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Global Gardening (Buchbesprechung)

von Matthias Fersterer , erschienen in 39/2016

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Die bekannte Umweltjournalistin und »Zeit«-Reporterin Christiane Grefe trägt mit ihrem neuen Buch »Global Gardening« zu einer wichtigen Debatte bei, die bereits 2014 für eine breitere Leserschaft durch Franz-Theo Gottwalds und Anita Krätzers Streitschrift »Irrweg Bioökonomie« eröffnet und im vergangenen Herbst eingehend in Oya (siehe Ausgabe 35) behandelt wurde.
Dabei ist der Begriff »Bioökonomie« nicht neu. Wie uns Grefe erinnert, wurde er in den 1970er Jahren durch den Vordenker der wachstumskritischen Bewegung Nicholas Georgescu-Roegen für ein Wirtschaften innerhalb natürlicher Grenzen geprägt. In den vergangenen Jahren wurde er jedoch durch »Begriffsgrabbing« ins glatte Gegenteil verkehrt und gilt seitdem als Überbegriff für die Kapitalisierung des Lebens durch Biotechnologie, Genmanipulation, synthetische Biologie, Bioenergieerzeugung und Präzisions-Farming. Erklärte Ziele dieser »neuen« Bioökonomie sind die Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern und ein globales Ressourcenmanagement, das durch die Patentierung und Verwertung des Lebens – von der menschlichen Zelle bis zum Grashalm – wachstumsorientiertes Wirtschaften stützt.
Mit den Worten des Poeten Robert Frost attestiert Grefe unserer Gesellschaft, dass sie an einer Wegscheide stehe, an der sich die Frage stelle, welchen Pfad der Bioökonomie wir einschlagen wollen – und hofft auf eine Vereinbarkeit beider Pfade. Leider drängt sich auch nach der Lektüre dieses Buchs das Gefühl auf, dass wir diese Gabelung schon längst hinter uns gelassen haben und die beiden skizzierten Varianten nicht nur nicht miteinander vereinbar, sondern diametral entgegengesetzt sind.
In Reportage-Miniaturen gibt Grefe ­fachkundig und mit Lokalkolorit Einblick in die Labore, Produk­tions­stätten und Versuchsfelder der Neo-Bioökonomie, wie sie der wirtschaftsnahe – angeblich »unabhängige« – Bioökonomierat der Bundesregierung oder Biotech-Unternehmen wie BASF, Syngenta oder Monsanto propagieren. Dieser »Bioökonomie von oben« stellt Grefe eine »Bioökonomie von unten« entgegen, die sich an den ursprünglichen bioökonomischen Idealen orientiert: solidarische Landwirtschaft, Agrar­ökologie, Agroforstwirtschaft, Aufforstungs- und Renaturierungsprojekte etc.
In Gastbeiträgen kommen Akteure zu Wort, die zur Avantgarde zukunftsfähigen Denkens und Handelns zählen und Oya-Lesern keine Unbekannten sein dürften: Auf einen bewegenden biografischen Exkurs Michael Succows folgen Streitgespräche, in denen Franz-Theo Gottwald, Andreas Weber, Benedikt Härlin (»Save our Seeds«) und Herrmann Fischer (Auro-Farben) je einem kontrapunktisch argumentierenden Vertreter des Biotech-Sektors gegenübertreten. Dabei hält die Autorin sich mit klaren eigenen Positionen zurück: Sie agiert als Reiseführerin durch die »schöne neue Welt« der Bioökonomie und als Moderatorin zwischen den Kontrahenten, die oftmals schlichtweg deshalb aneinander vorbeiargumentieren, weil ihnen eine gemeinsame Grundlage fehlt.
Dies mag unter anderem daran liegen, dass in der gesellschaftlichen Diskussion um die Bioökonomie einige Grundfragen gar nicht gestellt werden. Ihre Befürworter versuchen, die gegenwärtigen ökologischen und ökonomischen Herausforderungen mit denselben Denkstrukturen, die ursprünglich zu jenen geführt ­haben, zu lösen: Sie suggerieren, die Wirtschaft würde durch den Umstieg von fossilen auf biologische Rohstoffe automatisch ökologischer. Tatsächlich ändert sich dadurch jedoch gar nichts an den per se nicht nachhaltigen Strukturen der kapitalistischen Verwertungslogik – im Gegenteil: Unter dem schönfärberischen Deckmantel grünen Wirtschaftens werden Extraktivismus und Verwertungsdenken auf Sphären ausgeweitet, die bislang davon unbehelligt waren. Systemimmanente Probleme wie anhaltende Weltvernutzung und Wachstumsdiktat werden dadurch nicht gelöst, sondern verschärfen sich eher noch.
Entscheidender als jede Energie- oder Rohstoffwende ist eine Wende des zugrundeliegenden Bewusstseins: Eine lebensfördernde Wirtschaft muss mit einem Paradigmenwandel weg von Ausbeutung und extraktivistischer Verwertungslogik hin zu Pflegnutzen und verbundenem Handeln einhergehen. Ein solcher Wandel würde Begrifflichkeiten wie »Rohstoff«, »Biomasse« und »Humankapital« hinter sich lassen und die Kommodifizierung des Lebens umkehren: Alle Lebewesen würden als würdebegabte Subjekte betrachtet, anstatt zu ausbeutbaren Objekten und handelbaren Waren degradiert zu werden. Im Zug einer solchen Wende gälte es auch, die Frage nach den Eigenrechten der Natur konsequent zu stellen.
Zudem ist die Neo-Bioökonomie als Versuch eines globalen Rohstoffmanagements blind für essenzielle Elemente zukunftsfähigen Wirtschaftens in geschlossenen Kreisläufen: Regionalität, Subsistenz, Suffi­zienz, gemeingüterbasiertes Pflegnutzen.
Eine sorgfältig recherchierte Bestandsaufnahme ist »Global Gardening« allemal; die in der allgemeinen Debatte vernachlässigten Kritikpunkte an der Bioökonomie sind jedoch auch hier nur zwischen den Zeilen zu finden. Wer sich in diese Aspekte vertiefen möchte, sei auf Gottwalds und Krätzers mutige Streitschrift (Suhrkamp 2014), auf Thomas Fatheuers kritische Einführung »Neue Ökonomie der Natur« (Heinrich Böll Stiftung 2013) oder auf Andreas Webers Essay »­Enlivenment« (Matthes und Seitz 2016) ver­wiesen. ◆ 

Global Gardening
Bioökonomie – Neuer Raubbau oder Wirtschaftsform der Zukunft?
Christiane Grefe
Kunstmann, 2016
320 Seiten
22,95 Euro

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