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Das gute Leben braucht gute Behausungen. Gute ­Behausungen entstehen dort, wo Menschen guten ­Willens ­gemeinsam eine gute Welt erscheinen lassen. Wie das ­Gespräch zeigt, bedarf es dazu nur wenig.

von Der Schwarm , erschienen in 41/2016

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Schon im zweiten Jahr finden in Klein Jasedow, dem Sitz der Oya-Redaktion, Bauwochen statt. Helferinnen und Helfer arbeiten dabei unter Anleitung der Architektin Inga Degenhart an einem neuen Fachwerkhaus für die Küchen- und Sanitärinfrastruktur der Klein Jasedower Campwiese. Die Gefache werden mit Lehm und Stroh gefüllt. Das Projekt trägt ein gemeinnütziger Verein; diesen wiederum verantwortet die Klein Jasedower Lebensgemeinschaft, zu der die meisten Mitglieder im Oya-Team vor Ort gehören.
Während der Arbeit an der vorliegenden 41. Ausgabe von Oya entstand die Idee, die Bauleute, die in der zweiten Oktoberwoche die letzten Wände fertigstellten, zu einem Gespräch einzuladen, denn auf dieser Baustelle überlagern sich mehrere Ebenen: ein praktisches, an Post-Kollaps-Fähigkeiten ' orientiertes Projekt, Menschen, die aus ganz Deutschland kommen, um daran mitzuwirken, das Oya-Team und die Klein Jasedower Lebensgemeinschaft, deren Mitglieder teilweise in die Bauwoche und in die Arbeit an Oya eingebunden sind. So ergab sich eine Palaver-Runde aus 14 teilgebenden* Personen: Lucie Hermann, Olga Maria Eggart, Reni Ehlert, Lukas May und William Owich, die nicht-ortsansässigen Bauleute, stellen wir nach der Gesprächsaufzeichnung vor. Inga Degenhart, ­Astrid Emmert, Matthias Fellner und Reyk Zimmermann – Mitglieder der Klein Jasedower Gemeinschaft – waren ebenfalls auf dem Bau tätig. Beate Küppers, Matthias Fersterer, Johannes Heimrath und Jochen Schilk gehören zur Oya-Redaktion sowie Lara Mallien, die alles mitgeschrieben hat.

Johannes Heimrath Ihr seid zu unserer letzten Bau­woche in diesem Jahr gekommen, und alle seid ihr zum wiederholten Mal hier, um etwas zu tun, bei dem sich andere fragen würden, ob ihr recht bei Trost seid: Ihr baut anderen Leuten ein Haus, ohne Geld dafür zu bekommen! Jedoch in einem Weltverständnis, in dem nicht Leistung und Geld die wesentlichen Dinge sind, ergeben diese Bauwochen viel Sinn – zumindest empfinden wir alle das offenbar so. Der Hausbau ist für uns mehr als ein nettes ökologisches Freiwilligenprojekt, so wie Oya für uns mehr als eine nette Ökozeitschrift ist. Was ist dieses »mehr«, und welchem »Sinn« sind wir hier auf der Spur? Was macht für euch diese Baustelle so sinnvoll, dass ihr wiederkommt? – Ursprünglich wollten wir euch zu einem Gespräch über das Thema »Weltrettung«, an dem wir intern gearbeitet haben, einladen. Aber dann schien uns das zu weltfern, und wir wollten lieber auf die Parallelen zwischen Oya und dieser Baustelle schauen.
Olga Maria Eggart Nach der ersten Bauwoche war ich erstaunt, wie tief mich die Zeit hier berührt hat. Es ist sehr behutsam mit mir umgegangen worden, ich fühlte mich in meiner Arbeit gesehen. Aus meinem Alltag war ich es nicht gewohnt, dass bestimmte Fähigkeiten von mir erkannt wurden, ohne dass ich erklären musste, was ich alles an Voraussetzungen mitbringe. In meinem Alltag bin ich darauf bedacht, als unverletzlich und stark dazustehen. Sicherlich habe ich das auf der Baustelle zuerst auch gemacht, weil ich das immer so tue. Aber dort wurde erkannt, was in mir zerbrechlich und empfindlich ist.
