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Es gibt nur eine Welt

Friede und Freiheit wurzeln in unserer Verbundenheit mit dem Universum.

von Václav Havel , erschienen in 42/2016

Bild

© Foto: Jirí Jiroutek

Manchen Denkern zufolge nahm die Moderne nicht nur mit der Entdeckung Amerikas ihren Anfang, sondern sie endete auch dort. Als Endpunkt wird dabei das Jahr 1969 angenommen, als die USA erstmals mit einer bemannten Raumfähre auf dem Mond landeten. Dieser geschichtsträchtige Zeitpunkt habe ein neues Zeitalter für die Menschheit eingeläutet.
Meiner Ansicht nach gibt es gute Gründe zur Annahme, dass die Moderne bereits zu Ende gegangen ist. Vieles deutet darauf hin, dass wir uns heute in einem Übergangsstadium befinden, in dem sich etwas verabschiedet und etwas anderes unter Schmerzen geboren wird. Als würde sich etwas Altes zersetzen, auflösen und erschöpfen, während sich etwas Neues, noch Unbestimmtes, aus dem Trümmerfeld zu erheben beginnt.
In der Geschichte gab es immer wieder Phasen eines fundamentalen Wertewandels. So etwa die hellenistische Zeit, als sich aus den Ruinen der klassischen Antike schrittweise das Mittelalter herauszubilden begann. Oder die Renaissance, die den Weg für die Moderne bereitete. Kennzeichen solcher Übergangsphasen sind das Verschmelzen verschiedener Kulturen und ein vielfältiges Nebeneinander verschiedener intellektueller und spiritueller Weltzugänge. In solchen Zeiten kollabieren alle gewohnten Wertesysteme, und zeitlich oder räumlich weit entfernte Kulturen werden wiederentdeckt – Dinge werden eher zitiert, imitiert und verstärkt, als mit Gewissheit geäußert und integriert. Neue Sinnhaftigkeit ergibt sich nach und nach aus der Begegnung und dem Verschmelzen vieler veschiedener Elemente.
Heute bezeichnen wir diesen Zustand des menschlichen Minds und der menschlichen Kultur als Postmoderne. Dieser Zustand wird für mich durch das Bild eines auf einem Kamel reitenden Beduinen, der unter seiner traditionellen Kleidung Jeanshosen trägt, ein Transistorradio in der Hand hält und Coca-Cola bewirbt, symbolisiert. Damit mache ich mich weder über unsere Zeit lustig, noch vergieße ich intellektuelle Tränen über die kommerzielle Expansion des Westens, die andere Kulturen zerstört. Vielmehr erscheint mir dieses Bild als Ausdruck unserer multikulturellen Ära, als Signal, dass sich gerade eine kulturelle Amalgamation vollzieht, dass ein Geburtsprozess in Gang ist, dass wir uns in einer Phase befinden, in der ein Zeitalter vom nächsten abgelöst wird und alles möglich ist. Es ist gerade deshalb alles möglich, weil unsere Kultur keinen einheitlichen Stil, keinen einenden Geist, keine eigene Ästhetik hat.
Dies ist eng verbunden mit der Krise – oder besser: Transformation – der Naturwissenschaften, auf denen die moderne Weltwahrnehmung gründet. Die schwindelerregende Entwicklung dieser Naturwissenschaften mit ihrem unerschütterlichen Glauben an eine objektive Realität und deren totalen Abhängigkeit von allgemeingültigen und rational erklärbaren Gesetzen hat die moderne technische Zivilisation hervorgebracht. Dies ist die erste Zivilisation in der Geschichte der Menschenheit, die den gesamten Erdball umspannt, die alle menschlichen Gesellschaften fest aneinanderbindet und einem gemeinsamen globalen Schicksal aussetzt.
Zugleich hat sich das Potenzial der durch die modernen Naturwissenschaften entstandenen und geprägten Beziehung zur Welt erschöpft. Zunehmend wird offenbar, dass es in dieser Beziehung eine seltsame Leerstelle gibt. Sie verbindet sich nicht mit dem innersten Kern der Wirklichkeit und der natürlichen menschlichen Erfahrung. Sie ist heute eher eine Quelle von Zerfall und Zweifel denn von Integration und Sinn. Sie erzeugt letztlich einen schizophrenen Zustand, der den beobachtenden Menschen völlig von sich selbst als Lebewesen entfremdet. Die klassischen modernen Naturwissenschaften beschreiben nur die Oberfläche der Dinge, nur eine Dimension der Wirklichkeit. Und je dogmatischer die Naturwissenschaften diese als die einzige existente Dimension, als Essenz der Wirklichkeit darstellten, desto irreführender wurden sie. Obwohl wir heute über unendlich viel mehr Wissen über das Universum verfügen als unsere Ahnen, wirkt es, als hätten diese etwas Entscheidendes gewusst, das uns Heutigen entgeht. Dasselbe gilt für das Mensch-Natur-Verhältnis. Je detaillierter unsere Organe und deren Funktionen, innere Strukturen und biochemische Reaktionen beschrieben werden, desto weniger scheinen wir den Geist, den Zweck und den Sinn dessen, was wir als unser einzigartiges Selbst erfahren, begreifen zu können.

