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Glossar

Aus dem »Wörterbuch des Menschen« – Begriffe für das gute Leben.

von Der Schwarm , erschienen in 41/2016

Allmende
In der modernen Bedeutung bezeichnet »Allmende« jegliches materielle oder immaterielle Gut, dass durch gemeinschaffende* Pflegnutzung* hervorgebracht und erhalten wird. Die Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom (1933–2012) erforschte die Prinzipien und Haltungen, die gelingende Allmenden ermöglichen, und widerlegte so die durch Garrett Hardin (1915–2003) verbreitete Mär von der »Tragik der Allmende«.
Äquinoktium
Als »Tagundnachtgleiche« (von lateinisch aequus, »gleich« und nox, »Nacht«) werden die beiden Tage im März und im September bezeichnet, an denen der lichte Tag und die Nacht jeweils gleich lange dauern. In steinzeitlichen Ahnentempeln konnten diese Tage mit hoher Präzision ermittelt werden.
Charter of the Forest
Ein im Jahr 1217 in der Regentschaft des englischen Königs Heinrich III., des Sohns Johann Ohnelands, als Ergänzung zur 1215 unterzeichneten »Magna Carta« erlassenes Rechtsdokument. Darin wurden die Pflegnutzung* englischen Wald- und Heidelands durch free men oder commoners (»freie Gemeinschaffende«) verbrieft, wodurch der Einhegung* der englischen Wälder und der königlichen Vergabe von Forstpriviligien zumindest auf dem Papier klare Grenzen gesetzt wurden. Insbesondere schrieb sie die Rechte auf Waldhute, Beweidung und die Gewinnung von Brennholz, Holzkohle und Torf fest. Die darin verbrieften Freiheitsrechte (liberties) beeinflussten die US-amerikanische Verfassung und gelten als Vorläufer moderner pflegnutzerischer Konzepte.
commoning > gemeinschaffen
Commons, das (Sg.)/die (Pl.) > Allmende
Degrowth
Spätestens seit dem Bericht an den Club of Rome »Die Grenzen des Wachstums« (1972) ist klar, dass stetiges Wirtschaftswachstum nicht nur ein illusorischer, sondern auch ein pathologischer (»krankhafter«) Zustand ist. Degrowth-Denker wie E. F. Schumacher, Ivan Illich, André Gorz, Herman Daly oder Niko Paech setzen deshalb nicht auf eine Wende hin zu »qualitativem Wachstum«, sondern auf ­radikale* Schrumpfung: Entwachstum, Postwachstum, ­Wachstumsrücknahme.
Eibe, europäische
Seit dem Tertiär in Europa heimisch, ist die Eibe die älteste europäische Baumart. Sie ist schattentolerant, und mit Ausnahme des roten Samenmantels sind alle ihre Bestandteile giftig. Das harte, biegsame Eibenholz eignet sich gut zum Waffen- und Werkzeugbau. Eines der ältesten menschlichen Artefakte ist ein im südenglischen Clacton-on-Sea gefundener Eibenspeer mit einem geschätzten Alter von 300 000 Jahren. Auch der als »Ötzi« berühmt gewordene kupfersteinzeitliche Alpinist trug einen aus Eibenholz gefertigten Langbogen. So wie die botanische Benennung Taxus baccata (von griechisch toxon, »Bogenholz«, und lateinisch baccatus, »fruchttragend«) war auch der germanische Name der Eibe (ihva, im englischen yew noch erhalten) synonym zu »Bogen«. Vielen Kulturen waren Eiben heilig: In der Antike galten sie als Tor zur Unterwelt, und der als Esche überlieferte Weltenbaum altnordischer Mythologie könnte Altertumsforschern zufolge ursprünglich eine Eibe gewesen sein. Dies konnte die europäischen Eiben­bestände jedoch nicht vor drastischer Dezimierung durch Übernutzung im Spätmittelalter bewahren. In Deutschland ist die Eibe heute eine gefährdete Art.
Einhegung
Die Privatisierung (von lateinisch privare, »rauben«) von Allmenden* im konkreten wie im übertragenen Sinn. Die Patentierung genveränderten Saatguts zählt ebenso dazu wie die Einzäunung mittelalterlichen Weidelands. In England begann die Einhegung (enclosure) im 11. Jahrhundert, um 1830 war dort das Allmendeland so gut wie verschwunden. Nach diesem Vorbild wurde im 18. und 19. Jahrhundert die »Verkoppelung« im Königreich Hannover durchgeführt.
