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Arbeit an der Fülle

Von ersten Versuchen, sich das ganze Jahr von den
Lebewesen am eigenen Wohnort zu ernähren.

von Lara Mallien , erschienen in 39/2016

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In einer Woche soll die neue Ausgabe von Oya gedruckt werden. Alle, die im vorpommerschen Klein Jasedow im Lassaner Winkel mit der Herstellung des neuen Hefts befasst sind, sollten den Tag am besten am Schreibtisch verbringen. Stattdessen pflücke ich mit Oya-Grafikerin Marlena Sang und anderen Mitgliedern der Klein Jasedower Lebensgemeinschaft Holunderblüten, um sie für Tee zu trocknen und für Sirup anzusetzen – und selbstverständlich braten wir Holunderpfannkuchen zu Mittag. Heute scheint die Sonne, der Holler steht in voller Blüte. Abends soll es Regen geben, der einen Teil des duftenden Blütenstaubs wegwaschen wird. Deshalb ist heute der Tag zum Pflücken – Oya muss warten.
Es wäre kein richtiger Sommer, würden wir seinen Blütenreichtum nicht mit einer Ernte feiern. Hinzu kommt: Mit eigenen Händen zu ernten, ist ein kleiner Schritt auf dem Weg, aus der »Megamaschine« des globalisierten Kapitalismus mit seinen weltweiten Warenströmen, der Nahrungsmittelspekulation an den Börsen und der industrialisierten Landwirtschaft auszusteigen. Seit unsere Gemeinschaft sieben Hektar Ackerland erwerben konnte, wollen wir das Experiment wagen, uns mittelfristig im Wesentlichen nur von dem, was im Lassaner Winkel wächst, zu ernähren. Noch ist das Ackerland verpachtet und uns nicht zugänglich, aber seine Existenz wirft bereits viele Fragen auf: Wird es möglich sein, in einen Alltag, der bei uns stark von künstlerischer, handwerklicher, verlegerischer und pädagogischer Arbeit geprägt ist, Tätigkeiten der Selbstversorgung nicht nur als Hobby, sondern »ernstgemeint« zu integrieren? Kann die intensive Arbeit mit Pflanzen und Tieren so selbstverständlich Teil des Lebens werden wie das Kochen oder die Sorge für die ganz jungen und ganz alten Menschen in der Gemeinschaft? Alle diese nährenden und sorgenden Tätigkeiten gehören doch zusammen und führen dorthin, wo die Megamaschine endet: zur Subsistenz – zu einem aus lokalen Ressourcen gelingenden ­Leben. Aber wird das ein gutes Leben, oder werden wir es beschwerlich finden, das zu tun, was die Jahreszeit von uns verlangt? Als moderne Menschen sind wir zwar gewohnt, uns Veranstaltungsterminen, Abgabefristen oder ­Druckterminen zu beugen, aber ansonsten versuchen alle, möglichst »selbst­bestimmt« zu leben.

