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Wieder hinaus ins Leben

Wolfram Nolte, der als Redakteur unsere Rubrik »Gemeinschaft« betreute, war im ­November 2014 an Krebs erkrankt. Ein ­un­gewöhnlicher Heilungsweg ließ ihn jetzt wieder an Leib und Seele genesen – nachdem er bereits ein Hospiz aufgesucht hatte. Die gemeinschaftliche Geborgenheit dort war ein maßgeb­licher Heilungsfaktor. Kürzlich schrieb er uns einen Brief, der uns so bewegt hat, dass wir ihn hier wiedergeben.

von Wolfram Nolte , erschienen in 39/2016

Bild

© Foto: privat

Ich habe vor ein paar Wochen das Hospiz Am Engelberg in Wangen bis auf weiteres als »geheilt« verlassen und erlebe es als ein Wunder, dass der Tumor geschrumpft ist, ich keine Schmerzmittel mehr brauche, ich mich voller Aufbruchsenergie fühle. Es war ein intensiver Weg von der Diagnose im November 2014 bis zu meiner Wiedergeburt ins Leben in diesem Frühling.

Diagnose: Krebs
Nach der Diagnose Zungenkrebs war ich völlig verzweifelt. Ich war 68 Jahre alt – sollte ich mich nun wirklich all diesen schmerzhaften und oft den Tod nur für wenige Monate hinausschiebenden Prozeduren der Chemo- und Strahlentherapie in lieblosen Krankenhäusern aussetzen? Ich zog mich auf die Nordseeinsel Spiekeroog zurück, schaute aufs Meer hinaus, und es zog mich mit magischer Kraft an: Wie wäre es, in der Abenddämmerung hinaus­zuschwimmen, immer weiter, solange die Kräfte reichen, und dann einfach loszulassen? Doch auf einmal fühlte ich mich schrecklich einsam. »Ich will nicht ohne meine Freundin, meine Tochter und meine Freunde sterben – ohne menschliche Liebe zu spüren. Ich will überhaupt noch nicht sterben!« Mir wurde klar, dass ich einen anderen Weg gehen will. Mein Blick änderte sich, ich sah den Krebs nicht mehr als Feind, sondern als einen Botschafter, der mir zuruft: »Du musst dein Leben ändern! Was ist es, was du bisher nicht gelebt hast, was als Sehnsucht dein Leben bedrängt?«

Verdrängte Sehnsucht
Immer schon wollte ich stärker aus meinen inneren Impulsen leben, mich mehr verbunden fühlen mit meinen Gefühlen, mit den Menschen, mit dem ­Leben. Fand ich doch keinen Zugang, der mich wirklich befriedigte. Vielleicht war das nun die letzte Möglichkeit? Ich beschloss, zu dem Heiler João de Deus nach Brasilien zu fahren. Viele Freunde aus der Gemeinschaftsszene ermöglichten mir die Finanzierung der Reise. Dort nahm ich an Meditationen, spirituellen Treffen und Heilungs-Sessions teil. Physisch brachte das keine Verbesserung meines Zustands, ich brauchte weiterhin starke Schmerzmittel. Doch allein schon durch das spirituelle Feld des Ashrams veränderte sich seelisch sehr viel. Ich fühle heute noch die Hoffnung und die Sorge, die mich aus den Augen der Heilungsuchenden anschauten. Alles wurde wesentlich, es ging um Leben und Tod – auch die gemeinsame Freude beim Singen wurde zu einer tiefen Erfahrung. Es gab wenig verbale Kommunikation, aber eine starke Kommunion der Herzen, wirkliche Gemeinschaft. Ich fühlte mich bei diesen Menschen aus vielen Teilen der Erde ­aufgehoben. Ich fuhr in einem tiefen ­Frieden zurück nach Hause und war bereit, alles anzunehmen, was da auf mich zukommen sollte.

Dem Krebs mit Lebensfreude davonleben
Ich wollte der Sorge um den Krebs nicht die Herrschaft über mein Leben überlassen, keine aufwendigen Diäten oder stark einschränkende Medikamente und Verhaltensweisen praktizieren. Naturheilmittel begleiteten mich weiterhin, ebenso wie die notwendigen Schmerzmittel.
Ich wollte dem Krebs mit meiner Lebensfreude »davonleben«. Das ist mir auch im Großen und Ganzen gelungen, bei gutem Essen und guten Gesprächen mit Freunden, bei Besuchen in der Friedensgemeinschaft Tamera in Portugal oder bei Freunden im Umfeld der Zegg-Gemeinschaft in Bad Belzig. Meine Redakteurstätigkeit bei Oya gab ich schweren Herzens auf. Ich wollte langsamer, achtsamer und fühlender leben. Slow Life – das tat mir gut! Doch es wuchsen auch die Sorgen um Geld, Aufgabe und Sinn. Und es wuchs das Bedürfnis nach mehr Freude und der Fähigkeit, tiefer lieben zu können.

