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Demokratie ist Konflikt

Charles Rojzman, Begründer der »Thérapie Sociale«, moderierte in Dresden Stadtteildialoge ­zwischen Menschen, die konträre politische Meinungen vertreten.

von Anne Wiebelitz , erschienen in 38/2016

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© Foto: Gauthier Saillard

Um die Weihnachtszeit hatte ich mal wieder eines jener Gesprächen mit Verwandten, die sich in den letzten Jahren immer öfter ergeben. Es beginnt beim Wetter und wendet sich über kurz oder lang der Flüchtlingspolitik zu. Schnell wird aus nettem Geplauder eine hitzige Diskussion, in der ich mich immer mehr missverstanden und angegriffen fühle. Irgendwann greife ich selbst an, urteile, unterbreche – und ich oder mein Gegenüber brechen genervt das Gespräch ab. Interessant dabei ist, dass ich nach und nach begonnen habe, diese Auseinandersetzung mit den Andersdenkenden zu meiden. Zu einigen breche ich sogar den Kontakt ab, weil ich am Sinn jeglichen Austauschs mit ihnen zweifle.
Für Charles Rojzman ist das Gewalt. Er ist Mitte 70 und hat viele Jahre als Therapeut gearbeitet. Für ihn und die von ihm entwickelte Methode der »Thérapie Sociale«, auf Deutsch als »Gesellschaftstherapie« übersetzbar, ist Gewalt mehr als nur körperliche Verletzung: »Ich übe Gewalt auch aus, wenn ich jemanden verachte, auf ihn herabschaue oder ihn demütige, wenn ich jemanden im übertragenen Sinn verlasse – also sie oder er mir egal wird – und indem ich jemanden beschuldige oder mich selbst in die Opferhaltung begebe«, ist er überzeugt. Genau diese Gewalt verhindert, dass wir Konflikte austragen, die dringend ausgetragen werden müssen: über Rassismus, über Flüchtlingspolitik, über unsere Verantwortung in diesen Zeiten der sozialen und ökologischen Krisen.
Als Jude im Frankreich der nationalsozialistischen Besatzungs-zeit geboren, setzte sich Charles in seinem Leben intensiv mit Rassismus auseinander. Irgendwann stellte er fest: »Die Arbeit über Rassismus bestand vor allem aus Moralisierung: Rassismus ist schlecht, und Leute, die rassistische Dinge sagen, sind dumm und manipuliert. Ich habe mich gefragt: Warum wird nicht so gearbeitet, dass Menschen über ihre wahren Leiden sprechen können?«
In Mantes-la-Jolie fand Charles einen Bürgermeister, der für seine ersten Schritte bei der Entwicklung einer solchen Dialogarbeit offen war. Mantes-la-Jolie war einmal das größte Sozialwohnungsviertel Europas, unweit von Paris gelegen, geprägt von Drogen, Hoffnungslosigkeit, Gewalt, mangelnden Perspektiven und Plattenbauten bis in den Himmel. Charles begann, dort Räume zu schaffen, in denen sich kriminell gewordene Jugendliche sowie Nachbarn und Menschen aus Polizei, Politik und Verwaltung begegnen konnten. Durch eine parteiübergreifende Moderation und das Einbeziehen verschiedenster Betroffener, durch viele Gespräche in kleinen Gruppen und durch Fragen, die auf das Verstehen des Anderen zielten, begannen die Beteiligten, die zwischen ihnen schwelenden Konflikte auszutragen – und langsam veränderte sich das Viertel. Später führte Charles diese Arbeit in weiteren sozialen Brennpunkten ein, unter anderem in Tschetschenien, Ruanda, ­Guatemala, in den USA und in Deutschland.
So entstand Ende der 1980er Jahre die Thérapie Sociale. Heute sei sie »vielmehr eine Haltung des Moderators als eine Methode«, meint Charles. Es gäbe nicht eine bestimmte Methodik, die sich nach festem Schema überall anwenden lässt, sondern es gehe um Offenheit und Flexibilität gegenüber den Bedingungen, die man in einem gesellschaftlichen Konflikt vorfindet, und um die Menschen, mit denen man arbeitet.
