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Unproduktiv sein

von Matthias Fellner , erschienen in 42/2016

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Draußen hat es geschneit. Der ­Boden ist gefroren, und die Gartenarbeit fällt damit weitestgehend aus. Viel hätte ich ohnehin nicht erledigen können, denn seit ein paar Tagen kuriere ich eine stärkere Erkältung aus. So nutze ich die Zeit im Bett, um mich mit dem Thema »Unproduktivität« zu beschäftigen. Nicht nur jetzt, beim Auskurieren, sondern das ganze letzte Jahr habe ich mich recht unproduktiv gefühlt. Durch die wirtschaftliche Brille betrachtet, hätte ich im Garten viel mehr Gemüse und viel weniger bunte Blumen anbauen und bei Oya womöglich viel stärker mein Studium und meine berufliche Erfahrung einbringen sollen. Beides erschien mir aber aus verschiedenen Gründen unstimmig.
Was bewegt uns moderne Menschen eigentlich dazu, alles so häufig aus einer Wirtschaftlichkeitsperspektive zu betrachten? Wieso tun wir Dinge in der Regel nur dann, wenn es sich »lohnt«? Ich ertappe mich selbst noch viel zu oft dabei, wie ich mich frage, ob ich genug Geld verdiene, ob ich meiner Berufserfahrung entsprechend behandelt werde oder ob ich im Vergleich zu anderen nicht schon oft genug abgespült habe. Während ich meine unproduktive Zeit im Bett genieße, erscheinen mir diese Gedanken als abstrus. Der alte Walnussbaum hinter dem Haus ist ein schönes Beispiel dafür, wie »unwirtschaftlich« die Natur handelt. Jedes Jahr schenkt uns der Baum Unmengen von Nüssen – aus purem Spaß an der Freude. Denn obwohl unzählige Nüsse auf dem Boden zurückbleiben, sind weit und breit keine Sprösslinge zu finden – womöglich sind die Samen unfruchtbar.
Mich faszinieren Menschen mit sonderbaren Hobbys, beispielsweise Bierdeckelsammler, Programmiererinnen von offener Software, unermüdliche Sockenstricker oder Trainspotterinnen. Selbstverständlich erscheinen den Ausübenden diese Hobbys nicht so eigenartig wie mir; allerdings würden die Betreffenden mir wohl zustimmen, dass sie sich mit ihren Aktivitäten in keiner Weise »wirtschaftlich« im herkömmlichen Sinn verhalten. Genau deswegen sind sie mir aber so sympathisch. Wenn jemand etwas aus purer Neugierde oder Freude tut, ohne deswegen von anderen eine Gegengabe zu erwarten, zeigt das eine schöne Gelassenheit. Diese Qualität verkörpert auch der Walnussbaum. Inspiriert von seinem Beispiel, frage ich mich immer seltener, ob mir die eine oder die andere Tätigkeit auch einen Nutzen bringt, sondern ich tue sie dann, wenn ich mich zu ihr »berufen« fühle. In kurzer Zeit entwickle ich dann eine Faszination für die Sache, freue mich an kleinen Details, und oft rufen mich ­gerade Tätigkeiten, die für meine Umgebung erfreulich sind. Ich fühle mich zum Beispiel oft zum Kochen »berufen« und mische dann mit viel Freude Kräuter zusammen, bis es rund schmeckt.  Ich liebe es, mich der einfachen und schnellen Küche zu widmen – sofern es sich gerade richtig anfühlt.
Wie wäre es, wenn mehr Menschen aus ­solchen spontanen »Berufungen« heraus agieren und sich damit dem Handeln nach wirtschaft­lichen Kriterien weitestgehend entziehen würden? Wenn sie nicht erst dann anfangen, etwas zu tun, wenn ein Arbeitsvertrag die notwendige Sicherheit bringt oder die geleistete Arbeit mit gesellschaftlicher Anerkennung entgolten wird?
Ich war viele Jahre lang freiberuflich tätig und muss rückblickend erstaunt feststellen, wie ein wesentlicher Teil meiner Arbeitszeit damit vertan wurde, Aufträge zu akquirieren, umständlich Angebote zu verhandeln oder im Nachhinein abzugleichen, ob die Leistung den Erwartungen entsprochen hat. Für die eigentliche Arbeit ist mir oft nur wenig Zeit geblieben. Es wäre in jenen Jahren womöglich viel einfacher gewesen, langsam einen Kreis an Förderern aufzubauen, die meine Vielfalt an Interessen als unterstützenwert empfunden hätten, statt immer wieder aufs Neue um jeden einzelnen Arbeitsschritt zu feilschen. Dann wäre ich vermutlich öfter auf Freunde und Bekannte zugegangen und hätte ihnen ohne weiteres meine Unterstützung angeboten – oder hätte vielleicht ganz neue Fähigkeiten