Reni Ehlert Wenn es auf dieser Baustelle darum ging, Probleme zu lösen, sind die Beteiligten ins Gespräch gekommen. Das war anders als im normalen Berufsleben, wo man eine Ansage befolgen muss. Hier bekommen wir Techniken erklärt, machen damit eigene Erfahrungen und kommen gemeinschaftlich zu einem ­guten ­Ergebnis. Dieses Gemeinsame fand ich sehr schön. ­Unsere Runde hier ist ja nur ein kleiner Ausschnitt der Menschen, die bisher an dem Bau beteiligt waren. Dass viele Menschen ihren Teil dazugeben, finde ich sehr sinngebend – auch um zu zeigen, dass es anders gehen kann. Wenn das Haus fertig ist, kennen alle, die mitgearbeitet haben, »ihre« Ecken.
JH  Zu zeigen, dass es auch »anders« geht – gerade fragen wir uns als Redaktion, was »anders« eigentlich bedeutet: Oya – anders denken, anders leben. In der Alltagskommunikation setzen wir meist voraus, dass das Gegenüber schon weiß, was mit »anders« gemeint ist …
RE Ich meinte, dass es hier zum Beispiel nicht so läuft wie in der kapitalistischen Logik, die davon ausgeht, dass Arbeitszeit verkauft wird. Geben und Nehmen bedeutet hier eben etwas »anderes« – wir lernen hier ­etwas, wir genießen die Zeit hier, wir setzen unsere Zeit ein – das ist völlig normal.
Matthias Fersterer Diese Baustelle wird ja größtenteils mit geschenktem Geld finanziert: durch Leih- und Schenkgemeinschaften und durch Menschen, die Geld spenden. Fast alle Materialien sind Gaben* der Natur; den Lehm und die Steine mussten wir nicht einmal erwerben.  Außerdem steckt ganz viel unentgeltliche Arbeit darin. Vom Paradigma der kapitalistischen Verwertungslogik aus gesehen, mag das armselig oder gar unwürdig wirken, aber im Paradigma* der Schenkökonomie* ist so eine Baustelle eben etwas ganz Normales. Diese verschiedenen Perspektiven kannst du aus dem jeweils anderen Denken gar nicht greifen, und oft stecken wir noch in den Erklärungs- und Rechtfertigungsmodellen des Alten. Manchmal ergeben sich aber – so wie mit dieser Baustelle – Inseln oder Türen, die mitten im Alten etwas Neues vorwegnehmen. Mir kommt das vor wie »Wurmlöcher«*, durch die wir mühelos in etwas »ganz anderes«, das längst existiert, hin­übergleiten.
OME Ich habe als Lehrerin ein normales Arbeitsleben gelebt. Trotzdem war es für mich selbstverständlich, dass ich hier nicht mit Geld bezahlt werde. Den Begriff der Schenkökonomie finde ich sehr passend für das, was wir hier tun – ich bekomme etwas geschenkt und gebe auch etwas, ohne dass ich das eine gegen das andere aufwiege. Ich glaube, Menschen haben einen In­stinkt in sich, dass sie so eine Art des Miteinander-Seins wertschätzen können.
RE Vielleicht schlummert das in jeder und jedem und kann geweckt werden?
JH Ja, offenbar haben wir Menschen die Fähigkeit, es gut miteinander auszuhalten, gemeinsam sogar ein Wohlgefühl entstehen zu lassen, sich gegenseitig zu nähren. Dem Konzept der Schenkökonomie, das vor allem Frauen formuliert haben, liegt die ­mütterliche Haltung des Sich-gegenseitig-Nährens zugrunde. ­Menschen sorgen füreinander, ohne zu erwarten, ­immer einen Bissen zurückzubekommen. »We are a mothering species«* – »Wir sind eine mütterliche Art« – sagt die Sprachwissenschaftlerin Genevieve Vaughan; ' wir können gar nicht anders. In unserer heutigen Welt haben wir diesen starken Trieb jedoch so reguliert, dass die freie Entfaltung dieser Fähigkeit, einander zu nähren, kaum gesellschaftlich wirksam ist – er bleibt aufs Familiäre begrenzt oder findet nur bei so insulären Projekten wie dieser Baustelle einen Raum.
Liegt der Sinn unserer Arbeit darin, immer wieder solche Inseln zu bilden? Entfaltet das Wirksamkeit?
