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Das kann es doch nicht gewesen sein!

Dieter Halbach sprach mit Felix Wagner über das frühzeitige Ende der Lebensdorf-Gemeinschaft. Das Vorhaben mit einem Aufbauzentrum in Freiburg war eines der profiliertesten Gemeinschaftsprojekte der letzten zehn Jahre; es wollte nicht zuletzt als Forschungsmodell den gesellschaft­lichen Wandel voranbringen.

von Dieter Halbach , Felix Wagner , erschienen in 39/2016

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© Foto: privat

Ende letzten Jahres habe ich überraschend  die Einladung zur Abschlussfeier des Projekts Lebensdorf bekommen. Das war nach neun Jahren vielversprechender Entwicklung ein Schock für mich! Die paar Male, die ich eure Gruppe besucht und auch begleitet habe, habe ich immer als von guter Stimmung getragen erlebt. Und auch euer Ziel, ein Modellprojekt für bis zu tausend Menschen zu schaffen, fand ich sehr mutig. Wie geht es dir jetzt?

Es fällt mir nicht leicht, damit zu sein. Ich denke oft, dass es das doch nicht gewesen sein kann. Da ist so viel Energie aufgebaut worden, so viele Konzepte, Wissen, soziale Kompetenz sind gewachsen, wir hatten so viele schöne gemeinsame Erlebnisse! Aber ich war von Anfang an der Überzeugung, dass dieses riesige Projekt wohl nur durch ein Wunder verwirklicht werden kann.
Tatsächlich würde es mich schon sehr wundern, wenn das nun alles so verpuffen und nichts daraus folgen würde. Ganz so ist es ja auch nicht, denn das Projekt hat viele Personen bereichert und inspiriert. Es gibt auch bereits einige kleinere Initiativgruppen, die auf unseren Ansätzen und Erfahrungen aufbauen.

Was war für dich die besondere Vision eures Projekts?

Das Wesentliche wäre ein Ort gewesen, an dem Herz, Hand und Verstand zusammenkommen, um lebensfreudige – manche sagten auch »heilsame« – Lebensweisen zu entwickeln. In unserem Konzept hieß es: »Das Lebensdorf soll wirklich ein Dorf sein, gefüllt mit Leben, das darauf ausgelegt ist, eine Infrastruktur mit weitgehender Selbstversorgung aufzubauen, wie sie traditionelle Dörfer schon immer hatten, und dies möglichst ökologisch und nachhaltig.« Bei mir war damit von Anfang an das Bild eines Rettungsboots verbunden, das unser Überleben sichert, wenn die Zivilisation zusammenbricht. Im Kern stand für mich aber nicht die Autarkie, sondern mir ging es darum, einen Ort zu schaffen, der genug Gestaltungsfreiheit bietet, um sich der Frage zu widmen, wie wir sinnvoll leben können, ohne dabei Mit- und Nachwelt zu sehr zu schädigen.

Es gab bei euch auch ein sehr politisches, forschendes Herangehen, um zu einer gesamtgesellschaftlichen Transformation beizutragen.

In meinen alternativen Anfängen ab Mitte der 1990er Jahre wäre ich am liebsten weit weg von dem ganzen zivilisatorischen Wahnsinn gegangen, zum Beispiel in ein altes Bergdorf in die Pyrenäen. Aber für meinen Mitbegründer, ich nenne ihn mal mit seinem damaligen Künstlernamen Ronny Regenwurm, war immer klar, dass das Projekt in Deutschland stattfindet. Es sollte eben kein Aussteigerdorf sein. In der hochgradig vernetzten Welt geht es eher dar­um, etwas zu schaffen, wo möglichst viele andocken und mitmachen können. Daher leuchtete mir auch ein, dass es sinnvoll ist, im eigenen kulturellen Umfeld anzusetzen.

Von da kann am ehesten ein Transfer in die Gesellschaft gelingen. Du hast später dazu Konferenzen gestaltet und mit »Research in Community« (RIC) eine Plattform für Transformationsforschung geschaffen, wo Gemeinschaften als Pioniere des Wandels mit der Wissenschaft kooperieren können.

