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Pulver mit Sprengkraft

Einblicke in die Wechselbeziehungen zwischen der europäischen Agrar-­Politik und den sozialen Problemen in Afrika am Beispiel der Hirtenvölker Burkina Fasos.

von Elisabeth Meyer-Renschhausen , erschienen in 43/2017

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© Foto: Elisabeth Meyer-Renschhausen

Das westafrikanische Binnenland Burkina Faso liegt im Savannengürtel zwischen Sahara und Äquator, der sogenannten ­Sahelzone. Kurze Regenzeiten werden hier von langen Trockenzeiten abgelöst. Der Prozess der Erdüberhitzung, die Bevölkerungszunahme und die Intensivierung der Landwirtschaft verschärften in den letzten Jahrzehnten Konflikte um Wasser und Böden. Jahrhundertelang hatten die Bauern nach dem Abernten ihrer Hirse- und Wurzelgemüsefelder die Tiere der Hirtenvölker auf die Äcker gelassen; diese fraßen die Strünke und düngten mit ihren Ausscheidungen den Boden. Vermehrte Brunnenbohrungen im Zuge von Entwicklungshilfeprojekten ermöglichten in den letzten Jahrzehnten die Nutzung der Felder auch in Trockenzeiten, verdrängten aber dafür die Tierhaltung und senkten bald die Grundwasserspiegel.

Eine Möglichkeit permakultureller Bewirtschaftung für die Region wäre eine subsistenzorientierte Weidewirtschaft. Die Tiere halten die Grasnarbe dicht und düngen sie zugleich. Für diese Nachhaltigkeit könnten die Hirtenvölker garantieren, die mit ihren Herden traditionell dorthin wandern, wo es für die Tiere jeweils genügend Gras und Wasser gibt.
Bei einer Exkursion im Sommer 2016 konnte ich mir ein Bild von der aktuellen Situation machen. Die Entwicklungshilfe-Organisation Misereor hatte deutsche Milchbauern zu einer Reise nach Burkina Faso eingeladen, damit sie mit eigenen Augen sähen, wie sich die europäischen Milchüberschüsse auf die dortige Viehhaltung auswirken. Ich durfte die Exkursion zu den »Peul« genannten Hirten in verschiedenen Gegenden Burkina Fasos als Journalistin begleiten.

