Oya braucht Mithilfe!

Alle Artikel der gedruckten Oya-Ausgaben sind auf dieser Website kostenlos zu lesen. Dahinter steckt viel Arbeit. Bitte helfen Sie mit, dass wir alle Texte weiterhin frei zur Verfügung stellen können:

• Nein, danke

• Ja, ich unterstütze Oya

Bitte wählen Sie hier den Betrag, mit dem Sie Oya unterstützen möchten:



Falls Sie kein PayPal-Konto haben, können Sie natürlich
auch direkt unsere Bankverbindung verwenden:

IBAN: DE96 4306 0967 1112 9897 00 • BIC: GENODEM1GLS
Verwendungszweck: Oya-Online Beitrag

Es ist normal, verschieden zu sein

Die Geschichte einer inklusiven Wohngemeinschaft im Schwarzwald.

von Kristina van Kempen , erschienen in 42/2016

Bild

© Foto: Andree Kaiser

Leben, wo und wie man will – das ist ein Recht, keine Gnade. Für ­einen »gesunden« Menschen hierzulande gilt das als Selbstverständlichkeit. Wie aber sieht es für jene aus, die im Rollstuhl sitzen, das Downsyndrom haben, die geistig behindert oder verhaltens­auffällig sind? Inklusion heißt hier das Zauberwort – doch trotz der 2009 verabschiedeten UN-Behindertenrechtskonvention ist Inklusion noch längst nicht überall umgesetzt. Als die deutsche Regierung diese Konvention unterzeichnete, verpflichtete sie sich, allen das gleiche Recht auf Bildung einzuräumen und dafür Sorge zu tragen, dass jeder Mensch mit einer Behinderung ein selbst­bestimmtes Leben führen kann. »Unabhängige Lebensführung und Einbeziehung in die Gemeinschaft« nennt sich das. Schöne Worte, die jedoch nichts darüber aussagen, wie inklusive Bildung, Ausbildung und Wohnen konkret aussehen sollen.
In Lahr im Schwarzwald leben sieben junge Menschen, die sich über dieses Wie Gedanken gemacht haben. Mit Mut, Offenheit für Neues und viel Charme haben sie 2015 eine inklusive Wohngemein- schaft gegründet, in der Vielfalt und das Lernen von- und miteinander großgeschrieben werden.

