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Thomas Oser schreibt uns

von Jochen Schilk , Lara Mallien , Matthias Fersterer , Thomas Oser , erschienen in 42/2016

Thomas Oser
Den Wandlungsprozess von Oya verfolge ich interessiert. Wie viele andere hat mich dieser Satz aus Ausgabe 40 angesprochen: »Geh nach Hause und kümmere dich um die Bienen!« Sich auf »das eigene Haus« zu besinnen und es zu pflegen, halte ich für sehr wichtig, wobei mit dem eigenen Haus zweierlei gemeint sein kann: vertraute Menschen bzw. die nähere Umgebung, in der man lebt, oder aber auch unser ganz Inneres, in dem wir auch beheimatet sein sollten.
Mit Letzterem wären wir bei einem spirituellen Aspekt der großen Transformation. Nah daran liegt die »Lassenskraft«, die bei euch in letzter Zeit eine bedeutende Rolle gespielt hat.
Die Besinnung auf einen inneren Weg und die Lassenskraft gehören für mich zu einem Pol eines gelingenden Lebensprozesses. Sich aber nur auf diesen Pol zu beschränken, hat etwas Einseitiges. Auch der andere Pol will beachtet sein, denn unser Leben ist in eine Polarität eingespannt.
Was die (passive) Lassenskraft angeht, so steht ihr die (aktive) Wirkkraft gegenüber. Aber man sollte sich dies nicht als Gegensatz vorstellen, der sich ausschließt. Im Daoismus nennt man dieses Phänomen »Wuwei« – ein Handeln, das sich enthält, gegen die eigentliche Natur zu handeln. Etwas in der Art hatte auch Hölderlin im Blick, als er in seinem »Hyperion« Diotima auf die Frage, ob es denn Zufriedenheit zwischen Entschluss und Tat gebe, antworten lässt: »Es ist die Ruhe des Helden, es gibt Entschlüsse, die, wie Götterworte, Gebot und Erfüllung zugleich sind.«
Wirkkraft und Lassenskraft sind also Gegen­sätze, die sich in Wahrheit gegenseitig bedingen. Nur wenn wir beide in unseren Lebensvollzug aufnehmen und integrieren, können wir von einem gelingenden Lebensprozess sprechen.
Mir ist natürlich klar, dass eine solche Praxis noch kein hinreichender Garant dafür ist, der »Megamaschine« zu entkommen. Der Kapitalismus ist ja ungemein erfinderisch: So integriert er findig fernöstliche Gelassenheitstechniken in seinen Betrieb – letztlich um diesen sogar noch zu optimieren.
Eure Frage, wie man aufhören kann, die Megamaschine mit Energie zu versorgen, finde ich hochspannend, und man kann sie nicht gewissenhaft genug stellen. Das erinnert mich allerdings mitunter zu sehr an die »Rückkehr in die Wälder«. Es geht darum – da bin ich mit Harald Welzer und Andreas Weber einig –, die positiven Errungenschaften der Moderne nicht einfach rückgängig zu machen, sondern sie zu transformieren. Was nun die Errungenschaften der Moderne sind, darüber müssten wir uns gesondert austauschen.
Es scheint mir auch gefährlich, die Mega­maschine zu sehr zu mystifizieren, sonst fühlt man sich schnell wie das hypnotisierte Kaninchen vor der Schlange. Man kann dann nicht nur die Freude am eigenen Tun verlieren, sondern überhaupt die Unbefangenheit, etwas Neues, Schönes in die Welt zu bringen. Auch dies könnte ja eine List der Megamaschine sein.
Und selbst wenn man sich vornähme, nur noch das »ganz Andere« zu tun, so käme bald darauf jemand daher und verkaufte gerade dies erfolgreich als »Alleinstellungsmerkmal«. Ganz entkommen lässt sich der Megamaschine von jetzt auf nachher nie. Deshalb gebe ich aber die Hoffnung auf eine wahrhafte Transformation nicht auf.
Dann noch ein paar Worte zur ersten Bedeutung des Bienen-Satzes: der Besinnung auf die vertraute Umgebung! Eine ähnliche Dialektik wie die zwischen Lassens- und Wirkkraft waltet auch zwischen dem Globalen und dem Vertrauten: die Familie, die Freunde, die Nachbarschaft, das Dorf, die Stadt. Ich konzentriere mich mit meinem Engagement derzeit stark auf Nürtingen, die Kleinstadt, in der ich lebe: Hier sind gewissermaßen meine Bienen zu Hause. Zugleich ist es mir aber wichtig, dass ich bei meiner Arbeit die größeren – letztlich globalen – Zusammenhänge im Auge behalte und den anderen ins Bewusstsein rufe. Sonst wird lokales Engagement – wie ihr ja auch schreibt – leicht biedermeierlich oder gar reaktionär.
Sicherlich ist es euch nicht entgangen, dass auch rechtspopulistische Strömungen das Lokale und Regionale hochhalten. Das ist erst einmal nichts Schlechtes; zu kritisieren ist es allerdings dann, wenn das Wohl einer partikularen Gemeinschaft auf Kosten einer anderen durchgesetzt wird. Gemeinwohl ist nur dann ein Konzept, das affirmiert werden kann, wenn dabei letztlich die ganze Menschheit gemeint ist. Deshalb bin ich froh, dass es Menschen und Initiativen gibt, die globale Zusammenhänge im Auge haben und Alternativen hierfür ent­wickeln. •