Meisterin Jahreszeit
Seit diesem Jahr lasse ich mich darauf ein, an erster Stelle die Jahreszeit über mich bestimmen zu lassen. Sie führt mich genau dorthin, wo ich gerade etwas zu tun habe, sei es zu einem Beet voller Kresse, die gerade noch nicht in Blüte geschossen ist und jetzt zu Pesto verarbeitet werden kann, oder zu den Himbeeren, die heute und nicht erst nächste Woche beschnitten werden wollen. Fassungslos schaue ich mir dabei zu, wie ich andere Tätigkeiten, die sonst immer Priorität hatten, warten lasse. Was mir die Jahreszeit vorgibt, empfinde ich nicht als Einschränkung, sondern als Freiheit, etwas zutiefst Sinnvolles zu tun. Je mehr in mir die Ahnung von einem vom Lauf der Sonne bestimmten Leben wächst, desto deutlicher wird mir, wie weit ich davon entfernt bin. Deshalb suche ich Rat bei jemandem, der schon seit Jahren vom eigenen Land lebt – und zwar nicht nur sommers, sondern auch im Winter.
Erwin Zachl, Permakulturlehrer aus Österreich mit jahrzehntelanger Erfahrung in Subsistenz, hat so ein Leben schon als Kind kennengelernt. »Weil meine Großmutter in ihrer Jugend viel in Europa herumgekommen war, experimentierte sie in ihrem Garten mit Gemüse, das in meiner Kindheit in den 1950er Jahren bei uns nicht so üblich war: Stangenbohnen, Rote Bete, Blumenkohl …«, ­erzählt Erwin, während wir absurderweise via Skype in unsere Computer sprechen. »Mir hat es riesigen Spaß gemacht, im Garten mitzuhelfen. Da durfte ich so richtig dreckig sein.«
Das Anlegen von Vorräten gehörte selbstverständlich dazu: »Wenn bei den Stangenbohnen die Schoten rascheldürr waren, ­haben wir sie aufgepult und die Kerne in Gläser gelegt. Vor dem Schlafengehen war das die letzte Arbeit. Es gab ja keinen Fernseher, und so wurden Geschichten erzählt – es ging um Tratsch aus dem Dorf, aber auch um Politik; das war für uns Kinder interessant. ­Ernten und Haltbarmachen sind Gemeinschaftsarbeiten.«
Selbstversorgung im Winter? Nur von getrockneten Bohnen und eingemieteten Kartoffeln leben? Erst der moderne Lebensmittelhandel habe die harte Zeit winterlichen Darbens überwunden – so die Meinung landauf, landab. Das ist, historisch betrachtet, falsch. Hunger hat und hatte fast immer vor allem mit sozialer Ungerechtigkeit zu tun, mit mangelndem Zugang zu Ressourcen. Eine einigermaßen mit Land ausgestattete Bauersfamilie hat im Winter und Frühling nicht gehungert – und das nicht nur wegen der Tiere im Stall und eines gefüllten Vorratskellers, sondern weil auch im Spätherbst und danach reichlich Wintergemüse vom Feld geerntet werden kann, wie Isabell Schultz auf Seite 42 schreibt: Schwarzwurzeln, Pastinaken, Lauch, Rosenkohl, Feldsalat – es gibt jede Menge frosthartes Gemüse. »Für meine Winterküche ist der Grünkohl sehr wichtig«, meint Erwin. »Oft wird er als ganze Pflanze geerntet, dabei wächst er zwei bis drei Jahre, ehe er blüht und sich versamt. In dieser Zeit kann ich immerzu Blätter ernten.«
Seit Jahren haben wir Grünkohl im Garten, und in der Regel reicht er für zwei Mahlzeiten meiner Gemeinschaft. Ihn stehen lassen und beständig ernten? Ich begreife, dass kleine Änderungen der Gewohnheiten unerwarteten Reichtum bringen und Arbeit sparen. Wie mühen wir uns zum Beispiel seit Jahren damit ab, im Frühjahr Pastinaken zum Keimen zu bewegen! Erwin lässt jeden Herbst einige Exemplare stehen, die im folgenden Sommer blühen und sich versamen. Bereits im Spätherbst beginnt diese Saat zu keimen und wartet unter dem Schnee auf den Frühling. »Bis zum ­nächsten Sommer werden das fette Dinger. Pastinake hat nur eine kurze Keimfähigkeit – am besten kann sie sich selbst aussäen.« Mal trägt bei ihm der Wind im Garten die Samen in die eine, mal in die andere Ecke – so regelt sich die Fruchtfolge von selbst.