Emergenz
Das oft überraschende Erscheinen (von lateinisch emergere, »auftauchen«) einer neuen Qualität, die sich zwar aus einem bestehenden System herausbildet, dieses jedoch übersteigt und bis zur Unkenntlichkeit transformieren kann. Ein Beispiel ist die Metamorphose einer Raupe zum geflügelten Insekt.
Enlivenment
Ein in Anlehnung an die englische Bezeichnung für »Aufklärung« (enlightenment) gebildeter Begriff – auf Deutsch: »Verlebendigung« –, der durch den Biologen und Philosophen Andreas Weber popularisiert wurde; gefunden hat ihn Heike Löschmann von der Heinrich Böll Stiftung in Berlin. Im Sinn einer Fortführung der Aufklärung beschreibt Weber die mechanistische Biologie als Wissenschaft des Toten und fordert, dass »Leben« und »Lebendigkeit« wieder zu grundlegenden Kategorien naturwissenschaftlicher Erkenntnis werden. Eine solche »Naturwissenschaft der ersten Person« könne den Wissensschatz einer zukunftsfähigen, umfassenden »Kultur der Lebens« bilden.
Epigenetik
Die Lehre von der Veränderung genetischer Aktivität nicht durch Mutation, sondern durch Lebens­erfahrung und Umweltprägung (von griechisch epi, »dazu«, und genea, »Abstammung«, bzw. genesis, »Ursprung«). Epigenetische Prägungen sind vererbbar, können jedoch im Unterschied zu Genveränderungen durch bewusste Lebensführung zumindest teilweise aufgelöst oder bewusst kultiviert werden.
Fleisch der Welt
Als la chair du monde bezeichnete der französische Phänomenologe Maurice Merleau-Ponty (1908–1961) das Gewebe, in dem nicht nur die Wahrnehmung und das Wahrgenommene, sondern letztlich alles Lebendige miteinander verbunden ist: »Der Leib vereinigt uns direkt mit den Dingen: die sinnliche Masse, die er selber ist, mit der Masse des Empfindbaren.« – »Der wahrnehmende Mind* ist ein inkarnierter [fleischgewordener] Mind«. In der Naturphilosophie wird Merleau-Pontys Leibphilosophie derzeit wiederentdeckt. So beschreibt etwa der Kulturanthropologe David Abram unser Eingebundensein ins Fleisch der Welt: »Wir können Dinge nur deshalb erfahren, können sie berühren, hören und schmecken, weil wir als Körper selbst in das sinnlich erfahrbare Feld eingebunden sind […]. Man könnte auch sagen, dass wir Organe dieser Welt sind, Fleisch von ihrem Fleisch, und dass die Welt sich selbst durch uns wahrnimmt.«
Gabe
Die kapitalistische Verwertungslogik westlicher Prägung ist nicht die Norm, sondern ein seltsamer Ausschlag menschlichen Verhaltens. Weithin haben Menschen ihre Bedürfnisse durch »Schenkökonomie« gedeckt. Dabei wird nicht aus der Absicht do ut des (lateinisch, »ich gebe, damit du geben mögest«) her­aus gegeben, sondern aus dem Selbstverständnis, dass letztlich alles, was wir haben und sind, aus Geschenken der Erde und ihrer Geschöpfe hervorgeht: unsere Nahrung, unser Körper, gegenseitige Fürsorge, das Leben schlechthin. Die US-amerikanische Sprachwissenschaftlerin ­Genevieve Vaughan sieht den Menschen nicht als Homo oeconomicus, sondern als Homo donans und als mothering species, als schenkende, nährende (mütterliche) Spezies. Kulturübergreifende Beispiele für Schenkökonomie finden sich in den Arbeiten der Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth (»Der Weg zu einer egalitären Gesellschaft«), der Subsistenzforscherin Veronika Bennholdt-Thomsen (»Geld oder Leben«) sowie den jeweils »Die Gabe« betitelten Büchern des französischen Ethnologen Marcel Mauss (1923/24) und des US-amerikanischen Schriftstellers Lewis Hyde (1983).
