Oya braucht Mithilfe!

Alle Artikel der gedruckten Oya-Ausgaben sind auf dieser Website kostenlos zu lesen. Dahinter steckt viel Arbeit. Bitte helfen Sie mit, dass wir alle Texte weiterhin frei zur Verfügung stellen können:

• Nein, danke

• Ja, ich unterstütze Oya

Bitte wählen Sie hier den Betrag, mit dem Sie Oya unterstützen möchten:



Falls Sie kein PayPal-Konto haben, können Sie natürlich
auch direkt unsere Bankverbindung verwenden:

IBAN: DE96 4306 0967 1112 9897 00 • BIC: GENODEM1GLS
Verwendungszweck: Oya-Online Beitrag

Autodidaktische Experimente

Wenn es keine Bildungsformen gibt, die uns zufriedenstellen, warum schaffen wir uns nicht eigene? Mit ­diesem Gedanken gründete sich in einem Berliner Projektraum das »Autodidaktische Semester«.

von Valentin Niebler , erschienen in 40/2016

Bild

© Foto: Valentin Niebler

Als die Vorstellung beginnt, ist es mucksmäuschenstill. Dreiunddreißig Augenpaare sind auf Hanna und das Blatt Papier vor ihr gerichtet. Mit kräftiger Stimme trägt sie kleine Texte vor – sie handeln von Franz Kafkas Parabel »Die Brücke«, vom Stellenwert der Zwischenmenschlichkeit und von den Widrigkeiten moderner Sinnsuche. Es sind Gedichte und Gedanken aus den vergangenen Monaten, gesammelt im Rahmen ihres Semesterprojekts zur Frage nach dem »Sinn und Unsinn menschlicher Existenz«. Woraus beziehen Menschen heute Sinn? Was ist ihnen dabei wichtig? Das waren für Hanna wesentliche Forschungsfragen. In ihrer Auseinandersetzung damit hat sie Texte gelesen, ein Web-Tagebuch eröffnet und Gespräche geführt. »Menschen brauchen Replik, sie brauchen Kommunikation«, ist einer der Schlüsse aus Hannas Beobachtungen. Dem »Zurückgeworfensein auf sich selbst«, das viele Menschen heute verspüren, lässt sich nur durch Beziehung beikommen. »Nur im sozialen Kontext sind wir lebensfähig«, folgert sie.
Als Hannas Beitrag endet, rauscht ein kräftiger Applaus durch den Raum. Es ist ein Dienstagabend im Februar 2016, und wir veranstalten den öffentlichen Abschlussabend unseres »Autodidaktischen Semesters«. Wir, das sind zehn junge Menschen von 21 bis 32 Jahren, die sich gemeinsam in einem Bildungsversuch begleitet haben. Fast ein halbes Jahr lang haben wir an eigenen Lernvorhaben gearbeitet und uns dabei gegenseitig unterstützt. Heute haben wir Freunde und Freundinnen, Bekannte und die Öffentlichkeit in die Räume des »HandlungsSpielRaums« eingeladen, um dort unseren Prozess abzuschließen. Es ist, bei Licht betrachtet, erstaunlich, dass wir überhaupt heute hier sitzen – denn vor fünf Monaten wussten wir nicht einmal, ob wir unser Vorhaben mehr als ein paar Wochen aufrechterhalten würden.

