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Generationenwechsel

Die Bildungsrubrik geht in jüngere Hände über: Anke Caspar-­Jürgens und Lara Mallien sprachen mit Alex Capistran über Zukunft und Sinn der Oya-Bildungsrubrik.

von Alex Capistran , Anke Caspar-Jürgens , Lara Mallien , erschienen in 38/2016

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© Foto: www.oya-online.de

Alexander Capistran Wir sind hier an einem schönen Frühlingsmorgen zusammengekommen, um uns zu fragen, wie es mit der Rubrik »Bildung« in Oya weitergeht. Es wäre schön, eure Stimmen dazu zu hören, an welchem Punkt die Rubrik gerade steht. Was sieht ein vorbeifliegender Albatros, wenn er sich das aus der Vogelperspektive anguckt?

Anke Caspar-Jürgens Also bei mir landet der Vogel direkt auf der Schulter und zwitschert ganz fröhlich: Da ist jemand, der seine breit angelegten Fähigkeiten und sein ganzes Können in die Bildungsrubrik einbringen und die Redaktion von mir übernehmen möchte. Ich bin voller Hoffnung, dass dir, Alex, das auch gelingen wird. Mein großer Wunsch ist, dass du der Herausforderung, die das Thema für unsere Kultur bedeutet, gewachsen bist.

Lara Mallien Für mich sieht der Vogel da einen interessanten Übergang – und Übergänge sind ja ökologisch immer die reichsten Zonen. Bisher war diese Rubrik ein Projekt, das stark mit den Biografien von Anke, Johannes Heimrath, mir und anderen Menschen, mit denen wir seit den 1980er Jahren über selbstbestimmte Bildung diskutieren, verknüpft war. Die Entwicklung einer Perspek­tive, die junge Menschen nicht als unvollkommene, zu beschulende Kinder sieht, sondern als würdevolle Individuen, die aus sich heraus motiviert sind, sich die für sie wichtigen Überlebenstechniken ihrer Welt anzueignen, haben wir schon in der Vorgängerzeitschrift von Oya in einer Bildungsrubrik vorangebracht. Das war ein für uns existenzielles, aus dem Leben entspringendes Anliegen, das weit über journalistisches Arbeiten hinausging. Eine wichtige Frage für mich ist deshalb jetzt: Wie wird dieser rote Faden in der Rubrik weitergeführt, wenn jemand Neuer die Regie übernimmt?

AC Da kann ich euch beruhigen: Bildung ist für mich eine existenzielle Herzensangelegenheit. Ich durfte sehr schöne Bildungs­erfahrungen machen, bin aber auch in unangenehme Zwickmühlen des Bildungssystems hineingeraten, unter denen ich ziemlich gelitten habe.

ACJ Aber trotzdem bist du doch mit glänzenden Zensuren durch dein Schulleben gewandert! Hast du dich optimal angepasst?

AC Das ist eine gute Frage. Es stimmt, wenn man von außen dar­auf schaut, war ich vielleicht eine Art Musterschüler. Allerdings steht das, was innerlich passiert, auf einem ganz anderen Blatt, .
Ich habe mich als Kind immer viel und gerne alleine beschäftigt und bin dann auf eine Montessorischule gegangen, wo ich sehr viel Raum hatte, mich kreativ zu entfalten. Meine Eltern ­haben dann irgendwann – mit meinem Einverständnis! – entschieden, dass ich auf ein staatliches Gymnasium gehe und dort an einem Schulversuch teilnehme, bei dem eine Klasse übersprungen wurde. Dementsprechend war das Lernklima sehr leistungsorientiert. Ich glaube, ich habe das nur deshalb so gut durchgehalten, weil ich ­vorher meine Persönlichkeit bilden und einen reichen Schatz an Erfahrungen sammeln konnte.

ACJ Und nach der Schule hattest du dann Zeit und Raum für eine Phase des Dich-selbst-Kennenlernens?

AC Ja, obwohl ich die Schule mit den besten Noten abgeschlossen hatte, habe ich gemerkt: So kann es nicht weitergehen. Ich habe mir eine Pause verordnet, bin ins Kloster gegangen, habe mit Kindern in der Umweltpädagogik gearbeitet, Behinderten geholfen und Ökodörfer besucht. Letztlich habe ich mich für ein Philosophie­studium entschieden, das ich mittlerweile auch abgeschlossen habe. Seitdem brennen in mir die existenziellen Fragen: Wo möchte ich eigentlich hin? Was braucht die Gesellschaft gerade? Und wie kann das beides zusammengehen?

