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Ich bin, weil wir sind

Ubuntu, Südafrikas Philosophie der Verbundenheit, erkennt, dass der Mensch nur durch die Existenz der anderen leben kann – ein Ideal und eine Tradition, die das Zeug hat, Europa zu inspirieren.

von Geseko von Lüpke , erschienen in 38/2016

Bild

© Foto: www.freedesignfile.com

Der alte Philosoph Augustine Shutte reckt sich in seinem Sessel, als wolle er von seinem kleinen Haus in Kapstadt aus die ganze Welt erreichen: »Südafrika wurde mit der Apartheid weltberühmt. Sie war unsere einzigartige Erfindung«, sagt er sarkastisch, um dann zu ergänzen: »Aber wir haben einen verborgenen Schatz, über den die Welt nichts weiß: Ubuntu! Er ist wertvoller als alle unsere Diamanten und unser Gold. Wir dürfen ihn nicht verschleudern, ignorieren oder verlieren. Vielmehr muss er anerkannt, wertgeschätzt und geteilt werden. Die Welt braucht ihn. Es könnte unser bestes Exportprodukt werden.«
Szenenwechsel von der Touristenmetropole am Kap in die ­Savanne eines Nationalparks an der Grenze nach Mosambik. Man nennt ihn auch »Big C«, den breitschultrigen Wildnisführer Sicelo Mbatha, der ruhig auf die wilden Riesen zeigt, die sich hundert Meter weiter versammelt haben. Wir stehen im Herzen des Zulu-Lands im ausgetrockneten Fluss Black Umfolozi. Drüben an der Flussbiegung stehen eine große Herde wilder Elefanten und drei schwarze Nashörner. Sicelo Mbatha zeigt auf das kleine, runde Wasserloch im Sand: »Wenn du in das Reich der wilden Tiere schaust, dann siehst du das Loch, das ein Elefant auf der Suche nach Wasser mit seinen großen Füßen gegraben hat. Er hat getrunken und es so zurückgelassen.« Der Wildnisführer blickt auf die Vielfalt der Spuren, die wie eine eigene Schrift den Sandboden überziehen. »Dann kommen Lebewesen, wie die Impala-Antilope, die kein Loch graben kann, und trinken. Die Paviane kommen, die Bienen summen heran, die Insekten, die Schmetterlinge, jeder profitiert davon.« Und der Mann bekommt einen schwärmerischen Blick, als er erklärt: »Ubuntu heißt, sich nicht nur um sich selbst zu kümmern, sondern für andere um sich herum mit zu sorgen. Was die wilden Tiere hier machen, hat die Menschheit fast verloren.«

