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Wie wollen wir zukünftig in Oya ­schreiben? Keine leichte Frage!

von Der Schwarm , erschienen in 41/2016

In der letzten Ausgabe, die als »Oya 40« ­offenbar für viele Leserinnen und Leser zum Meilenstein geworden ist, haben wir uns zum ersten Mal als Redaktion eine persönliche Mitteilung erlaubt. Wir schrieben nicht »über« ein Thema, sondern machten unser eigenes Innehalten zum Inhalt des Hefts und fragten: Wie soll es nach 39 Ausgaben über die Versuche vieler Menschen, ein wenig vom »richtigen Leben im falschen« zu realisieren, weitergehen? Statt wie sonst einem Plan für das Heft zu folgen, gingen wir spontan auf Menschen zu, die der Fluss des Lebens vor unsere Tür spülte. Aus den Gesprächen entstand ein Bericht über unsere Forschungsreise. Als das derart improvisierte Werk dann fertig war, hatten wir den Eindruck, selten so ­intensiv dem Zeitgeist gelauscht zu haben.
Zugleich wurde uns klar, was für einen Schritt wir da unternommen hatten. Hinter den können und wollen wir nicht zurück: Einen Themenplan für die nächsten sechs Oya-Ausgaben zu erstellen und Artikel in Auftrag zu geben – so wie man das als Redaktion normalerweise tut –, erscheint uns in der jetzigen Situation als etwas Gewolltes, das unserer noch taufrischen Beziehung zum Nicht-Wissen widerspräche. Nicht, dass wir die ersten 39 Oya-Ausgaben als unstimmig empfänden, aber wir können die irritierenden Muster in unserer bisherigen Arbeitsweise nicht länger ignorieren und wollen sie auflösen – so weit das überhaupt geht. Die Konventionen des konsumorientierten Zeitschriftenmarkts sind so selbstverständlich geworden, dass sie auch ein widerständiges Medium wie Oya zwischen die Leitplanken der Wachstums­ideologie zwingen.  Ein Wenden auf dieser Rennbahn erschien uns unter den bisherigen Umständen kaum möglich – doch können wir inzwischen einige Strecken­abschnitte benennen, an denen wir wenigstens schon einmal anhalten sollten:
• Alle zwei Monate ein neues Thema finden zu müssen, das für ­Publikum und Redaktion gleichermaßen relevant ist, macht einen schnell zum Teil der Unterhaltungsindustrie. Oya-Themen waren immer an authentischen Fragen der Redaktionsmitglieder orientiert. Dennoch war unsere Themen­suche nie ganz frei von der Vorstellung, den Erwartungen unserer Leserinnen- und Leserschaft entsprechen und zum Beispiel immer eine gute Mischung aus Praxis und Theorie bieten zu müssen. Die Rückmeldungen, die wir erhielten, verstärkten diesen Aspekt: Der einen enthielt eine Ausgabe zuviel Theorie, dem anderen die nächste zuviel ­Praxis, der eine langweilte sich bei zuviel Landthemen, die andere ärgerte sich über zuviel Problembenennung oder zu lange Sätze. Die unterschwellige Einstellung, uns als Dienstleister für ein anspruchsvolles Publikum zur Verfügung zu stellen, hat die Redaktionsarbeit der letzten Jahre mitgeprägt. Damit sagen wir nicht, dass uns die Bedürfnisse unserer Leserschaft in Zukunft gleichgültig seien. Wir wollen aber vermeiden, Beziehungen von Ansprüchen prägen zu lassen.
• Eine Autorin, ein Autor kann nur begrenzte Zeit für einen Bericht über ein Projekt einsetzen. Das den Marktbedingungen geschuldete geringe Honorar erlaubt meist nur einen Besuch für ein paar Stunden; wenn es mehr als ein Tag ist, ist das schon außergewöhnlich. Aus so einer Momentaufnahme kann zwar ein guter Artikel entstehen, und wir haben auf diese Weise viele eindrucksvolle Texte generieren können, aber ist solches Arbeiten nicht von einem Tempo geprägt, das der Idee vom guten Leben, dem doch Entschleunigung zueigen sein sollte, entgegensteht?
• Für Themenhefte braucht man guten Stoff. Wo lässt er sich erjagen? Was eignet sich am besten zur Präsentation? Womit können wir glänzen? – Das war nie der Ansatz von Oya; so sind wir nicht an unsere ersten 39 Ausgaben herangegangen! Doch Journalismus neigt immer dazu, Menschen und Initiativen zugunsten einer gut verkäuflichen Geschichte zu benutzen, und das ist ein Ausbeutungsmuster, dem schwer zu widerstehen ist. Extraktivismus ist das Prinzip der heutigen Wirtschaft, und beim Zeitungsmachen ist es nicht anders.
• Auch wenn wir unsere Partnerinnen und Partner für Interviews, Gespräche oder Porträts nie aufgrund ihrer Reputation ausgesucht haben, waren wir doch froh, dass sich einige von ihnen einer gewissen Popularität erfreuen. Es lohnt sich immer, die Stimme von Menschen zu hören, die durch ihr außergewöhnlich konsequentes Denken und Handeln bekannt geworden sind. Dennoch verhalfen sie uns auch dazu, die Reputation von Oya in Hinblick auf ihren »Marktwert« zu steigern.
• Eines unserer Grundprinzipien ist es, der Welt aus einer fragenden Haltung heraus zu begegnen. Auch an Fachartikel und Essays in Oya legen wir das Maß an, dass sie keine absoluten Aussagen enthalten, sondern sich als eine Stimme unter vielen in das Konzert unterschiedlicher Erfahrungen und Anschauungen eingliedern. Trotzdem entsteht immer wieder der Eindruck, in Oya würden Expertinnen und Experten »die Wahrheit« verkünden.
• Übernimmt jemand das Schreiben eines Artikels, gehen wir als Redaktion mit dieser Person ein Auftragsverhältnis ein. Auch wenn wir immer Menschen gefunden haben, die mit Freude unsere Themen bearbeiteten, bringt dieser Auftrag eine Entfremdung mit sich. Die Redaktion macht inhaltliche Vorgaben und zahlt das Honorar; die schreibende Person versucht, die Erwartungen zu erfüllen, damit der Text gedruckt werden kann.

