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Kritische Metalle in der ­Großen Transformation (Buchbesprechung)

von Anja Humburg , erschienen in 41/2016

Ob unterirdisch verpresste Ölseen, Manganknollen und Kobaltkrusten am Tiefseemeeresboden oder in Gesteinen eingelagerte Sulfiterze – alle Rohstoffe kommen auf natürliche Weise in der Erde vor. Solange sie  niemand in großem Maß bewegt, besteht keine Gefahr, weder für Mensch noch für die Natur. Ihre Mobilisierung aber, die gerade auch mit der Energiewende und der Digitalisierung in größerem Stil denn je vorangetrieben wird, bringt das planetare Gefüge aus dem Gleichgewicht. So »öko« die Energiewende klingt – wer eine Million Elektroautos fordert, braucht auch eine Million Akkus, die alle paar Jahre erneuert werden müssen. Selbst Postwachstumsökonomen brauchen ab und zu einen neuen Computer, Tür­beschläge, Töpfe, Schrauben, Regenrinnen, Gitarrensaiten, ja sogar einen Staubsauger und ein Telefon. Ganz ohne Eisen, Aluminium, Nickel und Palladium wird es selbst in kühnsten Postkollapsträumen nicht gehen. Die Wissenschaftler Andreas Exner, Martin Held und Klaus Kümmerer sprechen gar von einer »Metallisierung« der Gegenwart. In ihrem Sammelband »Kritische Metalle in der großen Transformation« werfen sie einen interdisziplinären Blick auf die Metall­frage, der weit über Berechnungsmodelle für die künftige Versorgungssicherheit des Globalen Nordens ­hinausgeht.
Sie identifizieren metallene Mythen, wie etwa die durch Wärmeverluste aufgefressenen Energiespareffekte von LEDs, und relativieren versöhnlich klingende Recyclingraten von (gar nicht so seltenen, aber lange Zeit durch China nahezu monopolisierten) Seltenen Erden. Ein Teil der Metalle »verschwinde« in Legierungen oder schlicht durch Abnutzung, ein vollständiger Kreislauf sei nicht möglich. Das Buch fragt auch, wie bestimmte Metalle durch andere Materialien ersetzt werden können, und es rückt den Blick aufs »Fairphone«, das bei näherem Hinschauen höchstens ansatzweise »konfliktfrei« ist, gerade. Ob es überhaupt so etwas wie ein enkeltaugliches Smartphone geben kann, ist fraglich.
Mit ihrem Buch lenken die Herausgeber die Debatte aber auch auf eine wirklich entscheidende Sache: Sich mit Energiefragen, Schwermetallen und Chemikalien zu beschäftigen, reicht nicht aus! Der Wandel des »gesellschaftlichen Stoffwechsels mit der Natur« und die damit verbundene »Stoffwende« sind bislang weitgehend ungeachtet von politischen Maßnahmen oder gesellschaftlichen Debatten geblieben. Wie sähe so eine Stoffwende unter der Annahme von absoluten Ressourcengrenzen aus? Die Autoren ziehen durchaus radikale Schlüsse. Folge man der Logik der »starken Nachhaltigkeit«, so dürfe gar kein Bergbau mehr stattfinden. Die von den Autoren geforderte »Rohstoffgleichheit« (im Unterschied zur rohstoff-imperialistischen »Versorgungssicherheit«) setze die Überwindung kapitalistischer Produktionsweisen inklusive einer Befreiung von Wachstumsorientierungen voraus und würde zu einer weitreichenden Umverteilung von Zugängen und Beständen von Metallen führen.
Die konkreten, weiterführenden Handlungsvorschläge wie etwa Nutzungskaskaden (also vielfache Stoff-Nutzungszyklen auf hohem Niveau), ein Ressourcenkataster oder Nutzungs-Sharings bleiben angerissen. Doch gerade aus der sozial-ökologischen oder solidar-ökonomischen Perspektive der Autoren wären Ansätze einer solidarischen Metallökonomie ähnlich der solidarischen Landwirtschaft interessant gewesen; zum Beispiel hätten sie auf den über 300 Seiten andere Organisationformen für Minen und Vertriebswege beleuchten können. Wie könnte der informelle Kleinbergbau etwa im brasilianischen Carajás aus prekären Arbeitsverhältnissen resiliente lokale Gemeinschaften machen? Welche ­Alternativen gibt es zu den durchweg hochtechnisierten, energie­intensiven und zentralisierten Hütten? Gibt es schon heute Beispiele für lokale, gemeinschaftliche Kleinproduktions­stätten, die etwa Anlagen aus vergangenen Zeiten wiederbeleben und an sich verändernde Kontexte anpassen?
Das Buch ist zwar ein wissenschaftlicher Band, die Herausgeber wenden sich aber auch an interessierte Laien, führen in grundlegende Begriffe ein und ermöglichen es so, die komplexe Angelegenheit auch ohne Chemiedoktorwürde zu begreifen. Dies ist sicherlich den zahlreichen Disziplinen zu verdanken, die an diesem Buch mitgewirkt haben: Industrieökonomen, Energiepolitikwissenschaftler, Afrika- und Asienexperten, Sozialkybernetiker, Zeitökologen, Ethnologen, Sozialökologen. Auch sie mussten im Lauf des Entstehungsprozesses eine gemeinsame Sprache finden, um einander zu verstehen.
Während herrschaftskritische Perspektiven durchweg präsent sind und etwa geopolitische Auseinandersetzungen der Landnahme thematisiert werden, vermisse ich die emanzipatorische Seite der Diskussion. Aus der Rolle der Versorgenden heraus hätten sich möglicherweise stärker bedürfnis- als konsumorientierte Modelle und Handlungsoptionen ergeben. Der wissenschaftlichen Debatte sollte nun eine gesellschaftliche und politische Auseinandersetzung mit der dringend erforderlichen Stoffwende folgen. ◆

Kritische Metalle in der ­Großen Transformation
Andreas Exner, Martin Held u. a. (Hg.)
Springer, 2016
360 Seiten
39,99 Euro