Hirtenkultur in Gefahr
Offenbar die gesamte Bewohnerschaft von Tambolo sitzt im Schatten eines mächtigen Tamarinden-Baums. Man erwartet unsere kleine Delegation. Tambolo ist eine Streusiedlung mit kreisförmig angeordneten Familien­gehöften im afrikanischen »Busch« – so werden sowohl die Grassavanne mit lockerem Baumbewuchs als auch die Wald­savanne mit mehr Bäumen in anderen Regionen genannt. Die Gehöfte, meist runde Lehmbauten mit »Grasdächern«, sind zwischen Gras, Bäumen und Sträuchern kaum zu erkennen. Die Gründerin einer eben erst fertiggestellten Mini-Molkerei, die hochgewachsene Madame Mariam Diallo, begrüßt jeden einzelnen unserer Delegation per Handschlag. Als weibliche Älteste erreichte Mariam Diallo, dass die 56 Frauen ihrer Siedlung eine Genossenschaft gründeten, um gemeinsam eine Molkerei zu eröffnen. Es gelang ihnen, gut 4000 Euro für Gebäude und Geräte aufzubringen. Eine NGO aus der Hauptstadt Ouagadougou namens »Pasmep« vermittelte ihnen das notwendige Wissen. Pasteurisiert oder als Joghurt in Beuteln können die Peul-Frauen ihre Milch auf den lokalen Märkten besser verkaufen. Pasmep wiederum ist es ein besonderes Anliegen, den Hirtenvölkern die Viehhaltung als Subsistenz- und Einkommensquelle zu erhalten. In Burkina Faso gehören alle Viehhalter zu den Fulani (bzw. Fulbe), einem in ganz Westafrika verbreiteten Volk mit eigener Sprache, dem Fulfulbe. Pasmep tritt für die Hirtenvölker ein, weil aus ihrer Sicht die Viehhaltung in Burkina Faso eine besonders nachhaltige Form der Landbewirtschaftung und Milch bzw. Sauermilch in der Trockenzeit ein besonders sinnvolles Lebensmittel ist. Die Peul müssen ihre Rechte als Hirten gegenüber den Ackerbauern verteidigen, denn wie überall wird der Ackerbau gegenüber der Weidewirtschaft bevorzugt gefördert. So wandern die meisten Peul heute allenfalls noch während der Trockenzeit mit ihren Herden zu fetteren Weidegründen. Die milchgebenden Kühe bleiben nun im Dorf und ernähren Kälber, Frauen und Kinder. Diese können nicht mehr mitziehen, seit der Schulbesuch auch bei den Fulbe als obligatorisch gilt.
Hier im Süden Burkina Fasos, an der Grenze zu Ghana, tragen die schmalen Kühe weder einen Strick um den Hals noch ein Halfter oder einen geflochtenen Nasenring. Sie sind auch nicht scheu; die jungen Hirten fangen sie ein, indem sie sie am Ohr fassen. Wenn dann allerdings so ein Rindvieh nicht brav mitkommen will, um beispielsweise Besuchern stolz vorgeführt zu werden, dreht man ihm das Ohr ein klein wenig um – dann ist es willig. Im Gehöft von Frau Diallo soll eine Kuh gemolken werden, doch der gelingt es, trotz fürs Melken zusammengebundener Hinterbeine, mit raschen Trippelschritten zu entweichen. Ihr Kalb macht Bocksprünge vor Begeisterung.
Mariam Diallo zeigt uns in ihrem angenehm kühlen Lehmhaus das zusätzlich gegebene Kraftfutter: Baumwollkuchen – ein Abfallprodukt aus der Baumwollproduktion der Region – und Futterbohnen. Die Hirtenvölker sind auf den Verkauf der Milch angewiesen. Während den Männern die Tiere gehören, gehört den Frauen die Milch. Der Milchverkauf bringt ihnen das Einkommen, mit dem sie Hirse, Yams, Gemüse, Schulhefte oder Fahrräder kaufen können.
Noch gibt es kaum Werbung in Burkina Faso, einem Land mit geringen Löhnen und wenig Kaufkraft. Werbetafeln für Coca Cola oder Mancara-Bier sieht man aber doch, und auch Nestlé und der französische Milchverarbeiter Président wollen so ihr Milchpulver verkaufen. Da die europäische Milchverarbeitung strukturell subventioniert wird, ist das importierte Pulver erheblich billiger als die einheimische Milch. So gelang es den Importeuren, die einheimische Milch aus dem Feld zu schlagen.
Bemerkenswert ist das im Fall des Benediktiner-Klosters von Koubri, 30 Kilometer südlich der Hauptstadt. Die Mönche halten prächtige Kühe, eine Kreuzung zwischen einheimischen und europäischen Milchviehrassen. Jedoch kaufen die Nonnen im Schwester-Kloster, obwohl zum selben Orden gehörend, nicht deren Milch, sondern das billige europäische Milchpulver. Die Nonnen stellen Joghurt her, der auch in Ouagadougous Supermärkten zu kaufen ist.
Burkina Faso hat heute 18 Millionen Einwohner. Die Peul stellen die Mehrheit im Norden, der zur Sahelzone mit sehr wenig Regen und nur spärlichem Bewuchs gehört. Im feuchteren mittleren Gürtel – der Sudanzone – dominieren Bauernvölker wie die Mossi oder Bobo, und im Süden, wo bis zu 1000 Millimeter Niederschläge fallen, leben die Gourmantché, Gourounsi, Dagara oder Lobi. In dem relativ kleinen Land werden 60 verschiedene Sprachen gesprochen. Die aus der Kolonialzeit übernommene Regierungssprache Französisch beherrschen keineswegs alle. Burkina Faso gilt statistisch als eines der ärmsten Länder der Welt. Die Jugendarbeitslosigkeit ist groß. Die meisten Städter arbeiten im informellen Sektor – das heißt, sie verdienen kaum etwas und sind sozial nicht abgesichert. Die landesweiten Lebensmittelunruhen von 2007/08 richteten sich gegen die Auswirkungen der Sparpolitik auf Kosten der Armen. Die Lebensmittelpreise waren auf das Doppelte gestiegen, was besonders die städtische Bevölkerung betraf. Die Hälfte der Haushalte des Lands gilt als »chronisch ernährungsunsicher«. 
Vieles liegt im Argen: Schulbildung, Ausbildungen, Arbeitsplätze, Zugang zu sauberem Wasser, Müllentsorgung. Derzeit erstickt das Land im überall herumliegenden Plastikmüll. Deshalb vielleicht überzeugen die Hygiene-Versprechen der Milchpulverindustrie. Die kleinbäuerliche Landwirtschaft leidet an der Liberalisierung der Agrarmärkte. Seit die Zölle auf die Milchpulver-Importe infolge der neoliberalen Handelsabkommen mit Europa zurückgenommen wurden, kostet das europäische Milchpulver nur noch die Hälfte oder sogar nur ein Drittel dessen, was die einheimischen Milch­verkäuferinnen verlangen.
Damit die Städter wieder mehr Vertrauen zur landeseigenen Milch bekommen, gründeten überall im Land Frauen und Männer kleine Molkereien, die sie selbständig als Kooperativen gemeinschaftlich betreiben. Die gegenwärtige Regierungspolitik jedoch, die auf die Förderung von Großmolkereien setzt, untergräbt die Bemühungen der Kleinen. Der Gründer der regionalen »Fairen Milch« in Belgien, Erwin Schöpges, ist Teil unserer Reisegruppe; er bemüht sich um die Einführung eines Labels »Faire Milch Burkina Faso«. Bei der feierlichen Einführung einer neuen, von Erwin gestifteten Milchpackmaschine in der Kleinmolkerei von Ouahigouya warnt der Vorsitzende des Verbands der Kleinmolkereien, Ibrahim Diallo (Diallo ist ein sehr häufiger Name unter den Peul), vor den Auswirkungen der Zerstörung der einheimischen Landwirtschaft durch euro­päische Großfirmen. Die Hinwendung zum Terrorismus, unter dem die Menschen in den Nachbarländern Mali, Nigeria und Tschad besonders leiden, ist insbesondere ein Phänomen unter den jungen Nomaden, die am Klimawandel und an Chancenlosig-keit leiden. Im Tschad verschwand mit dem vertrocknenden Tschadsee die Chance, Rinder zu halten. In Nigeria sind es von der Aussichtslosigkeit enttäuschte junge Männer der Hirtenvölker, die zu Gotteskriegern (»Boko Haram«) wurden. In Mali waren es die mit Kamelen wandernden Tuareg, die sich mit den Islamisten verbündeten, weil sie sich von den Regierungen in ihren Bewegungs- und Überlebensmöglichkeiten massiv eingeschränkt sahen.

