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Auch in der Stadt ist der Mensch nicht gern alleine!

Erkenntnisse aus dem Forschungsprojekt »Urbane Resilienz und neue Gemeinschaftlichkeit«.

von Kariin Ottmar , Steffen Emrich , erschienen in 41/2016

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© Foto: Steffen Emrich

Was wäre, wenn es in Städten mehr Gemeinschaftlichkeit gäbe?« »Verändert sich das Leben in einem Stadtteil, wenn es dort eine Gemeinschaft oder einen gemeinschaftlichen Bezugspunkt gibt?« »Können Projekte wie Ökodörfer, Lebensgemeinschaften und Kommunen Antworten auf Fragen nach einer nachhaltigen Stadtentwicklung geben?« »Sind ihre Erfahrungen übertragbar – und wenn ja, wie können sie für die Stadtgesellschaft fruchtbar gemacht werden?« Diese und ähnliche Fragen haben wir uns als Projektteam vom Global Ecovillage Network (GEN) gestellt, als wir die Möglichkeit bekamen, ein vom Umweltbundesamt gefördertes Projekt durchzuführen. Dabei war eine unserer Annahmen, dass die Umsetzung von in Lebensgemeinschaften gelebten Innovationen – wie gemeinsames Einkaufen, Kochen und Essen; gemeinsame Nutzung von Ressourcen von der Waschmaschine über die Bohrmaschine und das Bücherregal bis zum Auto; gemeinschaftlicher Besitz an Grund und Boden; eine Vielzahl an kollektiv genutzten Flächen; partizipative Entscheidungsstrukturen, Produktion von Lebensmitteln; soziale ­Aktionen etc. – auch in Städten zu einer verstärkten Resilienz, d. h. zu einer ökologischen und sozialen Widerstands­fähigkeit beitragen kann.
Prognosen gehen davon aus, dass 2050 bis zu 75 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben werden und daher eine sozial­ökologische Erneuerung der Städte zwingend erforderlich sei. Wir wollten wissen, welche Fähigkeiten, aber auch welche konkreten sozialen, ökologischen, ökonomischen und kulturellen Aspekte aus Gemeinschaftszusammenhängen ein resilientes Leben in der Stadt begünstigen können. Vor diesem Hintergrund haben wir uns das Projektthema »Urbane Resilienz« ausgesucht und sind im Mai 2015 ambitioniert und mit hohen Erwartungen an mögliche Ergebnisse gestartet.
Eine der Herausforderungen bestand darin, zwei sehr unterschiedliche Lebenswelten zusammenzubringen: Stadtgesell­chaft und Landgemeinschaften. Die Ökodörfer in Deutschland und auch die meisten Lebensgemeinschaften und Kommunen liegen im ländlichen Raum. Entgegen dem Trend des demografischen Wandels ziehen hier jüngere Menschen mit Kindern aufs Land, schaffen Arbeitsplätze, gründen Waldkindergärten und manchmal sogar Schulen. Das Schaffen dieser Raumpioniere strahlt oft in die Region aus und motiviert andere, sich im Umfeld anzusiedeln. Ist aber der meist ländlich geprägte Lebensstil der Gemeinschaften überhaupt interessant und wünschenswert für Stadtbewohner?
Uns wurde schnell klar, dass eine simple Übertragung nicht funktioniert. Dies betrifft vor allem den ganzheitlichen Ansatz von Nachhaltigkeit, denn das Besondere z. B. an Ökodörfern sind nicht deren einzelne Praktiken. Diese gibt es als Partikularlösungen auch in Städten, und sie werden dort als Innovationen gefeiert; man denke nur an Carsharing, Repair-Cafés, Urban-Gardening-Projekte, Tauschringe usw. Das wirklich Besondere an Ökodörfern ist der explizit auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Lebensstil, der die vier Nachhaltigkeitsdimensionen – sozial, ökologisch, ökonomisch und kulturell – zugleich umfasst. Dieser Ansatz ist in seiner Komplexität nur schwer vermittelbar und in kleinen Häppchen nur schwer übertragbar. Auch widerspricht er dem zumeist sektoralen Denken in Komunalverwaltungen oder der Politik.
Erfreulich war, dass unsere Vorträge und Workshops über das Leben in Gemeinschaft in den Städten auf großes Interesse stießen. Deutlich war aber auch, dass sich die meisten Städterinnen und Städter nicht für eine solche Lebensform entschieden haben. Eine typische Aussage einer Workshopteilnehmerin lautete: »Ich finde das richtig toll und beeindruckend, was ihr da in euren Projekten so macht. Doch, ehrlich gesagt, kann ich mir nicht vorstellen, in einem Ökodorf zu leben. Das wäre mir alles viel zu dicht. Zwar wünsche ich mir mehr Gemeinschaftlichkeit in meinem Umfeld. Ich genieße aber auch die Anonymität und Unverbindlichkeit.« Entsprechend besteht der Zugang nicht darin, ein Standardmodell für ein Ökodorf zu entwickeln und in die Stadt zu »verpflanzen«, sondern darin, in partizipativen Prozessen herauszufinden, welche Bedürfnisse für die Bewohner relevant und welche Strukturen notwendig sind, damit diese Bedürfnisse auch im städtischen Umfeld befriedigt werden können. Solchen Prozessen sind wir in Kassel sowie im Karlsruher Viertel Oststadt nachgegangen.
Die Orte waren nicht zufällig gewählt. In Karlsruhe konnten wir mit dem Projekt »Quartier Zukunft – Labor Stadt« des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) zusammenarbeiten, das seit 2012 in der Oststadt eine umfassende nachhaltige Entwicklung unterstützt und dafür seither viele Akteure sensibilisieren konnte. Aufbauend auf dieser Arbeit haben wir untersucht, inwieweit die Gedanken von Ökodörfern dort auf fruchtbaren Boden fallen.
In der Region Kassel gibt es mit fünf intentionalen Gemeinschaften eine überdurchschnittlich große Dichte an solchen Projekten. Hier galt es, schwerpunktartig zu untersuchen, ob es einen spürbaren Einfluss dieser Gemeinschaften auf das Stadtleben gibt und wie Kassel davon profitieren kann.