Austausch statt Beurteilungen
Klar war am Anfang eigentlich nur eines: Wir wollten gemeinsam ein Bildungsexperiment wagen. Wir waren unzufrieden mit den uns bekannten Bildungsformaten; frustriert über die Ellen­bogenatmosphäre, Konformität und Verwertungslogik, die wir an unseren Schulen und Unis erlebt hatten. Warum ging es ständig um Prüfungen, Noten und Abgabetermine? Wir hatten Lust, selbstbestimmt zu lernen, uns zu entwickeln, uns mit interessanten Themen zu beschäftigen – aber ohne die Sachzwänge des Bildungssystems.
Warum sollten wir uns nicht ein eigenes Format ausdenken? Die Idee dazu entstand im Sommer letzten Jahres im HandlungsSpielRaum, einem offenen Bildungsort im Berliner Stadtteil Neukölln. »Wer hätte Lust, sich sechs Monate lang gezielt mit einem selbstgewählten Thema auseinanderzusetzen? Wer hat Freude daran, nicht nur sein eigenes Ding zu machen, sondern sich gegenseitig in einer Gruppe zu begleiten?« Diese Frage gaben wir in die Runde der Menschen, die den HandlungsSpielRaum regelmäßig oder gelegentlich als Ort zum Arbeiten und für Zusammenkünfte nutzen. Außerdem gestalteten wir einen öffentlichen Aufruf dazu. »Wenn du 6 Monate Zeit hättest für eine Frage: Welche wäre es?« stand auf den Einladungen, die wir über Mailinglisten und Bekannte verteilten.
Der erste große Informationsabend, zu dem wir geladen hatten, sollte bereits der Start des Projekts sein. Etwa zwölf Leute waren gekommen; sieben von ihnen waren auf der Stelle bereit mitzumischen: Mikas wollte zur Verbindung von Philosophie und Mathematik forschen, Alina zu Permakultur und Landwirtschaft. Johannes inter­essierte sich für Volkswirtschaft, Sarah für herrschaftsfreie Pädagogik. Als vorläufige Gruppe beschlossen wir, sofort loszulegen. Wir stellten Mailinglisten zusammen, trafen uns zu Vorbereitungskreisen am Abend und diskutierten unsere Struktur: Wie wollen wir uns begleiten? Wie häufig wollen wir uns sehen? Wie lernen wir uns kennen? Als Knotenpunkt unseres Semesters planten wir einen gemeinsamen, regelmäßigen Austausch. Im Prinzip sollte unsere Herangehensweise mit der einer Kunstakademie vergleichbar sein: Alle arbeiten an ihrem eigenen Kunstwerk, aber das Reflektieren darüber findet in der Gruppe statt. Wir geben uns Rückmeldung auf Entwürfe und Ideen, diskutieren Inhalte und Methoden, muntern uns auf, wenn die Motivation weg ist. So war unser theoretischer Plan, die Praxis sollte folgen.
Mit insgesamt 15 Menschen starteten wir Ende September schließlich in unser Semester. In der Zwischenzeit waren noch einige Menschen hinzugekommen: etwa Rosalin, die Lust hatte, an einer Theaterperfomance zu arbeiten, oder Theresa, die zu Klang, Geräuschen und Klassentheorie forschen wollte. Zu den ersten Austauschtreffen, die wir für Montag und Mittwoch angesetzt hatten, kamen wir hochmotiviert – nicht nur, um von unserer Forschungsarbeit zu berichten, sondern auch um zu frühstücken, uns kennenzulernen und zu verabreden. Die Montage und Mittwoche verbrachten viele von uns gemeinsam im HandlungsSpielRaum. Wir lasen, schrieben, zeichneten und kochten; zu den Austauschrunden wurde gemeinsam diskutiert.
So entwickelte sich in den darauffolgendenWochen etwas, das wir aus Schule und Uni tatsächlich nicht kannten: ein freies und zwangloses Arbeiten, das trotzdem einen roten Faden hatte. »Es war spannend, zu beobachten, wohin sich unser Prozess von Woche zu Woche entwickelte«, erinnert sich Hanna. »Im klassischen Bildungssystem ist die Richtung vorgegeben, da gibt es Lehrpläne für die neunte und für die zehnte Klasse, für das zweite Studiensemester und so weiter. Hier war das ganz anders.«
Für unsere einzelnen Vorhaben wählten wir unterschiedliche Lernformen. So hatte ich mir etwa für mein eigenes Thema, den Wandel der Arbeitswelt, einen Schreibtag in der Woche vorgenommen. Auf einem Online-Blog wollte ich die entstandenen Texte veröffentlichen. Andere planten regelmäßige Körperübungen in der Woche, Exkursionen zu einem Bauernhof oder den Besuch von Lesekreisen. Einige gaben sich eine sehr gezielte Struktur, manche wollten hingegen ins Blaue hinein studieren.