Wir wollten damit einen Beitrag zu der Frage, wie gesellschaftlicher Wandel geschieht, leisten. Mir war auch klar, dass wir ein großes Projekt nur realisieren können, wenn es gesellschaftlich gewünscht ist und wir selbst einen gesellschaftlichen Beitrag damit leisten. Warum also nicht gleich das Projekt als ein offizielles Forschungsvorhaben aufziehen? Hierfür würde sich zum Beispiel das derzeit heiß gehandelte Konzept von »Reallaboren« eignen – und damit würden wir auch eine gewichtigere, nämlich wissenschaftlich begründete, Stimme innerhalb der Gesellschaft bekommen.

Dennoch wart ihr ja kein reines Kopf­projekt. Als kleine Initiations-Gemeinschaft habt ihr in der Freiburger Villa ganz glücklich miteinander gelebt.

Ja, die angesprochene Forschungsorientierung stand sicherlich nicht im Fokus der meisten Personen, das war mehr meine Sache. Wesentlich waren Themen wie Gemeinschaft, Heilung und sinnvolles Leben. Teil der Planung war ein Projektzentrum, in dem man gemeinsam lebt und arbeitet, an dem von Gartenarbeit über Seminare bis zu Konzerten sehr viel stattfinden würde. Ende 2010 war es so weit, und zehn Personen sind in eine Villa am Stadtrand von Freiburg gezogen. Allerdings mussten wir im Sommer 2014 aufgrund des befristeten Mietvertrags wieder ausziehen.

Habt ihr euch dann wieder stärker auf die Standortsuche begeben?

Das lief eigentlich parallel. Unser Entwicklungskonzept – das ist vielleicht interessant für andere Projekte – besagte ja: Wir fangen nicht beim Ort an! Das tragende Element sollte die Entwicklung der Gruppe und der Vision sein – danach erst käme der Standort. Wir hatten allerdings einen zeitlichen Rahmen festgelegt: Das Projekt sollte sich bis zum Jahr 2012 verwirklichen, und damit war gemeint, dass es sich physisch an ­einem Standort manifestiert.

Warum so ein Zeitstress?

Da triffst du gleich einen der Kernkonflikte. Ronny hat dieses Datum gesetzt; es war für ihn wie eine gottgegebene Vision: 2012 ist der kritische Zeitpunkt für dieses Projekt! Dies wurde als Zielvorstellung auch weitgehend von allen getragen. Als der Termin dann aber immer näher rückte, zeigte es sich schon, dass es keine fixe Bedingung für alle war; entsprechend waren auch nicht genug Leute bereit, jetzt richtig loszulegen. Zu dem Zeitpunkt gab es noch keine wirkliche Option auf Land – und auch gar nicht die entsprechenden Finanzen.

Hier fehlte offenbar eine klare gemeinsame Formulierung der Bedeutung des Datums. Eine Unschärfe der Vereinbarungen rächt sich in Projekten später oft als Dauerkonflikt. Konnte denn nach Ronnys Ausstieg ein Plan B entstehen?

Wir waren bei seinem Ausstieg und auch über 2012 hinaus mitten in der Standort­suche. Der letztliche Grund des Scheiterns war dann im Frühjahr 2014 die geplatzte Kaufverhandlung für ein ehemaliges großes Kloster bei Karlsruhe, wo der Verkäufer im letzten Moment ausscherte. Ich war zwar nie ganz überzeugt von dem Ort, denn wir hätten da Abstriche bei der Dorfidee machen müssen. Aber es wäre ein guter Startpunkt gewesen. Es gab damals in der Gruppe nicht die volle Überzeugung: Das machen wir jetzt! Als es ernst wurde, kamen eine Menge Fragezeichen auf, die zum Teil auch gar nichts mit dem Standort als solchem zu tun hatten. Da fragte ich mich, ob einige von uns, trotz all der Vorbereitungen, nicht ganz entschieden waren, sich wirklich auf das Ungewisse einzulassen. Nach dem Scheitern der Kaufverhandlungen hatten wir dann nicht die Kraft, um wieder richtig aufzustehen.

