochen vor Mittsommer aber wird die Müdigkeit im Hühnerteam immer größer, und wir optimieren unser Vorgehen weiter: Mit Miso an der Seite gelingt es nun einem einzigen von uns, die wenigen lernresistenten Hennen unter dem Hühnermobil herauszuscheuchen.

Klare Ziele fürs Gemeinwohl
Auf Ridgedale vereint sich vieles: Fülle und Kraft, Wissen und Talent, harte Arbeit und große Motivation. Ridgedale ist bunt im Angebot seiner Projekte und reich durch die unterschiedlichen Kulturen, die sich hier versammeln. Der Erfolg der Farm liegt zum einen an Fleiß, Pragmatismus und monetärer Ergebnisorientierung. Alle Aktivitäten müssen eine reelle Chance auf zeitnahe Profitabilität zeigen. Zum anderen ist es zweifelsohne Richard Perkins selbst, der seine Farm ebenso wie seine Schüler unaufhaltsam vorantreibt. Richard ist ein Autodidakt, der lange Jahre durch die Welt tingelte, um von anderen Meistern zu lernen; er versprüht Charisma und Tatendrang bis in die letzte Ritze Ridgedales. Der Auftrag an seine Schüler ist klar: Tragt meine Lehre in die Welt und gründet kleine, profitable Höfe in allen Klimazonen dieser Erde – Höfe, die nicht nur euch glücklich machen, sondern die auch das bewirtschaftete Land verbessern und die örtliche Sozialstruktur positiv prägen.
Auf einmal ist es Mitte Juli. Schwedens Sommer steht in voller Blüte. Tief bewegt packe ich nach zehn Wochen meinen Seesack. Er kommt mir leicht vor im Vergleich zur Schwere meines Herzens. Was auch immer passieren wird, es wird nicht mehr sein wie vorher.   

Der Autor dankt Maike Böhm und Niklas Kullik.


Stephan H. Böhm
(53), Intensivmediziner, erfindet, erforscht und entwickelt innovative Medizintechnik für sein Fachgebiet und ist seit einigen Jahren von regenerativer Landwirtschaft beseelt.

Zum Hennentreiben nach Skandinavien?
www.ridgedalepermaculture.com

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