Das Beispiel Karlsruhe
In Karlsruhe haben wir einen Zugang auf Quartiersebene gewählt. Im Rahmen einer dreiteiligen Workshopreihe hatten wir die Gelegenheit, mit Bewohnerinnen und Bewohnern der Oststadt unsere Fragestellungen gemeinsam zu erarbeiten. Dabei wurde deutlich, dass die Erfahrungen aus Ökodörfern auf großes ­Interesse stießen, insbesondere in Bezug auf die soziale und kulturelle Dimension. Es zeigte sich ein starker Wunsch nach mehr sozialer Einbettung, nach mehr Miteinander und gegenseitiger Unterstützung im Quartier. Neben Aspekten der Gemeinschaftlichkeit wurde auch das Bedürfnis nach mehr Natur, Ruhe und Zeitsouveränität artikuliert – alles Aspekte, die sich unter der Überschrift »Mehr Lebensqualität« zusammenfassen lassen. Aus diesem Oberthema entwickelten wir im Workshop, angelehnt an den gemeinschaftlichen Speiseraum in Ökodörfern, die Idee einer »Quartiersmensa« für die Karlsruher Oststadt. Diese könnte das Bedürfnis nach mehr sozialem Miteinander ebenso befriedigen wie den Wunsch nach hochwertigem, ökologischem Essen. Weitere Innovationen auf der ökonomischen und ökologischen Ebene ließen sich in diesem Ansatz integrieren – etwa eine solidarische Landwirtschaft oder Food-Sharing, um die Küche zu beliefern, oder die Entwicklung einer lokalen Energieautarkie entweder durch einen Biomeiler, mit dem der Kompost verwertet werden kann, oder durch Solarpanels auf dem Dach.