LM Alex, du gehörst ja zu den ersten ganz jungen Autoren, die bei Oya mitgeschrieben haben. Nachdem wir die ersten zehn Ausgaben in den Jahren 2010 und 2011 veröffentlicht hatten, ist uns ­aufgefallen: Da gibt es äußerst spannende junge Leute, die Oya lesen und mit den Inhalten viel anfangen können. Daraus entstand dann die Idee, eine Ausgabe zu machen, die nur von jungen Menschen gestaltet ist – das »Welterben«-Heft Nummer 14. Du hast diese Ausgabe wesentlich mitgeprägt, und seitdem haben wir weiter zusammengearbeitet. Von Anfang an haben wir uns intensiv über die Frage ausgetauscht: Wie entstehen Räume, in denen gutes Lernen möglich ist?

AC Für mich hat Oya viel sichtbar gemacht, und dafür bin ich seit langem schon sehr dankbar. Mir ist das Heft mal in die Hände gefallen, als ich noch recht jung war, und es war wie eine Art Offenbarung der Existenz einer Alternativkultur, von der ich vorher gar nichts wusste. Deswegen ist mein Engagement – das jetzt verstärkt wird – auch eine Form von Dankbarkeit dafür.

ACJ Ich hatte anfangs etwas Bedenken, ob wir dir die Bildungsrubrik anvertrauen können, weil mir nicht klar war, inwiefern du die Bedeutung für neue Wege jenseits des bisherigen Schulsystems erkannst hast und ob du dir auch Fachgebiete, die dir bisher kaum zugänglich waren, aneignen möchtest – zum Beispiel die Welt der Freilerner oder das Lernen in der Kleinkinderzeit, die vor dem Schulalter kommt.

AC Das kann ich nachvollziehen; deswegen hat es mich besonders gefreut, auf dem Schulfrei-Festival letztes Jahr junge Menschen kennenzulernen, die zum Teil keine Schule besucht haben, und zu merken, was das für klasse Persönlichkeiten geworden sind! Das Freilernerthema wird auf jeden Fall der Bildungsrubrik erhalten bleiben, das ist mir ein großes Anliegen. Gleichzeitig mache ich mir bei diesem Thema aber auch ein bisschen Sorgen, denn es berührt für mich die Frage: Wie radikal können oder müssen wir in unserem Leben sein? Wenn ich erst einmal anfange, die Schulpflicht in Frage zu stellen, dann kann ich auch hinterfragen, warum ich Steuern zahlen muss, und hinterfrage am Ende womöglich alles und jeden.

ACJ Meinst du, wenn man diese Fragen stellt, bricht das Chaos los?

AC Naja, sie haben auf jeden Fall eine unruhestiftende Wirkung. Aber dass sie von heute auf morgen nach radikaler Verwirk­lichung drängen und dadurch das Chaos losbricht, glaube ich nicht.

ACJ Ist es für dich als Philosophen nicht essenziell, solche Fragen zu stellen?

AC Das stimmt. Allerdings bin ich da vielleicht ein wenig verhalten, weil sich immer gezeigt hat, dass sehr radikale Gedanken ihre Zeit brauchen, bis sie in der Praxis zur Blüte gelangen.

ACJ Mir scheint, dass es bei den Menschen, die in Konflikt mit der Schule geraten, häufig weniger um radikale, idealistische Gedanken geht, sondern um ganz pragmatische Bedürfnisse, die sich aus dem Leben ergeben.

AC Diese Wahrnehmung teile ich auch, wobei das vielleicht nicht so einfach ist: Wir werden gerade Zeugen einer interessanten Wandlung: Das kapitalistische System hat sich mittlerweile so sehr ­fehlentwickelt, dass es in allen möglichen Bereichen ­wieder auf den Menschen zugehen muss, um sich nicht selbst in Luft aufzulösen. Wir sehen das an Unternehmen, die sich mehr und mehr an den Bedürfnissen ihrer Mitarbeiter orientieren, ebenso wie im Bildungs­bereich, wo es immer mehr um das kreative Potenzial von Kindern geht. Die Frage ist nur: Was ist das Ziel dieser Bemühungen? Geht es letztlich nur darum, die bestehende, nicht-nachhaltige Welt am Laufen zu halten? Das bereitet mir Bauchschmerzen, und das zu beleuchten, sehe ich auch als meine Aufgabe bei der Bildungsrubrik. Meiner Beobachtung nach gibt es gute Formen des Lernens, die nicht auf Bildung als Selbstzweck, sondern letztlich aufs Profitemachen und damit auf Ausbeutung gerichtet sind.