Den Bürgerkrieg in den Köpfen beenden
Nachdem ich ein Jahr auf Demonstrationen gegen »Pegida« verbracht hatte, die mich zunehmend wütender auf »die anderen« machten und die mir gleichzeitig zunehmend sinnloser vorkamen, keimte in mir der Gedanke, dass eine andere Form der Auseinandersetzung nötig wäre. Ich lebe in Dresden, ignorieren lässt sich Pegida hier kaum. Wie das Leben manchmal spielt: Charles Rojzman kam zwischen Dezember 2015 und Februar 2016 in die Stadt, eingeladen vom Netzwerk »Dresden für Alle«, um in einem vom Oberbürgermeister unterstützten Antirassismus-Projekt mit den Menschen dieser Stadt zu arbeiten.
Charles Rojzman spricht davon, dass wir uns in ganz Europa in einer Art »Bürgerkrieg in den Köpfen« befänden: »Die einen sagen, ›wer die Islamisierung des Abendlands fürchtet, ist ein Rassist‹. Die anderen sagen, ›ihr seid Kollaborateure des Feindes, naive Gutmenschen und gefährlich, weil ihr die Gefahr nicht erkennt‹. Beide Seiten existieren in ganz Europa. Das ist eine wirkliche Gefahr.«
So groß meine Hoffnung war, so hoch waren meine Zweifel im Vorfeld des Projekts: Wie ließen sich wohl Menschen dazu bringen, sich mit denen an einen Tisch zu setzen, gegen die sie seit über einem Jahr fast wöchentlich demonstrieren? Und das in Dresden? Ich frage Charles danach, wie ihm so etwas an noch extremer gespaltenen Orten, wo sich Menschen vorher bis aufs Blut bekämpft haben – Ruanda, Palästina, Beslan –, gelungen sei.
»Man arbeitet nicht an der Spaltung, sondern findet ein Thema, an dem alle ein großes Interesse haben – zum Beispiel, wie wir in Zukunft in dieser Stadt zusammen leben wollen«, antwortet er. »Einmal habe ich im Maghreb ein längeres Projekt mit jüdischen und muslimischen Frauen umgesetzt. Es ging ihnen nicht um das Ziel, eine Versöhnung zwischen Juden und Arabern zu bewirken, sondern das Ziel war: Was können wir als Mütter tun, damit ­unsere Kinder eine bessere Zukunft haben? Hier in Dresden geht es nur darum, zu beweisen, dass es sich lohnt, mit Menschen anderer Meinung zu sprechen. Dafür muss das Leiden der Leute größer sein als ihr Interesse, die Spaltung aufrechtzuerhalten. Alle Leute in der Gruppe müssen spüren, dass die Moderation für alle da ist: Als Moderator bin ich nicht hier, um zu urteilen, sondern um einen Rahmen zu schaffen, in dem sich alle treffen können. Mein Ziel ist nicht, dass alle Beteiligten meine Ideen aufnehmen. Aber durch die Wirkung meiner eigenen Haltung – indem ich Sicherheit, Liebe und Wertschätzung vermittle – übernehmen die anderen diese nach und nach auch.«
Sich voneinander erzählen
Gabriele Feyler von »Dresden für Alle« hat voller Elan Menschen in verschiedenen Stadtteilen zu den Dialogen eingeladen. Im Stadtteil Strehlen treffen wir uns in einer Grundschule, der Raum ist eng und schnell stickig: Über 40 Menschen drängeln sich in bunter Runde. Charles bittet die Teilnehmenden gleich am Anfang, sich entsprechend ihrer Meinung zur aktuellen Flüchtlingspolitik auf einer gedachten Linie im Raum zu verorten. Niemand werde dafür verachtet, wo sie oder er sich aufstelle, betont er. Nach dieser Übung sollen wir zu zweit, zu dritt oder zu viert mit Leuten »auf der anderen Seite der Linie« sprechen, zum Beispiel über drei meinungsbildende Ereignisse im eigenen Leben. Das fördert