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Von wachsendem Vertrauen

Freilernen scheint allmählich in der Gesellschaft anzukommen.

von Bianca Geburek , erschienen in 41/2016

Bild

© Foto: Matthias Müller

Auf dem »Schulfrei-Festival« folgen Familien ihrem eigenen Rhythmus. In einem ständigen Geben und Nehmen ist hier jeder Lerner und Lernbegleiter zugleich; spontan bilden sich Spielbanden und Betreuungsallianzen. Wer hier mit Zelt, Caravan oder im ausgebauten Feuerwehrauto ankommt, interessiert sich für ein erfülltes, schulfreies Leben. Junge Eltern können erwachsenen Frei­lernerinnen und Freilernern Fragen stellen und einen Lebensentwurf kennenlernen, der ihren Sehnsüchten nach Selbstbestimmung und Freiheit entspricht.

Eine junge Mutter erklärt einem Fernsehreporter, der über das Festival berichtet: »Wenn meine Kinder in die Schule gehen möchten, dürfen sie das gerne.« Auf seine Rückfrage: »Und wenn nicht?«, antwortet sie: »Dann eben nicht. Vor der Schulpflicht habe ich keine Angst.«
Vielleicht ist solcher Mut ja ansteckend: Kristin Lehmann, Vorstandsmitglied im Bundesverband Natürlich Lernen! e. V. (BVNL) und Mutter von drei unbeschulten Kindern, strahlt eine fröhlich-gelassene Selbstsicherheit aus, wenn sie offen schildert: »Ich bin zum Jugendamt gegangen und habe dort um Hilfe gebeten, denn das Schulamt drängte mich, meine Kinder mit allen Mitteln zur Schule zu bringen. Aber ich wende doch keine Gewalt an!« Das Jugendamt hatte Verständnis. So leicht können also in Fällen von Schulverweigerung Lösungen gefunden werden? Ob Kristin denn gar keine schlaflosen Nächte habe, fragt ein Mann aus der Runde: »Doch, das kommt vor – dann lese ich im Grundgesetz.« Dort sei die Schulpflicht nämlich nicht verankert, sondern nur in der Landesgesetzen.
Auf dieser Grundlage setzt sich der BVNL, mit Gründungsjahr 2002 dienstältester Verein der Freilerner-Bewegung, für ein »freies, selbstbestimmtes und von Institutionen unabhängiges Lernen von Kindern und Jugendlichen sowie für die Umwandlung der Schulpflicht in ein Recht auf Bildung« ein. Auf einer Online-Plattform organisiert sich der Verein mit rund 200 Mitgliedern in zehn Arbeitsgruppen – die Schwerpunkte sind derzeit Vernetzung und Öffentlichkeitsarbeit. »Wenn wir starke regionale Gruppen bilden, können wir Veranstaltungen organisieren, uns gegenseitig unterstützen«, so Kristin Lehmann. »Derzeit haben zum Beispiel fünf Leipziger Freilerner-Familien ›Behördenkontakt‹, vier erhielten Bußgeldbescheide und Zwangsgeldandrohungen. Trotzdem haben wir keine Angst. Uns geht es hier gut. Die Ämter wissen, dass wir einander kennen.«
Ganz reibungslos funktioniert es aber nur selten. Wenn sich ein junger Mensch in Deutschland gegen Schule entscheidet, ruft das zunächst den Einspruch diverser Institutionen auf den Plan: Schulämter, Ordnungsämter, Jugendämter, dazu wohlmeinende Verwandte und Nachbarn scheinen unisono zu wissen: Schule muss sein!

Nach wie vor herausfordernd
Ich treffe auf eine Familie, die sich vor kurzem aus Deutschland abmelden wollte, um auf Reisen zu gehen, und damit unerwartet Schwierigkeiten hatte – das Meldeamt wollte ihre Begründung zur Abmeldung nicht akzeptieren, weil es Schulflucht vermutete. Bei einer anderen Freilernermutter hat es funktioniert: »Wir haben uns endlich abgemeldet, ich hatte den Stress mit den Behörden satt«, erzählt sie. Abmelden, Auswandern oder Langzeitreisen sind häufig gewählte Wege von Familien, die der Schulpflicht entgehen wollen. Kein Wunder, sehen doch viele noch immer das Damoklesschwert des Sorgerechtsentzugs über sich baumeln, denn leider gilt vor Gericht und bei einflussreichen Exponenten der öffentlichen Meinung das Fernbleiben von der Schule als Kindeswohlgefährdung.
Damit sich dies ändert, braucht der Freilerner-Gedanke mehr Breitenwirkung. Hier will auch der jüngste Verein der Szene ansetzen: Unter dem Namen »Schulfrei-Bewegung« hat sich vor wenigen Monaten eine Gruppe zusammengetan, der es vorrangig um Aufklärung und Vertrauensbildung geht. Ihr Initiator Richard Krutisch meint: »Vor einigen Jahren hatten sehr viele Familien Angst vor den Konsequenzen eines Lebens ohne Schule. Unser Ziel ist es, diese diffusen Ängste durch ­Informationen über Wege, wie man in Deutschland schulfrei ­leben kann, zu ersetzen.« Die rund 100 Mitglieder des Vereins versuchen unter anderem, mit kurzen Videos Eltern, junge Menschen, aber auch Behörden, Lehrkräfte und Politiker über schulfreies Lernen aufzuklären. Außerdem werden Mitglieder darin ausgebildet, als Ansprechpersonen und Unterstützende für junge Menschen, die nicht zur Schule gehen, aufzutreten und diese etwa zu Ämtern zu begleiten. »Das größte Problem ist, dass wir oft selbst an die Schulpflicht glauben«, meint Richard, Vater von zehn Kindern.