Das Hospiz – eine besondere Liebesgemeinschaft
Im Februar dieses Jahres platzte der Tumor plötzlich auf. Ich verlor sehr viel Blut und wurde auf einer Bahre ins Hospiz am Engelberg (siehe Seite xx) eingeliefert. Wie ein Gespenst muss ich ausgesehen haben! Ich war nur froh, mich niederlegen zu können und mich behütet zu wissen.
In den folgenden Tagen und Wochen konnte ich erleben, was die ­Hospizleiterin Annegret Kneer so einladend formuliert hat: »Man kann hier im Hospiz ein Stückchen vom Paradies leben, das heißt menschliche Wärme, menschliche Begegnung und ein Stückchen Glückseligkeit.«
Als ich wieder auf den Beinen war, spürte ich die liebevolle Ausstattung der Räumlichkeiten, die sich deutlich von der nüchternen und funktionalen Einrichtung der übrigen Klinikabteilungen abhob: Parkettboden statt Linoleum, warme Farben an den Wänden statt eintönigem Grau und Weiß, überall anregende Gemälde und Fotos, Skulpturen und in Holz geschnitzte Gedichte (z. B. Hesses »Stufen«) – aber vor allem jede Menge frische Blumen: Rosen, Tulpen, Frühlingsblumen.
Dem entsprach die liebevolle Versorgung durch das Pflegepersonal und die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer. Immer gab es Zeit, sich auszutauschen, Zeit für freundliche Worte, aufmunternde Blicke, herzliche Umarmungen – und immer wieder auch Lachen und Humor. Ich bin fest davon überzeugt, dass es insbesondere diese Atmosphäre war, die so heilend auf mich gewirkt hat.
In Engelberg lebt ein ­ähnlicher Geist wie im heiteren »Gesundheit!-­Institute« in Virginia/USA, das durch den »Clown-Doktor« Patch Adams (im gleichnamigen Film dargestellt von Robin Williams) weltberühmt wurde. Hier wie dort geht es um eine menschennahe Medizin, in der Freude, Humor, Liebe zu sich selbst und anderen, Vertrauen und Gemeinschaft als die stärksten Heilkräfte geschätzt werden.
Medikamente haben meinen Prozess gewiss unterstützt, ebenso wie die sechs Kurzbestrahlungen mit niedrigster Dosis, von denen meine Ärztin mich doch noch überzeugen konnte. Sie selbst will meine Gesundung aber auch nicht auf die Wirkung der Schulmedizin reduzieren, sondern spricht von einer wunderbaren Spontan­heilung.

Seite an Seite das Leiden überwinden
Ein wichtiges Erlebnis im Hospiz war für mich das Zusammensein mit meinem Zimmergenossen Gerhard. Er war einige Jahre jünger als ich, aber schon lange hier. Ich war zunächst unsicher gewesen, ob es nicht besser wäre, in einem Einzelzimmer zu liegen. Aber dann hatte ich das Gefühl, nicht alleine sein zu wollen. Auch wenn es Gerhard im Lauf der Zeit immer schlechter ging, war ich froh, bei ihm zu sein. Ich lernte, tiefer wahrzunehmen und meine Angst vor Schmerzen, meinen Ekel vor Blut, Kathedern, aufgequollenen Füßen und Händen zu überwinden. Ich lernte, ihn wirklich zu sehen. Wie schon in Brasilien vernahm ich diesen Aufruf: »Mensch, werde wesentlich!« Als meine Ärztin mich verlegen wollte, bestanden Gerhard und ich darauf, zusammenzubleiben. Als sich abzeichnete, dass ich das Hospiz verlassen würde, sagte er, er wolle nicht alleine zurückbleiben. Von da an erwartete er den Tod, den er als Erlösung ansah. Am frühen Morgen meiner geplanten Abreise tat Gerhard seinen letzten Atemzug. Wir beide verließen das Hospiz am gleichen Tag – nur in verschiedene Richtungen. Ich sehe noch sein Lächeln, das immer wieder durchbrach, und danke ihm für unsere kurze gemeinsame Zeit, in der wir beide eine Ahnung davon ­bekommen haben, was bedingungslose Liebe vermag. •


www.hospizamengelberg.de
www.patchadams.org
 

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