Das Beispiel Kassel
In Kassel haben wir einen gesamtstädtischen Zugang gewählt und dabei festgestellt, dass die Öffentlichkeitswirksamkeit der dortigen Gemeinschaften zwar überraschend gering ist, dass sie aber durchaus Einfluss auf die Stadt ausüben. So sind überdurchschnittlich viele Mitglieder aus Gemeinschaften in städtischen Initiativen aktiv und können bei Bedarf Infrastruktur und günstige oder gar kostenlose Veranstaltungsräume zur Verfügung stellen. Sie bieten Anschauungsräume für verschiedene Formen eines ökologischen Lebensstils, wie etwa in den Bereichen ökologisches Bauen, E-Mobilität, alternative Ökonomie oder ökologische Landwirtschaft. Außerdem wirken eine Vielzahl von Betrieben aus den Gemeinschaften im Bereich Bildung für nachhaltige Entwicklung in die Region hinein. Am Beispiel Ernährung lässt sich gut demonstrieren, wie die Interessen von Stadtbewohnerinnen mit denen von ländlichen Gemeinschaftsprojekten verbunden sind. Bei einer Ini­tiativen-Konferenz von Transition Town, Slow Food, Essbare Stadt, GEN und anderen mit dem Zukunftsbüro der Stadt Kassel haben wir mit über 150 Menschen diskutiert, wie sich die Stadt der Zukunft ernähren wird. Dabei wurde von vielen Beteiligten die Abhängigkeit vom globalen Nahrungsmittelmarkt kritisiert und darauf hingewiesen, dass wieder viel mehr auf die regionale Verfügbarkeit geschaut werden müsse, um die urbane Resilienz zu erhöhen. Sie regten beispielsweise an, Flächen im Einzugsbereich und innerhalb der Städte wieder verstärkt für Nahrungsmittelproduktion zu nutzen, Ernährungsräte aufzubauen, Versorgung in öffentlichen Kantinen, Kindergärten, Krankenhäusern und Schulen auf regionale Bioernährung umzustellen, um dort, wo die Politik Einfluss hat, positive Beispiele zu schaffen.
Hier können Gemeinschaften mit ihren landwirtschaftlichen Betrieben, mit ihren Erfahrungen in partizipativen Entscheidungsprozessen und bei der Gestaltung von Gruppenprozessen als positives Narrativ wirken und die Entwicklungen in der Stadt begleiten. So betreiben z.B. im Kasseler Umfeld die Gärtnereien zweier Gemeinschaften zusammen mit Menschen aus der Stadt bereits eine solidarische Landwirtschaft und führen praktisch vor, dass regio­nale Bioernährung möglich ist und sich durch die gemeinsame Übernahme von Verantwortung zugleich ein Wir-Gefühl entwickelt. Auch in anderen Bereichen gibt es Kooperationen, die zeigen, wie Gemeinschaften und städtische Projekte miteinander in Resonanz geraten und die Entwicklung in Richtung Nachhaltigkeit voranbringen können.

