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Schülerleben

Anna-Rosina Weindl, 19, hat gerade die letzten Prüfungen zum Abitur an einem bayerischen Gymnasium abgelegt.

von Anna-Rosina Weindl , erschienen in 39/2016

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© Foto: Anna-Rosina Weindl

Eigentlich soll uns die Schule auf das Leben vorbereiten. Mich hat sie eher davon entfernt.

Am Ende der 9. Klasse einer Montessorischule fragte mich meine Lehrerin, was meiner Meinug nach Menschen glücklich und frei mache. Ich antwortete: »Bildung«. Folgerichtig bin ich aufs Gymnasium gewechselt, da ich frei und glücklich sein wollte. Das hat sich jedoch als falsch herausgestellt.
Zwar bekam ich nun mehr Wissen vermittelt, aber seit meinem Schulwechsel fühlte ich mich mehr und mehr als Knecht eines Systems und einer Gesellschaft, eingesperrt und bevormundet. Außerdem entwickelte ich Ängste, die ich vorher so nicht gekannt hatte: vor unfreundlichen Lehrern, vor Prüfungen, Noten, Abfragen und Präsentationen – Angst vor Bloßstellung und davor, etwas gefragt zu werden und keine Antwort zu wissen. Jede und jeder in der Schule kennt diese Angst, aber niemand spricht darüber, viele schämen sich sogar dafür. Wir Schülerinnen und Schüler werden dazu erzogen, stark und klug zu sein. In jeder Sekunde unseres Lebens sollen wir perfekt vorbereitet sein, und falls wir es nicht sind, so soll es niemand mitbekommen. Wir dürfen keine Fehler machen. Selbstverständlich strengen sich die meisten an, diesen Anforderungen zu genügen. Auch ich möchte, dass meine Eltern und die Menschen in meinem Umfeld auf mich stolz sein können.

Frei und glücklich?
Durch all diese Erwartungen wurde ich mir selbst nicht mehr gerecht. Meine Interessen mussten immer mehr vor dem großen Ziel, dem Abitur, zurücktreten. Ich war jetzt nicht nur unfrei, sondern auch unglücklich. »Du machst das ja auch alles für die Zeit nach der Schule«, sagte mir ein Lehrer, dem ich meine Zweifel mitteilte. Das hat mich sehr beschäftigt. Ein Freund stellte mir schließlich die alles entscheidende Frage: »Warum können wir es nicht einfach jetzt gut haben, warum müssen wir immer auf ein ›Danach‹ warten?« Ich kann nicht mein ganzes Leben auf etwas warten, von dem ich nicht weiß, was es ist und ob es überhaupt kommen wird. Nach dem Abitur studieren wir, später arbeiten wir und warten auf das, was noch kommen soll – auf etwas, das uns glücklicher oder zufriedener macht, uns vielleicht erfüllt.
Es hat mir aber nie jemand beigebracht, wie ich mich auf die Suche nach Erfüllung machen und Glück finden könnte. Junge Leute auf diesem Weg zu unterstützen – das fehlt an den Schulen gänzlich. Sie ähneln eher Fabriken als echten Bildungseinrichtungen, die ihnen beim Reifen helfen. Noten sind wie Qualitätssiegel, die uns aufgeklebt werden – uns Schülerinnen und Schülern, den Produkten der Schule. Das Kultusministerium erscheint mir wie eine allein auf Effizienz gerichtete Firma, die dadurch sparen will, dass die Klassen immer größer werden und die Zeit immer knapper wird. Wieviele von uns werden krank, weil sie den Notendruck nicht mehr aushalten? Wieviele von uns brechen unter diesem Druck zusammen? Wieviele von uns gelten als verrückt, weil sie nicht in dieses System passen wollen? In zehn Jahren Montessorischule war ich insgesamt genau zwei Wochen krank. Nach einem Jahr Gymnasium hatte ich diesen Zeitraum bereits weit überschritten. Diese Art zu lernen, ist nicht nur nicht gesund …
Während meiner Oberstufenzeit habe ich angefangen, im Theater »Eukitea« in Diedorf bei Augsburg zu spielen. In diesem experimentellen Theaterprojekt geht es um globale Themen und interkulturelle Kommunikation. An diesem Ort kann ich glücklich sein: Einmal die Woche für eineinhalb Stunden ein anderer Mensch sein – das ist ein großartiges Gefühl!
Das meiste und Interessanteste habe ich durch Ausprobieren gelernt. Kochen, sich um ein Tier kümmern, Holzhacken, Wände streichen – sogar eine Partei zu gründen, habe ich auf diese Weise gelernt. Alle solchen praktischen Dinge werden wir früher oder später in unserem Leben auch wirklich brauchen; in der Schule ist weder Platz noch Zeit dafür. Was nützt es mir, das Volumen einer Pizza berechnen zu können, wenn ich nicht weiß, wie man einen Hefe­teig macht? Was hilft es mir, wenn ich viel Geld habe, aber nicht weiß, worauf es im Leben wirklich ankommt? Das Leben selbst ist der beste Lehrer, um etwas über das Leben zu lernen.
Ob ich nach der Schule studieren möchte, weiß ich noch nicht. Wenn ja, wird es mit Sicherheit mit Politik zu tun haben – wobei ja fast alles eine Frage der Politik ist. Mich dafür einzusetzen, die Demokratie demokratischer zu machen, ist einer meiner Herzenswünsche. Auf jeden Fall werde ich viel schreiben. Ich habe Vertrauen in die Zukunft und bin mir sicher, dass das Richtige von alleine auf mich zukommen wird. • 

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