Die Leistungsgesellschaft in uns
Unsere anfängliche Euphorie fing nach einiger Zeit an, sich zu verändern. Im November und Dezember nahm die Länge unserer gemeinsamen Treffen Stück für Stück ab. Einige kamen immer seltener – manche auch gar nicht mehr. Der anfangs festgelegte Fokus auf ein Semesterthema stellte sich bald für eine Reihe von uns als belastend heraus. Manchen war es zwar leichtgefallen, mit ihrem Vorhaben zu starten, aber andere taten sich schwer; sie schweiften in verschiedene Richtungen und konnten sich nicht vertiefen. Mikas etwa legte sich lange Lesepläne zu Alain Badious »Being and Event« zurecht – um sie schließlich wieder zu verwerfen. Auch mein geplanter Schreibtag blieb ein Strohfeuer: Ich kam zwar gelegentlich zum Schreiben, aber selten wirklich an diesem Schreibtag. Meine Muße dafür ließ sich nicht an einem bestimmten Tag einfach anschalten, sondern kam zu ganz verschiedenen Zeiten.
Einige in der Gruppe wussten nicht, ob sie wirklich eine Fragestellung gefunden hatten, an der sie arbeiten konnten. Anderen fehlte die Verbindlichkeit für die Austauschrunden. Unsere Analyse, dass Schulbildung falsch läuft, war einfach gewesen – das Erproben neuer Modelle war viel schwieriger.
Auf einem Zwischentreffen im Dezember zogen wir zum ersten Mal Bilanz aus unserem Experiment. »Ich will mich intensiver auseinandersetzen«, war ein Satz, der immer wieder fiel. Wir brachten es zwar inzwischen ganz gut fertig, uns wöchentlich auszutauschen, aber viele vermissten die inhaltliche Intensität. Auch die Organisation des Semesters rang uns unerwartete Energie ab. Wie viel Zeit für Selbstverwaltung und Kommunikation nötig sein würde, hatten wir in unsere Planungen nicht eingerechnet. Von der Lernutopie, die wir zusammen ausgeheckt hatten, sahen wir uns also noch weit entfernt. Entschlossen, weiterzumachen, waren wir aber allemal!
Wenn sich Mikas an die Zeit des Autodidaktischen Semesters erinnert, denkt er an die Erwartungshaltungen und den Hintergrund der Gruppe: »Die meisten von uns kamen von der Uni und hatten ein Gefühl der Verpflichtung: Ich muss dies und das lesen, schreiben, produzieren«, erzählt er. »Also hatten wir damit zu kämpfen, wenn wir die Erwartungen an uns selbst nicht erfüllten.« Dass es nicht als Selbstzweck darum gehen dürfte, etwas zu leisten, war uns zwar bewusst und wichtig. Immer wieder waren wir aber auch mit dem Effekt konfrontiert, dass sich dieser Anspruch auch unbewusst äußerte. Die Leistungsgesellschaft war da draußen – aber sie war, wie wir feststellen mussten, auch in uns.
Als im Januar die Idee einer Abschlusswoche entstand, sammelte sich unsere Gruppe noch einmal: Wie haben sich unsere Vorhaben entwickelt? Was haben wir bis zum Ende unseres Experiments noch vor? Wollen wir etwas vorstellen? Durch den Fokus auf das gemeinsame Ende kam auch Dynamik in unsere Prozesse. Wir konzentrierten uns noch einmal auf unsere Vorhaben.

Fragen werden geboren
Zum öffentlichen Abend der Abschlusswoche besuchten uns schließlich über 30 Menschen. Sogar am Boden mussten einige Platz nehmen, so voll war der Raum. Vor dem versammelten Publikum trug unsere Gruppe verschiedene Redebeiträge vor. Rosalin hatte außerdem eine Bewegungsübung vorbereitet, die sie in ihrer Semesterzeit entwickelt hatte. Neunzig Minuten lang konnten alle zuhören und sehen, was uns seit September beschäftigt hatte. 
In den verschiedenen Beiträgen ging es gar nicht so sehr um die Einzelvorhaben, mit denen wir gestartet waren. Sie spiegelten vielmehr die zahlreichen Gespräche, die wir geführt haben, und die Fragen, die dabei entstanden sind: Wie lassen sich Mensch und Gesellschaft heute denken? Wie entsteht Sinn in einer beschleunigten Gesellschaft? Können wir darüber nachdenken, ohne selbst in die Zwänge zu geraten, die wir kritisieren? An den großen Momenten des Abends verschmolzen die Prozesse unseres Semesters zu einem Ganzen. Als wir uns spät abends auf den Heimweg machten, staunten wir nicht schlecht über die letzten Stunden. So vieles und so Unterschiedliches war hier tatsächlich passiert?