Ja, das ist wohl häufig so: Wenn es ernst wird, kommen auch die inneren Zweifel und Widerstände hoch. Was betrachtest du als die wichtigsten inneren Gründe des Scheiterns?

Ich weiß es nicht genau! Als erstes könnte man vermuten, dass das Projekt vielleicht zu ehrgeizig war, zu groß gedacht – mit bis zu tausend Personen als Zielgröße. Ich beschreibe das als umgekehrte Pyramide: Eine sehr kleine Gruppe von Leuten – ein Dutzend in der Kerngruppe und im ersten Siedlungsjahr dann bis zu 40 Personen – muss stemmen, was einmal Raum für sehr viele Menschen bieten soll. Das macht automatisch einen Riesendruck. Es war also von vorneherein ein riskantes Vorhaben. Außer­dem sind in Deutschland, insbesondere im Süden, nicht gerade viele Grundstücke verfügbar, die sich überhaupt für so ein Vorhaben eignen. Ich kann als weiteren Punkt auch nennen, dass wir nicht alle Wege zur Verwirklichung ausreichend probiert haben. Ich bin immer davon ausgegangen, dass es entweder eine öffentliche Unterstützung,  einen Mäzen oder einen politischen Willen braucht. Und da haben wir zwar viel begonnen, aber bei weitem nicht alle Ansätze und Ideen konsequent zu Ende gebracht …

Ihr hattet für die professionelle Planung und politische Umsetzung – anders als beispielsweise seinerzeit das Ökodorf Sieben Linden – keine finanziellen Mittel und keine Stellen.

Es wurde durchaus versucht, das anzuregen, aber viele Leute wollten es nicht, denn daraus hätte sich eventuell eine Trennung zwischen Angestellten und ehrenamtlichen Mitgliedern ergeben. Ich glaubte aber, dass man ein solches Projekt nicht so nebenher schaffen kann. Zwar gab es das Ziel, eine Finanzierung für ein paar Stellen aufzutreiben, doch kam dafür in der Gruppe nicht ausreichend Energie auf. Ich hatte oft den Eindruck, dass man aus dem Stand einen Quantensprung ins Paradies versuchen wollte: mit acht Millionen Euro und einem perfekten Standort.

Stand dem womöglich euer Verständnis von Basisdemokratie im Weg? Gab es eine Angst vor Spaltung?

Ja, etwa die Angst vor einem Machtgefälle. Außerdem kursierte die Idee: »Das mit dem Geld und dem Job wollen wir doch gar nicht mehr.« Mir ging es jedoch ganz praktisch darum, dass Leute, die wir für den Aufbau des Lebensdorfs brauchten, nicht nebenbei einen anderen Job würden machen müssen. Im Nachhinein glaube ich, dass die volle Bereitschaft zur Realisierung des Projekts nicht von genügend Leuten getragen wurde. Den meisten war es wichtig, Gemeinschaft zu leben, sich selbst zu verwirklichen – aber nicht diese gesellschaftliche Dorfdimension zu planen. Was wir uns da vorgenommen hatten, war eben kein Hobbyprojekt.

Gibt es in eurer Gruppe auch andere Sichtweisen auf das Scheitern?

Oft werden soziale Gründe dafür benannt; Konflikte seien nicht ausreichend gelöst worden. Ich kann das bei einigen Streitfällen auch so sehen. Zum Beispiel fand ich nach den Klärungsversuchen, an denen ich beteiligt war, meistens alles noch verwickelter als zuvor. Das ist etwas, das mich traurig macht und auch verschreckt zurücklässt.

Es gibt so etwas wie Geburtsfehler bei Projekten, und wenn ich dir zuhöre, dann erscheinen mir die Anliegen des Lebensdorfs wie ein Zwitter: einerseits Heimat in Gemeinschaft, andererseits Gesellschaftsveränderung durch ein Forschungsprojekt.

