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Vom ­Redaktions­team, das gemeinsam versucht, gleiche Augenhöhe zu finden

von Der Schwarm , erschienen in 42/2016

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© Foto: www.baumhausberlin.de

Lara Mallien [10:13] … Wollen wir jetzt mit unserer Themensammlung für die nächste Ausgabe beginnen?

Anja Humburg Ich habe noch einen Grundsatzgedanken, den ich gerne äußern würde, bevor wir auf eine praktische Ebene gehen. ­Jochen, du sagtest vorhin: »Ich weiß nicht, wie ich im Moment etwas zum Oya-Fokusteil beitragen kann.« Genau das ist bei mir auch der Fall, und der Grund dafür lautet: Ich traue es mir nicht zu. Ich muss ehrlich mit mir sein und habe versucht, herauszufinden, was dieses Gefühl auslöst. Ein bisschen Bequemlichkeit ist dabei. Am liebsten würde ich die ganze Zeit Gedanken von Lara und Johan­nes lesen. Das fühlt sich schräg an, aber es ist im Moment so, es kommt mir blöd vor, aber ich muss es aussprechen. Wie hebeln wir das aus? Es soll ja nicht mehr alles nur auf euch beiden lasten.

Johannes Heimrath Ja! Was, wenn uns erfahrene Oya-Leute ein Lkw überfahren würde?

Anja Humburg Aktuell gäbe es Oya dann nicht mehr.

Johannes Heimrath So ist es. Wir müssen auf diesen Boden der Wahrheit kommen, sonst betrügen wir uns gegenseitig. Ich bin dir dankbar, Anja, dass du das so offen sagst. – Was müsste geschehen, damit du die Schwelle, die du fühlst, überschreiten kannst? Was muss geschehen – in dir oder im Team oder politisch oder in der Welt –, dass du dieses Empfinden des Minderen überwindest?

Maria König Wenn ich mich frage, was ich an der Arbeit der bis­herigen Oya-Redaktion schätze, ist es die Erfahrung der Älteren, der Vorangegangenen. Ihr habt eine bestimmte Art, im Feld der ökologisch-alternativen Themen einen Fokus zu setzen: einerseits die Dinge kritisch zu hinterfragen, andererseits wertzuschätzen, was da ist. Wenn ich in der Vergangenheit mit Lara über die Planung von Oya-Artikeln gesprochen habe, ging mir oft durch den Kopf: Wahrscheinlich denkt sie gerade, ich sei eine Anfängerin, ich steckte noch im Urschleim ökologischen Denkens. Durch das, was sie mir erklärt hat, habe ich mich aber nie herabgesetzt gefühlt.
Wenn ich mir vorstelle, ihr beiden – Lara und Johannes – wäret nicht da, und wir Neuen müssten gemeinsam die nächste Oya her­ausbringen, würde ich mich bei jedem Artikel fragen: Trifft er das, wovon ich ahne, was Oya ist? Davon ausgehend, würde ich mit den anderen in Austausch treten. Vielleicht würden wir von selbst merken, was fehlt oder wohin es gehen könnte.

Matthias Fersterer Anja, ich frage mich gerade, ob es dir helfen würde, dir zu vergegenwärtigen, dass niemand für sich allein einen Text in die Oya setzt – auch nicht Johannes und Lara. Alles wird von anderen gelesen und mit Feedback versehen. Auch entstammen nicht alle Gedanken notwendigerweise der Person, deren Name über dem Artikel steht, und manchmal steht da auch gar kein Name, und wir schreiben gemeinsam – alles entsteht aus einem ­Zusammenspiel, das immer wieder anders ist.
Was mich in diesem Zusammenhang auch beschäftigt: Ich nehme dich, Johannes, als eine moralische und intellektuelle ­Instanz wahr. Es gibt zwar Situationen, in denen ich dir widerspreche, und manchmal habe ich dich schon eines Besseren belehrt, aber was du denkst, sagst und schreibst, setzt für mich einen gewissen Maßstab. Gäbe es den nicht mehr, würde mir etwas fehlen.

