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Innenansichten einer Staunenden

von Sarah Franz , erschienen in 42/2016

Bild

Ich fühle mich als Schülerin. Ich sitze staunend mit großen Augen an meinem Pult in Berlin und schaue auf Klein Jasedow und die Menschen, die dort leben. Was sie schon alles aufgebaut haben! Wie sie miteinander – mit mir! – umgehen. Selten in meinem Leben habe ich so eine bejahende und wertungsfreie Atmosphäre erlebt. Bin ich selbst in Klein Jasedow, fühle ich mich nicht kleiner und unreifer als die

anderen. Doch trete ich nur einen Schritt hinaus aus dem Bild und gehe zurück in meinen Berliner Alltag, dann ist da wieder dieses Gefühl. Ich setze mich hin und beginne, Vokabeln zu lernen, zu vergleichen und mich minder zu fühlen. Mein Weg ist ja noch so lang …

Wieder ganz eingetaucht in mein »anderes« Leben, fühle ich mich nur selten als Schülerin – im negativen Sinn einer Konfrontation mit einer einschüchternden ­Autorität. Ich sauge auf, was mich umgibt, stoße anderes ab und schneide mir die Stückchen vom Kuchen ab, die mir besonders schmecken. Ich schreibe gerne und
inspiriere andere, sich selbst anzuschauen: das Wertvolle in sich zu entdecken und dem nachzugeben, was innen drückt und rauswill. Ich werde als die starke Frau wahrgenommen, als die ich mich fühle. Für einige geliebte Menschen bin ich der Fels in der Brandung. Ich bin bis zum Unaushaltbaren optimistisch, angstfrei und so schnell nicht aus der Ruhe zu bringen.

Ich hatte letztens ein berührendes Gespräch mit meinem Vater, dem ich sagte, dass ich mich durch bestimmte Äußerungen von ihm im Lauf meines Lebens unter Druck gesetzt fühlte. Oft fragte er mich, was ich denn jetzt beruflich mache, und immer wieder berichtete er, dass er in all seinen Berufsjahren jeden Tag in der 40-Stunden-Woche genossen, es immer geliebt habe, so viel zu arbeiten; er verdiene das Leben, das er heute führen kann. Ich hörte daraus, dass man sich alles verdienen müsse. Ich mit meinem Impuls, weniger arbeiten zu wollen und mehr Zeit für die mich umgebenden Menschen, Pflanzen und Sehnsüchte zu haben, traf bei ihm nie auf Verständnis – wie ich dachte! Letzte Woche sagte er mir jedoch, dass er meine Art zu leben unglaublich ­spannend finde, allen Menschen »stolz« davon erzähle …

Fühle ich mich »sicher«, bin ich stark und stehe fest wie ein Baum. Was nimmt mir den Halt in den Momenten, in denen alles wackelt und zittert? Wann ­brauche ich die Bestätigung der anderen und warum? Warum fühle ich mich minder im Kreis derer, die mir »etwas voraus« haben? Und wie komme ich darauf, dass jemand ­einem anderen etwas voraus haben könnte? Das hört sich wie eine regelrechte ­Leistungsschau an. Bin ich mit dieser Weltsicht großgeworden? Muss Sarah etwas Tolles leisten, um für gut befunden und bewundert zu werden? Und was um alles in der Welt ist »toll«? Saß ich zu lange in der klassischen Schule des kapitalis­tischen Haben-müssen-Systems?

Seit Jahren befinde ich mich auf der Suche nach mir selbst und einem guten Leben im Schlechten. Ich horche in mich hinein. Fühlt sich das, was ich gerade tue, richtig an? Manchmal hat mein Verstand eine Ahnung, aber mein Bauch spürt es noch nicht. Manchmal bin ich noch Vergleichende, Wertende. Lernende. Schülerin – mit allen Konnotationen. Schülerin werde ich so lange bleiben, wie ich in meinem Gegenüber etwas Höheres, Besseres, Tolleres sehe.

Nun hat Oya die Arme ausgebreitet und eingeladen, hat sich geöffnet für Neues und ist in eine Metamorphose eingetreten. Neue Menschen sind Teil der ­Redaktion geworden. Erst durch diesen mutigen Schritt auf uns, auf mich zu, spüre ich langsam, wie ich auch etwas weitergeben kann – an Oya.

Ich staune. Ich staune über mich, über die Dynamiken meiner Gedanken und über das Wachsen meiner selbst, dem ich im Moment mit großen Augen zusehe. Ich lerne. Von mir selbst. Ich höre das Gras wachsen. Es knirscht! Und ihr? Was hört ihr?

Erfahrungen und Kommentare: mitdenken@oya-online.de