biografische Geschichten zutage, die ich für sich stehen lassen kann, ohne dass ich mit der Schlussfolgerung, die die andere Person aus ihren Erlebnissen zieht, einverstanden sein muss. Eine ältere Frau erzählt mir wütend, dass in der Straßenbahn ihr niemand mehr Platz mache und dass sie auf der Straße von jungen Männern angerempelt würde. Ich erwische mich kurz, das ich zweifle, ob es stimmt, was sie sagt, aber dann zeige ich doch Verständnis für ihren Ärger. Ich erzähle ihr, dass ich noch nie so etwas erlebt oder beobachtet habe, aber unzählige schöne und herzliche Begegnungen mit geflüchteten Menschen in Dresden hatte. Ich berichte von einem Mann, der – ohne zu fragen oder ein Wort zu sagen – zwei Stunden lang meine Pinsel auswusch, als ich Kinder für ein Zirkusfest in einer Erstaufnahmeeinrichtung schminkte. Ich frage die Frau, wie sie es sich erkläre, dass wir so unterschiedliche Erfahrungen machen. Ihre Antwort: »Es sind halt nicht alle gleich.« Stimmt! Am Anfang hatte das ganz anders geklungen. Nach diesem Gespräch können unsere Erfahrungen nebeneinander bestehen. Schon das kann etwas bewirken: Denn meist teilen wir unsere Erfahrungen nur Menschen mit, die uns in unserem Bild von der Welt bestätigen und die uns deswegen keine Verachtung spüren lassen. Wegen dieser Verachtung können wir keine Erfahrungen mit Menschen machen, die die Welt anders sehen.
»Es ist ein Unterschied zu anderen Ansätzen, die sagen, wie man kommunizieren solle: mit Ich-Botschaften statt Du-Zuweisun-
gen, durch Äußern der eigenen Bedürfnisse etc.«, erklärt Charles sein Tun. »Bei der Thérapie Sociale können die Leute sein, wie sie wollen. Sie können schweigen, sie müssen nicht sprechen. Sie können eine Übung nicht mitmachen. Sie können aggressiv sein, aber sie dürfen nichts Ungesetzliches tun. Irgendwann in diesem Prozess werden sie von ihrem eigenen Leiden sprechen und von dem, was sie oder andere tun; sie werden über die Realität sprechen. Meiner Erfahrung nach bringt das eine kollektive Intelligenz hervor – und damit die Möglichkeit, die Probleme zu lösen.«
In einem Moderatorentraining zur Thérapie Sociale erlebe ich kurze Zeit später eine Situation, die diese Einschätzung bestätigt: Charles bittet darum, dass sich jede und jeder im Raum umschaut und überlegt: Welche Personen finde ich sympathisch? Und auf wen würde ich in der Pause nicht unbedingt zugehen? Nach einem Austausch in Kleingruppen fragt Charles in der großen Runde, wer über seine Angst sprechen möchte, die eine »für dich unsympathische Person in dir ausgelöst hat«. Ich traue mich nach einiger Zeit und spreche die Person, einen Mann, vor allen an und sage, was sein Verhalten bei mir auslöst: nicht in dem gesehen zu werden, was ich bin und zu geben habe, weil er die Gruppe mit seinen kaum angreifbaren Aussagen und einem sehr selbstbewussten Auftreten dominiert. Als ich ihn damit konfrontiert habe, merke ich: Meine Angst ist verschwunden. Ich erkenne meine eigene Gewalt ihm gegenüber, und mir wird klar, dass ich ihn beurteile, ja sogar etwas verachte, obwohl ich nur ein paar Sätze von ihm kenne. Plötzlich will ich mit ihm reden, mehr von ihm erfahren als das erste Bild, das ich mir gemacht habe. Mein eigenes Schwarzweißdenken wird mir schmerzlich bewusst und fängt an zu bröckeln.