ACJ Bildung als Selbstzweck – meinst du damit die Entfaltung der Persönlichkeit? AC Ja, ich meine, diese sollte nicht zweckgebunden sein. Eine frei entfaltete Persönlichkeit kann ganz viele Dinge zum Guten wenden. Allerdings frage ich mich auch, wie weit diese Freiheit reicht. In den letzten Jahrhunderten gab es einen Umschwung der Machtformen, wie es zum Beispiel ­Michel Foucault beschreibt. Er sagt, es ging von der Souveränitätsmacht, die immer den Menschen geschliffen hat, hin zu einer Disziplinarmacht, die die Menschen dazu bringt, sich selbst zu regieren. Dabei denken sie aber die ganze Zeit, sie würden alles aus freien Stücken tun. Trotzdem glaube ich, dass es noch immer einen intuitiven Kern gibt, wo das wirkliche Selbst der Menschen durchscheint.  Elementare Erfahrungen, wie jemanden zu lieben oder sich mit der Natur verbunden zu fühlen, stärken diesen Kern, selbst er mehr und mehr überdeckt wird. Die gesellschaftliche Selbstregulierung hat enorme Auswirkungen auf die Erziehung.

ACJ Wenn Kinder nur noch trainiert werden …

AC … und keinen Freiraum mehr haben, wirklich dieses eigene Selbst zu bilden, wenn in der heutigen »Erlebnis-Kindheit« zwischen Bildschirmen und Frühförderung kein Raum bleibt, sich produktiv zu verirren. Ich frage mich, an welchem Punkt wir da stehen. Wieviel Mensch ist überhaupt noch da, und was können wir tun, damit es wieder mehr wird?

LM Alex, in der Radikalität dieser Fragestellung sehe ich eine starke Parallele zwischen dir und Anke. Euch beiden geht es um diesen unkorrumpierbaren, freiheitsliebenden Kern in den Menschen, der spürt, was das Leben fördert und was es unterdrückt oder ausbeutet. So eine Perspektive prägt stark, wie man sich zum Beispiel bei der Arbeit an einer Reportage ein praktisches Projekt anschaut oder wie sich Interviewpartner herausfordern lassen – letztlich geht es immer darum, sie mit Fragen in Beziehung zu diesem Kern zu bringen. Dazu ist es wichtig, sich als Fragender zu erlauben, die absurden Zustände der heutigen Welt nicht für gegeben zu nehmen. Die Absurdität ist so weit normal geworden, dass man sie oft gar nicht mehr in den Blick bekommt.

ACJ Man ist wie eingenebelt durch diese scheinbar nicht veränderbare Wirklichkeit.

LM Ja, und ein Symptom davon ist, dass die Erwachsenen immer denken, Kinder würden von sich aus nichts lernen. Daraus leitet sich ganz viel Institutionelles ab, was für selbstverständlich hingenommen wird. An dieser Stelle setzen Fragen an, die für die Bildungsrubrik in Oya wichtig sind: Wo überall wirkt die strukturelle Gewalt, die unreflektiert tradiert wird? Wo wirken Impulse, bei denen sich Menschen positiv mit ihrer eigenen Intuition verbinden und sagen: So geht es nicht, ich will es rund­herum »gut« und nicht nur ein wenig »besser« machen. Mir scheint es wichtig, solche Impulse immer wertzuschätzen und zugleich zu fragen: Haben sie wirklich ein transformatives Drehmoment? Oder stärken sie im Sinn von Reformen ein – bei Licht betrachtet – lebensfeindliches System? Das halte ich für eine wichtige Differenzierung. Es gehört ja mit zu dieser Selbstregulierung, von der Alex spricht, dass man es sich im Bestehenden einigermaßen nett einrichtet. Das heißt, das Reformistische ist Teil des Wahnsinns. Eure gemeinsame Frage heißt also, anders formuliert: Wo geht es ­darum, das Bestehende ein bisschen netter zu ­machen und wo geht es wurzeltief um
Veränderung?