Ein nächstes Semester 
Fünf Monate später ist der Sommer im HandlungsSpielRaum eingekehrt. In seinem kleinen Hinterhof röten sich die Tomaten. An einem großen Holztisch sitzen Kathi, Alina, Nina, Helin, Mikas, ­Joshua und ich. Zu siebt haben wir uns durch das zweite Autodidaktische Semester begleitet und begehen heute erneut unseren Abschlusstag; diesmal nur für uns, ohne Öffentlichkeit. Noch im Februar hatten wir beschlossen, unseren ersten Versuch fortzusetzen.
Wir essen eine leckere Quiche, belegt mit Gemüse aus Alinas Garten – sozusagen ein Studienprodukt. Über den Garten in ihrem Hausprojekt hatte uns Alina viel berichtet; es war ihr praktisches Vorhaben im Semester. Nach dem Essen erzählt sie uns von Perma- und Mischkultur, ihren Ausflügen auf einen Bauernhof und einem Kurs zum Thema Bodenfruchtbarkeit, den sie besucht hat. Auf ihren Fotos zeigt sie uns die vielen Pflanzen, die den Frühling und Sommer über in ihrem Garten gewachsen sind: Bohnen, Kürbisse und sogar eine Sonnenblume sind dabei. Auch von den anderen Vorhaben in der Gruppe erfahren wir. Mikas berichtet von seiner Beschäftigung mit Sigmund Freud. Er hat die »Traumdeutungen«, das Erstwerk des bekannten Psychoanalytikers, gelesen und dazu ein Traumtagebuch geführt. Nina und ich erzählen von unserem Lesekreis zum Thema »Beschleunigung und Entfremdung«, zu dem wir am Vortag auch einen Workshop veranstaltet haben. Am Ende unseres Abends blicken wir auf beide Semester zurück: Vieles im zweiten Halbjahr war ganz anders als im ersten. Wir waren eine kleinere Gruppe und kannten uns bereits, konnten uns einfacher auf den Lernprozess konzentrieren. »Es gab viel Austausch über Inhalte, aber wenig über den Prozess«, meint Nina. »Beim ersten Semester war das andersherum.«
Teil unserer Reflexion sind auch noch einmal grundsätzliche Fragen: Haben wir mit dem Semester erreicht, was wir wollten? Haben wir für uns eine Alternative zum konventionellen Bildungssystem aufgebaut? Ganz eindeutig lässt sich das nicht sagen. Für einige von uns blieb es ein »Nebenbei« zu Lohnarbeit, Ausbildung und Studium; für andere wurde es zu einer richtigen Alternative. Sicher sind wir uns, dass es ein wertvolles Jahr war, und dass viele Lernerfahrungen entstanden sind, mit denen sich die Frage nach freier Bildung weiter diskutieren lässt.
Dass es im Herbst wieder die Möglichkeit für ein Semester geben soll, steht bereits fest. Auch im Frühling hatte sich schon eine zweite Semestergruppe gegründet, die sich regelmäßig im HandlungsSpielRaum traf und mit unserer Gruppe im Austausch stand. Zusammen hatten wir etwa einen Themenabend organisiert. Auf welche Weise zu einem neuen Semester eingeladen wird, wollen wir mit allen bisher Beteiligten besprechen, um die vielen Erfahrungen, die wir im letzten Jahr sammeln konnten, in die Einladung einfließen zu lassen.
Wie sich das Autodidaktische Semester entwickeln und was davon bleibten wird, wissen wir noch nicht. Klar ist aber allen Beteiligten, dass sich durch unser Experiment ein Horizont eröffnet hat, der vorher nicht erkennbar war. Vor allem war es ein praktisches Beispiel, das uns gezeigt hat: Wenn es keine uns entsprechenden Bildungsformate gibt, hindert uns niemand daran, uns selbst welche zu schaffen. •


Valentin Niebler (28) ist Mitgründer des HandlungsSpielRaums. Er ­arbeitet und schreibt zu den Themen Arbeit, Bildung und Digitalisierung.

Die Bildungs-Experimentierer besuchen:
www.handlungsspielraum-berlin.de

Zurück zur Startseite

Hintergrundinfos zu Oya auf Facebook

Oya gemeinsam ermöglichen!