gemeinschaffen
Eine deutsche Übersetzung des englischen Begriffs commoning, der den prozesshaften Charakter von Allmenden* ausdrückt: »There is no commons without commoning«, schrieb der Historiker Peter Linebaugh.
gemeinstimmig
Ein im Verlauf einer Wortwerkstatt auf der Degrowth-Konferenz 2014 in Leipzig gefundenes Attribut für eine – jenseits von Mehrheitsbeschlüssen – gemeinsam gefasste Entscheidung (siehe auch Kapitel 8 in Ausgabe 40).
intentionale Gemeinschaft
Eine über die biologische Familie hinausreichende Lebensgemeinschaft wahlverwandter Menschen. Im Unterschied zu auf Nationalität oder sozialer Schicht beruhenden Notwendigkeits- oder Zwangsgemeinschaften wird eine intentionale Gemeinschaft (von lateinisch intentio, »Absicht«) oder »Zuneigungs­gemeinschaft« freiwillig und bewusst eingegangen.
kulturkreativ
In Abgrenzung zu »Modernisten« und »Konservativen« identifizierten der Soziologe Paul H. Ray und die Psychologin Sherry Ruth Anderson 1995 ein drittes Bevölkerungssegment in westlichen Gesellschaften: die »Kulturkreativen« (nicht zu verwechseln mit dem zeitgleich aufgekommenen Begriff der »kreativen Klasse« des Ökonomen Richard Florida). Kulturkreative sind Präger und Gestalter einer Kultur des guten Lebens im umfassenden Sinn. In ihrem jeweiligen Umfeld gelten sie als Vordenkerinnen, die Alternativen zur gegenwärtigen extraktivistischen Verwertungslogik vorwegnehmen. Sie verkörpern Haltungen, die durch authentisches Engagement, eine ökologische und vernetzte Denkweise, eine Betonung von Verbundenheit, Beziehungskultur und weichen Qualitäten sowie egalitären, gemeinschaftsbasierten Gesellschaftsformen gekennzeichnet sind.
Landgrabbing
Auch »Landraub« oder »Landnahme« genannt, bezeichnet landgrabbing eine – ungesetzliche oder gesetzlich sanktionierte – Form der großflächigen und langfristigen Einhegung*, Aneignung und Privatisierung (von lateinisch privare, »rauben«) von Grund und Boden durch Konzerne, Privatpersonen oder Regierungen. Die verheerendsten Auswirkungen solcher Eigentumskonzentration gibt es in Ländern des globalen Südens, doch auch im gesamten europäischen Raum – insbesondere in Ostdeutschland und Osteuropa – haben sich Landraub und Bodenspekulation in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch beschleunigt. In der EU befinden sich gegenwärtig 50 Prozent des Lands im Besitz von 3 Prozent der Bevölkerung. In Großbritannien werden sogar 70 Prozent des Bodens von nur einem Prozent der Bevölkerung kontrolliert. Für Deutschland existieren keine gesicherten Zahlen, da es hierzulande fatalerweise keine Grundeigentümerstatistik gibt!
Lassenskraft
Die Qualität, etwas mit ganzer Kraft gehen zu lassen und in seinem So-Sein zu bejahen, ohne daran anzu­haften oder es dem Schema der eigenen Vorstellungen unterwerfen zu wollen. Der Begriff wurde der Oya-Redaktion von Dominik Werner geschenkt, der ihn wiederum von einer Seminarteilnehmerin bekommen hatte (siehe Kapitel 4 in Ausgabe 40).
Lebendigkeit > Enlivenment
Magna Carta > Charter of the Forest
Megamaschine
Eine von Lewis Mumford (1895–1990) geprägte und in jüngerer Zeit von Fabian Scheidler aufgegriffene Metapher für die Strukturen und Mechanismen der extraktivistischen Verwertungslogik (siehe auch Oya Ausgabe 37).
megatechnischer Pharao
Ein von dem Philosphen Jochen Kirchhoff geprägter Begriff, der die »Megamaschine«* in einer zu absolutem Gehorsam zwingenden Götzengestalt personifiziert (siehe auch Oya Ausgabe 37).
mehr-als-menschliche Welt
Anders als der überholte »Natur«-Begriff schließt die mehr-als-menschliche Welt den Menschen in die große Gemeinschaft des Lebens ein, anstatt ihn jenseits oder außerhalb einer »natürlichen Welt« zu verorten. Geprägt wurde der Begriff von David Abram in seinem Buch »Im Bann der sinnlichen Natur«.
