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Mehr oya als die Oya?

In einem Buch von Charles Eisenstein finden sich stimmige Antworten auf aktuelle Oya-Diskussionen.

von Jochen Schilk , erschienen in 42/2016

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Im Juli 2014 erschien in der Oya-Ausgabe 27 eine Besprechung von Charles Eisensteins im Jahr zuvor auf Deutsch bei Scorpio erschienenen »Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich«. Warum folgt hier nun ein weiterer, ausführlicherer Hinweis auf das Buch des US-amerikanischen Philosophen?
Es war so, dass meine im Wochenbett liegende Liebste nicht nur Entzücken über unseren Ende November geborenen Sohn äußerte, sondern auch täglich Dinge wie: »Es ist so irre interessant, was ich eben wieder bei Eisenstein gelesen habe – gerade vor dem Hintergrund der Themen, die ihr Oya-Leute in den Ausgaben 40 und 41 diskutiert!« Sie zwang mich fast zur Lektüre des 350-Seiten-Werks. Und es dauerte nicht lange, da war ich Ute dankbar für die Beharrlichkeit ihrer Buchwerbung; ja, ich fand es schon nach wenigen Seiten schade, dass drei Jahre verstreichen mussten, bis mir dieser Text unter die Augen kam. Nun, besser spät als nie! An Aktualität hat das Buch jedenfalls nichts eingebüßt; Charles Eisenstein gehört sicherlich zu denen, die die Gedanken, die wir als sich derzeit erweiterndes Oya-Team gerade in die Tat umzusetzen beginnen, mitgedacht haben.
Statt den aussichtslosen Versuch zu unternehmen, das Buch »Die schönere Welt …« in all seinen vielen Facetten zusammenzufassen, konzentriere ich mich hier auf die Handvoll Aspekte, die eine thematische Überschneidung mit den jüngsten Oya-Diskursen aufweisen. Zunächst jedoch einige Sätze zum generellen Inhalt:
In der Ausgabe 38 von Oya hatte ich das Erscheinen von David Kortens Buch »Change the story, Change the future – Weltsichten und ökonomischer Wandel« (2015) begrüßt, weil hier endlich mal jemand von der Notwendigkeit sprach, den der heutigen, zerstörerischen Kultur zugrundeliegenden paradigmatischen Mythos durch eine neue Geschichte zu ersetzen. Eisenstein geht bzw. ging diesen Ansatz im vorliegenden Buch noch weiträumiger und auch einfühlsamer an. Ihm zufolge ist es für Aktivisten viel aussichtsreicher, auf der Ebene der Geschichte zu arbeiten, als nur an einem der zahlreichen Symptome des im Niedergang begriffenen Systems – dessen Geschichte nicht mehr richtig funktioniert – herumzudoktern. In ­seiner Terminologie stehen wir am Ende des ­Mythos von der »Separation«. Die entscheidende Haltung der neuen Geschichte sei es, »dass wir vom Universum nicht getrennt sind und dass unser Sein Teil des Seins aller anderen Wesen und Dinge ist«. In der sich abzeichnenden nächsten Story ist das Universum nicht sinnleer, fragmentiert und tot, sondern bewusst, zweckbestimmt und ganz, ja: heilig. Noch seien wir freilich nicht wirklich in der Geschichte der allseitigen Verbundenheit (»Interbeing«) angekommen; wir befänden uns gewissermaßen in einem Zwischenzustand, wo mal die eine und dann wieder die andere große Story die Oberhand gewinne und unser Fühlen, Denken und Handeln bestimme. »Die schönere Welt …« dreht sich um die Frage, wie der Wechsel zwischen den Geschichten zu bewerkstelligen ist und wie es gelingen kann, mehr und mehr Mitmenschen in die neue Geschichte mitzunehmen.

»Es braucht mehr Mut, an das zu glauben, von dem wir wissen, dass es wahr ist, als an das nicht mehr zu glauben, von dem wir wissen, dass es falsch ist.«