Raus aus der Defizitperspektive!
Den Anstoß zur WG-Gründung hatte Timo gegeben, ein Sozialpädagoge, Tänzer und Yogalehrer, der sich schon lange für die Einbeziehung von Behinderten ins gesellschaftliche Leben starkmacht. Gemeinsam mit dem Choreografen William hatte er in Essen unter anderem »Szene 2wei« gegründet – eine Tanzkompanie, in der behinderte und nichtbehinderte Tänzerinnen und Tänzer gemeinsam zeitgenössische Tanzstücke erarbeiten, sie zur Aufführung bringen und Workshops anbieten. »Menschen mit einer Beeinträchtigung werden meist aus der Defizitperspektive betrachtet«, erklärt Timo. »Dabei wird übersehen, wie viele Fähigkeiten und wie viel Potenzial in ihnen stecken.« Diese ignorierten Fähigkeiten wollten er und William ans Licht bringen, um so nicht nur das Selbstbewusstsein der behinderten Menschen zu stärken, sondern auch in der Gesellschaft einen Perspektivwechsel zu erreichen. Die Tanzstücke der Kompanie zeigen: Die vielfältigen Möglichkeiten, die sich nicht trotz, sondern gerade wegen der jeweiligen »Behinderungen« der Beteiligten ergeben, erweitern die choreografischen und künstlerischen Möglichkeiten um frische, unverbrauchte ­Nuancen.
Das Konzept ging auf. Die Tanzkompanie feierte erste Erfolge, wurde vom Publikum in Essen, von Behörden und sozialen Organisationen angenommen und hoch gelobt. Das Ensemble wuchs, immer mehr Menschen wurden auf Szene 2wei aufmerksam. Es folgten eine Einladung in den ARD-Fernsehgottesdienst, Workshops an der Folkwang Universität sowie Auftritte unter anderem am Pina-Bausch-Tanztheater Wuppertal. Das genügte der Initiative allerdigs nicht, war doch der entscheidende Schritt noch zu gehen: Menschen mit einer Behinderung sollten – wie in Großbritannien – die Möglichkeit erhalten, das Tanzen als Beruf zu ergreifen und eine entsprechende Ausbildung zu genießen.
Aus diesem Wunsch entstand die Idee, eine Wohngemeinschaft zu gründen, in der Mitglieder der Kompanie gemeinsam an der Verwirklichung dieses Ziels arbeiten. Voraussetzung war jedoch ein Ort, an dem sich Wohnen, Arbeiten sowie soziale und kulturelle Begegnung miteinander verbinden lassen würden.
Mit dem »zeit.areal« – einer weitläufigen ehemaligen Kaserne – fanden Timo und William einen solchen Ort: Das zuvor von dem Tabakhersteller Roth-Händle genutzte Gelände bietet bereits diver­sen Lahrer Projekten, Initiativen und Unternehmen Raum und stützt sich dabei auf ein klar definiertes Wertekonzept. Wohnraum steht auf dem zeit.areal ebenfalls zur Verfügung. Die Förderung von Begegnung und Kooperation unterschiedlichster Menschen und Fachrichtungen macht das Gelände zum perfekten Ort für eine inklusive WG, die Maßstäbe setzen und Veränderungen bewirken will.
Die Umsetzung der großen Idee wurde von den Beteiligten nicht leichtfertig beschlossen. Für einige von ihnen bedeutete diese Wohngemeinschaft die erste Station außerhalb des Elternhauses. Ricarda, Jörg und Matthieu, drei Kompaniemitglieder mit Behinderung, mussten sich zunächst viele Fragen stellen, etwa: Trauten sie sich das Wagnis zu? Würden sie sich im Schwarzwald wohlfühlen und dort ihren Lebensunterhalt verdienen können? Jörg war der erste, der sich klar für die Wohngemeinschaft aussprach. Er wusste: »Ich möchte Tänzer sein, professionell, mit allem, was dazugehört. Und ich spüre, der Schwarzwald ist meine neue Heimat!« Nach und nach entschieden sich auch die sechs anderen, sich auf das Abenteuer einzulassen. Die meisten sind Kompaniemitglieder, einige mit, einige ohne Behinderung, alle sind sie noch in jungen Jahren.