mentale Infrastrukturen
Analog zu materiellen Infrastrukturen – Autobahnen, Stromversorgung, Stoff-, Waren- und Geldströme usw. – erkannte der Sozial­psychologe Harald Welzer in unserem Mind* verinnerlichte, mentale Infrastrukturen, die – meist ­unbemerkt – unser Denken, Wollen und Handeln prägen. Diese in jedem Menschen wirkende Konditionierung zu erkennen, ist entscheidend, um den eigenen Lebensstil bewusst verändern und gestalten zu können. Eine zukunftsfähige Gesellschaft des guten Lebens entsteht nicht durch grüne Technik oder abstrakte Klimaziele, sondern durch mündige, aufgeklärte Individuen, die aus einer Verbundenheit mit dem großen Haushalt des Lebens heraus denken und wirksam sind.
Mind (»Maind«)
Der Mind oder neudeutsch »Maind« (von althochdeutsch gimunt, »Gedenken«, »Gedächtnis« bzw. von lateinisch mens und griechisch menos) bezeichnet »verkörpertes Bewusstsein«, das mit »Geist« oder »Verstand« meist nur unzureichend ins Deutsche übersetzt wird. Der amerikanische Psychologe ­William James (1842–1910) vermutete minddust (»Mind-Staub«) als gemeinsamen Urstoff alles Seienden.
mothering species > Gabe
Paradigma
Das Denkmuster einer Zeit bzw. Gesellschaft, das zu Welterklärungsmodellen sowie wissenschaftlichen und ökonomischen Lehrmeinungen führt. Die Mechanismen eines »Paradigmenwechsels« hat Thomas S. Kuhn in dem Buch »Die Struktur wissenschaftlicher Revolu­tionen« beschrieben.
Pflegnutzen
Dieses aus »pflegen« und »nutzen« zusammengesetzte Wort drückt aus, dass das Pflegen dem Nutzen-Können einer Ressource (von lateinisch ­resurgere, »hervorquellen«) vorausgeht und beide Aspekte untrennbar miteinander verbunden sind. Konsequentes Pflegnutzen schließt Übernutzung aus.
radikal
Oft fälschlicherweise mit »extrem« gleichgesetzt, bedeutet radikal (von lateinisch radix, »Wurzel«, »Ursprung«) »wurzeltief«. Veränderungen, die nicht an der Wurzel ansetzen, sind oberflächlich. Im gesellschaftlichen Zusammenhang wird oberflächlicher Wandel als »Reform«, radikaler Wandel als »Revolution« (von lateinisch revolutio, »Umdrehung«, »Zurückwälzen«) bezeichnet. Durch die Schreibweise »(R)Evolution« wird diese Wandlungsbewegung nicht beliebig, sondern zur evolutionären Weiterentwicklung (siehe auch Oya Ausgabe 7).
Schenkökonomie > Gabe
Subsistenz
Traditionelle Wirtschaftsweisen, die auf regionale Selbstversorgung anstatt auf monetäre Gewinne ausgerichtet sind (von lateinisch subsistentia, »durch sich selbst«), lassen sich auch modern denken.
teilgeben
Ein seit kurzem immer öfter zu vernehmendes Wort, in dem das patriarchale Vorurteil, es gäbe z. B. aktive (»gebende«) Vortragende und passive Teil-»nehmende«, sichtbar wird. Indem es ausdrückt, dass alle Akteure beitragende, teilgebende Mitgestalter sind – gleichgültig, welche Funktion oder Aufgabe sie gerade übernehmen –, fordert es jede und jeden dazu heraus, sich der eigenen Gestaltungsmacht bewusst­zuwerden und diese im Sinn einer Gabe* in die Gemeinschaft hineinzugeben.
Wurmloch
In der Kosmologie ein mathematisch möglicher, aber nicht experimentell nachweisbarer Korridor, der von einem Kontinuum in ein anderes führt. Erstmals 1935 von Albert Einstein und Nathan Rosen als Hypothese vorgestellt (»Einstein-Rosen-Brücke«), wurde der Begriff wormhole 1957 von John Archibald Wheeler geprägt. Im übertragenen Sinn kann er als Metapher für einen »Durchstiegspunkt« von einem Paradigma* in ein anderes verwendet werden.

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