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Wurzeln und Flügel

von Angela Kuboth , erschienen in 42/2016

Bild

Wenn jemand fast sechs Jahrzehnte gelebt hat und sich fragt, welche Menschen aus welchem Jahrzehnt ihm geblieben sind, geht das nah. Und so manches dabei geht einem nach. Werden die gemeinsam ­geplanten Tage des Abschiednehmens von den 50ern ausreichen, das alles zu (er-)klären?

Gern würde ich meine Liebsten unter jenem Baum versammeln,
der mir auf der griechischen Insel Kos begegnete. Ich war auf
der Suche nach der Platane des Hippokrates, als ich verzaubert unter diesem uralten Stamm stehenblieb und dem Licht nachsah. Schaue ich jetzt auf das Foto, dann ist mir, als würde meine
Seele dort hinaufstreben, um ihre Flügel auszubreiten und davonzuschweben. Was hält sie? Ich glaube, sie wartet darauf, mich ­mitnehmen zu können, mag nicht ohne mich davonschweben.

In jenem Moment auf Kos fühlte ich mich flügellos, konnte mich nicht lösen aus all den Gedanken über Vergangenes und Allgegenwär­tiges. Dunkel und schwer war es am Fuß des Baums. Ich habe eine Weile gebraucht, um meinen Blick vom Licht bis hinunter zum Anfang seines Wuchses gleiten zu lassen. Mir schien, als fürchtete ich ­dieses Erdverbundene. Bin ich den Flügeln näher als den Wurzeln?

Mir fällt Oya ein, die Göttin der Veränderung. Der Sage nach soll sie mit der Kraft des Windes dazwischengefahren sein, als einer der Götter glaubte, alle Weisheit der Erde für sich einsammeln und bewahren zu müssen. Die gesammelten Schriften verteilten sich auf der ganzen Erde. Seither liegt die Weisheit in Stücken um uns herum, und wir sind dabei, diese wieder zusammenzufügen. Dazu bedarf es des Lichts, damit wir sehen, welches Stück uns begegnet. Und es bedarf des Stamms, der stark genug ist, das Neue zu tragen und das Alte zu bewahren.

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