 

Lara Mallien
Seit wir dem Begriff »Lassenskraft« begegnet sind und ihn in unseren Alltag holen, staune ich darüber, wie wenig »passiv« Lassenskraft sich anfühlt. Etwas bleibenzulassen, nicht mehr zu einem Suchtmittel zu greifen, kostet zum Beispiel viel Kraft: etwas loszulassen, woran ich Erwartungen geknüpft hatte, etwas zuzulassen, das bisher unmöglich schien, eine Emotion herauszulassen oder freizulassen, die bisher unterdrückt war, etwas zu entlassen, das vorher an einen gebunden war, usw. Lassenskraft kann auch verletzen – zum Beispiel, indem jemand alleingelassen oder verlassen wird, und auch das ist nichts Passives, sondern dem gehen unter Umständen ein heftiger emotionaler Prozess und eine Entscheidung voraus. Die Qualität des »Lassens« scheint eine Art Fenster oder Durchstieg in einen Raum zu sein, in dem ein Schwingen zwischen Polaritäten möglich ist – vielleicht ähnlich wie im Daoismus. Wie extrem wir in der abendländischen Kultur vom Entweder-Oder-Denken geprägt sind, fällt uns immer wieder auf. Zu erleben, wie zwei Aspekte völlig gleichrangig oder gleichwertig präsent sein können, scheinen mir Schlüsselmomente zu sein, durch die eine »neue« oder vielleicht auch ganz alte und lange unterdrückte Qualität in die Welt kommt. Neues zuzulassen bzw. sich dafür zu öffnen und gleichzeitig auf etwas Bestehendem sinnvoll aufzubauen und es zu würdigen – das ist zum Beispiel eine Polarität, mit der wir im Oya-Team oder auch in der Klein Jasedower Gemeinschaft viel zu tun haben.
Ich finde es lehrreich, zu erforschen, welche Polaritäten in der Lassenskraft an sich versteckt sind. Wenn ich das Geldverdienen bleibenlasse, weil ich Wirtschaften nicht mehr als Tauschen, sondern als Prozesse des Gebens verstehen will – dann falle ich sofort aus dem System und bin herausgefordert, mir aktiv eine Überlebensstrategie zu überlegen. Vielleicht entfaltet das, was mir dann einfällt, große Wirksamkeit oder gar etwas Revolutionäres. Interessanterweise steht am Anfang ein Schritt zurück – nicht ein Schritt »nach vorn«, wie man das bei Revolutionären immer vermutet.
Nur in den Moment des »Lassens« bewusst hineinzugehen, auch das ist für mich aktiv – aber eine andere Art von Aktivität, als wir sie normalerweise verstehen, die dort als Aktio­nismus »im Außen« stattfindet. Ist diese Idee von »Innen« und »Außen« vielleicht sowieso nur etwas, das uns unsere abendländischen Konditionierungen aufgedrückt haben? •

 

