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Ist Mühe etwas wert?

Über Eigenarbeit, Handwerk und die sinnliche Welt

von Christine Ax , Jens Mittelsten Scheid , Johannes Heimrath , erschienen in 06/2011

Oya-Herausgeber Johannes Heimrath sprach mit Christine Ax und Jens Mittelsten Scheid über die Bedeutung von Selber­machen und Eigenarbeit, über Dilettieren und Meisterschaft, über Subsistenzwirtschaft und Arbeitsteilung und vor allem über die Kraft, die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln.

Johannes Heimrath Unser Thema ist das große Feld des »selber Tuns«, des Selbermachens. Global betrachtet, kennt ja ein überwiegender Teil der Menschheit gar nichts anderes. Noch dominieren im Weltmaßstab bäuerliche Versorgung und lokales Handwerk; eine derart arbeitsteilige Gesellschaft wie die unsere ist nicht das Maß aller Dinge. Ich möchte gerne untersuchen, ob unsere unterschiedlich ausgerichtete Beschäftigung mit dem Selbermachen ein politischer Akt ist, der gesellschaftsverändernd wirken kann.
Christine Ax Seit Anfang der 90er Jahre befasse ich mich intensiv mit dem Thema Handwerk und nachhaltige Entwicklung, weil die Autonomie von selbständigen Handwerkern auf mich eine starke Faszination ausübt. Ich wollte immer wissen, woher ihr Gefühl des Geerdetseins kommt. Ein Grund ist die Erfahrung, ökonomisch unabhängig zu sein, die Erfahrung, mit den eigenen Händen und den eigenen Werkzeugen die Existenz sichern zu können. Der zweite ist die Erfahrung, selber die Welt gestalten zu können. Beides wirkt stärkend. Handwerk hat auch einen selbstbildnerischen Aspekt: Ich bilde in der Entfaltung meiner Könnerschaft auch meine Persönlichkeit. Mir begegnen immer wieder Handwerker, die in zweiter, dritter, vierter Generation ihren Beruf ausüben oder ein Unternehmen führen, die sagen: »Wir haben den Feudalismus überlebt, haben den Kommunismus überlebt, und wir werden auch den Kapitalismus überleben.« Unabhängig von Wirtschaftsverfassungen ist das Handwerk zukunftsfähig und ermöglicht in diesem Sinn ein selbstbestimmtes Leben. Diese Lebensform ist ein Schlüssel – nicht nur für Individuen, sondern auch für die Gesellschaft, um ein Stück an Nachhaltigkeit, an selbstbestimmtem Leben, an guter Arbeit zurückzuholen.
JH Hattest du durch deine Familie bereits einen Bezug zum Handwerk? Für mich war es essenziell, dass mir mein Vater – er kam von einem kleinen Bauernhof – ein Gefühl für die Sinnlichkeit von Material und Handarbeit vermittelt hat.
CA Mein Urgroßvater war Tischlermeister, und ich bin zwischen seinen Möbeln groß geworden. Meine Eltern haben sie später alle weggeworfen und gegen Nierentische der 60er Jahre ausgetauscht. Alles, was ich in meinem Leben jemals schön fand, hat mit meiner Neigung zur Ästhetik dieser Möbel zu tun. Man spürt es den Dingen an, ob etwas handwerklich hergestellt wurde. Das hat mit Wertigkeit zu tun – und mit Werten.
Jens Mittelsten Scheid Mir war das Thema Eigenarbeit in keiner Weise in die Wiege gelegt. Als Schüler im Internat habe ich zwar den hervorragenden Werkunterricht, den wir hatten, sehr genossen, aber letztlich habe ich Philosophie studiert. Erst später bin ich über einen Vortrag von Ivan Illich wieder auf dieses Thema gekommen. Er stellte den Unterschied zwischen »Eigen« und »Selbst« dar. Das Selbst sei ein reflektorischer Begriff, meinte er, es entstehe durch Spiegelung des eigenen Umfelds: Ich vertraue auf Experten, nehme deren Meinung an und übertrage diese auf mich selbst. Das Eigene sei hingegen das, was tatsächlich von innen nach außen strahlt, was sozusagen entfremdungsfrei ist. Das hat mich damals begeistert und inspiriert. Der Mensch besteht ja nicht nur aus Kopf, sondern auch aus Hand und Seele. Alle drei Faktoren sind ständig in Kooperation miteinander und beeinflussen sich gegenseitig. In der Schule werden wir nur über den Kopf angesprochen. Deshalb hielt ich es für äußerst wichtig, auch die beiden anderen Bereiche zu fördern. Und zwar nicht im Sinn von »selber tun« oder »selbst tun«, sondern im Sinn von »Eigenarbeit«, nach eigenen Vorstellungen ­Eigenes schaffen. Dieser Begriff wurde für mich sehr wichtig.