Worauf kann unser Überleben gründen?
Somit finden wir uns heute in einer paradoxen Situation wieder: Einerseits genießen wir die Errungenschaften der modernen Zivilisation, die unsere physische Existenz auf dieser Erde in wichtigen Bereichen um so vieles vereinfachen. Und doch wissen wir nicht mehr genau, was wir mit uns selbst eigentlich anfangen und wonach wir uns ausrichten sollen. Unsere Lebenswirklichkeit ist chaotisch, unverbunden und verwirrend. Es scheint keine integrierenden Kräfte, keinen gemeinschaftlich erfahrbaren Sinn, kein tiefes Verständnis der Phänomene, die wir in der Welt erfahren, zu geben. Obwohl Experten uns jedes beliebige Detail in der objektivierten Welt erklären können, verstehen wir unser eigenes Leben immer weniger. Kurz gesagt: Wir leben in der Postmoderne, in der alles möglich und praktisch alles ungewiss ist.
Dies hat gesellschaftliche und politische Konsequenzen. Die eine planetare Zivilisation, der wir alle angehören, konfrontiert uns mit globalen Herausforderungen. Vor diesen stehen wir hilflos, weil in unserer Zivilisation nur die Oberfläche unserer Lebenswirklichkeit globalisiert wurde. Unser inneres Selbst lebt jedoch weiter fort. Je weniger Antworten die Ära des rationalen Wissens auf die Grundfragen des Menschseins liefert, desto stärker scheinen sich die Menschen – gewissermaßen hinter dem Rücken der Ratio­nalität – an die anachronistischen Gewissheiten tribalistischer Strukturen zu klammern. Einzelne Kulturen, die durch die Zivilisation der Gegenwart zunehmend zu einem Einheitsbrei vermengt wurden, erkennen deshalb mit neuer Dringlichkeit ihre eigene innere Autonomie und auch die inneren Konflikte anderer Kulturen. Kulturelle Konflikte nehmen zu und sind gefährlicher denn je. Am Ende der Ära des Rationalismus steuern wir auf eine Katastrophe zu. Mit denselben supermodernen Waffen, die oftmals von denselben Waffenhändlern geliefert werden, und mit Fernsehkameras im Gefolge ziehen Anhänger verschiedener Clanlords gegeneinander in den Krieg. Tagsüber arbeiten wir mit Statistiken; abends befragen wir Horoskope und gruseln uns bei Vampirfilmen. Die Kluft zwischen Rationalität und Spiritualität, zwischen Außen und Innen, zwischen Objektivität und Subjektivität, zwischen Technik und Moral, zwischen dem Allgemeinen und dem Einzigartigen wird immer tiefer.
Zu Recht fragen sich Politiker besorgt, was denn der Schlüssel zum Überleben einer einerseits globalen und andererseits multikulturellen Zivilisation sei, wie sich allgemein anerkannte Strukturen zur Sicherung der friedlichen Koexistenz etablieren lassen und auf welchen Prinzipien diese gründen können.
Die besondere Dringlichkeit dieser Fragen wurde durch zwei der bedeutendsten politischen Ereignisse in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts besonders sichtbar: dem Kollabieren der Kolonialmächte und dem Zusammenbruch des Kommunismus. Die künstlich geschaffene Weltordnung von einst ist zusammengebrochen, und bis heute hat sich keine neue Ordnung herausgebildet. Die wichtigste Aufgabe unserer Zeit ist der Aufbau einer vernetzten globalen Zivilisation, die die Koexistenz unterschiedlicher Kulturen, Menschen, Ethnien und Religionen ermöglicht. Dies ist umso dringlicher, als die Menschheit durch andere eindimensionale Entwicklungen und zunehmende Herausforderungen unserer Zivilisation bedroht ist.
Viele glauben, diese Aufgabe ließe sich auf technischem Weg, also durch den Aufbau neuer organisatorischer, politischer und diplomatischer Instrumente lösen. Gewiss, es ist notwendig, Organisationsstrukturen zu entwickeln, die dem gegenwärtigen multikulturellen Zeitalter angemessen sind; solche Bemühungen sind jedoch zum Scheitern verurteilt, wenn sie nicht aus etwas Tieferem, aus allgemein geteilten Werten erwachsen.
Auch das ist wohlbekannt. Und bei der Suche nach der natür­lichsten Inspiration für den Aufbau einer neuen Weltordnung ­blicken wir meist auf einen Bereich, der traditionell als Fundament moderner Gerechtigkeit und als Errungenschaft des modernen Zeitalters gilt: Ich spreche vom Respekt vor der Einzigartigkeit des menschlichen Individuums, vor seinen Freiheiten und unveräußerbaren Rechten, kurz: von den Grundgedanken der modernen Demokratie.