AC Wurzeltief ist ein guter Anknüpfungspunkt. Ich bin mir mit Anke einig, dass gerade der Zugang zur Natur eine unglaubliche Sprengkraft hat, der aber die Omnipräsenz von Medien für Kinder entgegensteht: Wie sollten Medien, Natur und Erziehung zusammenwirken? Mir ist es ein großes Anliegen, die unmittelbare Wahrnehmung und einen aus sich selbst heraus gefundenen Zugang zu den vielfältigen Bereichen des ­Lebens zu erhalten und zu fördern. Gleichzeitig scheint es mir aber auch wichtig zu sein, Kindern Medienkompetenz zu vermitteln, ­damit sie wissen, welchen Stimmen sie trauen können und welchen nicht.

ACJ Die Art, wie du das jetzt ausdrückst, gerät für mich an die Grenze eines »Rezeptbuchs«: Was muss ich Kindern zugänglich machen oder angewöhnen, damit sie richtig funktionieren? Das ist bereits bevormundend gedacht. Wenn ich nicht bevormunden will, kann ich eigentlich nur dabei helfen, mein Umfeld so zu gestalten, dass es für alle Beteiligten – auch für Kinder – lebendig wird.

LM Das Entscheidende scheint mir nicht zu sein, auf Medien zu verzichten, sondern dass Kinder Lebendigkeit erfahren. Die erfährt man von Umfeld zu Umfeld unterschiedlich, denn diese Lebendigkeit ist extrem vielfältig und essenziell – da gibt es keine Rezepte.

AC Trotzdem sind Rezepte – zumindest beim Kochen – ja auch etwas Sinnvolles. Genauso ist es, glaube ich, im Bereich Bildung. Man kann sagen: Wir brauchen einfach diese und jene Zutaten für ein gelingendes Lernumfeld. Die Lebendigkeit scheint mir so etwas Grundlegendes wie das Feuer zu sein, das man zum Kochen ­benötigt.

ACJ Mir ist es immer wichtiger geworden, an einem Fundament lebens­fördernder Bildung, die junge Menschen in keiner Weise kolonia­lisiert, zu arbeiten. Irgendwann kam in meinem Leben der Punkt, an dem ich gesagt habe: Ich kündige den Schuldienst und enga­giere mich nicht mehr im reformerischen Bereich. Mit einer solchen Klarheit konnte ich später gut Reportagen über ­Schulen ­schreiben und deren Arbeit wertschätzen – aber am Anfang stand der Schritt, mich auf die Suche nach diesem Fundament zu ­machen.

AC Im Kern haben wir alle drei – so scheint es mir zumindest – ein ganz ähnliches Verständnis von Bildung: Es geht um Selbstermächtigung, um die freie Entfaltung des menschlichen Potenzials.

ACJ Dazu muss auch das Intuitive, das vom Herzen her Orien­tierte, Beachtung finden, so dass sich am Ende Verstand und Emotio­nen zu einer neuen Qualität verbinden.

LM Ganz wesentlich ist auch, dass eine solche freie Entfaltung in Beziehung zu anderen steht. Sonst klingt das immer so: Nur ich und mein Potenzial müssen sich ausleben – in alle Richtungen! Jemand mit dieser Maxime wäre ein Monster. Menschen existieren ja nicht als separate Egos, sondern von Geburt an immer nur in Beziehung. Wenn das in Bezug auf freiheitliche Bildungsprozesse mitgedacht wird, fallen ganz viele der üblichen Sorgen, dass Freiheit Chaos nach sich ziehen könnte, weg.

ACJ Ja, das ist entscheidend. Dann fallen auch die Rezeptbücher weg.

AC Ich habe manchmal bei dir, Anke, den Eindruck, dass du durch deine Beschäftigung mit dem Thema Bildungsfreiheit sehr radikal in der Kritik von institutionalisierten Formen geworden bist. Ich höre da heraus: Am besten, man verwirklicht von Grund auf selbstorganisierte freie Bildung und lässt alternative Schulformen gleich bleiben. Was du manchmal schreibst, kann so wirken, als würdest du Schulen am liebsten ganz abschaffen wollen …