JH Ich erinnere mich an meinen ersten Besuch Mitte der 80er Jahre im Haus der Eigenarbeit in München, das Ihre Stiftung gegründet hat. Damals konnte ich den Unterschied zwischen einer Do-it-yourself-Werkstätte und jenem Haus erst ahnungsweise fassen. Die Menschen, die dort arbeiteten, strahlten etwas ­Besonderes aus, sie wollten mehr, als nur nützliche Sachen zu bauen.
JMS Im Haus der Eigenarbeit geht es über den Nutzen der Dinge hinaus auch darum, dass der einzelne herausfindet, was das »­Eigene« für sie oder ihn ist. Wenn du ein Bett bauen möchtest, wird dir ein Fachberater im Haus der Eigenarbeit nicht festgelegte Arbeitsschritte vorgeben, sondern fragen: Wie schläfst du am besten? Wie sieht dein Schlafzimmer aus? Wie ist das Bild, das du von deinem neuen Bett vor Augen hast? Es kommt vor, dass die Menschen im Haus der Eigenarbeit die unterstützenden Fachleute mit sehr unkonventionellen Ideen konfrontieren; daraus entstehen meist kreative Lösungen. Oft kommen Menschen fast ängstlich zu uns, weil sie fürchten, sich zu blamieren. Das Objekt, das sie dann hergestellt haben, tragen sie mit stolzgeschwellter Brust wieder hin­aus. Diese Wandlung ist hinreißend.
CA Das Thema Selbermachen hat ja ganz viele Dimensionen. Die Freude an der eigenen, sinnlichen Arbeit ist wichtig und unmittelbar verbunden mit der Frage nach meinen Prioritäten. Welche der vielen Dinge, die ich in meiner Lebenszeit selbst herstellen könnte, möchte ich selber realisieren, und welche nicht? Gesellschaftlich betrachtet, steht dahinter die Frage nach der Arbeitsteilung. Wieviel Arbeitsteilung ist sinnvoll, wieviel notwendig? Die Dinge, die wir im Leben selbermachen, sollten wir möglichst gut machen. Ich hatte immer eine gewisse Abneigung gegen Dilettantismus. Dieser Begriff ist ja auch sehr negativ besetzt. Aber kürzlich habe ich den Begriff in einem anderen Zusammenhang kennengelernt und konnte einen positiven Zugang finden. »Dilettieren« bedeutet nämlich, sich an etwas zu erfreuen.
JH Ja, das Diletto ist das Vergnügen. Auch ein Meister hat an seiner Arbeit durchaus Vergnügen, ist also in diesem Sinn ebenso wie ein Hobbywerker dilettierend. Der Begriff des Meisters beschränkt sich für mich nicht nur auf die handwerkliche Ebene. Ein Meister zu sein, wirkt sich auf das ganze Leben aus. Ich finde, jemand, der etwas meisterhaft tun kann, aber nicht meisterhaft lebt, ist kein wirklicher Meister, lediglich ein Könner in einem bestimmten Fach. Unter einem Meister verstehe ich noch etwas anderes.
CA Diesen Meisterbegriff teilen wir übrigens. Selbstverständlich kann sich auch ein Dilettant zum Meister entwickeln. Der Weg zur Könnerschaft führt über Erfolgserlebnisse, wie wir aus der Lern- und Motivationsforschung wissen. Mihaly Csikszentmihalyi, von dem das Buch »Flow« stammt, hat sich lange mit dieser Frage beschäftigt. Wenn Menschen im Haus der Eigenarbeit bei ihren Vorhaben so unterstützt werden, dass sie keine negativen, sondern positive Erfahrungen machen, geraten sie in einen Sog. Sie wollen immer besser werden, sie bilden sich selbst, machen sich auf den Weg. Meisterschaft ist nie etwas Abgeschlossenes, es ist ein Weg, den man sein Leben lang geht.