All diese Engstellen in den Beziehungen zwischen den an Oya beteiligten Menschen stehen unserem Wunsch nach dem, was die Zeitschrift sein möge, im Weg: Ist Oya nicht als gemeinsamer Lernprozess gemeint? Als Raum, den sich die Leserschaft, die Schreibenden und die Redaktion gegenseitig schenken?
Kann es gelingen, diesen Raum von ­allen Mechanismen, die Entfremdung oder gar Ausbeutung mit sich bringen, freizuhalten? Sind wir unausweichlich irgendwelchen Konventionen verpflichtet? Doch nicht! Aber die Konventionen des Zeitschriftenmachens, die Rollen von Redaktion, Leserschaft, Autorenkreis, der grafisch arbeitenden Menschen sowie der kaufmännisch und presserechtlich Verantwortlichen sind tief eingeübt. Können diese Muster zerfallen, solange wir in der kapitalistischen Wirklichkeit handeln müssen? – Zunächst ­erscheint es uns wichtig, sie überhaupt in den Blick zu bekommen.
Um von diesem Prozess zu berichten, erscheinen uns einige Passagen aus dem Mailwechsel mit vier Autorinnen hilfreich – Anja Humburg, Andrea Vetter, Maria König und Angela Kuboth. Wir verstehen sie als »Aufzeichnungen ­aus der Puppenhaut«, –27 in dem sich die Art und Weise des Schreibens für Oya gerade neu zu definieren beginnt.

Anja Humburg hat eine wichtige Strecke der Arbeit an Oya 40 bei einem Besuch in Klein Jasedow im August begleitet. Sie schreibt als Antwort auf das anschließend ­erschienene Heft:
»Ich habe den Eindruck, hier wächst ein neues Format heran, dem wir weiter folgen sollten. Das Wesen von Oya wird für mich vor allem dort deutlich, wo ihr Schreibenden die Erfahrungen der besuchten Menschen durch den Oya-Wortschatz betrachtet und sie mit euren eigenen Erlebnissen verbindet. Die ghettoisierten San und das Mammut auf der einspurigen Straße treiben mir die Tränen in die Augen. Die fröhlich eingematschten Menschen auf dem Zirkuscamp, die euch das Gespräch unterbrechen lassen, machen den kühlen Schlamm auf meiner Haut fast real. Wisst ihr, über die Existenz von Kartoffelkombinat & Co. lesen wir inzwischen in alle möglichen Tageszeitungen und Magazinen. Wie wäre es, wenn Oya in der Tiefe der Veränderung nachspürte, was diese ­tollen Projekte und Menschen in sich tragen? Und das mit dem spiegelte, was wir selbst erleben? Die Formate ­aufzubrechen, ist ein Schritt.«