ACJ Ich würde nie sagen, es solle keine traditionellen Schulen oder alternative Schulen mehr geben. Nur dass bestimmte freie Formen nicht zugelassen werden – dagegen bin ich! Diesen Zustand haben wir hier in Deutschland. Ich bin sogar der Ansicht, dass die stockkonservative Schule mit Frontalunterricht und allem, was dazugehört, erst einmal erhalten bleiben sollte, denn es gibt Menschen, die sich genau diese Form wünschen. Wenn ich das abschaffen wollte, würde das ja bedeuten, dass ich die Eltern, Kinder und Lehrer, die Frontalunterricht gut finden, zwingen möchte, etwas anderes zu machen. Gerade das will ich überhaupt nicht – mir geht es um die Vielfalt! Es wird zwar oft so wahrgenommen, als ob ich nur das Freilernen gelten lasse, aber das stimmt nicht. Ich bin überzeugt: Wenn Vielfalt zugelassen wird, verändern sich auch konservative, autoritäte Strukturen, weil die Menschen dort sehen, was es noch alles gibt, und es vielleicht auch ausprobieren wollen. Wenn sie aus diesem Beobachten heraus dann zu der Einsicht kommen, dass es anders besser läuft, sollen sie den Frontalunterricht doch selbst ­abschaffen.

AC Daher glaube ich, dass es ganz wichtig ist, auch weniger ­radikale Alternativen gutzuheißen. Denn diese sind der erste ­Anlaufpunkt für Menschen, die sich eine andere Bildung für ihr Kind wünschen, aber sonst eher konventionell denken.

ACJ Richtig, doch diese neue Haltung eines von Grund auf ­lebensdienlichen Lernens, auf die es mir ankommt, ist und bleibt einfach unbequem. Deswegen will ich auch die vielen anderen Lernformen nicht abschaffen, nur wünsche ich mir sehnlichst, dass zunehmend mehr Menschen den Mut haben, zu sich zu stehen und das, was in ihnen ist, auch lebendig werden zu lassen. Das gilt für mich persönlich genauso.

AC Für mich wird die Arbeit an der Bildungsrubrik ein großes Lernfeld werden. Ich sehe eine Herausforderung darin, in mir selbst dabei das Strahlen, die Leidenschaft für mein Tun und Forschen wachzuhalten und zu pflegen, denn ich neige dazu, aus Pflichtbewusstsein oder weil ich den Erwartungen anderer entsprechen will, die innere Begeisterung zu kurz kommen zu lassen.

ACJ Wenn dir das klar ist, dann bist du schon auf einem guten Weg.

AC Ich freue mich jedenfalls auf die Herausforderungen und denke, es wird für mich eine Art »Sinnkatalysator« sein, bei Oya mitzuarbeiten. Andere Arbeitsfelder, die eher aus Angst geborene Kompromisse sind und hinter denen kein tiefes Sinngefühl steht, werden dafür wegfallen. Das ist eine schöne Perspektive, gleichzeitig fühlt sich das auch ein bisschen mulmig an. Vielleicht ist es aber gar nicht so schwer: Durch den Entschluss bin ich doch schon mitten auf dem Dampfer, der in meiner Vorstellung eher ein schönes, wurzeltief verankertes Segelschiff ist.

LM Das ist doch ein schönes Schlusswort. Ich danke euch herzlich für das intensive Gespräch und freue mich auf die Zukunft unserer Bildungsrubrik! •


Alexander Capistran (25)
Philosoph, Projektemacher, Musiker, Schreiberling und ab Ausgabe 39 Redakteur der Bildungsrubrik der Zeitschrift Oya. Alex besuchte eine Montessori-Schule und anschließend ein Gymnasium in Potsdam. Nach dem Abitur 2009 unternahm er eine Sinnsuche, während der er Erfahrungen im Bereich Umweltpädagogik und Sozialarbeit sammelte sowie Zeit in einem Kloster verbrachte. Während seines Philosophiestudiums in Berlin war er im »Youth Future Project« und bei »­gewagt.info«, einer Plattform für ermutigende ­Geschichten über vielfältige Lernwege, engagiert. Er betreut Projekte­, organisiert Workshops und schreibt Theatertexte für die Neuköllner Oper. Derzeit hat er den Master-Studiengang in Philosophie an der Cusanus Hochschule belegt. Mit seiner Mutter ist er als Musiker für »Rudelsingen« in Berlin aktiv. Alex Capistran wohnt in Leipzig und ist viel unterwegs – innerlich und äußerlich.

www.youthfutureproject.org

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