JMS Ja, solche Prozesse geschehen und sind wichtig. Es geht dar­über hinaus aber auch um die Auseinandersetzung mit dem Material, mit der Welt, mit dem, was wir vorfinden. Das kommt in unserem Bildungswesen zu kurz, aber ich halte es für essenziell. Unser Körper ist das Material, das uns am nächsten steht, und er ist unser Werkzeug. Mit und durch ihn entdecken wir die äußere Welt. Wenn man dem Menschen diese Möglichkeit abschneidet, amputiert man ihn.
CA Diese praktische Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit hat eine große Tiefenwirkung. Durch sie können wir selber »wirklich« werden. Ich glaube, dass es unsere Aufgabe ist, mit all unseren Fähigkeiten, körperlich, seelisch und geistig, »wirklich« zu werden.
Noch zum Thema Meisterschaft: Jede und jeder hegt doch den Wunsch, nicht beim Dilettieren stehenzubleiben, sondern sich weiterzuentwickeln. Davon schreibt auch Richard Sennett in seinem Buch »Handwerk«. Sennett ist ja Industriesoziologe und hat die Entwicklung der industriellen Welt und der Arbeitswelt in Amerika beobachtet, wo Menschen in der Regel völlig abgeschnitten sind von dem Wunsch, ihre Fähigkeiten entwickeln zu können.
JH Heute früh bin ich durch ein Einkaufszentrum gegangen und habe einmal mehr gedacht: Wie wenig von dem, was die industrielle Welt herstellt, wird tatsächlich gebraucht. All das bunte Zeug in den Regalen ist im Wesentlichen dazu da, eine Wirtschaft zu erhalten, die sich völlig von den eigentlichen Bedürfnissen abgelöst hat. Wir spüren hier in unserem Gespräch einem Weltbild oder einem Set von Werten nach, das in jenem Einkaufszentrum komplett abwesend ist. Dort existiert eine Konsumwelt, die auf ganz andere Dinge abzielt, die sogar Mittel und Wege findet, den Menschen eine Ignoranz gegenüber Themen wie dem unsrigen zu vermitteln. Die Praxis von Eigenarbeit, Handwerk oder des Erringens von Meisterschaft, über die wir hier sprechen, braucht Zeit, braucht sozialen Kontext, ist ein biografischer Prozess. Wie finden solche Prozesse in der Konsumwelt ihren Raum? Wie können wir in so einer Welt mit all ihren Begrenzungen, Beschränkungen und Irrtümern nicht nur »wirklich«, sondern auch »wirksam« werden?
JMS In Hinblick auf »Wirksamkeit« möchte ich erreichen, dass es bundesweit in allen Stadtteilen Einrichtungen gibt, wo Menschen handwerklich, kulturell oder sozial eigenarbeiterisch tätig werden können. Ich glaube, solche Orte können jeweils ein Nukleus für eine erneuerte Form des ehrlichen, kreativen Umgangs mit sich selbst, mit der Gesellschaft und der Welt werden. Das brauchen wir. Wir brauchen heute alle Fähigkeiten, die die Menschen haben. Im Moment pflegen wir nur einen Teil der Fähigkeiten, nämlich diejenigen, die vermarktbar sind. Alle anderen Fähigkeiten sind unterbewertet, oft sind sie uns auch gar nicht bewusst. Es ist wichtig, dass jedem Menschen die Vielfalt seiner Fähigkeiten bewusst wird und dass er sie auch anwenden kann. Dazu scheint mir Eigenarbeit ein hervorragendes Mittel.
CA Ich möchte gerne noch den kulturellen Aspekt einbringen. Das Können ist ja nicht nur etwas Individuelles – wir stehen immer auf den Schultern anderer. Das kulturelle Vermögen unserer Gesellschaft hat sich über Jahrhunderte entwickelt. Ich bin sehr froh über die Vielfalt des Könnens und der Künste, die wir bis heute in Europa erhalten konnten, das ist nicht mehr in allen Regionen dieser Erde der Fall. Dennoch ist der Respekt vor dem Handwerk stark zurückgegangen. Den wenigsten ist bewusst, wieviel Bildung, Arbeit und Lernen dahintersteckt, wenn man einen handwerklichen Beruf wirklich beherrscht. Ein Handwerker lernt genauso lange wie ein Musiker, doch den Musiker bewundert man viel mehr.