Angst vor dem Austausch
Im Rahmen der Dresdener »Stadtteildialoge« im Januar und Februar stellt sich mir zunehmend die Frage: Wie können wir es schaffen, dass der Ansatz der Thérapie Sociale nicht instrumentalisiert oder von außen als vermeintliche Bühne für Rechts­extreme missinterpretiert wird? Diese Kritik ist nämlich im Winter 2016 immer schärfer geworden. Zwei Vertreter einer Willkommensinitiative wollen den Thérapie-Sociale-Dialog verhindern – auch weil sie der anderen Seite absprechen, auf dem Boden des Grundgesetzes zu stehen. Die Universität sagt einen gebuchten Raum für einen Stadtteildialog ab. Der Netzwerkrat von »Dresden für Alle« distanziert sich öffentlich von dem Projekt, ohne jemals an den Stadtteildialogen teilgenommen zu haben. Der Vorwurf, der alle eint, lautet: Dialoge mit politischen Wortführern, die Hetze verbreiten oder diese verharmlosen, dürfen nicht geführt werden. Zu den Thérapie-Sociale-Dialogen kommen auch Menschen, die von den anderen als Hetzer eingestuft werden, zum Beispiel ein Pegida-Mitbegründer, der bei der Spaltung der Bewegung im Winter 2014/15 diese verließ. Ich spreche mit ihm in einer kleinen Runde, etwas skeptisch, neben mir noch zwei weitere Aktive aus Flüchtlingsunterstützerkreisen: Ja, es ist durchaus möglich, mit diesem Mann zu kommunizieren, trotz unserer Unterschiede. Wir können ihm die Konsequenzen seines Denkens vor Augen führen. Das Gespräch macht mir sogar Mut, dass noch nicht alles verloren ist, wenn wir es schaffen, einander zuzuhören. Das Einbinden von Menschen, die sich gesellschaftlich abgestempelt fühlen, kann eine Chance sein. Ein Teilnehmer an dem Dialog im Stadtteil Strehlen meinte denn auch: »Viele Menschen fühlen sich nicht wahrgenommen, gehen demonstrieren und werden immer rechtslastiger. Wenn diese Menschen wertschätzend gehört werden und sich einbringen können, könnten der Rechtsruck und die Unzufriedenheit verhindert oder verringert werden.« Vielleicht liegt aber genau hier die Crux: Die Thérapie Sociale arbeitet mit Menschen, die ein Leiden haben, nicht mit den Repräsentanten einer Ideologie. Das Leiden bringt große Motivation mit sich: es abzulegen, zu verändern oder wenigstens zu mildern. Ein weiterer Vorwurf gegen die Stadtteildialoge lautet, die Auseinandersetzung mit den Pegida-Leuten stehle uns Zeit und Kraft, die wir für unser Engagement für Flüchtlinge bräuchten. Ja, es braucht Zeit und Kraft. In anderen Thérapie-Sociale-Projekten gab es bereits die Praxis, dass einige Menschen freigestellt und auch bezahlt werden, um über eine längere Zeit an einem Dialog teilzunehmen. Das wertet diese Form von »Arbeit« im Sinn eines notwendigen Diensts für die Gesellschaft auf. Wir haben nicht nur mit der Integration von Geflüchteten in unsere Gesellschaft zu tun, sondern auch mit der Integration der Menschen, die sich von ­Diversität und Veränderung bedroht fühlen!
Wie geht es weiter?