Besonders verblüfft hat mich Eisensteins Philosophie zu dem, was in Oya 41 mit der Metapher »sich [zu Hause] um die Bienen kümmern« umschrieben wurde. In der Mentalität einer Welt, in der alles von allem getrennt ist, besitzen Rationalität, Kausalität und Zweckmäßigkeit einen übergroßen Wert. In solch einer Geschichte scheint es widersinnig, was zum Beispiel der Herausgeber der megamaschinen-kritischen Zeitschrift »Adbusters«, Kalle Lasn, tat: Der ließ seinen gewohnten Weltrettungs-Aktivismus ruhen, um seine 95-jährige Schwiegermutter zu pflegen – und empfand diese Tätigkeit als sinnvoller denn all seine bisherigen politischen Anstrengungen. ­Eisenstein erklärt schlüssig, warum in einem allseits verbundenen Universum auch vermeintlich unsichtbare Taten große, weltverschönernde Auswirkungen zeitigen.
Eng mit diesem Thema verknüpft ist das Gefühl von »Dringlichkeit«, das viele Aktivisten angesichts der prekären Weltlage befällt. In Oya diskutierten wir dies zuletzt mit den Schlagworten »Weltretten«, »­Lassenskraft« bzw. mit dem ­Selbstaufruf: »Gemach, gemach!«. Eisenstein meint hierzu, dass es eine Zeit für alles gebe, auch eine Zeit zum Handeln und eine zum Innehalten. So sei es etwa sinnvoll, bei einem Zimmerbrand zum Feuerlöscher zu greifen; kaum jemand würde versuchen, die Flammen niederzumeditieren. Gegen die bislang beispiellose große Krise auf Erden gebe es aber keine Feuerwehr, die man herbeirufen könnte, und auch sonst keine bewährte Maßnahme. Wenn man nicht wisse, was zu tun sei, sei es kaum zielführend, angesichts des vielfachen Weltenbrands aufgeregt mit einem Handfeuerlöscher herumzufuchteln, nur um irgendetwas zu tun. In solchen Situatio­nen könne es besser sein, sich das eigene Nicht-Wissen einzugestehen, innezuhalten und darauf zu vertrauen, dass einem im rechten Augenblick klar werden wird, was getan werden muss. »Tue das Nahe­liegende! Was aber ist das?« lautete die »unbeantwortete Frage« in der vergangenen Ausgabe von Oya …
Was wir in unserem Magazin bislang womöglich vernachlässigt haben: Eisenstein wendet sich schwierigen Gefühlen wie Verzweiflung, Ohnmacht oder allgemein dem Welt-Schmerz zu, der viele von uns zynische Haltungen einnehmen lässt. Mir scheint, dass Menschen, die mutig in die sich auftuenden Abgründe blicken, hin und wieder etwas Empathie und anderweitigen psychologischen Beistand gut gebrauchen können.
A propos: Es ist ziemlich treffend, wie der Autor die mit der alten Story einhergehende »mentale Infrastruktur« (Harald Welzer) analysiert. Und besser noch, er zeigt seinen Lesern – die wir uns ja oft der alten Denkweise bereits entwachsen wähnen –, wie sehr sie noch immer von der überkommenen Geschichte der Separation geprägt sind. Selbst etwa viele der vermeintlich neuen spirituellen Ansätze seien bei genauem Hinsehen von der Gewohnheit, zu kontrollieren und zu kämpfen, motiviert. Als weitere typische Bestandteile der Separationsmentalität identifiziert Charles Eisenstein etwa unser Bedürfnis, recht zu haben, sowie die gängige Gewohnheit, zu bewerten und zu (ver)urteilen. Letzteres führt so weit, dass andere Menschen als durch und durch böse betrachtet werden. Ein beträchtlicher Teil der zweiten Buchhälfte hinterfragt das omnipräsente Narrativ vom Kampf des Guten gegen das Böse, bei dem das Böse unterworfen und vernichtet werden müsse, bevor man eine gute Welt schaffen könne (siehe Kasten oben).
Was ich beim Lesen als angenehm empfand: Der Autor ist versiert in einer Vielzahl von Diskursen, die gemeinhin nicht zusammengedacht werden; marxistische Positionen sind ihm offenbar ebenso wenig fremd wie die Argumente von Klimaschützerinnen oder die Ansätze der neuen spirituellen Richtungen, psychologischen Schulen usw. Auch nimmt er immer wieder Argumente vorweg, die Kritiker gegen seine Positionen einwenden könnten. So entsteht eine lebendige Diskussion, bei der mir kaum der Gedanke kam: »Aber müsste er nicht auch diese oder jene Perspektive berücksichtigen?«

»Die Konvergenz von Spiritualität und Aktivis­mus ist Ausdruck einer generelleren Wieder­vereinigung von Geist und Materie, die uns diese beiden Sphären als eine einzige betrachten lässt. […] Mehr als nur eine Reduktion von Geist auf das Materielle ist es eine Erhöhung der Materie zum Geistigen.«