William Owich Ich komme wegen des Studentenfutters her. Jemand muss es essen! Nirgends gibt es so gutes Studentenfutter wie hier in Klein Jasedow. – Ihr sprecht über die Weltrettung. Es ist ganz nett, dass die Menschen sich vorstellen, die Welt retten zu können – aber das können sie nicht, sie können höchstens sich selbst retten.  Die Welt hat ohne uns angefangen und wird ohne uns Menschen aufhören. Als ­Afrikaner finde ich hier in Europa eine ­seltsame Denkweise vor: Man meint, die Welt habe irgendwo ihren Anfang genommen, beim Big Bang. Aber es könnte alles im Nirgendwo begonnen ­haben, es gibt keinen Anfang und kein Ende, nur ein Sein.
Auf dieser Baustelle empfinde ich es als besonders, dass junge und alte Menschen zusammenarbeiten. Ich lerne, wie die Älteren und wie die Jüngeren denken. Alle Menschen sind so einmalig und so schön. Das in diesem Haus zu erleben, erzeugt einen Energiewirbel, und in diesem Wirbel zu sein, ergibt extrem viel Sinn.  Inga ist keine Lehrerin, deren Anweisungen ich befolgen muss, sie ist genauso ein Mensch wie ich, und ihre langjährigen Erfahrungen sind für mich nährend. Indem ich sie beobachte, stelle ich mir vor, wie ich selbst mit 60 Jahren sein mag. Kann ich dann einem jüngeren Menschen sagen, wofür ich gelebt habe? Ganz abgesehen vom Studentenfutter – das ergibt alles eine Menge Sinn!
Astrid Emmert Die Frage, wir wir diese Baustelle und die Rettung der Welt zusammendenken können, ist vermutlich nicht diejenige, die die meisten von euch im Kopf hatten, als sie sich für die Bauwochen angemeldet haben. Lucie, warum bist du denn hergekommen?
Lucie Hermann Ich mache zur Zeit eine Permakultur-Ausbildung und wollte gerne etwas Praktisches lernen. Nach der ersten Woche hier hatte ich das Gefühl, dass viel mehr passiert ist, als ein bisschen über Lehmbau zu erfahren. Ich versuche, dieses »mehr« noch einmal für mich zusammenzufassen: Da ist der Umgang mit einem natürlichen Material, das sich direkt vor Ort findet, dann die Zusammenarbeit in kleineren und größeren Gruppen. Gerade haben wir zwei Tage hintereinander mit den gleichen Techniken gearbeitet, aber dabei verschiedene Dinge ausprobiert und uns verbessert – wie klappt es noch besser? Diese Erfahrung auf Augenhöhe miteinander zu teilen, hat mir viel Energie gegeben. ­Genau kann ich gar nicht sagen, woran das lag.
JH Vielleicht war es Williams Energiewirbel?
Beate Küppers Vermutlich ist dieser Wirbel ein weit verbreitetes Phänomen,  der immer dann zustandekommt, wenn viele Ebenen gleichzeitig ganz und gar stimmig sind. Ich denke, er ist auch auf anderen Lehmbaustellen oder Projekten solcher Art zu finden.
Lukas May Als ich bei meinem Chef um Urlaub für die August-Bauwoche gebettelt habe, versuchte ich es ­damit, dass ich mich für einen Lehrgang in Lehmbau anmelde. Da sagte er: »Das ist ja wirklich ein sinnvoller Urlaub!« Irgendwie hat ihn das beeindruckt. Kürzlich fragte er von sich aus: »Wann ist nochmal dein nächster Lehrgang?«
Was mich immer wieder hierherbringt, ist das, was ich bisher gehört habe – dieses Miteinander, diese Energie, die dabei entsteht.
Matthias Fellner Heute auf der Baustelle wurde mir bewusst, dass so eine Art Zusammenarbeit den Begriff des Lernens ganz neu füllt. In dem alten Lernbegriff steckt ein Mangel – du kannst etwas nicht gut genug. Das erfahre ich hier anders – die Fähigkeiten wachsen beim Tun ganz nebenbei. Es fühlt sich eher so an, wie wenn kleine Kinder durch Nachmachen lernen, ganz ohne Angst, irgendetwas nicht zu können. Es gibt wohl ein tiefes menschliches Bedürfnis nach einem herzlichen Zusammensein im gemeinsamen Tun. Wenn hier am Küchentisch fünf Leute zusammen die frisch gesammelten Walnüsse aufknacken, dann denke ich: Das ist die Art, wie ich mit Menschen zusammensein möchte. Ich mache das nicht, um zu lernen, wie man schneller Nüsse knackt, sondern in solchen Oasen des Seins geht plötzlich etwas auf, das tief ins uns steckt.