Frühlingsfülle, Frühlingsarbeit
»Wurzelgemüse, Kartoffeln, Kohlsorten und Lauch – wird dir die Winterküche manchmal zu eintönig?«, möchte ich wissen.
»Nein«, entgegnet Erwin. »Ende Februar kommen meist schon die ersten Kräuter: Kerbel, Brennnesseln, Scharbockskraut. Scharbock ist ein altertümlicher Ausdruck für Skorbut, die Vitamin-C-Mangel-Krankheit. Das Kraut hat einen extrem hohen Vitamin-C-Gehalt. Ich gebe es zum Beispiel in einen Kartoffelsalat.«
Ja, die Kräuterküche. Es gibt nichts Besseres als den ersten Kräutersalat aus glänzenden Blättern im März. Gründonnerstag kochen wir traditionell das erste Mal im Jahr eine »grüne Suppe« aus Kerbel, Sauerampfer und Brennnesseln. Es dauert seine Zeit, bis wir genug für eine 28-köpfige Großfamilie gesammelt haben, aber niemand empfindet das als Arbeit, sondern jeder als festliches Ritual.
»Der März ist nicht nur der Kräutermonat, sondern auch die Hauptzeit, um verschiedene Gemüse vorzuziehen«, betont Erwin. »Ende Februar bis Mitte März sollten die Paprika, Auberginen, Fenchel oder Sellerie schon in Töpfe für die Vorzucht im Warmen eingesät sein, und ein paar Wochen später die Tomaten. Parallel lassen sich im Frühbeet oder im Treibhaus schon Karotten, Kohlrabi und Salat anbauen, im Freiland keimen Kresse, Radieschen, Zuckererbsen und Ackerbohnen. Meine Strategie geht nicht dahin, möglichst viel einzulagern, sondern möglichst viel frisch zu ernten.«
Den ganzen Frühling mit Aussaat und Jungpflanzenanzucht verbringen? Was für Unerfahrene nach erheblicher Anstrengung klingt, ist eigentlich schnell erledigt, wenn seit Herbst im Garten gute Erde unter einer Mulchschicht schlummert. Wer ohnehin täglich einige Zeit mit Kindern verbringt, kann sich für diese Stunden erfreuliche Gartenarbeit wie das Einsäen vornehmen. Mir wird mehr und mehr deutlich, dass Selbstversorgung keine »Arbeit« im herkömmlichen Sinn ist, sondern eine Lebensweise, die das Sammeln und Gärtnern so selbstverständlich integriert, wie wir heute das Checken von E-Mails verinnerlicht haben.
Erwin Zachl muss für seine Frühlingssalate gar nicht arbeiten. Er schaut ihnen nur beim Wachsen zu, denn auch sie haben sich im Herbst selbst ausgesät. »Das Spannende ist: Diese Pflanzen werden von den Schnecken absolut ignoriert«, erzählt er. »Schnecken haben ja die Aufgabe, Schwaches zu eliminieren, und so ein Salat, der selbst entschieden hat, wo er keimt, ist viel zu kräftig, als dass Schnecken Appetit bekommen würden.«
Der April ist traditionell ein Fastenmonat, auch wenn die Kräuterernte schon einen Vorgeschmack auf sommerliche Fülle gibt. Ich stelle mir vor, wie es uns erginge, wenn wir im April nichts mehr außer den Kartoffeln unsers Nachbargärtners Tom in der Speisekammer hätten. Tom wird einen Wintervorrat an Kartoffeln und Möhren für uns anbauen. Subsistenz bedeutet schließlich nicht, alles selbst machen zu müssen! Wir treffen uns seit einigen Monaten regelmäßig mit zwei benachbarten Gärtnern und dem Kräuterverarbeitungsbetrieb »Kräutergarten Pommerland«, um herauszufinden, wie wir langfristig durch kluge Kooperation von Ölsaaten über Gemüse bis hin zu Fleisch die Nahrungsbedürfnisse möglichst vieler Menschen in den umliegenden Dörfern decken können.
Dieses Jahr haben wir nur selten Kräutersalat gepflückt, und das gab mir das mulmige Gefühl, gegen Ende April aus der Jahreszeit herausgefallen zu sein. In jenem geschäftigen Monat mussten eine Oya in die Druckerei gebracht, Jahresabschlüsse zum Steuerbüro geschickt, der Garten neu angelegt und Reisen gemacht werden. Nächstes Jahr, hoffe ich, werden wir nicht wieder die Zeit der ersten Sprossen des wilden Hopfens verpassen. Gedünstet sind sie so lecker wie grüner Spargel – den Erwin natürlich im Garten stehen hat. »Grüner Spargel ist eine Pflanze für Faule«, meint er. »Die erste Anlage ist relativ aufwendig, aber anschließend muss man nichts mehr tun, als im Herbst nach dem ersten Frost das Grünzeug abzumähen und eine Lage Kompost aufzubringen. Im nächsten April beginnt dann die Ernte.«
Aber Faulheit hin oder her – ohne Frage ist der April für Gärtne­rinnen und Gärtner der arbeitsreichste Monat. Gurken, Zucchini, Kürbis oder Zuckermais keimen noch in Töpfen in der Wärme, während ansonsten so gut wie alles außer den Bohnen bereits ins Freiland gesät werden kann. Dieses Jahr war es in Vorpommern im April sehr kalt. Ich war ungeduldig mit der Aussaat, wollte Karotten, Rote Bete und Wurzelpetersilie so früh wie möglich in der Erde haben, doch es blieb so kalt, dass nach drei Wochen noch nichts gekeimt war. Die Sommerpflaumen an unserem Ackerrand hielten ihre Knospen so lange wie möglich verschlossen. Mit ihrem ­weißen Schnee kam Ende April endlich die Frühlingswärme. Da wusste ich: Im nächsten Jahr wird ihre Blüte das Zeichen zur Einsaat sein. »­Beobachten, beobachten, beobachten«, sagt Erwin. »Gerade im ­April musst du genau auf den Witterungsverlauf achten.«
»Wohl kommt der Mai mit mancherlei der Blümlein zart …« In diesem Mai haben wir wie immer mit unserem Chor ein Frühlingskonzert im benachbarten Duft- und Tastgarten gegeben. Noch zarter als die Blumen war der Spinat, dessen Mengen wir in der Küche kaum bewältigt haben. Im Mai hatte ich die Äpfel aus dem Biogroßhandel in unserer Speisekammer reichlich satt und habe Erwin um die Maibeeren in seinem Garten beneidet. Sie schmecken angeblich wie Heidelbeeren. Und was ist schon ein weitgereister Apfel gegen die frischen Triebe von Fichten und Tannen, die nach Zitrone schmecken? Sie waren mein erstes Frühstück während der morgendlichen Stunde Mai-Gartenarbeit.
»Tannenspitzensirup ist perfekt gegen Erkältung«, weiß Erwin. »Im Mai haben auch die Spitzwegerichblätter die meiste Kraft, um einen Hustensirup damit anzusetzen.« Mir wird bewusst, dass nicht nur der Herbst eine Zeit ist, um Vorräte anzulegen.