Sarah Franz Ich fühle mich hier auch in der Rolle einer Schülerin – ich lerne viel, sauge gerne Inspirationen auf und erlebe dauernd Oya-Momente, die allerdings nicht so stark oder eindrucksvoll sind, dass ich meine, sie mit der ganzen Welt teilen zu müssen. Mir helfen im Moment klare Aufgaben: »Schreibe uns bitte fünf Nachrichten!« Das Feedback zu diesen kleinen Texten ist für mich enorm wertvoll.
Johannes Heimrath Wir sind in einer für mich nur schwierig zu lösenden Situation. Sarah, du verwendest den Begriff »Schülerin«. Da spannt sich in mir der gesamte Gedankenbogen auf, der mit der Problematik des »Schülers«, der »Schülerin«, zu tun hat, und in meinem Kopf entstehen drei, vier Modelle, wie wir zu diesem Thema ­einen Oya-Schwerpunkt konzipieren könnten. Wenn ich die nun äußere, würde ich schon wieder etwas vorgeben und die Rolle des Lehrers, die ihr mir offenbar implizit zuweist, zementieren. Ich will aber kein »Lehrer« sein! Wieso wirkt das, was ich tue, so, dass Anja sich »minder« fühlt? Sie sieht sich nicht in der Lage, ­ebenbürtig schreiben zu können. Das bedeutet, dass sie mir einen »­höheren« Rang zuweist, den ich nicht einnehmen will – gar nicht! Ich möchte mit euch auf ein und derselben Ebene kommunizieren.
Mit dieser komplizierten Situation sind wir nicht allein; es geht Tausenden Leuten so! Die ganze Gesellschaft leidet unter dem Schülerbewusstsein. Das ist ein brennendes Thema! Wenn ich jetzt so, wie ich bin, auftrete, mit Begeisterung und entsprechend leidenschaftlicher Stimme einen Vorschlag einbringe, fördere ich genau den Effekt, dass ein Älterer – ich – vorangeht und die Jüngeren – ihr – hinterherwackelt. Sollte ich besser spazierengehen und euch allein sprechen lassen? Mir wird gesagt, ich sei zu laut, zu schnell, ich überforderte die Leute. Das ist alles gute Kritik, mit der ich auch umgehe. Aber wie bringe ich dennoch meine Anliegen ein? Wenn ich jetzt schweige, spürt ihr doch, dass ich etwas zurückhalte!

Angela Kuboth  Ich habe in Jahrzehnten journalistischer Arbeit einen Herausgeber schmerzlich vermisst. Für mich ist eine Herausgeberin oder ein Herausgeber eine Person, die woanders steht als das Redaktionskollektiv. Deswegen lasse ich mich von deinem Können, Johannes, und von deiner Ausdruckskraft nicht beeindrucken. Du wirkst zwar unterstützend bei Interviews mit, aber sonst bleibst du bei der Redaktionsarbeit ja eher im Hintergrund.
Aber ich kann Anja bestens verstehen: Im journalistischen Alltag wird einem normalerweise vorgegeben, was abzuarbeiten ist. Bei Oya ist das anders. Das verunsichert mich auch: Kürzlich habe ich einen Vorschlag von Lara, über ein Projekt zu schreiben, abgewehrt und gemeint, ich käme lieber nur zum Fotografieren mit. Aber dann habe ich noch einmal all die vielen Leserbriefe an Oya auf mich wirken lassen und mich gefragt: Welches Thema möchte ich gerne authentisch aufarbeiten und anderen vermitteln?

Anja Humburg Ich fühle mich gerade ausgesprochen wohl. Als Matthias von dem gemeinsamen Schreiben gesprochen hat, habe ich in mir ein großes »Ja« gespürt!

Matthias Fellner Ich kenne die Situation, die Johannes beschreibt: eine Rolle zugewiesen zu bekommen, die man selbst nicht einnehmen möchte. In der Agentur, die ich früher geleitet habe, wollte ich die Strukturen festlegen. Anfangs war das stimmig, weil ich eine Vision hatte, wohin es gehen sollte, aber ich habe mich mehr und mehr damit unwohl gefühlt, denn ich wollte, dass das Potenzial aller Beteiligten zum Tragen kommt. Bei Oya merke ich, wie ich mich letztes Jahr noch stark zurückgehalten habe, weil ich nicht den Raum gespürt habe, mich in meiner Ganzheit einbringen zu können. Vieles war für mich schwer zu durchschauen, und wir kannten uns als Team noch nicht wirklich. Gerade finde ich es sehr gut, ­offen und ehrlich über alle Unsicherheiten zu sprechen.
Seit ich Lara, Johannes und Matthias kenne, beschäftigen wir uns mit dem Thema »Youth & Elders« – mit der Frage, was die Qualität eines »Ältesten« sein kann. Dass es sie bei Oya gibt, empfinde ich als große Stärke: Da ist noch mehr als dieses Jugendlich-Flatter­hafte, das hier und dort mal etwas Schönes ausprobiert, sondern da gibt es eine langjährige Fundierung durch Lebenserfahrung, und die möchte ich unbedingt erhalten.

Andrea Vetter Ist nicht genau das ein wichtiger Themenstrang, zu dem wir in Oya forschen sollten? Wie wirken Jung und Alt zusammen? Welche Muster wirken dabei in Bezug auf Autorität? Lasst uns das anschauen – von allen Seiten! In den letzten Jahren hat mich das Thema viel beschäftigt, zum Beispiel in politischen Gruppen, in denen häufig sehr starke informelle Hierarchien wirken und Autorität von älteren Männern ausgeübt wird – logischerweise, weil unsere Gesellschaft seit Hunderten von Jahren patriarchal geprägt ist, so dass ihnen diese Rolle leichter fällt und sie auch leichter von anderen angenommen wird.
Ich frage mich, was die positive Seite von Autorität sein kann. Selbstverständlich sind wir immer herausgefordert, Hierarchien zu verhindern, aber ich denke, es ist nicht sinnvoll, Autorität an sich abzulehnen. – Es geht mir übrigens nicht so, dass ich mich als »Schülerin« von Johannes fühle.