Reyk Zimmermann Bei weniger urtümlichen Tätigkeiten ist es schwieriger, Zusammengehörigkeit zu finden. Schon dass ich auf der Baustelle oben auf dem Dach am Schornstein mit Zementmörtel arbeite und nicht wie ihr anderen unten mit Lehm, trennt mich von euch. Die Kaminfugen müssen eine nach DIN definierte Breite haben, das entfernt mich von eurer Art, zu arbeiten. Bei Kopftätigkeiten ist das noch schwieriger – oder wenn jeder im Dorf seiner Wege geht und das tut, was nur sie oder er kann – zum Beispiel am Computer zu arbeiten.
AE Über diesen Aspekt habe ich auch gerade nachgedacht: Wenn man etwas mit seinen Händen gemeinsam mit anderen tut – egal was – hat das immer eine Sogwirkung. Hier auf dem Camp verbringen wir dazu noch die gesamten Tage miteinander, kochen und essen miteinander, genießen den Feierabend miteinander – das volle Programm. Ich weiß, was ihr alle vor zwei bis drei Stunden getan habt, ich kann es körperlich nachfühlen.
Jochen Schilk Es gibt ja so eine Art Camp-Effekt. Man ist an der frischen Luft, in der Natur, hat spannende Menschen um sich, erlebt gemeinsam etwas Schönes. Der Zauber des Neuen wirkt, alle sind im Honeymoon und haben noch nicht angefangen, ihre Schatten aufeinander zu projizieren.
MFEL Ich kenne diesen Camp-Effekt auch. Aber ist er nur deshalb so toll, weil der Honeymoon die angeblich wahre Natur des Menschen übertüncht? Oder ist das Camp eine Oase, in der man wieder menschlich wird, während wir in 90 Prozent unserer Zeit auf eher unmenschliche Art nebeneinander her leben?
JS Ein Aspekt ist sicherlich, dass wir Clan-Wesen sind und über Jahrtausende hinweg vom Leben in einer camp-ähnlichen Situation geprägt sind. 
JH Eigentlich müssten wir dieses Camp-Gefühl so beschreiben: »Ich war wieder bei meinen Ahnen! Ich habe auf eine Weise gelebt, wie es meiner eingeborenen Natur entspricht.« 9' Ich lebe seit gut 40 Jahren in einer Art Clan – unserer Lebensgemeinschaft  – und bin darin durch Honeymoon und Krisen gegangen. Irgend­wann kommt wohl der Zustand einer gewissen Reife. Du merkst, wie dich dieses Leben fordert, aber du merkst auch, wie es dich nährt. Nachdem man all die Mechanismen, die in einem Clan von Menschen, die abendländisch und ganz un-clanmäßig sozialisiert sind, durchschaut hat und man bar aller Verkleidung voreinander steht, wird plötzlich deutlich, wie tief die Zusammengehörigkeit reicht, was sie auslöst und wozu Menschen fähig sind. Das berührt die Frage nach dem Sinn: Tun wir das, wozu wir fähig sind? Nachdem wir all das, was die Verkleidung ausmacht, abgelegt haben?
AE Ist dann vielleicht vielmehr die Frage, was wir an Nährendem brauchen, um die Kraft zu haben, das zu tun, wozu wir fähig sind?  Ist das nicht wesentlicher als all das Gerede über ein neues Paradigma und den Sinn des großen Ganzen? Letzteres bringt uns immer nur wieder dahin, dass die Welt voller Widersprüche ist.
JH Wenn du von dieser Kraft sprichst, fällt mir ein Begriff des Philosophen Jochen Kirchhoff ein: die oder der »Gemeinte«. Er spricht davon, dass du, wenn du ehrlich bist, zu jedem Zeitpunkt weißt, als wer du gemeint bist. Das Wort erlaubt mir, wahrzunehmen, was alles das »Gemeinte« verdeckt, übertönt, beschwichtigt und abtötet. Es erlaubt mir ein »anderes« Denken. Ein ähnliches Erlebnis hatte ich mit dem Wort »Lassenskraft«*, das uns in der letzten Oya von Dominik Werner geschenkt wurde. Hinter diesem Wort öffnet sich ein ganzer Kosmos, mit ihm lassen sich Bilder in neue Rahmen setzen – die Kraft, etwas sein zu lassen, etwas zurückzulassen, etwas zuzulassen. Zum Beispiel ist die Tatsache, dass wir in unserem neuen Lehmhaus keinen Strom verlegen, kein Beispiel von Verzicht, sondern ein Beispiel von Lassenskraft. Alle müssen eine gewisse Kraft mobilisieren, um ohne Strom auszukommen.
