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Es lebe die Lassenskraft!

von Matthias Fersterer , erschienen in 42/2016

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Neues in die Welt zu bringen, hat wesentlich mit Sprache zu tun. Wir freuen uns in der Redaktion über jedes neue Wort, das ein Phänomen treffender ausdrückt als unser bisheriges Vokabular. Es kommt allerdings nicht oft vor, dass ein Begriff bei uns auf so tiefe Resonanz stößt wie die »Lassenskraft«, die uns bei einem Gespräch für Oya 40 geschenkt wurde. Sie bezeichnet kein »Laissez-faire«, keine Gleichgültigkeit, sondern Wirksamsein durch Nicht-Handeln, ein bewusstes Gehen-mit-dem-Fluss. Es ist die »Qualität, etwas mit ganzer Kraft gehen zu lassen und in seinem So-Sein zu bejahen, ohne daran anzuhaften oder es dem Schema der eigenen Vorstellungen unterwerfen zu wollen« (Glossar, Oya 41).
Angesichts gesellschaftlicher, politischer und ökonomischer Strukturen, die auf Beherrschung, Manipulation und Ausbeutung von Menschen und der mehr-als-menschlichen Welt gründen, hat die Idee des Freilassens, des Bleibenlassens, des Seinlassens, des In-der-Erde-Lassens usw. an den längst überschrittenen Grenzen des Wachstums enorme gesellschaftspolitische Relevanz.
Die Gretchenfrage jedes Nachdenkens über Politik ist die Machtfrage. Die real existierenden gesellschaftspolitischen Modelle unterscheiden sich zwar dadurch, wer die Herrschaftsmacht innehat, doch immer basieren sie auf der Ausübung von Herrschafts­gewalt – durch den Adel (Aristokratie), den Klerus (Theokratie), die Wenigen (Oligarchie), die Reichen (Plutokratie), gewisse Inter­essensvertreter (Lobbykratie), Plünderer (Kleptokratie), Beamten (­Bürokratie), das Volk (Demokratie) usw. Selbst die Anarchie operiert zumindst begrifflich im Denkrahmen der Herrschaftsmacht, indem sie diese negiert und sich davon abgrenzt. Damit sollen moderne Demokratien freilich nicht auf eine Stufe mit Diktaturen gestellt werden. Dass etwa der deutsche Staat niemanden seines Glaubens wegen verfolgt, dass er Presse- und Meinungsfreiheit garantiert, sind zu verteidigende Errungenschaften. Dennoch ist es legitim, über den Tellerrand der »am wenigsten schlechten Staatsform« (Churchill) zu schauen und Fragen nach einer Weiterentwicklung menschlichen Zusammenlebens zu stellen.
Sich ein Gemeinwesen auszumalen, das sich jenseits klassischer Machtgefüge einerseits und dem Schreckensszenario von Machtvakua andererseits organisiert – eine Gesellschaft, die auf egalitären Strukturen gründet und frei von Herrschaftsmacht, Ausbeutung und der Anfälligkeit für Demagogen und Despoten ist, in der also Friede, Freiheit, Zugeneigtheit und Eigenverantwortung nicht herrschen, sondern walten –, ist extrem herausfordernd. Dennoch ist dies ein notwendiges Unterfangen, wenn wir die Lassenskraft und den Anspruch, dass Oya Werkzeuge für ein gutes Leben im umfassenden Sinn entwickeln möge, ernstnehmen.
Im Nachdenken darüber, wie sich Lassenskraft in einem größeren, im weitesten Sinn als »politisch« zu bezeichnenden Zusammenhang ausdrücken könnte, habe ich einige Begebenheiten aufgeschrieben, die mit vier Generationen meiner biografischen Familie zu tun haben und exemplarisch Facetten gesellschaftspolitisch wirkender Lassenskraft sichtbar werden lassen. Dass ich dabei durchweg von männlichen Figuren erzähle, mag dem Umstand geschuldet sein, dass die Ausübung von Herrschaftsmacht in westlich geprägten Gesellschaften spätestens seit der Antike eine männlich-patriarchale Domäne ist und gerade dort auch Ansatzpunkte für ein Durchbrechen der Kreisläufe offener und struktureller Gewalt vermutet werden dürfen. Die anekdotischen Erzählungen handeln von Möglichkeitsfenstern aus der gelebten Praxis menschlicher Individuen, durch die verhärtete Machtstrukturen zumindest punktuell verflüssigt werden oder gar als Durchstiegspunkte in ein anderes Miteinander dienen konnten. Es sind tastende Anfänge eines Forschungsprojekts, das der Frage nachgeht, wie ein von der Lassenskraft her gedachtes Gemeinwesen organisiert sein könnte.