Fazit
Eines der Ergebnisse des Projekts ist die Erkenntnis, dass es für die Entstehung gemeinschaftlicher Zusammenhänge in der Stadt – vor dem Hintergrund, dass sich gewachsene soziale Bindungen immer mehr auflösen – eines Kristallisationspunkts in kleinräumlichen Strukturen bedarf, um den herum sich Gemeinschaftlichkeit im Stadtteil Schritt für Schritt entwickeln kann. Gleichzeitig gibt es auf der politischen bzw. der Verwaltungsebene viele Möglichkeiten, Gemeinschaftlichkeit und gemeinschaftliche Aktivitäten zu fördern, die bislang völlig unzureichend genutzt werden. Dazu gehört beispielsweise die Erleichterung des Zugangs zu Flächen (etwa zur Anlage von Gemeinschaftsgärten), die Beratung von Initiativen, aktive Bürgerbeteiligung auf Augenhöhe, die Möglichkeit, Veranstaltungsräume zu nutzen, die Unterstützung von Modellprojekten etc.
So ein Kristallisationspunkt, von dem aus sich eine Kultur der Nachhaltigkeit ausbreiten kann, könnte in der Karlsruher Oststadt beispielsweise aus besagter Quartiersmensa oder einem Quartierszentrum bestehen. In anderen Städten mögen es andere Lösungen sein. Damit ein Projekt wirklich »von unten« getragen wird, ist es jedoch wichtig, dass dieser Kristallisationspunkt ein zentrales Bedürfnis der lokalen Bevölkerung anspricht und für die Beteiligten einen echten Zugewinn darstellt. Deutlich wurde zudem, dass für solch einen Prozess Unterstützung durch externe Begleiter und Ideen-Werkstätten – die im Idealfall von der Stadt finanziert werden – nötig sind. Zwar gibt es das artikulierte Bedürfnis, gemeinschaftliche Orte und Qualitäten in der Stadt zu haben, gleichzeitig ist aber auch ein großer Mangel an Selbstermächtigung feststellbar: Die Veränderungen sind gewünscht, aber der Glaube daran, diese auch selbst bewirken zu können, ist äußerst gering und wird bei mangelnder Unterstützung von außen schnell in den Bereich der Träume entsorgt.
Eines ist jedoch unübersehbar: All diese Überlegungen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie angesichts der ­immensen Aufgabe einer großen Transformation nur sehr kleine Schritte darstellen, für die zudem ungeheuer viel Zeit aufgebracht werden muss. Ein »Weiter-So« ist aber auch keine Option. Es führt kein Weg daran vorbei, den Mainstream mit seinem sozial prekären, energie-fressenden, konsum­orientierten Lebensstil zu verändern. Dazu bedarf es neben einer Vision von lokaler Resilienz auch den Glauben daran, die Kontrolle über die Grundbedürfnisse wieder in die eigenen Hände nehmen zu können.
Existierende Gemeinschaftsprojekte sind ermutigende Beispiele für gelebte Nachhaltigkeit, denn sie zeigen, dass es möglich ist, einen befriedigenden Lebensstil – eine luxuriöse Einfachheit – zu leben und gleichzeitig den ökologischen Fußabdruck zu verringern. Sie bieten die konkrete Vision eines kulturellen Wandels, in der Beziehungen, Kooperation und ein ökologischer Lebensstil mehr zählen als Konsum und Konkurrenz. Trotz dieser Ansätze sind auch Ökodörfer und Gemeinschaften noch weit von einem weltverträglichen Lebensstil entfernt. Wir alle haben noch einen langen Weg vor uns – gemeinschaftlich ist er jedoch leichter zu gehen. •

Kariin Ottmar (49) ist Diplom-Psychologin. 2005 zog sie ins Ökodorf Sieben Linden, wo sie als Bildungsreferentin wirkte. Neben ihrer freiberuflichen Arbeit als Trainerin und Gemeinschaftsberaterin leitet sie unter dem Dach von GEN Europe die Projekte »Modelle gelebter Nachhaltigkeit« sowie
»Urbane Resilienz und neue Gemeinschaftlichkeit«.

Steffen Emrich (49) ist Stadt- und Regionalplaner, der seit über
20 Jahren in Haus- und Wohnprojekten und seit 2009 in der Gemeinschaft gASTWERKe bei Kassel lebt. Er arbeitet als Trainer, Dozent und Moderator in der Entwicklungszusammenarbeit sowie als Gemeinschaftsberater. Für GEN engagiert er sich auf nationaler und internationaler Ebene.


Mehr zu gemeinschaftlichem Leben in Stadt und Land:
www.gen-deutschland.de
Kommunenetzwerk: www.kommuja.de
www.transition-initiativen.de
www.kit.edu
www.quartierzukunft.de

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