Die Rückbindung ans große Ganze
Was ich nun sagen werde, mag provokant klingen: Zunehmend gelange ich zur Überzeugung, dass nicht einmal diese Ideen ausreichen und dass unsere Suche weiter und tiefer gehen muss. Die Lösungen, die diesen Ideen entspringen, sind gewissermaßen Lösungen der Moderne, die sich im Klima der Aufklärung und aus einer Sichtweise des Menschen und seiner Beziehung zur Welt herausgebildet haben, die in den vergangenen zwei Jahrhunderten typisch für den transatlantischen Raum gewesen ist. Heute stehen wir an einer ganz anderen Stelle und sind mit ganz anderen Herausforderungen konfrontiert, auf die die klassischen Lösungen der Moderne alleine keine zufriedenstellenden Antworten mehr liefern. Immerhin ist bereits das Prinzip unveräußerlicher Menschenrechte, mit denen der Mensch durch einen Schöpfer ausgestattet worden sei, aus der typisch modernen Auffassung heraus entstanden, dass der Mensch als Krone der Schöpfung und als Beherrscher der Welt dazu in der Lage sei, die Natur und die Welt zu ergründen. Dieser moderne Anthropozentrismus hatte unweigerlich zur Folge, dass der Schöpfer, der den Menschen mit unveräußerlichen Rechten ausgestattet habe, nach und nach aus der Welt verschwand. Er war so weit jenseits des Einflussbereichs der modernen Naturwissenschaften, dass er zunehmend in den Bereich privater Fantasterei, der keinerlei Anbindnung an öffentliche Verpflichtungen hatte, abgeschoben werden konnte. Die Existenz einer über dem Menschen stehenden Autorität begann, dem menschlichen Streben schlichtweg im Weg zu stehen.
Der Gedanke der Menschenrechte muss selbstverständlich ein integraler Bestandteil jeder sinnvollen Weltordnung sein. Und doch denke ich, dass eine solche Weltordnung anderswo und auf andere Weise, als bisher der Fall gewesen, verankert sein muss. Wenn diese Ordnung mehr als ein politischer Slogan, der von der Hälfte der Weltgesellschaft verspottet wird, sein soll, kann sie nicht in der Sprache ­einer ausgeklungenen Ära formuliert werden, und sie darf keine bloße Schaumkrone auf den abebbenden Gewässern des Glaubens sein, die in einer ansonsten rein naturwissenschaftlichen Beziehung zur Welt zunehmend austrocknen.
Paradoxerweise lässt sich Inspiration für eine Wiederbelebung der verlorengegangenen Weltverbundenheit gerade aus der Natur­wissenschaft schöpfen – einer neuen Naturwissenschaft, deren Konzepte im besten Sinn post-modern sind und die gewissermaßen zulassen, dass sie ihre eigenen Grenzen transzendieren. Ich nenne zwei Beispiele:
Das erste ist das anthropische Prinzip. Seine Urheber und Verfechter weisen darauf hin, dass das Universum aus den zahllosen potenziell möglichen Verläufen, die seine Evolution hätte nehmen können, jenem Verlauf gefolgt ist, der die Entstehung des Lebens ermöglichte. Das ist zwar noch kein Beweis dafür, dass es der Sinn und Zweck des Universums von Anbeginn an war, sich eines Tages durch unsere Augen wahrnehmen zu können. Wie aber ließe sich dieser Umstand anderweitig erklären?