Zum dritten Treffen im Februar kommen über 70 Menschen. Fast alle sind hoffnungsvoll und begeistert von den Gesprächen. Im Nachhinein füllen einige Teilnehmende Fragebogen aus und geben spannende Rückmeldungen. Hier einige Beispiele:
»Positiv war in jedem Fall, dass wir (jedenfalls in unserer Kleingruppe) wirklich versucht haben, sachlich miteinander zu reden, uns in die Augen geblickt und dabei die Menschen mit ihren Sorgen, nicht den ›Mob‹ auf dem Theaterplatz, gesehen haben. Umgekehrt haben die ›besorgten Bürger‹ vielleicht über das eine oder andere nachgedacht.«
Jemand, der sich durch Geflüchtete in Dresden eher bedroht sieht, schrieb: »Der weit überwiegende Teil ist meines Erachtens nach mit dem ehrlichen Wunsch gekommen, die Polarisierung der Meinungen, wie sie zum Teil durch die Medien propagiert werden, aufzubrechen. Teilnehmer, die ohne eine gute Begründung für ihre Meinung nur ein Statement abgeben wollten, hatten hier keinen guten Platz. Für mich eine gute Möglichkeit, mich von anderen Blickrichtungen inspirieren zu lassen, darüber nachzudenken und Mitbürgern guten Willens meine Sicht auf die Dinge zu erläutern.«
Jemand, der sich durch Geflüchtete in Dresden bereichert fühlt, meinte: »Spannende Methode, die bewirkt, dass Vertrauen und Offenheit entstehen und Auseinandersetzung ohne Diffamierungen möglich ist. Mit drei Pegida-Anhängern waren in den Pausen und im Nachgang der Veranstaltung gute Gespräche möglich.«
Das Pilotprojekt zur Thérapie Sociale endete in Dresden im ­Feb­ruar. Ob es weitergeht, ist unklar. Es fehlt an Geld und auch an Menschen, die moderieren können und sich dies zutrauen – immer auch in Gefahr, dafür öffentlich angeprangert zu werden. Zugleich gibt es ein großes Interesse an einer Fortführung sowohl aus dem Kreis der bisherigen Stadtteildialoge, der Moderatorenfortbildungen und weiterer Initiativen in Dresden. Viele sind überzeugt, dass wir eine andere Kommunikations- und Konfliktkultur brauchen, die auch politisch unterstützt werden muss. Sie fordern, dass die Dialoge mit politischer Bürgerbeteiligung verbunden werden, so wie es die Thérapie Sociale auch vorsieht – sonst wird die Chance für Veränderung und gesellschaftliche Beteiligung vertan.
Seit diesem Winter gibt es von der Stadt initiierte Bürger­dialoge mit 500 Beteiligten, doch es ist schwierig, mit so vielen Menschen ein Gespräch zu führen. Solch eine Veranstaltung mag Raum für Antworten von Verantwortlichen aus Politik und Verwaltung bieten, aber nicht für die Begegnung zwischen den einzelnen, die ein Verständnis für den Andersdenkenden wecken.
»Wenn die Menschen erkennen, dass ›die Anderen‹ nicht nur dumme oder nicht nur böse Leute sind, ist ein Anfang geschafft«, betont Charles Rojzman. »Ich glaube nicht mit einer Allmachtsvorstellung daran, ich könnte die Menschen verändern. Es ging nicht darum, dass Pegida-Anhänger sich nun entscheiden, Flüchtlingen zu helfen. Das Ziel der Thérapie Sociale ist vielmehr, dass sich die Leute ihrer verrückten Ideen über sich selbst, die anderen und die Welt bewusst werden, dass sie die Realität sehen.«
Durch die Dialoge habe ich hinzugelernt. Ich kann mich mit einer Person unterhalten, die nicht meine Meinung teilt, ohne sie zu verachten – was nicht heißt, dass ich ihre Meinung akzeptiere oder rechtfertige. Demokratie ist Konflikt, und ich kann einen Konflikt ohne Gewalt austragen. Das wird aber nur möglich, wenn ich keine Angst habe, und wenn ich keine Verachtung gegenüber anderen Menschen empfinde. Es ist an der Zeit, daran zu arbeiten – an uns allen. Dass die sogenannte Flüchtlingskrise das zeigt, gibt mir den Mut, mich weiter zu engagieren. •

Anne Wiebelitz (29) arbeitet als Trainerin für Konflikttransformation und als Wildnispädagogin. Sie hat das Pilotprojekt Thérapie Sociale in Dresden dokumentiert.

Aufschlussreiche Auswertungen:
Langversion mit Links zum Projektbericht auf www.oya-online.de.
www.institut-charlesrojzman.com/fr (Französisch).

Ungekürzte Fassung des Artikels:

therapie_sociale_langfassung.doc (75 KB)