Ich fühle, also bin ich
Was für ein Wort ist das? »Ubuntu«: Jedem, den man im Süden Afrikas danach fragt, zaubert es ein Lächeln ins Gesicht, und fast jeder versteht, interpretiert und beantwortet es anders. Kapstadts Erzbischof Desmond Tutu sagt zum Beispiel: »Ubuntu heißt, dass ich dich als Gegenüber brauche, um mich zu erkennen. Genauso wie du mich brauchst, um ganz du selbst zu werden«. Der Sozialwissenschaftler und Autor ­Johann Broodryk aus Pretoria hat nach einer prägenden Begegnung mit dem charismatischen Erzbischof und Friedensnobelpreisträger viel über Ubuntu geforscht und definiert den Begriff in Polarität zum europäischen Denken: »Wo der französische Philosoph Descartes sagt ›Ich denke, also bin ich‹, sagt Ubuntu: ›Ich fühle, ich bin in Beziehung, also bin ich.‹ Damit ist Ubuntu ein Teil von allem, was du denkst, sagst und tust.« Der Philosoph und Professor Lesbila Teffo aus Pretoria stellt den Begriff »Beziehung« in den Mittelpunkt. »Ubuntu wird in der Sprache Afrikaans mit ›Menschlichkeit‹ übersetzt«, und er erklärt, wie weit diese reicht: »Es geht um gute Beziehungen und Koexistenz zwischen den Menschen, zwischen Mensch und Gott, zwischen den Menschen und ihren Ahnen sowie zwischen den Menschen und den Tieren und Pflanzen.« Umschreibbar ist Ubuntu am ehesten als die Kraft, ganz man selbst zu sein – und damit andere zu ermutigen, ganz sie selbst zu sein. Ubuntu ist das Geschenk, das Menschen einander geben können, wenn sie den anderen lieben wie sich selbst.
»Unter der Rassenpolitik der Apartheid wurde die Welt geteilt. Freiheit konnte man sich nur in der Trennung der weißen von der farbigen Bevölkerung vorstellen«, erklärt der Alexander Shutte. »Ubuntu ist genau das Gegenteil. Dieses Weltbild sagt: Das Menschsein ist so reich, dass eine Kultur es nicht ausdrücken kann, und dass wir reicher werden in Kontakt und Abhängigkeit von anderen.«
Kulturelle Vielfalt als weltanschauliche Grundlage – das könnte auch ein afrikanischer Kommentar zum hiesigen Phänomen Pegida und dem Erfolg der AfD sein. Tatsächlich lautet der optimistische Slogan der Regen­bogennation Südafrika »Einheit in Vielfalt«. Wirklichkeit ist dieses Ideal aber auch in Südafrika noch nicht, denn das Land ist weiterhin sozial nach Rassen getrennt: Fünf Millio­nen Schwarze leben in Slums, und reiche Weiße verbarrikadieren sich in Luxus-Ghettos hinter Stacheldraht – eine Trennung, die enormen sozialen Sprengstoff enthält. Die Kriminalität im Land ist hoch. Doch statt die Welt in konkurrierende Splitter zu zerbrechen, geht es bei Ubuntu darum, den Sprung vom isolierten Teil zur gemeinsamen Teilhabe zu machen. Statt Abtrennung durch Mauern geht es seinen Verfechtern um Durchlässigkeit durch Vergebung, Solidarität und Mitgefühl.
Der Begriff »Ubuntu« steht in Gesetz­­büchern und ist Grundlage der Sozial-, ­Gesundheits- und Bildungspolitik Südafrikas. Tausende zivilgesellschaftliche Initiativen beziehen sich darauf. Unternehmen verwenden den Begriff sogar als Firmennamen. Ubuntu Securities, »Ubuntu-Versicherung«, Ubuntu als Software. Zugleich kann Ubuntu Nachbarschaftshilfe bedeuten, Kinderbetreuung, eine Mahlzeit für Mittellose, einen Krankenbesuch bei vereinsamten Menschen, Hilfe im Trauerfall: In den Townships kümmern sich Straßengemeinschaften mit einem gemeinsamen Sparstrumpf um jene, die durch Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Tod eines Angehörigen in Not geraten. Direkte Nachbarn kümmern sich um ihre Kinder, schreiten bei häuslicher Gewalt ein, teilen das Wenige, was sie haben. Ubuntu steht für alles, wo das »Ich« zurücktritt und das »Wir« sich zeigt, wo aus dem gemeinsamen Feld Freude entsteht und aus dem Füreinander-Sorgen geteiltes Glück. Soziologen haben diesen Gemeinschaftsgeist »afrikanischen Humanismus« genannt. Die Philosophie des Ubuntu zeigt, dass die »Kultur des Wir«, nach der im globalen Norden so angestrengt gesucht wird, in den vorindustriellen Kulturen des Südens lange Tradition hat.