Der Mensch ist integraler Teil des Kosmos
Mit dem anthropischen Prinzip nähern wir uns einer Vorstellung, die vielleicht so alt wie die Menscheit selbst ist: dass wir nicht bloß eine zufällige Anomalie sind, nicht bloß die kapriziöse Laune eines verschwindend geringen Teilchens, das in den unendlichen Tiefen des Universums dahintreibt. Stattdessen sind wir auf geheimnisvolle Weise mit dem ganzen Universum verbunden, ja werden von diesem gespiegelt, so wie sich das Universum in uns widerspiegelt. Bis vor kurzem mag es uns noch so erschienen sein, als wären wir Schimmelsporen auf einem sich durch den Weltraum schraubenden Himmelskörper unter unzähligen anderen, schimmelfreien Himmelskörpern. Für dieses Szenario konnten die klassischen Naturwissenschaften eine Erklärung liefern. Sobald jedoch das Gefühl aufkeimt, dass wir auf einer tiefen Ebene mit dem ganzen Universum verbunden sind, geraten die Naturwissenschaften an ihre Grenzen. Weil diese Naturwissenschaften auf der Suche nach universell gültigen Gesetzen gründen, können sie nicht mit Einzelfällen und Einzigartigkeit umgehen. Das Universum ist ein einzigartiges Phänomen, das eine einzigartige Geschichte erzählt, und bislang sind auch wir Menschen ein einzigartiges Phänomen in dieser Geschichte. Einzigartige Phänomene und Geschichten siedeln wir jedoch in der Domäne der Poesie, nicht jener der Natur­wissenschaften an. Durch die Formulierung des anthropischen Prinzips hat sich die Wissenschaft selbst an die Schnittstelle zwischen mathematischer Formel und Geschichtenerzählen begeben, zwischen Wissenschaft und Mythos. Auf Umwegen ist die Naturwissenschaft dabei paradoxerweise wieder beim Menschen angekommen und ermöglicht ihm, seine verlorengegangene Verbundenheit auf ganz andere Weise zu erneuern – indem sie den Menschen im Kosmos wiederbeheimatet.
Das zweite Beispiel ist die Gaia-Hypothese. Diese kombiniert verschiedene Belege dafür, dass ein dicht gewebtes Netzwerk an Interaktion zwischen den organischen und anorganischen Teilen der Erdoberfläche ein einziges vernetztes System bildet – eine Art Mega-Organismus, den lebendigen Planeten »Gaia«, benannt nach der Göttin der griechischen Antike, die den vermutlich in allen Religionen existierenden Archetypus der Erdmutter verkörpert. Der Gaia-Hypothese zufolge sind wir alle Teile eines größeren Ganzen. Unser Schicksal hängt somit nicht in erster Linie davon ab, was wir für uns selbst tun, sondern vor allem davon, was wir für Gaia als Gesamtsystem tun. Wenn wir ihren Fortbestand gefährden, wird sie uns im Interesse eines höheren Werts – des Lebens selbst – ­vernichten.
Warum sind das anthropische Prinzip und die Gaia-Hypothese so inspirierende Konzepte? Ein Grund dafür ist, dass beide uns in moderner Sprache an etwas erinnern, das wir schon seit langem vermuten, jedoch in den Bereich längst vergessener Mythen ausgelagert haben, und das vielleicht seit jeher in archetypischer Form in uns schlummerte. Ich meine das Bewusstsein, dass wir in der Erde und im Universum beheimatet sind, das Bewusstsein, dass wir weder allein noch einzig und alleine für uns selbst hier sind, sondern dass wir integraler Bestandteil geheimnisvoller Wesen höherer Ordnung sind, gegen deren Gesetzmäßigkeiten wir uns nicht versündigen sollten. Dieses vergessene Bewusstsein ist Bestandteil aller religiösen Traditionen. Jede Kultur vermittelt es in je unterschiedlicher Ausprägung. Dieses Bewusstsein bildet die Grundlage des Selbstverständnisses des Menschen, seines Platzes in der Welt und letztlich der Welt als solcher.
Ein moderner Philosoph, Martin Heidegger, hat einmal gesagt: »Nur ein Gott kann uns noch retten.«
Die einzige wirkliche Hoffnung, auf die wir heutigen Menschen bauen können, ist wohl eine Erneuerung der Gewissheit, dass wir in der Erde und gleichzeitig im Kosmos verwurzelt sind. Dieses Bewusstsein verleiht uns die Fähigkeit, uns selbst zu transzendieren. Politiker können auf internationalen Foren tausendfach wiederholen, dass die Grundlage der neuen Weltordnung eine allgemeine Einhaltung der Menschenrechte sein müsse, doch das bleibt völlig sinnleer, wenn sich dieser Imperativ nicht aus Respekt vor dem Wunder des Daseins, vor dem Wunder des Universums, vor dem Wunder der Natur und vor dem Wunder unserer eigenen Existenz speist. Nur jemand, der sich der Autorität der schöpferischen Ordnung des Universums unterstellt und der sein Recht, teilnehmender Bestandteil dieser Ordnung zu sein, wertschätzt, kann letztlich auch sich selbst, seine Nächsten und somit auch deren Rechte wirklich respektieren.
Daraus folgt die logische Konsequenz, dass in der heutigen multikulturellen Welt der einzig wirklich verlässliche Weg zu friedlicher Koexistenz und kreativer Kooperation an der Wurzel aller Kulturen beginnen muss, an einer Qualität, die unendlich viel tiefer in den Herzen und Köpfen der Menschen verankert ist als alle politischen Meinungen, Überzeugungen, Antiphathien oder Sympathien. Sie muss auf der Selbsttranszendenz gründen. Transzendenz, verstanden als Handreichung, die nicht nur jene Menschen, die uns nahe sind, einschließt, sondern auch Fremde, die gesamte Menschengemeinschaft, alle Lebewesen, die Natur als Ganze und das gesamte Universum; Transzendenz als tiefes und freudig empfundenes Bedürfnis, in Harmonie auch mit dem zu leben, was wir nicht sind, was wir nicht verstehen können, was uns weit entfernt in Raum und Zeit erscheint, mit dem wir jedoch nichtsdestoweniger auf geheimnisvolle Weise verbunden sind, weil wir gemeinsam mit all dem eine gemeinsame Welt bilden; Transzendenz als einzig wahre Alternative zum Aussterben. •