Johannes Heimrath Vielleicht sehe ich mich sogar als »Schüler« von dir!? In den Kreisen, in denen wir in den 1960er und 70er Jahren begonnen haben, kritisch über Autorität gegenüber Kindern nachzudenken, haben wir zwischen »Autoritäten« und »autoritärem Verhalten« unterschieden. Selbstverständlich ist eine Person, die etwas kann, für andere, die noch auf der Suche sind, eine Autorität. Hinter dem Wort steht »Autor« – »Urheber«, von lateinisch »auctor« – es drückt aus, etwas generieren und fördern zu können.
Lara Mallien Mit Johannes spreche ich oft über die Frage, ob es einen Mittelweg zwischen »wir prägen etwas ganz und gar« und »wir ziehen uns weitgehend zurück« gibt. Ich glaube nicht, dass es um Rückzug geht. Unsere Konstellation hat eine besondere Qualität: In unserer Runde hat Johannes ganz klar die Rolle des Ältesten inne. Ich selbst gehöre zwar der jüngeren Generation an, habe aber schon viele Jahre lang Erfahrungen in der Praxis gesammelt. Außer­dem gibt es Leute unterschiedlichen Alters mit mehr oder weniger Oya-Erfahrung. Deshalb ist es eine Beispielsituation, die wir auch anderen zugänglich machen könnten. Ich weiß aus vielen Zusammenhängen, wie sensibel das Thema ist: Kann tatsächlich ein gemeinsamer Raum entstehen, wenn Menschen mit verschiedenen Erfahrungshorizonten und Altersstufen versuchen, gemeinsam etwas zu verwirklichen – oder bleiben immer ein Ungleichgewicht und blinde Flecken, weil auf einer unbewussten Ebene etwas unterdrückt wird? Wie ließe sich das sichtbar machen?
Ich finde es immer schrecklich, wenn ein »Autoritätskonflikt« dazu führt, dass sich Johannes innerlich zurückzieht; ich möchte ihn unreduziert mit all seiner Kreativität in unserer Runde haben – so wie ich mir das auch von allen anderen wünsche! Ich erlebe aber auch, dass seine Impulse so stark sind, dass manchmal keine anderen mehr eingebracht werden. Dann frage ich mich, ob nicht alternative Ideen verlorengehen, neue Klänge nicht hörbar werden. Was muss geschehen, damit ein starker Vorschlag aus den Reihen der Ältesten als Ermutigung zum Selbstdenken, Weiterdenken oder eben auch Andersdenken erfahren wird?

Matthias Fersterer Worauf ich überhaupt keine Lust habe, ist, wenn auf vermutetes autoritäres Verhalten anti-autoritäre Reaktio­nen folgen und dadurch Reibungsverluste entstehen. Das könnte bei mir dazu führen, dass ich mich zurückziehe. Bei Machtkämpfen bin ich nicht dabei. Wenn es irgendwo reibt, können wir uns die Dinge ansehen. Lasst uns da genau hinschauen!

Anja Humburg Ich habe das Gefühl, dass sich unter uns gerade ein wunderbares Vertrauen aufbaut. »Raus mit allem, was in mir drin ist!« – so sprechen alle gerade, und das entspricht mir sehr.

Sarah Franz Was mir gerade klar wird: Ich kenne auch einen »­Johannes« in mir. Im Kreis meiner Freunde und Familie bin ich oft diejenige, die »mit den Fackeln voran« geht und die auch als »Lehrerin« – wenn wir diesen ungünstigen Begriff verwenden wollen – wahrgenommen wird. Mir scheint, ich habe mit dem Oya-Redaktionskreis nach einem Ort gesucht, an dem auch ich lernen kann, wo ich Schwäche zulassen, mich öffnen, Neues erfahren kann. Ich empfinde Lernen als positiv. Zugleich frage ich mich, wie ich die starke Sarah, die ich draußen bin, in den Kreis holen soll.

Matthias Fellner Ich freue mich sehr über diese Runde, weil ich das Gefühl habe, dass hier Menschen sind, die alle die Kraft ­haben, sich auf einer Ebene einzubringen. Im letzten Jahr ist es im Oya-Team nicht einfach gewesen, die Verantwortung auf mehrere Schultern zu verteilen, auch andere einzubeziehen als nur die, die sowieso immer die Verantwortung getragen haben. Erfahrungsgemäß wird es immer schwierig, wenn Geld ins Spiel kommt. Deshalb wird es spannend werden, wenn wir versuchen, aus einem gemeinsamen Topf zu wirtschaften: Welche klassischen Muster in Bezug auf Geld und Leistung, die tief in den meisten von uns verankert sind, kämen dann zum Vorschein? Darüber würde ich gerne genauso offen sprechen, wie wir es jetzt zum Thema »Autorität« tun.

Maria König Wenn ich an das komplexe Thema »Geld« denke, finde ich es großartig, dass wir gemeinsam ein Magazin machen. ­Dadurch haben wir die Möglichkeit, Konflikte oder Herausforderungen für andere zu dokumentieren. •

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