MFEL Das bringt für mich zum Ausdruck, wie wichtig neue Vokabeln sind. Es fällt mir schwer, in üblichen Begriffen zu beschreiben, wie Inga die Lehmbauwoche leitet. Es wäre viel zu flach, zu sagen, sie hätte das Thema gut rübergebracht. Ich könnte eher sagen, dass sie ganz in ihrem Element war und einen Raum geschaffen hat, in dem alle ihrem Potenzial nahekommen konnten. Was meinen wir, wenn wir von »Potenzial« sprechen? Wir sind noch sehr unbeholfen mit diesen Begriffen, die für uns wesentliche Qualitäten andeuten. !$
RZ Ich wollte noch einmal bei diesem Camp-Gefühl anknüpfen. Das Problem damit ist nicht, dass es angeblich nur ein vorübergehendes Gefühl sei, sondern dass der Clan in der Regel nur temporär ist. Daran knüpft sich für mich die Suche nach dem Glück an. Ich empfinde tiefes Glück dabei, mit anderen und für andere an einer Sache zu wirken. Es macht mich glücklich, für andere mit meiner Schaffenskraft dazusein. Daraus ergibt sich von selbst eine wechselseitige Bestätigung – so ein Wechselglück. & Ich schaffe an etwas mit für meinen Clan oder für diese zehn Menschen hier, und von diesen Menschen kommt das Glück zurück. So etwas passiert selten, aber wenn das frei von allem Störenden ausgeübt werden kann, macht es tatsächlich glücklich.
MFEL Ich merke einen Schmerz in mir – dass ich aus solchen Prozessen nicht wieder aussteigen will. Können wir nicht das Leben in der Art der Bauwoche fortsetzen? Bei uns in der Klein Jasedower Gemeinschaft kommen wir manchmal in solche Situationen hinein – ich denke an den Samstag im Frühsommer, an dem wir alle gemeinsam die Erdbeeren gejätet haben und danach in den See gesprungen sind. Manchmal denke ich, dass ich die anderen nicht mit Aufrufen zu Gemeinschaftsaktionen nerven will, aber vermutlich stehen wir uns mit solcher Zurückhaltung nur im Weg.
OME Was mich noch beschäftigt: Wie kommt es, dass in einem Clan die Potenziale der einzelnen so stark zum Tragen kommen? Normalerweise verbinden die Menschen den Clan mit Gleichmacherei, aber hier erleben wir das anders.
JH Das ist ein Resonanz-Phänomen. Wer sind dabei die Schwingungsgeber und wer die Resonatoren? Wenn wir uns gegenseitig nähren und bei der Entfaltung in dieses »Gemeinte« hinein fördern, wir uns in dem Zulassen üben, dass du das sein darfst, was du bist, und dich entfalten kannst, stellt sich eine sehr zarte Frage: Sind dann wir die Schwingungsgeber? Oder ist da noch etwas anderes? Die christliche Tradition umschreibt das so: »Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.« Das drückt etwas aus, das vielleicht stimmt. Wenn wir guten Willen haben, uns zu zeigen, entsteht möglicherweise so ein Wirbel, der eine Verbindung zu einer Ebene schafft, die mehr umfasst als nur uns mit unseren einzelnen Persönlichkeiten. $ Ich rede nicht über esoterische Dinge, sondern halte das für ganz selbstverständliche Prozesse. Wenn Reyk von Glück spricht, weil er das, was er tut, in hohem Maß für sinnvoll empfindet, dann tut er das nicht, weil er die Welt verbessern möchte, sondern weil er in diesem Resonanzfeld sein will. Indem wir zusammen sind, ergibt sich überhaupt erst die Chance, dass dieser Wirbel entsteht. Wir erzeugen ihn nicht bewusst, er ergibt sich, er ist ein Lebensphänomen. Im besten Fall ist das Leben dann stark spürbar. Vielleicht ist dies das ganze Geheimnis.
AE Reyk, während du erzählt hast, ist mir nochmals bewusst geworden, dass du, Inga, Matthias und ich hier an einem Haus schaffen, mit dem wir zukünftig im Alltag zu tun haben werden, auch wenn wir noch nicht genau wissen, wofür die Campwiese in Zukunft dienen wird. Aber diejenigen aus der Runde, die nicht hier ­leben, werden das Haus vielleicht nie nutzen. Was empfindet ihr dabei?