Seinlassen
Jonah sträubt sich mit ganzer Kraft dagegen, eine Windel angezogen zu bekommen. Mit gut zwei Jahren ist er schon groß – »Riesig!«, betont er manchmal, die Arme über den Kopf streckend. Wer groß ist, braucht keine Windel mehr, und bald schon soll er ohne auskommen – darin sind wir uns einig. Bis es soweit ist, soll er sich aber doch bitteschön das ökologische, waschbare Stoffwindelset, das wir extra für ihn angeschafft haben, um die Hüfte knöpfen lassen! – Bitte! – ganz besonders in gemeinschaftlich genutzten Räumen – und am besten gleich – Bitte!!! – Jetzt!!! Er hält mit Widerstand dagegen, stemmt sich weg, strampelt sich frei, öffnet die Druckknöpfe auf der einen Seite schneller, als ich sie auf der anderen schließen kann – aussichtslos, die reinste Sisyphos­arbeit! »Nein-nein-nein!«, protestiert er lautstark, »Ich möchte nicht! Stop!« – Okay, »Stop heißt stop!«, das zu verstehen, erwarte ich von ihm, also kann ich selbst nicht hinter diese Abmachung zurückfallen. Ich lasse von meinem Ansinnen ab, gebe mich geschlagen. Mir fehlt ohnehin die Kraft, jetzt noch irgendetwas durchzusetzen. Er hält einen Moment lang inne und schaut mich an. Sein Blick hat nichts Triumphierendes, sondern blitzt vor Schalk und Tatendrang. Er flitzt zur Tür, reckt seine Arme zur Klinke, und schon ist er draußen – barfuß, nackt und ohne Windel. Durch die Glasfront der Türe kann ich sehen, wie er sich breitbeinig auf den gepflasterten Weg stellt und in den verschneiten Garten pinkelt. Wow, das ist neu! Die Anspannung löst sich in befreites Lachen diesseits und jenseits der Scheibe auf. Keine zehn Pferde hätten ihn dazu bringen können, eine Windel anzuziehen, und aufs Töpfchen hatte er schon gleich gar nicht gewollt. Durch Selbstverantwortung und den Ruf der Natur hatte sich verbissenes Ringen im Handumdrehen in Wohlwollen aufgelöst und wurde Jonahs sprunghaft erweiterter Handlungsspielraum sichtbar. War unser Konflikt etwa nicht Ausdruck von Opposition, sondern Zeichen dafür gewesen, dass sich Jonahs Entwicklung schneller vollzogen hat als meine eigene? Denn unser Interesse ist ein und dasselbe: frei von lästigen Windeln zu leben.

Verweigern
»Ich möchte nicht mehr mitmachen, weil ich es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren kann.« Diese Worte, mit denen mein Vater 1983 als Siebenunddreißigjähriger – damals genau so alt wie ich heute – seinen Militärdienst jäh abbrach, ähneln dem stoischen Mantra »Ich möchte lieber nicht« des Antihelden Barleby aus Herman Melvilles gleichnamiger Erzählung. Mein Vater hatte damals nicht etwa deshalb Wehrdienst geleistet, weil er an bewaffneten Kampf und patriotische Bürgerpflicht geglaubt hätte, sondern weil seine Verweigerung aus Gewissensgründen nicht anerkannt worden war und er sich zunächst in sein Schicksal gefügt hatte. Als fortgeschrittener Wehrdienstleistender hätte er nun Neuankömmlinge in Strammstehen und Habachthaltung unterweisen sollen. An diesem Punkt wurde ihm klar, dass er die Kette der Gewalt nicht fortführen wollte. Dafür nahm er eine Nacht im Militärgefängnis in Kauf. »Dass ihr euch aber auch so anstellen müsst!«, herrschte ihn der diensthabende Offizier auf seinem nächtlichen Kontrollgang an. Er hätte doch »eine gute Kommando­stimme« und hätte sich ja auch zu den Sanitätern versetzen lassen können, redete ihm der Oberst ins Gewissen. Nichts zu wollen. Aus der Logik der Mega­maschine heraus ist ein Ausstieg aus dem Kreislauf der Gewalt nicht nachvollziehbar und nicht begründbar. Aus der Logik des Lebendigen zeigt sich aber, dass Gewalt von jenen weitergegeben wird, die selbst Gewalt erfahren haben: Wer entwurzelt ist, entwurzelt andere, erkannte Simone Weil. Der Wehrdienst als staatlich sanktionierte Form von Sklaverei und Zwangsarbeit (siehe Artikel 4 der Europäischen Menschenrechtskonvention) ist heute in vielen europäischen Ländern abgeschafft oder, wie in Deutschland seit 2011, ausgesetzt – wenn auch nicht aus ethischen, sondern aus finanziellen Gründen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis dasselbe mit der Schulpflicht, dem Rundfunkbeitrag usw. geschieht. Aber welchen Wert hat diese Perspektive für jene, die aktuell von solchen Herrschaftsinstrumenten traktiert werden? Speist sich ihre Hoffnung aus dem Wissen, dass die Zeit für sie arbeitet? Tut sie das wirklich?