Begehrt trotz des hohen Preises
Demgegenüber wirkt die Welt im Savannenwald von Tambolo sehr friedlich. Die Mini-Molkerei besteht aus drei gekachelten Räumen mit einfachen Gerätschaften zum Pasteurisieren, Kühlen und Abfüllen des Joghurts in Beutel. Sicherheitshalber wird die Milch hier stärker und länger erhitzt, als es für das Pasteurisieren nötig wäre. Durch die 56 Genossenschaftsmitglieder, alles Frauen, profitieren insgesamt rund 400 Menschen von der Molkerei, und niemand musste in Tambolo in den letzten Jahren hungern. Billig ist die Milch der Kooperative nicht, denn beim Füttern der Tiere und bei der Verarbeitung und Verpackung in der Molkerei entstehen diverse Ausgaben. Die Milch kostet im Verkauf etwa 600 Westafrikanische Francs, umgerechnet 1,09 Euro – das entspricht dem Preis von Biomilch in Europa. Bisher zahlen viele der Einheimischen diesen Preis, denn die frische, gesäuerte Milch gilt als sehr gutes Lebensmittel, besonders für kleinere Kinder.
Schließlich bittet uns der Dorfälteste von Tambolo in sein Gehöft. Er ist fast blind und berichtet, er sei froh, dass er sich vor bald vierzig Jahren entschieden habe, dem Wunsch der Regierung zu folgen und sesshaft zu werden. Heute bauen die Peul nach dem Vorbild der hiesigen Ackerbauervölker Hirse, Mais und Bohnen an, während sie Feldfrüchte wie Zwiebeln, Okra oder Maniok kaufen. Sie sind seither mit ihren Herden nur noch monatsweise unterwegs, wenn es zum Ende der Trockenzeit nicht mehr genug Gras gibt. Der Dorfchef erzählt uns, dass an der Grenze nach Ghana, in der Nähe zu einem Naturschutzgebiet für Großtiere, ein guter Platz für Hirten sei. Die Regenzeit sei dort vergleichsweise lang, und daher seien die Bäume meistens grün. Dass die Frauen nun zudem diese Molkerei eröffnet haben, sei ein richtiger Glücksfall. Er brauche ihnen nun kein Geld mehr zu geben, und sie könnten auch ihre Kinder zur Schule schicken.
In den verschiedenen Gesprächsrunden wird den Exkursionsteilnehmern ebenso wie den gastgebenden Hirten klar: Die europäischen Bauern haben sich zu Unrecht überreden lassen, in immer größere Milchkuhherden mit immer größeren Ställen zu investieren. Sie bekommen heute im Durchschnitt nur 20 bis 25 Cent pro Liter statt der 40 bis 45 Cent, die sie eigentlich bräuchten, um ihren Betrieb aufrechterhalten zu können. Die Milliarden, mit denen die europäische Landwirtschaft subventioniert wird, verschwinden in den Hilfen für de facto unrentable Groß- und Größtbetriebe sowie in der Verarbeitung.
Ich wundere mich, warum der Biobauer in unserer Reisegruppe, Erwin aus Belgien, den Hirtinnen und Hirten nicht verrät, dass die Biobauern bei uns von der Milchabsatz-Krise weniger betroffen sind, vor allem dort, wo sie eigene Molkereien haben. Zwar ist auch dort mit Milch nicht viel Geld zu verdienen, aber immerhin werden die Betriebe nicht ins Schuldenmachen getrieben. Ausserdem frage ich mich, warum Entwicklungsorganisationen wie Pasmep und Misereor nicht mutiger für den Ökolandbau (auch ohne Zertifizierung) als Ausweg eintreten.