entdeckt. Beispielsweise spiele ich momentan oft und gerne Klavier. Schon vor vielen Jahren hatte ich diesen Wunsch, konnte ihm aber im stressigen Berufsalltag nie nachgehen. Jetzt unterstützt mich mein Umfeld, ich bekomme kostenlos Unterricht von einer großartigen Lehrerin, die sehr gerne Erwachsene unter­richtet. Erst hatte ich ein schlechtes Gewis­sen dabei, das anzunehmen, aber mehr und mehr freunde ich mich mit solchen Formen des freien Gebens an, bei denen Menschen ihren Freuden nachgehen, ohne dafür Geld – oder auch nur Anerkennung – zu erwarten. Geschenkte Tätigkeiten werden direkt und ohne Zweifel aus der eigenen Intuition heraus ausgeführt; das übliche Vor-und-Zurück von wirtschaftlichen Verhandlungen wird überflüssig. Man begegnet sich nicht als opportunistische Geschäftspartner, sondern herzlich von Mensch zu Mensch.
Sich zu etwas »berufen« zu fühlen, ist für mich etwas anderes als die weit verbreitete Definition von »Berufung« in der Arbeitswelt. Der zufolge ist Berufung etwas, das auf ein klares Berufsbild zielt, auf Fähigkeiten, die man sich über viele Jahre hinweg aneignet und schließlich bis zur Perfektion beherrscht, so dass man besser ist als viele andere, gut für die Arbeit entlohnt und möglicherweise bewundert wird. Ich habe lange darunter gelitten, nicht nach diesem Muster zu funktionieren. Jeder immer verzweifeltere Versuch, eine klare berufliche Berufung zu finden, ist gescheitert. Zum Glück ging es den meisten meiner Freunde ähnlich, und so fühlte ich mich nicht so allein. Heute erscheint mir die Betrachtungsweise viel sinnvoller, dass Berufung ein momentaner Zustand sei, in dem ich meiner Intuition folge und tue, was gerade getan werden möchte. Das kann alles mögliche sein, von der Hilfestellung für einen Passanten bis zum Verfolgen einer langfristigen Forschungsaufgabe. Wichtig ist nur, dass es von Herzen getan wird und nicht auf eine Gegenleistung abzielt. Das schließt freilich nicht aus, dass Menschen sich einer bestimmten Tätigkeit ein ganzes Leben lang mit viel Inbrunst und Sorgfalt widmen. Aber das erscheint mir eher als Ausnahme.
Heikel ist die selbstverständliche Frage, wie sich das Überleben finanzieren lässt, wenn die eigene Arbeitskraft verschenkt wird, während um einen herum die Mitmenschen klassisch wirtschaftlich ausgerichteten Tätigkeiten nach­gehen. Ich selbst habe eine Zeitlang versucht, durch gut bezahlte Jobs Geld für eine längere Auszeit auf dem Land zurückzulegen. Es ist aber nie genug dafür zusammen­gekommen, und so habe ich irgendwann beschlossen, dem Leben zu vertrauen, habe meinen Job aufgegeben und eine unbezahlte Gärtnerausbildung begonnen – ohne zu wissen, wie ich mich nach zwei bis drei Monaten weiter über Wasser halten würde. Wie es das Leben wollte, habe ich nach kurzer Zeit prompt ein kleines Einkommen für meine ersten erlernten Gärtnertätigkeiten erhalten und seitdem auch keine allzu ernsten Finanzengpässe mehr durchschritten. Die Magie des Lebens schien sich erst dann zu entfalten, als ich mich dem vollen Risiko ausgesetzt hatte.
Jeglichen Versuch, ein kleines bisschen mehr meiner Intuition zu folgen, sehe ich als Chance, der Enge und dem Getriebe des Wirtschaftslebens zu entkommen. Es gibt bestimmt gute Gründe, warum der alte Walnussbaum im Herbst in ein Ruhestadium übergeht und dann bis zum Frühjahr aus wirtschaftlicher Sichtweise »unproduktiv« ist. Er bleibt dadurch seinem Wesen treu und kommt – anders als ich oft noch – bestimmt nicht auf den Gedanken, daß er mehr leisten müsse. Jede Jahreszeit und der jeweilige Entwicklungsprozess tragen dazu bei, dass er sich gesund weiterentwickelt.
Während ich dies schreibe, habe ich ein paar seiner Nüsse geknackt und hoffe, dass sie zu meiner Genesung beitragen. Dass ich es nicht geschafft habe, mich konsequent auszuruhen, sondern die Zeit zum Schreiben nutzte, lässt mich über mich schmunzeln: Ganz unproduktiv wollte ich also doch nicht sein! Aber ich hatte Spaß daran, die Gedanken zu Papier zu bringen. Den alten Wirtschaftlichkeitsabwägungen möchte ich mich in diesem Jahr noch ein Stück mehr entziehen. •

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