Wir waren uns dieser Spannung schon bewusst und haben sie immer wieder thematisiert. Die Seele dieses Projekts war für mich immer der Tanz zwischen verschiedenen Polen. Das ist natürlich ein komplexer Prozess; es ist herausfordernder, als wenn du dich einfach auf eine Seite stellst. Wir hatten auch eine Planungsgruppe – sie wurde nur nicht professionalisiert im finanziellen Sinn. Gleichzeitig gab es das generelle Thema von Macht. So nahm ich die Tendenz wahr, sich gerne hinter Führungsfiguren zu stellen, gleichzeitig dies aber genau nicht zu wollen und Autorität zu bekämpfen.

Vielleicht hättet ihr da doch eine stärkere Begleitung von außen gebraucht, die das Kollektive und Archetypische so eines Konflikts hätte sichbar machen können – einen Raum, in dem Personen beispielhaft etwas austragen, das gesellschaftlich nicht gelöst ist, wie »Macht und Ohnmacht« oder »Kopf und Hand«.

Wir haben in dieser Hinsicht durchaus einiges ausprobiert und uns Hilfe geholt. Allen hierbei gewonnenen Erkenntnissen zum Trotz erlebte ich jedoch weiterhin, dass viele Konflikte auf die Menschen in Leitungsfunktionen bezogen wurden und der jeweilige Beitrag der anderen nicht so stark wahrgenommen wurde. Vermutlich lag allem von Anfang an ein struktureller Konflikt zugrunde. Ronny hat es selbst im Nachhinein als »Designfehler« bezeichnet: Ursprünglich war es »seine« Projektidee gewesen; er hatte sie bei einem Treffen 2007 einem Kreis von etwa 25 Interessenten sehr konkret vorgestellt, ist aber danach immer auf den Standpunkt zurückgetreten, dass die Gruppe festlegen muss, was passiert. Im Grund hätte er wohl sagen müssen: »Ich habe eine Vision und suche Leute, die genau da mitmachen!«

Meiner Erfahrung nach sollten am Anfang weder ein einzelner Gründer noch eine große Gruppe stehen, sondern eher ein warmer Kern von etwa sieben Menschen, die eine gemeinsame Vision und innere Kultur glasklar und mit Hilfe von Supervision und Selbsterfahrung entwickeln.

Wir sind auch so vorgegangen – nur dass gleichzeitig eben doch feste Vorstellungen vorhanden waren. Du hattest vorhin den Begriff der Zwittergestalt verwendet. Es gab klare Gründerideen, aber dann ein Ablassen von diesen Positionen. Daraus entstanden später Konflikte.

Welche persönlichen Konsequenzen ziehst du aus dem Experiment?

Ich weiß nicht, ob ich mich noch mal so mit Haut und Haar für eine Vision einsetzen will. Das bedeutet ja neben der bitteren Möglichkeit des Scheiterns auch viel aufzubringende Energie und damit Entbehrungen. Im Moment habe ich trotz Familie und Beruf mehr Zeit. Aber die Geschichte ist für mich noch nicht abgeschlossen. Meine Familie und ich möchten uns so freischaufeln, dass wir überhaupt die Möglichkeit haben, eine neue Perspektive zu finden. Die wollen wir mit unserem noch auszubauenden Wohnmobil erkunden; unter anderem haben wir vor, andere Gemeinschaften zu besuchen. Es ist eine interessante und durchaus auch schwierige neue Erfahrung für mich, dass ich kein klares Bild davon habe, wo es in meinem Leben hingehen soll.

So geht es mir auch gerade. Das können wir doch als Schlusswort – und immer wieder neuen Anfangspunkt – nehmen: das Nicht-Wissen und die Lust auf eine weitere Entdeckungsreise. Danke für das gemeinsame Nachdenken auch über schmerzhafte Erfah­rungen! •


Felix Wagner (37) war jahrelang Gemeinschaftsreisender und -schaffender. Der promovierte Psychologe ist auf der Suche nach Möglichkeiten, gesellschaftliche Systeme zu therapieren. www.researchincommunity.net

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