Bild

»Wir sehen uns vor allem als unterschiedliche Charaktere«
Mit der Entscheidung fing die Arbeit freilich erst an: Behörden und soziale Institutionen mussten mit vielen Formalitäten ins Boot geholt, der geeignete Wohnraum auf dem zeit.areal musste ausgesucht und barrierefrei umgebaut, ein Tanzraum und ein Büro in der Nachbarschaft mussten angemietet werden. Im Sommer 2015 war es endlich geschafft. Gemeinsam mit Hündin Selma zogen die Sieben in ihre neue Wohnung ein. Es war ein aufregender Tag für alle, denn keiner wusste wirklich, wie das gemeinsame Leben aussehen würde. »Nicht alles war bis ins Detail geplant, wir haben einfach angefangen«, erinnert sich Laura. »Ich denke, das ist das Wichtigste. Durch das Zusammenleben ergab sich nach und nach ein immer konkreterer Weg des gemeinsamen Seins. Wir lernten und lernen uns immer besser kennen. Jeder wird mit seinen Stärken und Schwächen gesehen, jeder bringt seine Fähig­keiten ein. Wir unterstützen uns gegenseitig.«
Für die Biogemüsegärtnerin und Yogalehrerin Laura war der Umzug in die inklusive Wohngemeinschaft ein großer Schritt. »Ich habe vorher in einer WG bei Regensburg gewohnt, hatte nette Mitbewohnerinnen und einen tollen Job – eigentlich alles perfekt«, sagt sie. Als Timo ihr anbot, mit ihm und einigen anderen eine inklusive Wohngemeinschaft zu gründen, musste sie erst eine Weile darüber nachdenken. Was den Ausschlag gab, war: »Ich spürte, dass es eine wichtige Sache sein könnte, bei der ich viel lernen und mich weiterentwickeln kann.«
Dass es nicht leicht war, versteht sich von selbst. So klar auch alles in der Theorie erscheinen mochte – in der Praxis ist wohl niemand frei von Vorurteilen und Erwartungen. Diese gilt es abzubauen. »Ich habe vorher nie mit Menschen mit einer Behinderung zusammengewohnt, nur ein paar Erfahrungen als Teamerin bei einem Yogaurlaub der Lebenshilfe gesammelt«, erzählt Laura, die als einzige Bewohnerin kein tanzendes Mitglied der Kompanie ist, aber inzwischen immer mehr hinter den Kulissen mitwirkt. »Vieles musste ich erst lernen – wir alle mussten das. Menschen mit einer Behinderung sind genau das: Menschen, unterschiedliche Charak­tere. Es kommt nicht darauf an, ob sie eine Einschränkung haben oder welcher Art ihre Behinderung ist. Das zu erkennen, war ein Schlüsselmoment für mich. Hier konnte ich viel von Timo lernen, denn er begegnet jedem Menschen auf Augen­höhe.«
Es gab also durchaus Turbulenzen. Während die einen zunächst Unterstützung bei täglichen Hausarbeiten brauchten, fiel es anderen anfangs schwer, das Gleichgewicht zwischen Hilfsbereitschaft und einem gesunden Für-sich-selbst-Sorgen zu finden. Aus diesem Grund wurden Offenheit und Vertrauen in der Wohngemeinschaft von Anfang an großgeschrieben. Regelmäßige Gesprächsrunden waren und sind ebenso nötig wie gemeinsame Unternehmungen und eine gute Portion Humor. Laura erkennt bereits große Fortschritte im gemeinsamen Lernprozess: »In der WG stehen wir ein­ander nicht als ›Behinderte‹ und ›Betreuer‹ gegenüber. Wir sind einfach Mitbewohner, die sich gegenseitig unterstützen und füreinander da sind  – die aber genauso auch ihre Freiräume und ihre Privatsphäre brauchen. Diese Beziehung mussten wir erst entwickeln. Wir mussten lernen, dass es letzten Endes nur darum geht, uns als unterschiedliche Charaktere aufeinander einzulassen und einzustellen – ganz normal eben.«
Was die Bewohner zusammenschweißte, waren unter anderem gemeinsam durchgeführte Aktionen. 15 Monate lang, bis Ende 2016, konnte die Gemeinschaft sich dank eines Förderprogramms des Sozialministeriums alle vier Wochen einem bestimmten Thema widmen: Basteln und Selbermachen, Kochen, Gartenarbeit, Erste Hilfe usw. Viele ihrer gemeinsamen Erfahrungen und Errungenschaften aus diesen Aktionen hat die Gruppe fest in ihren Alltag integriert. Das Bad zieren Handtuchhalter Marke Eigenkreation, und im über 80 Quadratmeter großen Gemeinschaftsraum steht ein selbstgeschreinertes Palettensofa auf Rollen, das die Bewohner im Sommer auch gerne mal auf die riesige Terrasse schieben. Dort ranken die Tomaten an einem selbstgemachten Bambusgitter in die Höhe, und die Küche hat bereits Gerichte aus allen Ecken der Welt gesehen. Zwei Themen, die in vielen Bereichen zusammenspielen, liegen den Mitbewohnern besonders am Herzen: nachhaltiger Lebensstil und Yoga. Sie bestellen beim Biogroßhändler Großpackungen, um überflüssigen Plastikmüll zu vermeiden, nutzen Ökostrom und selbstgemachtes Waschmittel aus gemahlenen Rosskastanien. Gemüse? Klar, aber nur aus Deutschland oder, noch besser, von den Hochbeeten auf der Terrasse. Was auf den Tisch kommt, ist vegan oder zumindest vegetarisch und so gut wie immer bio.
An jedem Mittwochnachmittag sind drei Stunden dem Yoga vorbehalten. In der Regel nehmen alle Bewohner daran teil, oft kommen auch Gäste dazu. Timo und Laura, die sich bei einer Yogatheraphie-Fortbildung kennenlernten, leiten die gemeinsamen Stunden an. Sie sind heute fertig ausgebildete Lehrer in der Sivananda-Tradition, einem ganzheitlichen Yogastil, der nicht nur Körperhaltungen, Entspannung, Atemübungen und Meditation beinhaltet, sondern auch bewusste Ernährung und positives Denken. Für die beiden ist Yoga eine Lebensphilosophie, die sich nicht auf den Mittwochnachmittag beschränkt. Auch die anderen Mitbewohner tauchen immer tiefer in diese Praxis ein.
Und der Tanz? Der ist fest in das alltägliche Leben integriert. Ricarda, Jörg und Matthieu haben in Lahr endlich die Möglichkeit, beruflich genau das zu tun, was sie schon immer tun wollten. Sie werden – während ihrer regulären Arbeitszeit – zu Tänzern ausgebildet. Ihre Nachmittage gehören dem Tanztraining mit Timo, William oder Manuela. Möglich ist das durch einen ausgelagerten Arbeitsplatz unter dem Dach der Lahrer Werkstätten – ein Erfolg, auf den alle Miglieder der Wohngemeinschaft sehr stolz sind.