Den Sprung wagen
Anfang Juni sind wir endlich so weit, dass wir als Gemeinschaft den Mut haben, das Gemüse von der wöchentlichen Bestellung beim Biogroßhandel zu streichen. Wir entdecken die Blätterküche: Melde ist nicht nur ein freundliches, leicht zu jätendes Beikraut, sondern – in einer Pfanne mit Öl und Knoblauch für wenige Sekunden angeschmort – auch eine Köstlichkeit. Der Brokkoli zeigt noch keine Blüten, aber seine in der Pfanne gedünsteten Blätter sind das neue Lieblingsessen.

»Im Juni kannst du in Salat baden«, meint Erwin. »Aber was jetzt das Wichtigste ist: Du darfst im Frühsommer nicht mit der Aussaat aufhören. Im Juni säe ich Karotten für die Herbsternte, Blattkohl, Grünkohl oder Endiviensalat. Auch für eine zweite Ernte Bohnen, Erbsen und Fenchel ist es nicht zu spät.«
Von der ersten Hälfte eines Selbstversorger-Jahreslaufs habe ich eine erste Ahnung gewonnen. Wenn die Juli-Oya in der Post ist, wird die große Erntezeit beginnen. Wir werden in Beeren nur so schwelgen. Werden wir Zeit finden, einige Schubkarren voller Mirabellen und Sommerpflaumen, für die der Lassaner Winkel so berühmt ist, für den Winter zu trocknen? Werden wir es schaffen, Nachbarn und Freunde zu einer großen Sauerkraut-Einlege-Party in die zukünftige Gemeinschaftsküche mitten im Dorf zu locken? Werden alle Rüben in den Mieten durch unsere oft weit über ­minus 15 Grad kalten pommerschen Winter kommen? Auf jeden Fall wird es ein Abenteuer, und es warten noch sieben Hektar Land auf weitaus wildere Experimente. Ich kann nur empfehlen, sich auf so ein Abenteuer einzulassen, die Selbstbestimmung fahren zu lassen und der Jahreszeit zu erlauben, vom eigenen Leben Besitz zu ergreifen. Lebewesen, die essbar sind, wachsen überall, auch auf dem Balkon oder im städtischen Gemeinschaftsgarten. Die Ernte einer solida­rischen Landwirtschaft lässt sich auch in einer Stadtküche in ­einen Wintervorrat verwandeln. Menschen in der Stadt verbringen Stunden um Stunden damit, sich zu treffen und vor Beamern und Flipcharts über die Rettung der Welt zu sprechen – könnten sie ­dabei nicht zum Beispiel gemeinschaftlich Apfelringe schneiden und zum Trocknen aufhängen? Vielleicht wären kreative Welt­rettungsideen schneller geboren, kämen die Menschen bei der Sorge um ihre Nahrung ins gemeinsame Tun.
Unser nächster Forschungszweig wird der Anbau von Hirse und Buchweizen sein – die ideale Grundversorgung in einer ­Region wie unserer mit ihren kargen Böden. Erwin Zachl tüftelt an ­einer handbetriebenen Schälmaschine für diese festen Saaten, so dass wir schon ein gemeinsames Projekt haben – Subsistenz heißt ­Kooperation. Auch wenn uns die Agrarindustrie weismachen will, nur sie könnte 10 Milliarden Menschen ernähren: Lasst uns das ­Gegenteil beweisen! •
 

Selbstversorgerwissen:
Auf der prall mit Informationen gefüllten Internetseite www.bio-ernteland.at von Erwin Zachl befindet sich eine Übersicht, die pro Monat die wichtigsten gärtnerischen Arbeiten auflistet. www.kurzlink.de/aussaatliste-zachl

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