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Anderssein

Das Gesamtkunstwerk »Nachbarn« von Ken Aptekar.

von Lara Mallien , erschienen in 38/2016

Als der New Yorker Künstler Ken Aptekar im Jahr 2009 mit Thorsten Rodiek, Museumsleiter der Kunsthalle St. Annen in Lübeck, über Ideen für ein Ausstellungskonzept sprach, fiel ihm auf, dass sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu dem dem spätgotischen St. Annen-Kloster eine Synagoge aus dem Ende des 19. Jahrhunderts befindet.

Bild

© Foto: Ken Aptekar, Carlebach Küchentuch 1–6

Niemand, der die in Russisch oder Hebräisch gehaltenen Feiern in der Synagoge besuchte, ging in das von der christlichen Geschichte geprägte Museum – und umgekehrt. Unweit des Klosters entdeckte Ken auch die Moschee einer türkisch-islamischen Gemeinde und fand damit das Thema seiner Ausstellung: »Nachbarschaft«. Sie würde nicht nur in der Kunsthalle stattfinden, sondern zu Spaziergängen durch die Stadt zur Synagoge und zur Moschee einladen.
»Ich wollte diese Nachbarschaft selbst erkunden«, erzählt Ken. Er lernte einen muslimischen Rechtsanwalt mit türkischen Wurzeln kennen, der ihm die Moschee zeigte und ihm Koranverse über die Bedeutung guter Nachbarschaft zusammenstellte. Von deutschen Freunden in Lübeck wollte Ken wissen, wie man sich hierzulande mit Nachbarn über den Zaun hinweg unterhält, und sammelte lustige, nebensächliche und auch ärgerliche Sprüche. Eine seiner Lübecker Kontaktpersonen, Heidemarie Kugler-Weimann, engagiert sich für die »Stolpersteine« – Gedenk­tafeln, eingelassen in den Gehweg vor Häusern, in denen Juden gelebt haben, die im Nationalsozialismus ermordet wurden. Über sie erhielt Ken Einblick in die jüdische Gemeinde Lübecks und ihre Geschichte.
»Entlang dieser Linien entwickelte sich über die Jahre hinweg das Konzept der Ausstellung«, erzählt der Maler. »Ich wollte Botschaften zum Thema Nachbarschaft aus allen sich hier überschneidenden Kulturen in Beziehung mit Ausschnitten aus den mittelalterlichen, christlichen Altarbildern der Sammlung des St. Annen-Museums setzen. Diese Kirchenkunst hat für mich eine besondere Bedeutung. Einerseits fühle ich mich als Teil der Tradition moderner Kunst, die ihre Wurzeln in der europäischen Malerei des Mittelalters hat. Deren erste große Förderer waren die Kirchen. Andererseits hatte diese Kunst den Zweck, die Vorherrschaft des Christentums gegenüber anderen Religionen zu zementieren, und mit diesem Aspekt kann ich mich nicht verbinden.«
Ken Aptekar ist 1950 in New York in einer jüdischen Musiker­familie geboren. »Meine Eltern waren nicht sehr religiös, aber in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wollten sie ihren vier Kindern so viel wie möglich von der jüdischen Kultur mit auf den Weg ­geben«, erklärt er. »Heute bezeichne ich mich als Atheisten, fühle mich aber mit dem Judentum tief verbunden.«
Kens künstlerische Arbeit ist eine Auseinandersetzung mit dem Anderssein. Eines seiner frühen Gemälde hat den Titel »Was für ein Name ist eigentlich Aptekar?« – eine Frage, die ihm beständig gestellt wurde. Als junger Mann hatte Ken hellrote Haare, und in Amerika vermutete man bei so einer Erscheinung in der Regel einen Menschen mit irischem Nachnamen. Überhaupt ist ein rothaariger Junge immer eine Bemerkung wert, die, ob sie anerkennend oder verletzend gemeint ist, meist ausgrenzend wirkt. Soziale Diskriminierung wurde ein zentrales Thema von Kens Arbeit. »Ausgrenzung schlägt tiefe Wunden, und sie wird am ehesten überwunden, wenn die Menschen im Alltag miteinander ins Gespräch kommen«, ist der Maler überzeugt. Sofern politische Macht oder strukturelle Gewalt in der Gesellschaft solchen Austausch nicht unterbinden, findet er unweigerlich statt. Als Beweis und Mahnmal dafür ist das Kernstück von Kens Ausstellung »Nachbarn« ein historisches Küchentuch. Es trägt die Initialen der Lübecker Rabbiner-Familie Carlebach. Am Tag ihrer Deportation in die national­sozialistische Todesmaschinerie knüpfte es ein Familienmitglied ans Gartentor – dort, wo ihnen Nachbarn regelmäßig einen Korb mit Essen hingestellt hatten, denn die Carlebachs hatten unter Hausarrest gestanden. Eine der Nachbarsfamilien hat das Tuch aufbewahrt. Als in den 1980er Jahren der einzige überlebende Nachkomme, Felix Carlebach, von der Stadt Lübeck geehrt wurde, kam eine Frau auf ihn zu und sagte: »Ich habe etwas, das ihnen gehört. Unsere Eltern waren Nachbarn.« Sie gab ihm das Küchentuch und verschwand wieder. »Für mich kommt in dieser Geschichte die Selbstverständlichkeit von Nachbarschaft zum Ausdruck«, sagt Ken Aptekar. »Obwohl es unter Strafe stand, brachten die nicht-­jüdischen Nachbarn der Familie Carlebach Essen. Menschen, die sich kennen, können selbst unter Lebensgefahr nicht anders, als sich gegenseitig zu helfen und zu danken. Die Frau, die das Tuch an Felix zurückgab, wollte nicht genannt werden, wollte kein öffentliches Lob für ihre Familie – weil gute Nachbarschaft das Selbst­verständlichste auf der Welt ist.« • 

Die Ausstellung ist noch bis zum 29. Mai 2016 zu sehen:
www.museumsquartier-st-annen.de
www.kenaptekar.net

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