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Ist »Nach-Hause-Gehen« politisch?

Johannes Ebert und Astrid Emmert schreiben uns.

von Andrea Vetter , Astrid Emmert , Johannes Ebert , Matthias Fersterer , erschienen in 42/2016

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Liebes Redaktions- und liebes Vorstandsteam,

ich bin gespannt auf das neue Oya-Jahr und wünsche Ihnen alles Gute für den Weg durch die Metamorphose. Persönlich hätte ich ein Anliegen, was die Medienarbeit »angesichts des Zustands der Welt« betrifft. Nach meinen Eindruck geht gerade ein Rechtsruck durch die ganze alternative und Umweltbewegung. Die Sehnsucht nach verlässlichen Wurzeln in einer unsiche­ren Zeit, die Suche nach der eigenen Identität und der »guten« alten Naturverbundenheit wird dabei vermischt mit einer Abgrenzung zu allem Fremden und Modernen. Begriffe wie »keltische und germanische Wurzeln«, das »Reichsbürgertum« und »Volk« stellen das friedvolle Miteinander in Frage, das für mich seit jeher für die grüne, alternative Bewegung in ihrer ganzen Vielfältigkeit elementar ist – von den Bürgerrechtlern über die Castor-Gegner, die Permakultur-Vorreiter, die alternativen Gemeinschaften, wie Klein Jasedow, bis hin zu den verschiedenen esoterischen Meditations-, Heilungs- und sonstigen spirituellen Richtungen. Zwar gab es von jeher viele mit einem Alleingültigkeitsanspruch, aber ich habe doch immer bei den Menschen eine große Toleranz gegenüber dem Anderssein erlebt. Wenn dieser Funke verlorengeht, dann wird es wirklich dunkel in der Welt, dann wurstelt künftig jeder alleine vor sich hin, auf seiner ­eigenen (Perma-)Scholle, nur auf seinen eigenen Vorteil ­bedacht.

Ich finde daher, Oya sollte unbedingt politischer werden, um auch in Zukunft »unverzichtbar« zu sein. In Zeiten von Trump und Brexit, eines neuen Jeder-­gegen-Jeden, steigender Rüstungsausgaben und absehbarer wirtschaftlicher Verwerfungen ist jede Stimme der Vernunft, des Miteinanders und Aufeinanderzugehens wichtig.

Mir ist das auch deshalb ein Anliegen, weil Oya ohne­hin in diesem Spannungsfeld arbeitet. Wie anders darf jemand denken, um noch dazuzugehören? Darf jemand dem »grünen Mythos« der ressourcensparenden Technisierung anhängen und trotzdem Oya unterstützen? Darf jemand für regionales Wirtschaften sein und gleichzeitig für eine fortschreitende Globalisierung (in meinen Augen jedenfalls kein Widerspruch – wir brauchen sicherlich keinen regionalen Handy-Hersteller, aber ich freue mich über einen regionalen Bäcker, der regionales Getreide von einer regionalen Mühle einkauft)? Bietet die Eibe (Oya Ausgabe 41, Seite 34) nur kulturelle Wurzeln für die »Einheimischen«, oder taugt sie auch als symbolische Wurzel für den ­Geflüchteten, der hier heimisch werden möchte? Weil für meine japanische Frau die Eibe keine solche kulturelle Bedeutung hat, bedeutet das, dass sie nicht beheimatet werden kann (oder sollte)? Oder müssten wir dann eine japanische Kiefer neben die Eibe pflanzen (was ökologisch tatsächlich das Einschleppen einer »invasiven« Art bedeuten würde und was ich unter dem Gesichtspunkt des »Bewahrens« des heimischen ökologischen Gleichgewichts eher ablehnen würde)?

Herzliche Grüße aus Hamburg,
Johannes Ebert

 

Liebe Oya-Mitwirkende,

welchen Wert hat mein selbstangebauter Kohl, wenn rechts und links vom eigenen Gemüseacker Menschen diskriminiert, verfolgt, getötet werden? »Einen deutschen Wert«, tönt es aus der rechten Ecke, aber wie lautet meine Antwort darauf? Als Ergebnis meiner Suche nach einem etwas weniger megamaschinenmäßigen Leben bin ich seit knapp zwei Jahren im Städtchen Lassan gemeldet, wo NPD und AfD bei der Landtagswahl im September gemeinsam auf knapp 50 Prozent gekommen sind.

Dieser Umstand berührt kaum mein und unser Alltagsleben, umgeben von gleichgesinnten Zugezogenen und wohlgesinnten Nachbarn. Hier und da ein in Holz geritztes Hakenkreuz und alle paar Wahljahre ein kurzer Schreckensmoment. Greifbarer wurde es letzten Winter, als bekannt wurde, dass bei Bedarf auch die Stadt Lassan einige Wohnungen für Geflüchtete werde bereitstellen müssen. Bei einer hitzigen Bürgerversammlung dazu meinte ich zu spüren, dass Geflüchtete in Lassan um ihr Leben zu fürchten hätten. So richteten wir »Fremdensüchtige« einen Mail-Verteiler ein, um uns, wenn nötig, schnell organisieren zu können. Statt der Geflüchteten kamen das zweite Asylpaket und der EU-Türkei-Deal; zurück bleibt die Frage: Was tun, damit beim nächsten Mal die Angst vor Angriffen von Seiten »besorgter Bürger« gar nicht erst aufkommt? Auf sie zugehen, wie wir so leicht und mühelos auf die Syrer zugingen, die für einige Monate in einem Schullandheim nicht weit von uns untergebracht waren? Bietet unsere Beschäftigung mit der anderen Seite der Medaille – Umweltschutz, Selbstversorgung etc. – vielleicht wunderbare Anknüpfungspunkte, um in Verbindung mit den Menschen von hier zu gehen, die mir in vielem so viel fremder sind als zum Beispiel Ahmad aus Syrien?