Ernstgenommen werden
Schon länger auf diesem Feld aktiv ist auch die Freilerner-Solidargemeinschaft (FSG). Im Jahr 2012 vor allem als finan­zieller Unterstützungstopf gegründet, ist der Verein heute in mehreren Arbeitsfeldern aktiv. »Anfangs standen wir nur punktuell in ein oder zwei Telefongesprächen mit Familien in Kontakt. Heute beraten wir sie auch über einen längeren Zeitraum hinweg zu Verhandlungsstrategien oder zum Umgang mit Ängsten beim Eintreffen von Behördenbriefen«, sagt Vorstandsmitglied Karen Kern. In Gesprächstrainings der FSG können sich betroffene Familien auf Gespräche mit Behördenvertretern und auf Gerichtsverhandlungen vorbereiten. Mit der Durchführung eines rechtswissenschaftlich orientierten, interdisziplinären Kolloquiums hat die Freilerner-Solidargemeinschaft ein Zeichen gesetzt, um mit dem Thema Bildungsfreiheit auch in der Fachwelt ernstgenommen zu werden. Die Vorstellung des dazugehörigen Buchs war einer der bestbesuchten Konferenzbeiträge des diesjährigen Festivals. Das ist ein begrüßenswerter Schritt, denn wie Anke Caspar-Jürgens vom BVNL aus Erfahrung weiß, »tabuieren die pädagogischen Institutionen und erziehungswissenschaftlichen Fakultäten Freilernen weitgehend«.

Weniger Tabus, mehr Freiräume
Doch ein Wandel ist nicht zu übersehen – langsam aber stetig schreitet die gesellschaftliche Selbstermächtigung voran. Karen Kern berichtet: »Als wir in unserer Anfangszeit von unserem Weg als Freilerner-Familie erzählten, schlugen uns sehr viel Aggression und Angst entgegen – mittlerweile bekommen wir auch von Unbeteiligten vorwiegend positive Reaktionen.«
Immanuel Wolf, Freilerner der ­ersten Generation, unterstreicht: »Wenn wir heute lokal in die Öffentlichkeit treten, zum Beispiel mit einem Stand beim Stadtfest, begegnen uns viele aufgeschlossene Menschen, die von dem Thema schon einmal gehört haben.« Auch zum Schulfrei-Festival kommen stetig mehr Besucherinnen und Besucher – an die 700 waren diesmal dabei. Vor vier Jahren waren es nur 300.
Die Dichte und die Qualität von Zeitungsartikeln, Fernsehbeiträgen und Online-Veröffentlichungen zum Thema Freilernen nehmen deutlich zu. »Journalisten sind in der Regel besser informiert als früher«, so Immanuel Wolf. Auch in den sozialen Medien floriert das Thema. Aber »wer nur auf Facebook klagt, wird nicht viel ändern«, betont Richard Krutisch. »Wir sollten uns als Bewegung besser organisieren, uns in den bestehenden Vereinen engagieren oder selbst einen gründen.« Anke Caspar-Jürgens sieht das mittelfristige Ziel der Bewegung darin, »dass andere Bildungswege außerhalb des staatlichen Schulwesens anerkannt werden«. Sie meint: »Auf lange Sicht sollte die Bildungsverantwortung an die Menschen selbst übergehen.«
Ich stehe in der Tür des Konferenzraums, höre einem Vortrag zu. Aus dem Augenwinkel beobachte ich meine vierjährige Tochter: Sie wird von einem freundlichen Menschen, den ich nicht kenne, bereitwillig immer wieder auf ein Balancierseil gehoben. Ich bin dankbar, dass sich hier ungefragt, aus einem natürlichen Fluss heraus, solche Freiräume ergeben. Sie sind ein wichtiger Schritt auf dem Weg in ein eigenverantwortetes Leben und Lernen und spenden Kraft und Motivation, über die büro­kratischen und kulturellen Mauern ­hinwegzublicken. •

Bianca Geburek (27) begleitet ihre vierjährige Tochter, unterstützt Menschen, die Deutsch lernen, und hat in Berlin einen Raum für selbstbestimmtes, kreatives, gemeinschaftliches Lernen mitgegründet. www.die-lernwerkstatt.org

Kontakt zur Bewegung für freie Bildung:
www.bvnl.de
www.schulfrei-bewegung.de
www.schulfrei-community.de