Ort mit Herzensqualitäten
Um ihre Wohn- und Lebensform einer interessierten Öffentlichkeit nahezubringen, berichten die Sieben über Aktionen und Alltag auf ihrem Blog. Außerdem sind sie für neugierige Gäste offen: Wer die Wohngemeinschaft besucht, erlebt einen Ort, der Offenheit, Herzlichkeit und gegenseitigen Respekt ausstrahlt – und zwar ohne Zwang oder Heuchelei, nichts ist hier aufgesetzt. Im Sommer können sich Besucherinnen und Besucher auf die Terrasse setzen, den Blick auf den Schwarzwald sowie auf selbstgezogene Tomaten und Erdbeeren genießen und währenddessen Hündin Selma hinter den Ohren kraulen. Gäste können mit den Bewohnern zusammen Yoga machen, selbstgemachtes veganes Eis auf der Zunge zergehen lassen oder sich beim Abendessen ganz selbstverständlich mit an den Tisch setzen. Dann kann es sein, dass man sich – ohne es zu merken – auf einmal wie ein Teil der »Familie« fühlt.
Was klingt wie die rosarote Szenerie einer kitschig gemalten Postkarte, ist hier Realität, aufgebaut auf Vertrauen, Toleranz und echtem Interesse am Anderen. Besonders deutlich wird mir das bei einem Fest im September 2016. An diesem Tag spielt das Wetter mit, es ist bis in den Abend hinein warm und fast windstill. Die Besucher tanzen in den Wohnräumen zu lateinamerikanischen Rhythmen, laben sich am Buffet und vertiefen sich in Gespräche.Als die Dunkelheit hereinbricht, tritt Laura auf der Terrasse vor. Schwarz gekleidet, das Gesicht mit schwarzer Farbe bemalt, zwei brennende Feuerpois in den Händen. Ihre fließenden Bewegungen, die Kaskade aus Licht, in der sie sich bewegt, ziehen alle in ihren Bann. Doch heute ist das noch nicht alles: Als die Musik verklingt und die Pois erloschen sind, rollt Ricarda in ihrem Rollstuhl auf Laura zu. Sie trägt einen schwarzen Kapuzenpulli, aus den Lautsprechern ertönt Sarah Connors »Wie schön du bist«. Laura beugt sich vor und beginnt, Ricardas Gesicht mit schwarzen Spiralen zu bemalen, so wie ihr eigenes. Sie zündet die Feuerpois erneut an und reicht einen davon an Ricarda weiter. Und dann beginnen beide zu tanzen, mal für sich, mal zusammen, die Gesichter vom Feuer erhellt.
Eine Szene, die deutlich macht, was alle sich vom Zusammen­leben erhofft haben: Hier blüht echtes Vertrauen. •

Kristina van Kempen (34) ist Germanistin und Soziologin; parallel zu freier Mitarbeit in Radio-, TV- und Verlagsredaktionen machte sie jahrelang Pressearbeit für die inklusive Tanzkompanie Szene 2wei. Heute arbeitet sie als freie Redakteurin.

Vorstellungen und Alltägliches
www.unserwohnblog.net
www.szene2wei.de
www.zeit-areal.com/web

Zurück zur Startseite

Hintergrundinfos zu Oya auf Facebook

Oya gemeinsam ermöglichen!