WO Ich denke nicht daran, wer da in Zukunft sein wird. Wenn ich meine Lehmbrote forme, denke ich normalerweise: So, wie ich es jetzt mache, ist es perfekt. Am nächsten Morgen sehe ich an meiner Arbeit vom Vortag so viele Fehler und lerne wieder etwas hinzu. Es macht mir soviel Freude, jeden Morgen wieder die Wand von gestern anzuschauen, danach bin ich geradezu süchtig! An einer Wand kann ich ablesen: Aha, da war meine Familie mit dabei, ich war abgelenkt. An einer anderen erkenne ich: Da war ich ganz bei der Sache.
LH Ich wusste von Anfang an nicht so genau, was wir da eigentlich bauen. Gelegentlich höre ich von Zirkuscamps für Kinder. Auf jeden Fall habe ich das Gefühl, dass etwas Gutes in diesem Haus passieren wird.
LMAY Wenn ich Leuten erklären muss, wo ich hinfahre und was wir da bauen, fällt mir manchmal auf, dass ich gar nicht genau sagen kann, wofür das Haus genutzt werden wird. Mir geht es um das Bauen, doch wenn das Haus fertig ist, werde ich eine Beziehung zu ihm behalten. Das ist ganz anders, als wenn ich beruflich etwas für Geld tue; da bleibt alles viel anonymer.
Inga Degenhart Ich denke an den Begriff der Ahnen, den Johannes vorhin ins Spiel gebracht hat. Für mich erscheint es sehr sinnvoll, diese Rückwärtsspirale zu unseren Vorfahren zu gehen, indem wir mit Materialien, die uns die Erde schenkt, arbeiten. Sie gemeinsam zu erforschen und dabei auf Kniffe zu kommen, die dieses Detail hier oder jenes dort gelingen lässt, ist eine Reise in die Vergangenheit. Unsere Hände erschließen sich verlorenes Wissen, und ich fühle, wie dabei unsere Ahnen hinter uns stehen. 9' Du musst immer wieder lernen, mit dem zu gehen, was ist. Lehm kann zu nass werden, und dann kannst du nicht mauern – das ist einer der konkreten Anlässe, das Lassen zu lernen. Wir probieren aus, lernen voneinander, werfen uns auch mal Lehm an die Köpfe, und immer reagieren wir auf die Gegebenheiten, nicht auf das, was wir persönlich vielleicht wollen. Das ist heilsam. •••

 

Im Anschluss an unser Gespräch haben wir die Helferinnen und Helfer auf der Lehmhaus-Baustelle in Klein Jasedow ­gebeten, ein wenig von sich zu erzählen.

Was war für dich in den letzten Monaten wesentlich?

Olga Maria Eggart
 (67) Diesen Sommer habe ich viele Ausflüge in die Berge gemacht. Ich lebe in München, da sind die Alpen nicht weit; man kann der Isar flussaufwärts bis ins Karwendelgebirge folgen. Dieses Jahr ist mir auf diesem Weg eine besondere Blütenpracht aufgefallen. So viele Knabenkräuter habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Alle meine wichtigen Erlebnisse in der letzten Zeit haben mit Natur zu tun. Während einer Exkursion an die Oder im Frühling, als die Kraniche dort rasteten, bin ich Zeugin eines Balztanzes geworden – so etwas hatte ich nie zuvor gesehen. Alles Wesentliche hat sich in diesem Jahr spontan ergeben, ich hatte kaum eine meiner Reisen geplant. Im September fragte mich zum Beispiel eine Freundin, ob ich ihr bei der Obsternte helfen könne. Also bin ich zu ihr gefahren und habe mitbekommen, wie ihr Enkelsohn laufen lernt. Um ­ihren Gartenteich haben wir einen Zaun aus Hasel­ruten gebaut, damit der Kleine nicht hin­einfallen kann. Eine andere Freundin hat mich jetzt gefragt, ob ich ihr in Italien bei der Olivenernte helfen würde. Dass ich mich so frei bewegen kann, liegt daran, dass ich inzwischen in Rente bin. Beruflich habe ich als Lehrerin für Mathematik und Geschichte gearbeitet, erst an einer Waldorfschule, später an einer Münchener Gesamtschule in einem sozialen Brennpunkt.