JH Auch der ist zu 90 Prozent Handwerker, das sage ich als Musiker und Komponist. Ich habe mich einmal mit meinem Freund Liam O’Flynn, dem weltbekannten, großen Piper – Uilleann Pipes heißt der irische Dudelsack – über seine traditionelle Musik unterhalten. Ich fragte ihn, warum er nicht aus den Konventionen ausbreche und auch neue Musik schreibe. Da hat er mich erstaunt angeguckt und gesagt: »Eine Tradition zu begründen, ist doch eine unglaubliche Mühe und Leistung. Ich bin stolz und dankbar, an der langen Tradition meiner Heimat mitwirken zu dürfen.« Ich bekam kurz eine Gänsehaut. Mir wurde auf eine neue Weise bewusst, wie wir Menschen in einer langen Kette von Ahnen ein Erbe verwalten und weiterentwickeln. Dieses Weiterentwickeln ist immer Gegenwart, etwas nach vorne Gewandtes, sonst wird die Tradition nicht gepflegt, sondern sie erstarrt. Das ist dieses »auf den Schultern der Vorigen stehen«, von dem wir vorhin schon gesprochen haben.
CA Richtig: Musik ist ein Handwerk, Schreiben ist auch ein Handwerk, Denken ist ein Handwerk. Für all diese Fertigkeiten und Künste muss man eine gewisse Form von Mühe auf sich nehmen, erleiden und ertragen, um überhaupt ein bestimmtes Niveau an Könnerschaft zu erreichen. Diese Mühe ist etwas Wertvolles. Mein Wunsch an die Zukunft ist, dass wir in einer Welt leben, in der die Vielfalt der Künste wieder eine Chance hat. Dass wir alle nur noch in der Subsistenz leben, wäre für mich keine erfreuliche Vision.
JMS Bei uns in der Stiftung diskutieren wir viel über Subsistenz. Wir verstehen darunter nicht, dass sich jetzt jeder aus seinem Grund und Boden voll ernähren und kleiden können sollte. Das halte ich für eine Illusion. Wir haben unsere arbeitsteilige Gesellschaft, etwas anderes ist heute nicht mehr möglich. Für mich ist Subsistenz nicht in erster Linie ein Wirtschaftskonzept, sondern ein Kulturkonzept. In diesem Konzept geht es um die Eigenermächtigung des Menschen, um die Fülle seiner Fähigkeiten, seiner Kreativität und seiner Schöpfungskraft. Diese Möglichkeiten müssen wir wieder ernstnehmen – und einüben. Wenn das auf breiter Basis passiert und idealerweise auch in das normale Bildungssystem eingeht, dann, glaube ich, fallen uns auch wieder mehr Lösungsmöglichkeiten für die Probleme ein, die aus einem nicht nachhaltigen Lebensstil erwachsen.
CA So einer Vision fühle ich mich sehr nahe. Ich glaube, es ist wichtig, Visionen zu erzeugen und auch Orte zu schaffen, wo junge Menschen sich ausprobieren können und eine Perspektive finden, worin denn ihr Leben bestehen könnte – ein gutes Leben. In der Praxis des Handwerks habe ich viel von einem guten Leben gefunden. Das Handwerk zu stärken ist eine demokratische Vision.
JH Eine demokratische Vision?
CA Ja! Denn jeder kann diesen Weg gehen. Ich muss kein Millio­när sein, sondern kann als handwerklich tätiger Mensch mein Leben selbst in die Hand nehmen, einen Schritt tun hin zu einem guten Leben jenseits des Konsumzwangs. Heute haben die meisten Menschen ja kaum eine Wahl. Sobald wir das Haus verlassen, müssen wir konsumieren, sofort Geld ausgeben. Wenn ich Kultur erleben will, muss ich Geld haben. Alles ist darauf ausgerichtet, dass Menschen Geld haben müssen.