Alte Wurzeln
Die Philosophie der Verbundenheit wurde in Afrika südlich der Sahara über die Jahrtausende in Form von Geschichten, Gedichten, Liedern und Tänzen mündlich überliefert. Die alte Weisheit strukturierte die kleinen Stammesgemeinschaften, regelte das soziale Gewebe zwischen Stamm und Häuptling, Jung und Alt, Mann und Frau, Mensch und Natur, Mensch und Gott. Als vor vierhundert Jahren der Kolonialismus begann und Sklavenhändler den Kontinent durchstreiften, verbargen die unterjochten Völker ihre geistigen Werte vor den Weißen. Die Besetzer erfuhren nichts von den Weisheiten der angeblich »primitiven« indigenen Völker – das Wissen wurde verhüllt. Als die Apartheid in Südafrika die Würde und den Zusammenhalt der Schwarzen und Farbigen zerstören wollte, wurde Ubuntu zur spirituellen und ethischen Kraftquelle des Überlebens. Ubuntu war der Ursprung des jugendlichen Widerstands, der Trost der Mütter, die ihre Söhne und Töchter verloren, der Kern des Schlachtrufs »Amandhla«. In Zeiten des Widerstands rief auf den illegalen Demos einer den Tausenden das Wort »Amandla« – »Die Macht …« – zu, und sie antworteten wie aus einer Kehle »Ngawethu« – »dem Volke!« –, während sie den Kriegstanz Toyi-Toyi tanzten, der seine Wurzeln im kenianischen Antikolonialismus hat. Südafrikas Polizisten wichen zurück, wenn sie mit dieser kämpferischen, wilden Seite des Ubuntu, die nicht kontrollierbar schien, konfrontiert waren.
Auch in den Zellen der politischen Häftlinge auf der Gefangeneninsel Robben Island, wo Nelson Mandela 18 seiner 27 Gefängnisjahre verbrachte, gab Ubuntu Kraft. In Erniedrigung und Rechtlosigkeit sei es eine große Hilfe gewesen, erinnert sich Lionel Davis, damals Aktivist der »African People’s Democratic Union«. Heute ist der einstige Mithäftling Mandelas ein weiser Alter: »Wenn man nicht raus kann, geht man nach innen. Man schaut sich selbst an und versteht, wer man wirklich ist. Man verliert seine Arroganz, sein großes Ego, und muss lernen, mit anderen wirklich klarzukommen«, erinnert er sich. »Das hatte man uns in der Apartheid verweigert. Wir waren in Rassen, Bezirke, Schulen geteilt. Hier hingegen formten wir ein Beispiel für das neue Südafrika: Wir teilten, halfen uns, lehrten uns gegenseitig, spielten zusammen. Wir lebten Ubuntu, und wir sagten: ›Indem du für mich sorgst, sorge ich für dich. Wenn du am Boden liegst, helfe ich dir auf – und du machst das gleiche für mich.‹« Diese Praxis von Solidarität und Mitgefühl schuf die Voraussetzung für das neue Südafrika.
Als 1994 die brutale Rassenpolitik der südafrikanischen Apartheid abgeschafft wurde, fürchtete die Welt ein Blutbad der Rache. Niemand konnte wirklich verstehen, warum die schwarze Mehrheit nach Jahrzehnten der Erniedrigung, Folter und Rechtlosigkeit der weißen Minderheit im Großen und Ganzen mit offenen Armen entgegentrat, so dass die Weltpresse vom »Wunder Südafrika« sprach. Zahlreiche Historiker sind davon überzeugt, dass die Philosophie des Ubuntu die Grundlage dieser erstaunlich friedlichen Transformation war, denn Ubuntu bedeutet auch Vergebung. Das wurde in weltweit bewunderter Weise in den Jahren nach der Apartheid umgesetzt, als die »Wahrheits- und Versöhnungskommission« die Verbrechen der Diktatur öffentlich aufarbeitete. Folter, Entführungen, Morde auf der einen Seite und die Gewalttaten des schwarzen Widerstands – Bombenanschläge, Attentate – auf der anderen. Täter und Opfer oder deren Hinterbliebene trafen aufeinander, hörten ihre Geschichten, gestanden ihre Schuld und fanden nach schmerzhafter Erinnerung nicht selten zur Vergebung. Wunden wurden geheilt, und ein Leben ohne Rache wurde möglich gemacht.