Was mir zur Zeit überall begegnet, ist die Suche der Menschen nach Lösungen für persönliche wie globale Herausforderungen. Meist ist es ein Tasten; es ist nicht klar, wohin es gehen soll. Ich glaube daran, dass wir eine innere Stimme haben, die weiß, was richtig ist. Aber sie ist von einem oberflächlichen Stimmengewirr, das von überall auf uns eindringt, überlagert. Es ist wichtig, ­ihrem leisen Ton genau zuzuhören. •

Reni Ehlert (33) In meinem letzten Jahr gab es ziemlich viele Umbrüche. Ich habe meine Arbeit aufgegeben: eine 40-Stunden-Stelle als Koordinatorin in einem Garten- und Landschaftsbau-Betrieb. Eines meiner letzten Projekte dort war, den Bau von einem Spielplatz zu betreuen – vom Entwurf der Anlage über die Kalkulation bis zur Abwicklung des Baus. Einerseits war das ein schönes Projekt, andererseits hat es mich auch viel zu viel Kraft gekostet. Deshalb habe ich gekündigt. Mir ist dann bewusstgeworden, dass ich bisher in meinem Leben immer getan habe, was von mir verlangt wurde: Abitur, Studium, Lehre, Beruf – ich hatte mein Leben nicht selbstbestimmt geführt. Als der Spielplatz fertig war und ich gekündigt hatte, ist aller Druck von mir abgefallen, und ich habe beschlossen, mir ein Jahr Auszeit zu gönnen. In dieser Zeit ging auch meine damalige, siebenjährige Beziehung zu Ende. Erst bin ich nach Südostasien gereist, weil ich zuvor noch nie aus Europa herausgekommen war. Zum ersten Mal konnte ich erfahren, wie schön es ist, sich frei auf diesem Planeten zu bewegen und ganz aus mir heraus Entscheidungen zu treffen. Mir fiel auf, wieviele Rollen ich bisher gespielt hatte – die Rolle der Tochter, der Freundin, der Arbeitnehmerin. Jetzt wollte ich nur ich selbst sein. Zurück in Deutschland, habe ich mich aus diesem Freiheitsgefühl heraus ehrenamtlich engagiert, bei einem Gartenprojekt für Flüchtlinge in der Not­unterkunft in Berlin-Hellersdorf mitgemacht und mich an der Organisation ­eines Hardcore-Punk-Festivals beteiligt. Gerade bahnt sich mit Freunden ein Gemeinschaftsprojekt auf dem Land an. Ich beobachte, wie viele Menschen die Sehnsucht haben, selbstbestimmt zu leben – aber meist steht der Druck, in der Gesellschaft funktionieren zu müssen, dem im Weg. Ich wünsche es jeder und jedem, Wege in die Freiheit zu finden. •

Lucie Hermann (26) Vor zwei Jahren bin ich nach Deutschland zurückgekommen – ich hatte in London Soziales Unternehmertum  studiert – und habe eine Permakulturausbildung angefangen. Vorher hatte ich mich eher theoretisch mit der Frage nach einem sinnvollen Leben beschäftigt, jetzt wollte ich selbst praktisch arbeiten. Zur Zeit besuche ich viele Gemeinschaften. Mich interessieren ihre verschiedenen Konzepte und Lebensweisen. Finde ich vielleicht einen Ort für mich? Im Moment tut es mir gut, unter Menschen zu sein, die ähnlich denken wie ich. In Berlin, wo ich derzeit lebe, finde ich nicht viele Gleichgesinnte und meine oft, ich müsste mich an die anderen anpassen.