Offene Fragen ans System
Hätte man dann nicht lieber bei der unbehandelten Milch bleiben sollen, die für viele besser verdaulich ist als die pasteurisierte Milch und die von alleine zu Sauermilch wird? Beginnen nicht eben deshalb, unter anderem in Sachsen, die ersten Betriebe damit, erfolgreich die Milch unbehandelt ab Hof oder Milchtankstelle zu verkaufen, weil immer mehr Menschen verstehen, dass für Allergiker unbehandelte Rohmilch besser verträglich ist?
Denn es ist schon traurig, sich klar machen zu müssen: Bisher produzierten die Fulani-Frauen unbehandelte Milch für den eigenen Konsum. Die Überschüsse verkauften sie als Rohmilch. Die örtlichen Käuferinnen entschieden selbst, ob sie die Milch gleich tranken, abkochten oder Dickmilch daraus machten. Mit der Um-orientierung von der Selbstversorgung auf den Verkauf verliert die Milch an Qualität. Der Joghurt, den die Mini-Molkerei nun anstelle der Dickmilch herstellt, wird gezuckert, um ihn länger haltbar zu machen – aber auch, weil es den Leuten schmeckt. Schade nur, dass kein westliches Zahnputz-Equipment und Diabeteswissen mitgeliefert wird und dass es nur eine begrenzte Gesundheitsversorgung gibt! Die im Land üblichen Zahnputz-Hölzer sind dem Industrie­zucker kaum gewachsen.
Ein klein wenig können Europäer im Alltag etwas dafür tun, dass sich die Verhältnisse bei uns und damit auch in Burkina Faso verändern: Wir sollten nur noch Milch von Kühen kaufen, bei denen sicher ist, dass aus der jeweiligen Molkerei keinerlei Milchpulver nach Afrika exportiert wird. Erste Wahl wären Molkereien, die regional vermarkten und deren Lieferanten im Sinn des Tier- und Klimaschutzes die Kühe auf die Weide und ihnen auch die Hörner lassen. Klimakiller sind vor allem die mit Importgetreide gefütterten Laufstallkühe, nicht jedoch grasendes Weidevieh.   


Elisabeth Meyer-Renschhausen
ist freie Journalistin und Privatdozentin an der FU Berlin. Die AG Kleinstlandwirtschaft sowie den Gemeinschaftsgarten Allmende-Kontor auf dem Tempelhofer Feld in Berlin gründete sie mit. Sie schrieb diverse Bücher, zuletzt »Die Hauptstadtgärtner – Eine Anleitung…« (2015) sowie »Urban Gardening in Berlin« (2016). www.breigarten.de

Weiterlesen
Artikel von Bettina Engels: Brot und Freiheit: Proteste »gegen das teure ­Leben« in Burkina Faso siehe unter: kurzlink.de/NahrungBurkinaFaso
Thomas Bierschenk, Die Fulbe Nordbénins, 1997
Mike Smith, Boko Haram, 2015

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