Matthias Fersterer
Lassenskraft ist nicht gleichbedeutend mit einer Abkehr von der Welt. Ich verstehe sie eher als eine bewusste Hinwendung zum großen Ganzen. Indem ich seinlasse, was mich von der Welt trennt – die Geschäftigkeit, das Getriebensein, das Machenmüssen –, öffne ich mich für eine Qualität der Verbundenheit und gehe über mich selbst hinaus. Diese Art der Selbsttrans­zendenz bezeichnete Václav Havel als die einzige Alternative, die der Menschheit zum Aussterben bleibt (siehe Seite 62).
Was die Gefahr der Retro-Romantik angeht, ist die Rückkehr zu einem vermuteten Ideal – unabhängig davon, ob diese wünschenswert wäre oder nicht – schon deshalb nicht möglich, weil wir mit dem Erbe der industrie­modernen Kultur und Unkultur umgehen müssen, ob wir wollen oder nicht. Es gibt kein einfaches Zurück von über 400 aktiven Atomreaktoren weltweit, von scharfen Minenfeldern, von ausgestorbenen Tier- und Pflanzenarten, erodierten Böden, vergifteten Gewässern usw. •

 

Jochen Schilk
Charles Eisenstein, der diese Dinge ausführlich in seinem Buch »Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich« (siehe Seite 46) behandelt, weist wiederholt darauf hin, dass es Zeiten für alles gibt: für politischen Aktivismus ebenso wie für (politisch) scheinbar unbedeutende Tätig­keiten. Die Kunst bestehe darin, zu erkennen, was die Zeit im Moment verlange. Das ganze Buch dreht sich darum, dass in ­einer Weltsicht, die auf der allgegenseitigen Verbundenheit (im Gegensatz zum bisherigen Paradigma der totalen Trennung von allem und jedem) beruht, auch ganz unscheinbare Dinge zum Gedeihen des großen Ganzen beitragen. Er bringt etwa das Beispiel des »Adbusters«-Herausgebers Kalle Lasn (»Lasnkraft«?), der seine 95-jährige Schwiegermutter pflegte und diese Erfahrung als mindestens ebenso weltverschönernd empfand wie all den politischen Aktivismus, den er sonst betrieben hatte. •

 

Thomas Oser
Es freut mich, dass meine Gedanken bei euch eine solche Resonanz hervorgerufen haben.
Ich hatte ja vor allem das Lassensmoment in der Wirkkraft im Auge und nahm das Kraft- oder Wirkmoment im Lassen nicht eigens in den Blick. (Vielleicht ist das meiner derzeitigen Lebenssitution geschuldet, die mich zu sehr ins Außen treibt.) Ich sehe es aber zumindest in einer Hinsicht auch so, dass Lassen zunächst eine ganz besondere Kraft erfordert – eine Kraft, die sich vom vielfältigen Getriebensein mitunter geradezu losreißt, sei es vom Getriebensein, das uns die Megamaschine implantiert, sei es von dem, was unser vitaler Lebensdrang von Natur aus mit sich bringt.
Ich glaube aber auch, dass der Fluchtpunkt allen Lassens letztlich frei von jedweder Kraft und jedem Wirken ist – am ehesten vielleicht das, was du, Lara, ein »Herauslassen« und »Freilassen« nennst. Vielleicht könnte man auch das Bild eines »reinen Ausfließens« nehmen. Das heißt aber nicht, dass – wenn man es erlebt – es nichts mit einem machte. Im Gegenteil: Es ist womöglich mit das Großartigste, was man erleben kann!
Ich möchte auch die beiden Philosophen nennen, die mir diese Gedanken vor allem nahegebracht haben: da ist zum einen Schelling, der einmal vom »Willen, der nichts will« sprach und der darauf eine ganze Philosophie aufgebaut hat. Zum anderen möchte ich Schopenhauer nennen, der wie kaum ein anderer erkannt hat, dass ästhetische Erfahrungen nur möglich sind, wenn man sich vom Getriebensein losreißt.
Dann hat mir der Hinweis auf Charles ­Eisenstein gefallen. Auch ich habe bei meiner Lektüre seines Buchs an dieser Stelle innegehalten, vielleicht deswegen, weil ich gerade versuche, so gut ich kann, für meine kranke Mutter dazusein. •

 

Thomas Oser ist Philosoph, Theaterregisseur und Stadtentwickler. Er hat das »Forum zukunftsfähiges Nürtingen« mit auf dem Weg gebracht und wirkt im Nürtinger Kulturzentrum »Alte Seegrasspinnerei« mit. www.philosophie-theater.de