Was wären Wege, der »Tiefe der Veränderung« nachzuspüren? Was sehen wir vor uns, wenn wir über Formate nachdenken, die dem, was wir sagen möchten, wirklich entsprechen? »Formate« – ist das nicht bereits ein entfremdender Begriff für Mitteilungen aus dem Leben? Wie sehr wollen wir uns beim Verfassen guter ­Geschichten, herausfordernder Bekenntnisse, anstrengender Versuche (»Essays«), heiterer Gespräche von Bedenken über »zielgruppengerechte Lesbarkeit«, von Kritik an sprachlicher Komplexität oder von mangelnder Wertschätzung einfacher Ausdrucksformen einschränken lassen?

Maria König, die regelmäßig für uns schreibt, war Teil des Vorbereitungsteams für das Oya-Treffen am ersten Septemberwochenende. Sie überlegt im Nachklang der dort erlebten Gespräche:
»Besonders beschäftigt mich die extraktivistische Haltung. Immer wieder kommen mir Ideen für Artikel, zum Beispiel über eine Familie, die eine besondere Nachbarschaftsstruktur in ihrem Mietshaus aufgebaut hat, ohne dass ein bestimmtes Konzept dahinterstünde, nur aus dem Empfinden heraus, dass Nachbarn wichtig sind. Wie könnte ich nicht-extraktivistisch darüber schreiben? Soll ich, statt mir im Voraus Fragen zu überlegen, dort hingehen und nichts weiter tun, als abzuwarten, was passiert? Welche Gespräche von selbst entstehen wollen? Vielleicht ereignet sich nichts Erzählenswertes. Es wäre spannend, jegliche Erwartung, die auf ein verwertbares Ergebnis zielt, hinter sich zu lassen. Wie würde ich mit einer solchen Herangehensweise in einen Dialog mit euch als Redaktion eintreten? Könnten sich solche Streifzüge stimmig in ein Heft fügen?«

Die journalistische Beobachterperspektive hat etwas Befremdliches. Wie schaue ich die Menschen an, über die ich schreibe? Sind sie mein Arbeitsmaterial – oder mein Gegenüber in einer für beide Seiten ganz und gar stimmigen Begegnung?

Andrea Vetter, zuletzt in der Ausgabe 39 Gesprächspartnerin zum Thema »menschenfreundliche Technik«, trägt sich seit längerer Zeit mit dem Gedanken, in der Oya-Redaktion mitzuwirken. Beim Oya-Treffen im September konnte sie nicht dabei sein, weil sie an der Degrowth*-Konferenz in Budapest teilnahm. Nach einem ­Telefongespräch schreibt sie:
»Mich lässt die Idee nicht mehr los, dass eine Oya-Ausgabe das Resultat einer einjährigen Forschungsreise sein könnte. Ich weiß nicht, ob jede Ausgabe so sein müsste, aber ich stelle es mir etwa so vor:
Rund um ein Thema sammelt sich – zum Beispiel über einen offenen Aufruf in Oya – eine Gruppe, die dazu forschen will. Auf einem ersten Treffen suchen sich alle einen für sie besonders relevanten Aspekt aus und legen los. Das kann vieles bedeuten: im eigenen Leben oder Umfeld etwas verändern; Orte besuchen und Menschen interviewen; alte Bücher lesen etc. Nach einer vereinbarten Zeit tauschen alle ihre Erfahrungen aus und denken über eine Form für eine kommende Ausgabe nach, so dass ab dann geschrieben und gestaltet werden kann. Durch die längere Zeit erhalten die Themen eine andere Tiefe. Wichtig: Das Ganze soll kein zusätzlicher Stress sein, sondern die Möglichkeit geben, Themen, die ohnehin anstehen, in einem guten Tempo ­gemeinschaftlich reflexiv zu begleiten.«

So ein Arbeiten wäre auf konventionellem Weg unfinanzierbar. Wer vom Schreiben lebt, bräuchte für die Forschungszeit zumindest eine Grundversorgung mit Geld. Ließe sich für solche Projekte ein Topf schaffen, gefüllt mit Spenden aus dem Kreis der Leserinnen und Leser?