Václav Havel hielt seine Rede auf Englisch anlässlich der Verleihung der »Philadelphia Medal of Liberty« am 4. Juli 1994. Übersetzt und leicht gekürzt von Matthias Fersterer. Für die freundliche Genehmigung zum Abdruck danken wir der »Dagmar a Václav Havel Foundation VIZE 97«.


Václav Havel (1936–2011) war Dramatiker, Dissident und Staatsmann. Er wurde in ein freigeistiges Prager Elternhaus ­hineingeboren. Seit seinem 20. Lebensjahr schrieb Havel Theater­stücke und arbeitete als Bühnentechniker an Prager Theatern. In den 1960er Jahren wurde er mit seinen regimekritischen, in der Tradition des absurden Theaters stehenden Stücken bekannt. Havel übernahm den Vorsitz des »Klubs un­abhängiger Schriftsteller« und entwickelte sich zum Wortführer der nicht-kommunistischen Intellektuellen. Nach der gewaltsamen Niederschlagung des Prager Frühlings wurden er mit Publikations- und Aufführungsverbot ­belegt. Sein Werk erschien damals im deutschen ­Rowohlt-Verlag. Als einer der Hauptinitiatoren der oppositionellen »Charta 77« wurde er mehrfach inhaftiert. Aus den insgesamt fünf Jahren Gefängnisaufenthalt stammen die Bände »Briefe an Olga« – seine Frau – sowie »Fernverhör« und »Fassen Sie sich bitte kurz«. Er spielte eine führende Rolle bei der Samtenen Revolution von 1989 und wurde im ­selben Jahr zum Präsidenten der Tschechoslowakei gewählt. Nach der fried­lichen Trennung beider Landesteile wurde er 1993 ­Präsident der tschechischen Republik. Havel war Ehrenmitglied des Club of Rome und erhielt zahlreiche literarische und politische Auszeichnungen.

www.vaclavhavel.cz

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