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Vision Quest

Eine neue Tradition?

von Geseko von Lüpke , erschienen in 05/2010

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 Frühling, Sommer, Herbst, Winter. Traditionelle Kulturen, die in enger Verbindung mit der Natur lebten, haben die Phasen ihres Lebens als einen Teil des großen Kreislaufs erlebt. Seitdem Menschen begannen, die Natur zu beobachten, haben sie versucht, ihre sozia­len Regeln in Übereinstimmung mit den universellen Gesetzen zu bringen. So wie die Natur durch den Jahreskreis, so hatten die Menschen durch den Kreis des Lebens zu gehen. Und welcher Platz konnte besser geeignet sein, den Rhythmus des Lebens zu begreifen, als die freie Natur?!
Vier Tage und Nächte allein in der wilden Natur, fastend und ungeschützt, weit weg von den Mauern, Masken und Manieren der Zivilisation. Nur auf sich selbst gestellt, eigenverantwortlich und konfrontiert mit der eigenen Essenz: Wer bin ich? Wofür bin ich? Zu wem gehöre ich? Diesen Fragen zwölf Tage Lebenszeit zu widmen, ist in den Zeiten des Wandels für viele ein großer Ruf. Seit knapp dreißig Jahren werden im deutschsprachigen Raum derartige Erfahrungsprozesse für Jugendliche und Erwachsene angeboten. Da werden Interessierte eingeladen, ihre Siebensachen zu packen und sich auf den Weg zu machen: in die Wälder des Bayerischen Waldes oder des Schwarzwalds, in einsame Alpentäler, die Wildnis der Toskana oder Sloweniens, in die Pyrenäen oder Cevennen. Vor Ort treffen die Initianden der Neuzeit aufeinander und ­bereiten sich vier Tage gemeinsam auf die ungewohnte Erfahrung vor. Nachdem die Teilnehmer ihre Motivation geklärt haben, beginnt mit dem einsamen Rückzug in die Wildnis der Kern dessen, was man heute »Visionssuche« nennt. In der Stille des Rückzugs verändert sich der Blick aufs eigene Leben. Innen und außen verschmelzen, und die Natur wird zum Spiegel der Seele.
Altes Wissen für unsere Zeit
Gut vierzig Jahre ist es her, dass im Anschluss an die Protest-
bewegungen der wilden 60erJahre besonders in den USA nach neuen Formen gesucht wurde, inneres Wachstum, Natur und politisches Bewusstsein zu verbinden. Neben der humanistischen Psychotherapie entstand die Öko-Psychologie, parallel wurde das indigene Wissen um das Thema »Initiation« neu entdeckt. Steven Forster und Meredith Little gründeten die School of Lost Borders, Sun Bear gründete seinen Bärenstamm, indigene Heiler aus Hawaii, Brasilien, Afrika öffneten die Schatzkiste ihres traditionellen Wissens über Lebensphasen-Übergänge. Es war Ende der 70er Jahre, als die Psychotherapeutin Irmtraut Schäfer sich als erste in den Erfahrungsraum wagte, der sich Visionssuche nennt. Die Begeisterung, mit der sie zurückkam, zündete eine Kettenreaktion. Heute sind es mehrere Hundert Anbieter in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die Jahr für Jahr Menschen dabei begleiten, für eine begrenzte Zeit die Nabelschnur zur Zivilisation zu durchtrennen, um alleine und ohne Schutz in der Natur sich selbst zu begegnen.
Indianische Traditionen haben uns diese Methoden erhalten. Doch auch unsere Vorfahren in den dunklen Wäldern Mitteleuropas schickten ihre jungen Männer und Frauen in die Wildnis. Die Abenteuer, die sie dabei erlebten, sind in zahllosen Geschichten überliefert, die manche von uns heute noch ihren Kindern am Abend vorlesen: Märchen! Quellen aus viel früheren Zeiten belegen, dass auch schon bei den Griechen, Germanen, Kelten und den matriarchalen Kulturen der Steinzeit Menschen hinaus ins wilde Unbekannte gingen, um Weisheit zu sammeln, innerlich zu wachsen und der Gemeinschaft zu dienen. Der indianische Medizinmann Standing Eagle geht sogar davon aus, dass die Völker, die vor 15 000 Jahren über Sibirien nach Amerika wanderten, diese Methoden aus Mittel- und Osteuropa mitbrachten ...
Die Visionssuche kommt zurück nach Europa
Heute werden solche großen Übergangsrituale immer öf-
ter angeboten. Netzwerke von Anbietern, gemeinsame Internet-Plattformen haben sich gegründet, und zahlreiche Bücher wurden geschrieben. Knapp zehn Institute zur Ausbildung von Ini­tiationsmentoren gibt es in den deutschsprachigen Ländern. Die Klientel kommt aus allen Alterstufen, Berufsgruppen und sozialen Schichten, bietet aber auch besonderen Gruppen spezielle Formate: Jugendlichen, Älteren, Managern, nur Frauen oder nur Männern. Gleichzeitig blühen zahlreiche kleinere Formate: die Seele klärende Wildnis-Wanderungen, Übergangsrituale für Schulen, Arbeit mit sozialen Outcasts, bis hin zur Arbeit mit Sterbenskranken. Denn das archaische Grundmuster der Wandlung und Transformation hat nichts von seiner Gültigkeit verloren. Es wirkt nach wie vor. 
 Geseko von Lüpke

www.visionssuche.net, www.wildnisschulenportal-europa.de

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mehr zum Thema:

Indigene Kulturen, Naturerfahrung, Ökotherapie, Tiefenökologie

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