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Degrowth – Handbuch für eine neue Ära (Buchbesprechung)

von Anja Humburg , erschienen in 39/2016

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Woran lässt sich tiefgreifender, ernsthafter Wandel erkennen? Bin ich mit meinen eigenen Projekten auf diesem Pfad unterwegs, oder reproduziere ich selbst das kritisierte, alte System? Immer wieder ruft mir der Oya-Untertitel  »anders denken. anders leben« ins Gedächtnis, wie sehr Sprache das Handeln prägt. Sie ist mit jeder Zelle meines Körpers verknüpft; sie zu ändern, gleicht einem Körperwechsel – doch ohne selbst ein neues Vokabular zu verinnerlichen, drohen auch Projekte, Praktiken und Gedanken nur den gefährlichen Status quo zu verlängern. Unterstützung bei dem schwierigen Unterfangen, eine neue Sprache zu sprechen, verspricht das gerade ins Deutsche übersetzte Degrowth-Handbuch. Wer »aus einem Elefanten eine Schnecke« machen will – so der ambitionierte Anspruch der Herausgeber –, braucht neues Vokabular. 53 Begriffe machen den Auftakt. Sie reichen von historischen Wurzeln über Kerntheorien und Praktiken bis hin zu den Verwandten der »Degrower«. Bei Begriffen wie Commons, Konvivialität oder Care-Ökonomie könnte man den Eindruck gewinnen, Degrowth vereinnahme andere, angrenzende Diskurse. Doch bei genauem Hinsehen wird klar: All diese Begriffe eint, dass sie »Nachhaltigkeit« als »schädliches Konzept« begreifen, weil jene sich vom Wachstumsdogma hat mitreißen lassen. Stattdessen ist Wachstumskritik der gemeinsame Nenner des Neulands, denn selbst bei Null-Wachstum führe der fortgesetzte Verbrauch knapper Ressourcen unweigerlich zu deren völliger Erschöpfung. Diese simple, aber einleuchtende Ausgangsthese stellte der Ökonom Nicholas Georgescu-Roegen schon Anfang der 1970er Jahre auf. Da viele Autoren aus dem frankophonen Sprachraum stammen, eröffnet das Buch gerade mit der Übersetzung ins Deutsche neue Zugänge. Beispielsweise mit dem Begriff »dépense«, was soviel meint wie: kollektive Ausgaben für »Unproduktives« – Feste und gemeinsame Rituale oder die Entscheidung, einen Wald ungenutzt zu lassen.
Das Buch kündigt eine dritte Welle der internationalen Degrowth-Netzwerke an. Nach dem Aufkeimen der Idee in den 1970er Jahren und dem Aufeinander-aufmerksam-Werden seit der Jahrtausendwende geht es nun um das produktive Verknüpfen der jeweiligen Perspektiven und Erfahrungen. Vielleicht ist es zu ambitioniert, bereits von einer Degrowth-Theorie zu sprechen, wie es die Herausgeber andeuten; definitiv liefert das Buch aber bislang noch nie derart weise zusammengetragene theoretische Grundlagen. Es ist ein »Übungsprogramm fürs Reduzieren«, wie Niko Paech schreibt.
Aus dem Handbuch spricht das gemeinschaftliche und kooperative Wirken unter Einsatz aller Sinne – inklusive einem gewissen Augenzwinkern und großer Freude. Die anspruchsvolle Lektüre lädt zum Vorlesen und Miteinanderteilen ein. ◆

Degrowth
Handbuch für eine neue Ära.
G. D’Alisa, F. Demaria, G. Kallis (Hg.)
oekom, 2016
297 Seiten
25,00 Euro

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