Gerade ergeben sich von selbst viele Zukunftsperspektiven – zum Beispiel dass ich nächstes Jahr bei der Betreuung der Klein Jasedower Bauwochen mithelfen werde. Vor zwei Wochen habe ich in der Gemeinschaft Schloss Tempelhof eine Frau getroffen, die ein Grundstück in Portugal hat und dort eine Gemeinschaft gründen möchte. Sie hat mich gefragt, ob ich das Gelände perma­kulturell mitgestalten möchte. So gerate ich auf meinen Reisen mit vielen unterschiedlichen Projekten in Kontakt. Immer wieder merke ich, wie wichtig das Zwischenmenschliche ist. Orte fühlen sich für mich dann stimmig an, wenn die Menschen dort Wege finden, achtsam miteinander zu kommunizieren. Wie alle Beteiligten miteinander umgehen, hat große Auswirkung auf den »Erfolg« eines Projekts. Darüber mache ich mir viele Gedanken. Wie finden wir Wege, wirklich gut miteinander arbeiten zu ­können? •

Lukas May (28) Ich habe mich lange mit vielen Fragen zu Umwelt und Gesellschaft auseinandergesetzt und bin immer mehr zu der Überzeugung gekommen, dass die heutige Dynamik auf eine »Endzeit« zusteuert. Alles läuft darauf hinaus, dass es so nicht weitergehen kann. Endzeit klingt düster und vermittelt einen destruktiven Eindruck. Hier auf der Lehmbaustelle bin ich letzten Sommer zum ersten Mal mit dem Post-Kollaps-Gedanken  in Berührung gekommen. Der drückt zwar auch aus, dass die heutigen Zustände unhaltbar sind, aber er hat etwas Konstruktives, ist spielerischer, und fantasievoller als die Endzeit – und pragmatischer. Hier auf der Baustelle üben wir ganz praktisch das postkollapsfähige Bauen. Aus dieser neuen Perspektive habe ich bemerkt, dass ich die Umwelt und meine Mitmenschen anders wahrnehme. Es ist dann nicht so sehr die Frage, ob die Welt verändert oder die Natur gerettet werden kann, sondern es geht darum, durch eine andere Umgehensweise mit den Dingen einen der Welt zugewandten Geist zu schaffen. Was man tut, bekommt einen schöpferischen Charakter – dazu gehört auch so etwas wie selbst Brot zu backen, womit ich in der letzten Zeit angefangen habe. Das ist nur eine Kleinigkeit, aber es macht mich sehr glücklich, dass ich das jetzt kann.
Für das Schöpferische gibt es verschiedenste Ausdrucksformen: Die einen gestalten Skulpturen, die anderen schreiben – ich spiele Harfe. Ursprünglich habe ich Instru­mentenbau gelernt, aber zur Zeit arbeite ich als Garten- und Landschaftsbauer. Das war eine pragmatische Entscheidung, weil ich keinen Weg gefunden habe, vom Instrumentenbau mein Leben zu bestreiten. Aber meine derzeitige Arbeit ist nur eine Übergangsphase zu etwas Neuem. Nach wie vor ist mir Instrumentenbau ein Herzensanliegen. Wie sich das in einen neuen Weg integriert, wird sich zeigen. •

William Owich (33) Mir wird immer wieder deutlich, wie wichtig es ist, dass meine Familie – meine Partnerin Liesbeth und unsere drei Kinder – so miteinander ­leben, dass wir uns gegenseitig unterstützen. Fami­lienleben ist deine Basis, deine alltägliche Wirklichkeit; es ist das, was deinen Gefühlen, deinem Denken und deinem Bewusst­sein Halt gibt. Vor eineinhalb Jahren sind wir an den Stadtrand von Leipzig gezogen, wo unsere Kinder viel draußen sein können. Ich wünsche mir, dass sie die Sprache der Natur lernen. Dabei will ich sie nicht anleiten. Wenn sie einen Schmetterling sehen, sind sie ganz von selbst von diesem erstaunlichen Tier verzaubert. Ich muss sie nicht belehren und sagen, dass man es »Schmetterling« nennt. Namen sind nicht wichtig, Kinder kommunizieren mit der Natur unmittelbar. Die Natur spricht kein Deutsch oder Französisch, aber sie sagt dir dennoch, was essbar und was giftig ist.
Neben unserem Häuserblock in Leipzig haben wir einen Garten angelegt und unsere Nachbarn eingeladen, dort mitzuarbeiten. Jetzt ist dort ein Ort entstanden, wo wir uns treffen und austauschen können.
Mir ist es wichtig, Deutschland und ­Afrika zu verbinden. Ich bin hier ­geboren, aber in Kenia aufgewachsen, und ich möchte mich nicht für das eine oder das andere Land entscheiden. Gerade konzipiere ich einen Online-Shop für selbst designte, afrikanisch inspirierte Kleidung. Als Familie werden wir in Zukunft viel reisen und an mehreren Orten der Welt zu Hause sein. Vor allem möchte ich praktische Dinge tun – so wie hier am Lehmhaus arbeiten oder noch mehr über Gartenbau und Landwirtschaft lernen. Ich möchte etwas tun, das selbst in 700 Jahren noch sinnvoll wäre. 9 •