JH Das ist der Punkt, den ich vorhin ansprechen wollte: Die heutigen wirtschaftlichen Strukturen zwingen uns regelrecht zur Ignoranz, indem sie uns zu einem Konsumismus verdammen, dem selbst der Engagierteste nicht vollständig entkommt. Aber können wir an diesen Strukturen unmittelbar etwas ändern? Reicht es schon, dass in jeder Stadt ein Haus der Eigenarbeit existiert? Ist das die Wirksamkeit, die wir anstreben?
JMS Nein, mit vielen Häusern der Eigenarbeit allein ist es natürlich nicht getan. Es geht nicht nur darum, eine attraktive Infra­struktur zu schaffen, die den Menschen ermöglicht, das zu tun, was sie gerne wollen. Die Menschen müssen auch die Bereitschaft entwickeln, Mühe auf sich zu nehmen. Denn es ist Mühe, im Garten Unkraut zu jäten, zu ernten oder sich eine Bank selber zu zimmern. Wenn man es gemacht hat, entsteht ein starkes Gefühl der Befriedigung, auch des Stolzes auf die eigene Leistung, was wir sonst selten erleben. Aber den Entschluss zu fassen, sich von Fernseher und Sessel zu trennen, das kostet Überwindung …
CA Mühe ist in diesem Kontext ein Schlüsselbegriff. Man kann an der Mühe alles erkennen: Wieviel Mühe uns etwas wert ist, nicht nur im Konsum, sondern auch im Gebrauch und in der Erhaltung. Selbstverständlich sind uns die Dinge besonders viel wert, die auch anderen vorher wirklich einer Mühe wert waren.
JH Ich liebe Mühe!
JMS Ich glaube, dass sich derzeit – spätestens in der Folge dieser Finanzkrise – sehr vieles wandelt. Ich kann das nicht an Fakten festmachen, es ist mehr ein Bauchgefühl. Die Krise macht mich fast ein bisschen hoffnungsfroh. Das politische Hauptproblem, das ich sehe, liegt in der Frage, wie wir es schaffen, die Aufbruchstimmung zum Eigenen, das schöpferische Potenzial, das hier im Land erkennbar wird, positiv aufzugreifen. Nicht in Form immer neuer Vermarktungen, sondern in Form von Eigenermächtigung und von Gemeinschaft. Wie rettet man diesen Mut und diesen Elan, wie ihn die Kinder noch haben, die etwas entdecken und bewegen wollen? Das ist für mich im Moment eine wesentliche Frage.
CA Ich habe zwei Kinder, eine 15-jährige Tochter und einen 23-jährigen Sohn. Die machen die Zukunft; wir sind Geschichte. Meine Kinder sprechen zwar eine andere Sprache – das Wort Handwerk darf ich ihnen gegenüber nicht nennen, dann bin ich schon von vorgestern. Trotzdem bewegen wir uns auf einer gemeinsamen Werteebene. Mit den jungen Leuten heute haben wir gute Bündnispartner. Ich bin sehr zuversichtlich, dass die Generation meiner Kinder eine Generation ist, die den richtigen Weg geht.
JH So erlebe ich das auch. Bei der Arbeit an Oya ist das tägliche Praxis: Hier wirken jüngere wie ältere Menschen zusammen und finden eine gemeinsame Sprache – oft eben auch nach lehrreichen Auseinandersetzungen.
Ganz herzlichen Dank für das schöne Gespräch. 

Christine Ax (57) ist Philosophin, Ökonomin und Autorin. Seit Mitte der 90er Jahre setzt sie sich beratend, forschend und schreibend mit der Zukunft des Wirtschaftens und des Handwerks auseinander, unter anderem in den Büchern »Das Handwerk der Zukunft. Leitbilder für nachhaltiges Wirtschaften« (1997) und »Die Könnensgesellschaft. Mit guter Arbeit aus der Krise« (2009).
www.koennensgesellschaft.de

Jens Mittelsten Scheid (69) studierte Philosophie, internationale Politik und Soziologie. Er war Gesellschafter der Firma Vorwerk & Co. in Wuppertal und gründete 1982 die gemeinnützige Forschungsgesellschaft anstiftung GmbH. Am 7. Mai 2010 wurde Jens Mittelsten Scheid mit dem Deutschen Stifterpreis ausgezeichnet.
www.anstiftung-ertomis.de

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