Desertieren
Manchmal bat ich meinen Vater, mir von meinem Großonkel Hias – seinem Onkel und meinem Namenspatron – zu erzählen. Diese Erzählungen haben mein Bild davon, was Mut und Courage sein können, wesentlich geprägt. Mein Großonkel Matthias Schwaiger muss sechsundzwanzig oder siebenundzwanzig Jahre alt gewesen sein, als er 1942 beim Rücktransport aus dem Heimaturlaub desertierte, indem er bei Salzburg aus dem fahrenden Zug sprang, der ihn an die Front nach Russland hätte bringen sollen. Bis heute kann ich mir kaum etwas Mutigeres vorstellen. Dabei gilt »Fahnenflucht« in der Logik der Megamaschine als Akt unerhörter Feigheit und als Kapitalverbrechen. Aus dieser Logik heraus ist solcher Mut schlichtweg nicht nachvollziehbar, weil er einem ganz anderen Bezugsrahmen angehört – nicht der organisierten Gewalt, sondern dem spontanen Ausdruck des Lebendigen. In mehrtägigem Fußmarsch durchs Gebirge kehrte Onkel Hias zum elterlichen Hof bei Saalfelden zurück und versteckte sich zwei Winter lang auf einer Almhütte. Einer seiner Brüder versorgte ihn mit dem Lebensnotwendigen. Zwei Gendarmen suchten nach ihm. Der eine war grimmig entschlossen, ihn aufzuspüren. Der andere stellte Beziehungen über Befehle und habe jede Befragung, so erzählte meine Großmutter, eingeleitet mit: »Woast eh nix, ­Grua­berin?!« – »Gell, du weißt von nichts, Gruber-Bäuerin?!« Er muss geahnt ­haben, was sie wusste, und trug das ihm Mögliche dazu bei, dass dies im Sinn des Protokolls »nichts« war. Mein Großonkel blieb unentdeckt, kehrte nach Kriegsende zu seiner Familie zurück und heiratete seine Braut Anni. 1957 gingen sie gemeinsam ins Kranken­haus: Sie um gesunde Zwillinge zur Welt zu bringen, er um eine Leukämieerkrankung behandeln zu lassen. Drei Monate darauf starb er. War sein Mut somit vergebens gewesen? Woran misst sich Wirksamkeit, woran Vergeblichkeit? Wie würde sich der Verlauf meines Lebens verändert haben, wenn ich kein authentisches Beispiel für Mut hätte, auf das ich jederzeit zurückgreifen kann?

Die letzte Kraft
Am Ende ist der ultimative Akt der Lassenskraft der Tod. Diese Kraft, zu der letztlich jede und jeder »Ja« sagen muss, setzt einen Prozess in Gang, der den Erdenkörper zur Unkenntlichkeit zersetzt und das Selbst, wie auch immer man dieses definieren mag, in eine neue Phase eintreten lässt – in einen weltlichen Erinner­ungsraum, einen andersweltlichen Ahnungsraum oder etwas ganz anderes. Sterben als bewusster Akt von Lassenskraft wird umso sichtbarer, wenn das Ableben nicht gewaltsam und vorzeitig geschieht, sondern der Tod ein Leben beizeiten rundet, es vervollkomnet. Wer wollte beurteilen, was »beizeiten« und was »vorzeitig« ist?

Destituierende Kraft
»Wir sind es gewohnt, radikalen politischen Wandel als Folge einer mehr oder minder gewaltsamen Revolution zu verstehen«, sagte der italienische Philosoph Giorgio Agamben 2015 in einem Interview mit der »Zeit«. In solchem revolutionären Wandel zerstöre ein »neues politisches Subjekt, das man seit der Französischen Revolution die konstituierende beziehungsweise die verfassungsgebende Gewalt nennt […], die bestehende politisch-rechtliche Ordnung und schafft eine neue konstituierte beziehungsweise verfasste Gewalt.« Im klassischen Modell werden die herrschenden Strukturen durch revolutionäre Kräfte umgeworfen, die sodann alte Machtstrukturen in neuem Gewand installieren: Die Revolution frisst ihre Kinder. »Ich halte die Zeit für gekommen«, fährt Agamben fort, »dieses überholte Modell aufzugeben, um unser Denken auf etwas zu richten, was man ›destituierende‹ beziehungsweise ›aufhebende Kraft‹ nennen könnte«. Was genau bedeutet »destituierende Kraft«? Es ist eine Kraft, die die herrschenden Machtverhältnisse nicht lediglich auf den Kopf stellt, sondern sie auflöst, absetzt, zersetzt. Sie lässt Menschen aus der Sphäre lenkbarer Objekte heraustreten und zu unregierbaren Subjekten werden. Sie gründet nicht auf dem Eigentum, sondern dem Gebrauch. Sie sucht nicht den Kampf, sondern Auswege. Für sie müssen Agamben zufolge »völlig andere Strategien ersonnen werden«.
Wie können solche Strategien destituierender Kraft aussehen? Wie kann Lassenskraft Strukturen herrschaftlicher Macht dauerhaft auflösen? Welcher Organisationsformen, Entscheidungsstrukturen und Qualitäten des Miteinanders bedarf es dazu? •

 

Erfahrungen und Kommentare: mitdenken@oya-online.de