Ubuntu für die Gegenwart
Heute, 22 Jahre nach dem Ende der Rassendiktatur und nach Jahrhunderten der Rassentrennung, geht es in Südafrika darum, das alte Ideal des Ubuntu neu zu definieren. Die traditionelle Dorfstruktur, die auf die alte Philosophie baute, kann schließlich nicht eins zu eins auf multikulturelle Metropolen wie Kapstadt, Durban, Pretoria oder Johannesburg angewendet werden. Die industrielle Entwicklung Südafrikas, die Globalisierung, Egoismus und Verelendung verlangen nach einer neuen Gegenkraft. »Das uralte Wissen um Ubuntu passt nicht mit dem Geist der Moderne zusammen«, meint der Philosophieprofessor Dirk Louw: »Deshalb liegt die Herausforderung dar­in, eine uralte Ethik für die postmoderne Gegenwart mit ihren emanzipatorischen Werten neu zu entdecken, zu verstehen und anzuwenden. Also müssen wir den Ubuntu-Mythos in unserer Zeit für unsere Zeit neu erzählen.« Wer aber kann diese Aufgabe übernehmen? Hier kommen die Kirchen und Südafrikas enorm kreative Zivilgesellschaft ins Spiel. Im Ubuntu sehen die vielen kleinen Basisgemeinden so etwas wie eine überkonfessionelle, aber auch christliche Befreiungstheologie, in der sich die Kulturen und Rassen im Kampf für eine bessere Welt begegnen können. Zehntausende Initiativen der südafrikanischen Zivilgesellschaft formulieren, ausgehend von Ubuntu, ihre Visionen eines gerechten Wirtschaftssystems, eines Wunden heilenden Rechtssystems, einer dialogischen Gesellschaft, einer gerechten Landreform, eines solidarischen Sozialsystems. So wie der Designer und Architekt Steven Lamb, der mit seiner Initiative die entwürdigenden Lebensumstände jener fünf Millionen Südafrikaner verändern will, die in Slums und Townships in Hütten aus Pappkarton und Wellblech leben. Sein Vorschlag, die Bruchbuden Stück für Stück und bezahlbar umzubauen, ohne die Bevölkerung zu vertreiben, wird von den Behörden bislang bekämpft. »Wenn das nicht in den nächsten fünf Jahren passiert, dann werden wir in diesem Land eine weitere Revolution erleben«, sagt er mit spürbarem Zorn. »Ohne funktionierende Gemeinschaften können wir keine Zukunft bauen. Ubuntu ist hier die ­perfekte Antwort auf diese Herausforderung. Es geht um sicheres und würdevolles Wohnen. Das ist die Quelle für alles weitere: Daraus entstehen gesunde Familien, nachhaltige Lebensformen, gesunde Nahrungsmittel, gegenseitige Hilfe. Wir halten in unseren Herzen den Traum von einem freien, demokratischen, nicht rassistischen Südafrika lebendig – und wir sind bereit, dafür zu kämpfen!«