Angela Kuboth, die 30 Jahre lang für Tages­zeitungen gearbeitet hat und heute als freie Journalistin tätig ist, griff die Idee aus dem Septembertreffen auf, dass Oya zu Begegnungen anstiften könnte.
»Die Vorstellung fasziniert mich, dass Oya-Leserinnen und -Leser an Allmende*-Orten zusammenkommen, um zum Beispiel bei praktischen Aufgaben mitzuhelfen, ein­ander aus ihrem Leben zu erzählen, Oya-Themen in der Praxis zu erkunden und Wege zu finden, darüber zu schreiben. Lässt sich diese Idee verwirklichen? $
Als ich auf Burg Klempenow in Mecklenburg-Vorpommern Oya erstmals entdeckte, dachte ich: Großartig, diese Zeitschrift passt an diesen Ort! Viele Menschen aus dem dortigen Umfeld leben in Gemeinschaft, es gibt einen Allmende-Verein, der Land freikauft, es gibt regen Austausch, sei es von Saatgut oder Gedankengut. Dort könnte ich mir vorstellen, Gastgeberin eines Oya-Treffens zu sein. 
Im Senftenberger Kranichverein in der Lausitz habe ich ebenfalls eine Gruppe von Menschen gefunden, die dazu in der Lage wären: Wir betreiben einen Weltladen, laden im Sommer zu Filmen ein, die andere Welten näherbringen, und erzählen Märchen aus aller Welt – in einer Landschaft, wo aus Kohlegruben ein Seenland wurde und wo die Sage von Krabat zu Hause ist.«

»Obwohl ich in Oya von vielen schönen Projekten lese, fühle ich mich danach noch immer einsam.« – Diese Aussage beim Treffen im September hat uns berührt. Wie kann es sein, dass eine Zeitschrift, die ermutigen und Verbindungen schaffen will, ausgerechnet das Gefühl des Verlorenseins verstärkt? Soll Oya dazu beitragen, dass über die üblichen Szenegrenzen hinaus mehr Begegnungsräume entstehen? Will Oya mehr sein als gedrucktes Papier?
Was sich von solchen Zukunftsideen realisieren lässt, steht in den Sternen. Aber es tut gut, Oya innerlich die Freiheit zu geben, sich verwandeln zu dürfen. 

Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, dass wir ein sehr kleines Team sind. Die Art, in der wir bisher gearbeitet haben, geht an unsere physischen und psychischen Grenzen und manchmal darüber hinaus. 8 Das ist ein schwerer Schatten, den Oya – paradoxerweise gerade wegen ihres »Erfolgs«! – wirft: Die Selbstausbeutung, $ die wir bei anderen kritisch reflektieren und an uns selbst verüben, äußert sich in chronischen Rückenschmerzen, Phasen von Schwäche, im Gefühl des Ausbrennens, in Stress beim Organisieren der Kinderbetreuung, der Pflege der Urgroßmütter oder in uner­ledigten Arbeiten in Haus und Hof. Das ist absurd, es widerspricht allen Prinzipien des guten Lebens – des Oya-Themas schlechthin!
Dass sich Autorinnen wie Anja, Maria, Andrea und Angela in die Redaktionsarbeit einbringen möchten, ist ein Lichtblick. $Doch auch sie haben Kinder oder pflegen altgewordene Eltern. Wenn wir es mit dem guten Leben ernstmeinen, müssen wir zu allererst eine Arbeitsweise finden, die Oya auf eine familienfreundliche Weise entstehen lässt. Bisher haben wir es als Selbstverständlichkeit hingenommen, dass anspruchsvolle Publikationen auf dem heutigen Markt eine gehörige Portion Selbstausbeutung verlangen. Aber ­damit beugen wir uns den Gesetzen der Megamaschine*.
Die Suche nach Formen, die für die Oya-Urheberinnen und -­Urheber stimmig sind, verbindet sich selbstverständlich mit der Frage nach den Anliegen unserer Leserinnen und Leser: Wie bleibt oder wird Oya für Sie und euch etwas wirklich Nährendes?
Diesen Fragen werden wir uns in den nächsten Monaten intensiv widmen. Ohne den Anspruch, dass etwas sonderlich Aufregendes oder Innovatives entstehen müsste, werden wir einen Pfad ins Land des Nicht-Wissens zu bahnen versuchen. •••