Das Buch hat mich ziemlich gut da abgeholt, wo ich momentan politisch und spirituell stehe. Möglich, dass es auf manche Leserinnen dieser Zeitschrift eine ähnliche Wirkung entfaltet. In meiner Wahrnehmung atmet »Die schönere Welt …« denselben Geist wie Oya – mitunter dachte ich beim Lesen sogar: »Wow, das ist ja mehr oya als die Oya!« Beruhigend wäre es nun für mich, zu wissen, dass all diejenigen, die auf irgend­eine Weise zur Entstehung einer guten, schönen Welt beitragen möchten – wer fällt nicht in diese Kategorie? –, mit Eisensteins Thesen vertraut sind.
Ach ja, eine weitere Gemeinsamkeit zu dieser Zeitschrift habe ich gleich auf Seite 8 gefunden. Dort dankt der Autor allen Menschen, die mit Tatkraft und/oder Spenden seine Arbeit und sein Leben unterstützten. Seine Förderer hätten »damit das Geschenkprinzip anerkannt«, durch das er seine Arbeit »gratis zugänglich macht«. Charles Eisenstein ist also bereits das, was die Oya-Redaktion noch anstrebt: ein »Community Supported Publisher«. Der Buchinhalt steht – analog dem von Oya – unter der Creative-Commons-Lizenz und darf unter Nennung des Autors unverändert zu nichtkommerziellen Zwecken kopiert werden.
Letzteres brachte mich auf eine Idee: Im gegenwärtigen Wandelprozess von Oya kam wiederholt der Gedanke auf, dass die Erscheinungsform als Magazin mitunter auch abgewechselt werden könnte – zum Beispiel als Hörspiel, Plakat oder ­Treffen. Wie wäre es mit einem Buch-Lesekreis? Die Redaktion könnte, statt eine Ausgabe zu produzieren, dafür sorgen, dass einige Hundert Exemplare eines passenden Buchs zu lese- und diskussionswilligen Oya-Lesern gelangen … •

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[Kasten] Die Welt von den Bösen befreien
Es gibt eine Stelle im Buch, die mein Bewusstsein – hoffentlich nachhaltig – zu verändern vermag. Charles Eisenstein fasst darin eine in der Sozialpsychologie »weithin akzeptierte« Erkenntnis zusammen. Die sogenannte situationistische Perspektive widerspricht dem in der Welt der Separation üblichen Bewertungsmuster, das da sagt: »Befände ich mich in der Gesamtheit deiner Umstände, würde ich mich trotzdem anders verhalten als du.« Eisenstein schreibt dazu: »Eine ganze Menge experimenteller Beweise zeigen, dass diese Behauptung falsch ist; dass Sie sich, befänden Sie sich in derselben Gesamtheit der Umstände, tatsächlich genauso verhalten würden wie er.« [!] Die Ausrichtung auf diese Wahrheit sei »vielleicht der wirkungsvollste Weg, zu effektiveren Agenten der Veränderung zu werden. Es ist die Essenz des Mitgefühls, sich selbst an jemand anderes Stelle zu versetzen. Es sagt: Du und ich, wir sind eins; wir sind dasselbe Wesen, schauen auf die Welt durch verschiedene Augen und sitzen an unterschiedlichen Knotenpunkten im universellen Netz der Beziehungen.«
Im Gegensatz zur situationistischen Position »vertreten die meisten Menschen in unserer Gesellschaft den Standpunkt des Dispositionismus, der besagt, dass Menschen ihre Entscheidungen durch Ausübung ihres freien Willens auf Basis von relativ stabilen Wesenseigenschaften und Vorlieben treffen. Wenn jemand etwas Gutes tut, so der Dispositionist, dann wahrscheinlich, weil er ein guter Mensch ist.«
Viele Forschungsarbeiten, so Eisenstein, hätten jedoch ergeben, dass Menschen situationale Einflüsse gerne irgendwelchen Wesens­eigenschaften zuschreiben und dass sie beständig die Wirkung der Umstände auf das menschliche Verhalten unterschätzen. Es sei kein Zufall, dass der Dispositionismus und die Wertungsmentalität in die derzeit noch vorherrschende Geschichte von der Welt eingeschrieben sind: Wann immer wir uns über jemanden Schlimmen aufregen – denken Sie an Trump oder den eigenen Partner –, sprechen wir implizit die Bewertung aus: »An deiner Stelle würde ich nicht tun, was du tust.«
Machen Sie den Test, sagen oder denken Sie beim nächsten ­Ärger folgenden Satz: »Befände ich mich in der Gesamtheit deiner Umstände, würde ich mich genauso verhalten wie du.« Sie werden sehen, dass Sie sich plötzlich in einer schöneren Welt ohne böse Mitmenschen wiederfinden. Zwar gibt es weiterhin böse Handlungen, aber Sie werden verstehen, dass diese auf – veränderbare! – Umstände zurückzuführen sind. Oder wie Charles Eisenstein schreibt: »Das Böse ist eine Reaktion auf erlebte Separation.«

 

Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich
Charles Eisenstein
Scorpio, 2014
354 Seiten
ISBN 978-3943416763
18,99 Euro

 

Onlineversion der deutschsprachigen Buchfassung HIER!!!!

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