Widerstand heute
Was zuerst Kern der schwarzafrikanischen Gemeinschaften war und dann in der Apartheid zum Kern des Widerstands gegen Rassismus und Unterdrückung wurde, ist heute – im »freien«, »demokratischen« Südafrika abermals zur Philosophie des Wider­stands gegen die Mächtigen geworden, denn die ehemaligen Kämpfer des ANC haben es sich heute oft in den Sesseln der Macht bequem gemacht, sie profitieren und korrumpieren, während die sozialen Wunden weiterhin offenliegen. Ubuntu heißt heute, Widerstand gegen Globalisierung und soziale Ungerechtigkeit, Rassentrennung durch soziale Spaltung, überhöhte Bildungskosten, Massenarbeitslosigkeit, zu hohe Mieten, steigende Lebenshaltungskosten und ökologische Zerstörung. Zwar führen die Politiker das Wort »Ubuntu« im Mund, so wie man hierzulande »soziale Marktwirtschaft« sagt, doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Die Zivilgesellschaft fordert deshalb, den Begriff nicht zu missbrauchen.
Da fühlt man sich an die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit auch bei uns erinnert, wo einerseits »christliche Werte« beansprucht und andererseits hilfesuchende Flüchtlinge abgewiesen werden, wo »Frieden und Demokratie« vorgebetet und zugleich Geschäfte mit Kriegsherren und Diktatoren gemacht werden. Da spiegelt sich im südafrikanischen Ringen um Ubuntu unsere hiesige Suche nach Naturromantik inmitten einer industriellen Wachstumsgesellschaft, nach sozialer Gerechtigkeit in einer sozialdarwinistischen Weltwirtschaft, nach multikultureller Verständigung, während Pegida die Straßen füllt und die AfD in Parlamente einzieht. Da erscheint Ubuntu wie die südafrikanische Version ­einer gesellschaftlichen Utopie, für die in Deutschland zum Beispiel eine Gemeinschafts- und Wildnisbewegung, die unermüdlichen Flüchtlingshelfer, die Sitzblockierer vor Kohlekraftwerken und die Widerständler gegen Ackergifte wie Glyphosat stehen. Trotz aller Müdigkeit und auch verständlicher Resignation ist der »Geist des Ubuntu« ein Vorbild, das die Apartheid stürzen ließ und einem unterdrückten Volk die Freiheit brachte: eine Herzenskraft der Menschlichkeit, mit der sich alles Schlechte besiegen lässt, die aber ständig erneuert und befeuert werden muss, um kostbar und revolutionär zu bleiben – und zwar hier wie dort.
Philosophen und Denkerinnen, die Ubuntu erforschen, formulieren einen universellen Anspruch. Es gebe wohl eine afrikanische Version der Menschlichkeit, doch die Moral von Freundschaft, vom Teilen, von Solidarität und vom gemeinsamen Wachsen gelte für die ganze Welt, sagt Lesbila Teffo. »Ubuntu ist ein kritischer Gegenentwurf zu dem, was die Welt regiert. Deshalb sagen wir: ›Lebt Ubuntu! Lasst es zum Teil eures Lebens werden und ein Beispiel sein!‹« Im wachsenden afrikanischen Selbstbewusstsein wird man sich in der Zerissenheit von heute bewusst, dass die alte Weisheit des Ubuntu tatsächlich etwas für die moderne Welt – die absurde Feindschaft zwischen ­Juden und Palästinensern im Nahen Osten, die Angst vor Überfremdung in Europa oder die zunehmende Individualisierung und den Zerfall von Gemeinschaften im globalen Norden – zu bieten hat.
Der Ruf nach tiefer, gerechter Gemeinschaft scheint universell. Er erklingt aus dem globalen Freiheitswillen und den zahllosen Gegenentwürfen einer möglichen »anderen Welt« ebenso wie für eine »Kultur des Willkommens« in der Flüchtlingskrise. Vielleicht steht Ubuntu für eine solche Politik des Herzens, weil es alle Werte vereint, für die es sich zu leben lohnt. Vielleicht passen in diesen offenen Begriff jenseits der konkurrierenden Ideologien viele Visionen einer lebenswerten Zukunft. Dirk Louw, der Philosophieprofessor, skizziert seine Ubuntu-Welt folgendermaßen: »Es wäre eine emanzipatorische Gesellschaft, in der man selbst und jeder andere sein und werden kann, wer man wirklich ist, ohne dass dies auf Kosten der Gesellschaft geht. Es wäre eine Welt, in der Menschen als freie Individuen für das gleiche Ziel arbeiten. All das geht nur im Dialog, der die Individualität des Einzelnen, seine Geschichte und Kultur respektiert und jedem Raum gibt, ganz man selbst zu sein.«
Südafrikas Weg, dem Traum des Ubuntu weiter zu folgen, ist auch Ausdruck des Widerstands gegen die Einfalt der Globalisierung sowie des Vertrauens, dass eine andere Welt möglich ist. Doch sie wird sich nur dann entfalten, schlussfolgert Desmond Tutu, wenn jeder sich entfaltet. »Ich träume von einer neuen Welt und einer reifen Menschheit, die lebt, was Ubuntu meint«, sagt der Bischof. »Wir sind alle eins. Ich möchte euch an die Magie dessen, was jeder einzelne ist, erinnern. Lebt euer ganzes Potenzial und erkennt das Potenzial in jedem anderen und feiert das Wunder eurer Vielfalt. Und am allerwichtigsten: Geht, und seis, wer ihr seid! Das ist unser gemeinsames Vermächtnis!« •


Geseko von Lüpke (57) ist Politologe, Ethnologe, Journalist und ­Autor zahlreicher Bücher über Nachhaltigkeit und Bewusstseinswandel, darunter »Politik des Herzens« oder »Zukunft entsteht aus Krise«. Er arbeitet zudem als Visionssuche-Leiter. www.gemeinschaftlich-leben.net/visionssuche