So ließe sich eine Frage an die nächste reihen, und ich habe Lust, eben dies in Oya zu tun – und zwar in Gesprächen mit Menschen, die sich auf die eine oder andere Weise in diesem Feld bewegen, die »politisch« und/oder betroffen sind.

Mit lieben Grüßen in die Runde,
Astrid Emmert

 

Lieber Johannes Ebert, liebe Astrid Emmert,

vielen Dank für die zum Weiterdenken anregenden Briefe. Wir haben in den vergangenen Monaten im Kreis der Oya-Gestaltenden auch viel darüber gesprochen, wie das »Nach-Hause-Gehen« politisch sein kann. Was bedeutet diese Metapher eigentlich? Ist sich zu Hause um die Bienen zu kümmern bereits von sich aus eine politische Handlung? Was ist überhaupt Politik, und wie durchdringt sie unser Leben? Das ist für uns ein wichtiges Forschungsthema für nächste Oya-Ausgaben.
Ein Fleck, an dem wir tiefer in der Geschichte graben wollen, ist, zu verstehen, woher der angesprochene »Rechtsruck« kommt. Vor ungefähr 100 Jahren gab es bereits dieses Doppelgesicht der alternativen Bewegungen in Deutschland. Anfang des 20. Jahrhunderts bildete sich eine breite Bewegung von Menschen, die als Selbstversorger aufs Land wollten, um dort gemeinschaftliche Lebensformen auszuprobieren. Diese Bewegung hatte die verschiedensten Facetten: Es gab von anarchistischen Ideen inspirierte Siedlungsprojekte, die kollektiven Besitz und gemeinschaftliche Verwaltung anstrebten, ebenso wie völkische, die ausländischen und jüdischen Menschen feindlich gegenüberstanden und Frauen auf Haus und Kinder beschränken wollten. Es gab weltoffene Künstlerkommunen ebenso wie auf einen Guru fixierte esoterische Gemeinschaften. Was können wir im Dialog mit unserer Vergangenheit lernen?
Vielleicht, dass der Begriff der »Verwurzelung« nur stimmig sein kann, wenn er ein Angebot, eine Einladung ist, sich zu verwurzeln. Wenn er mit dem Recht einhergeht, den angestammten Platz verlassen zu dürfen und dort Wurzeln schlagen zu können, wo das Leben einen hinweht. Aus dieser Perspektive ist die Idee eines stabilen ökologischen Gleichgewichts ein gefährliches Bild. Das »ökologische Gleichgewicht« ist immer eine Momentaufnahme – wenn Systeme stabil sind, sind sie tot. Deshalb spricht der Ökologe Josef Reichholf zu Recht von ­»stabilen Ungleichgewichten«. Leben bedeutet Veränderung, die immerwährende und immer neue Suche nach ­einem dynamischen Gleichgewicht.
Aus einem Blick in die Geschichte lässt sich zum Beispiel auch lernen, dass Entwurzelung keine Bagatelle ist, die auf dem hohen Niveau unserer relativen Wohlstandsgesellschaften westlicher Prägung bejammert würde, sondern eine Ursache verheerender offener und struktureller Gewalt. Simone Weil beschrieb die Entwurzelung als »mit Abstand die gefährlichste Krankheit der menschlichen Gesellschaften, denn sie vervielfacht sich selbst.« – Wer entwurzelt ist, entwurzelt andere. Viele der gegenwärtigen Kriege und Flüchtlingsströme haben ursächlich mit Entwurzelung in Form von direktem oder verdecktem Kolo­nialismus, willkürlichen Grenzziehun­gen zwischen ehemals kolonialisierten Gebieten oder bewusst erzeugten wirtschaft­lichen Abhängigkeiten zu tun. Wenn Menschen die Möglichkeit verwehrt wird, selbst für das Lebensnotwendige zu sorgen, entstehen Not und strukturelle Gewalt. Ivan Illich spricht in diesem Zusammenhang von einem seit 500 Jahren geführten Krieg gegen die Subsistenz. Könnte da in der bewussten Rückeroberung eines Stücks subsistenter Souveränität – und sei es noch so klein und anfänglich – nicht gerade ein Ansatzpunkt liegen, um Ausgrenzung, Gewalt und Ungerechtigkeit entgegenzuwirken?
Eine Freundin, deren Vater nicht Deutscher ist, hat erzählt, dass sie sich nicht vorstellen könne, außerhalb der Großstadt in Ostdeutschland zu leben – sie hätte viel zu viel Angst. Viele Menschen haben nicht die Wahl, ob sie sich von diesen Umständen täglich berühren lassen wollen oder nicht. Wäre es ein lohnendes Ziel, zu Hause so politisch zu sein, dass uns irgendwann alle Freundinnen ohne Angst besuchen können und sich vielleicht sogar vorstellen könnten, zu bleiben?

Wir freuen uns über ein Weiterführen ­dieser Fragen: mitdenken@oya-online.de,
Andrea Vetter und Matthias Fersterer. •