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Ein Minimalkonsens genügt für das ­Zusammenleben

Lara Mallien und Johannes Heimrath ­sprachen mit dem Sozialanthropologen ­Tilmann Heil darüber, wie Menschen unterschiedlicher Kulturen ihr Zusammenleben im öffentlichen Raum organisieren.

von Johannes Heimrath , Lara Mallien , Tilmann Heil , erschienen in 38/2016

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Herr Heil, als Sozialanthropologe forschen Sie über Konvivialität und geben dem Begriff eine spezifische Bedeutung.

Unter dem Begriff des Zusammenlebens im Sinn von Konvivialität fasse ich eine Reihe von Prozessen zusammen, die in Alltagssituationen stattfinden und die davon geprägt sind, dass Menschen aus verschiedenen Ecken dieser Welt aufeinandertreffen. Ich möchte genau verstehen, was in den Begegnungen und Konflikten wirklich geschieht. Wer solche Beobachtungen eine Weile durchführt, wird erstaunt feststellen, wieviel dabei konfliktfrei abläuft, auch wenn die Beteiligten kaum Gemeinsamkeiten teilen. Mich fasziniert, wie wenig gemeinsames Verständnis nötig ist, damit sich eine Situation zum Gefallen aller Beteiligter gestalten kann.

Sagen Sie damit, es sei gar nicht notwendig, gemeinsame Werte zu teilen, damit Zusammenleben gelingt?

Es ist eher eine empirisch gewonnene Feststellung. Mir scheint, das Ideal einer homo­genen, harmonischen Gesellschaft wird sehr hoch gehängt. Doch unter Umständen ist es gar nicht förderlich, von Seiten der Politik diesem verbreiteten Ideal anzuhaften. Tatsächlich existiert diese Homogeni­tät nicht, und entsprechend fühle ich mich her­ausgefordert, näher hinzuschauen: Was passiert tatsächlich im Alltag zwischen Menschen, deren kultureller oder religiöser Hintergrund mal mehr und mal weniger stark voneinander abweicht?
Dass ich diese Perspektive einnehme, hat sich aus meiner Begegnung mit Menschen aus Westafrika entwickelt. Sie haben mir immer wieder erklärt, dass es in ihrer Heimat einen weitaus entspannteren Umgang mit Differenzen gäbe als in Europa. Beim Forschen habe ich festgestellt, dass das Leben dort auch nicht ohne Spannungen verläuft, aber es ist interessant, wie damit umgegangen wird. Geforscht habe ich in drei geografischen Kontexten – in Barcelona und Umgebung, im Senegal und in Rio de Janeiro. In Rio und Barcelona interessierte mich jeweils die Perspektive von Migranten auf die Gesellschaft, auf die sie an ihrem neuen Lebensort stoßen.

Findet Ihre Forschung eher in städtischen oder in ländlichen Milieus statt?

Eher in städtischen, wobei es nicht immer Großstädte waren. In Westafrika bin ich den Menschen auch dorthin gefolgt, wo sie aufgewachsen sind, und so kam ich auch in Dörfer. In der Casamance, dem Süden ­Senegals, gibt es kleine Ortschaften, in ­denen Menschen verschiedener Ethnien oder Sprachgruppen und Religionen leben. Das kann sich in benachbarten Städten fortsetzen. Ich wollte wissen, wie in der ­Praxis mit dieser Vielfalt gelebt wird.

Politisch wird heute sowohl Inklusion und Integration als auch Segregation im Sinn von einem Nebeneinander vorgeschlagen.

Von diesen Begriffen versuche ich, wegzukommen, denn mir geht es nicht um Prinzipien, sondern um die Praxis – um das, was zwischen all solchen Begriffen liegt. Die Praxis in einem sich über weite Strecken selbst organisierenden, öffentlichen Raum ist meiner Beobachtung nach weder inklusiv, denn es findet kein Gleichwerden statt, noch ist sie trennend, denn es findet immer Begegnung statt. Solche alltäglichen Begegnungen sind leicht zu übersehen und schwierig zu zeigen. Es sind Momentaufnahmen, die schnell vergehen, bevor man sie wirklich wahrgenommen hat. Sie werden gerne als irrelevant bezeichnet, denn sie rufen nicht die großen Emotionen hervor. Aber in ihnen liegt meiner Meinung nach ein großes Potenzial, Erkenntnisse für gedeihliches Zusammenleben zu gewinnen. Diese Momente gilt es zu verstehen, wenn wir begreifen möchten, was unter verschiedenartigsten Menschen als Minimalkonsens gelten könnte.

Wie entwickelt sich denn ein solcher minimaler Konsens?

Er entsteht in differenzierten Aushandlungsprozessen. Ein Beispiel dafür ist, welche Formen des Grüßens sich etablie­ren. Grüßen war zumindest für meine west­afrikanischen Forschungs-Gesprächspartner etwas ganz Wichtiges: die Grundlage für einen respektvollen Umgang miteinander. Auf welche Art von Gruß sich die Menschen an ihrem Lebensort jeweils geeinigt haben, ist das Ergebnis von Aushandlungsprozessen. Im Senegal können Begrüßungen zwischen älteren Männern aus einem Dorf zum Beispiel sehr lange dauern. Bei der jüngeren Generation in den Städten verliert sich das, was nicht ohne generationellen Konflikt verläuft. Schließlich steht irgendwann die Frage im Raum: Ist »Hallo!« auch ein Gruß – oder gar ein leichtes Nicken? Oder ist ein Gruß ein mehrminütiges Gespräch darüber, wie es der ganzen Familie geht? In Gesellschaften, in der nur ein Kopfnicken oder ein »Hallo!« üblich ist, kann es wiederum sehr bedeutsam sein, dieses einzufordern, um eine Situation als respektvoll zu klassifizieren.

Diesen Rahmen der Selbstorganisation sehen wir ähnlich wie die Erkenntnisse von Elinor Ostrom über Allmenden: Damit sich von allen getragene Allmende-Spielregeln entwickeln, darf es keine Einmischung von äußeren Autoritäten geben, sondern alle Beteiligten müssen ihre Lösung gemeinsam finden. Gilt dies auch für jenen Minimalkonsens, von dem Sie sprechen?

Ja, aber diese Prozesse laufen nicht im luftleeren Raum ab, sondern in einem politischen Kontext. Die Sozialpolitik versucht, die Situationen zu gestalten, und wenn wir von Migration sprechen, können wir nicht umhin, auch diesbezügliche politische und gesellschaftliche Diskussionen zu berücksichtigen. Nichtsdestoweniger scheinen alltägliche Verhaltensweisen doch wieder erstaunlich frei zu sein und im Widerspruch zu großen Narrativen zu stehen; das Leben im allen zugänglichen öffent­lichen Raum hat eine große Eigendynamik.
Gleichwohl habe ich auch untersucht, wie sich Institutionen bilden, zum Beispiel Vereine oder Hausverwaltungsstrukturen – dies vor dem Hintergrund der Frage, welche Rolle solche Organisationsformen bei der Lösung von Konflikten spielen.

Bei Organisationen stellt sich ja meist die entscheidende Frage: Wurden sie von ­Autoritäten oktroyiert, oder sind sie aus den Bedürfnissen der beteiligten Menschen entstanden?

Das ist tatsächlich ein großer Unterschied. Allerdings kann sich so eine Entwicklung in der Praxis selten frei entfalten, denn gerade das Feld der Migration scheint mir so sehr reguliert zu sein, dass die Autoritäten, die versuchen, diese Felder zu gestalten, immer wieder in Erscheinung treten.

Leider glaubt die Politik nicht daran, dass die Menschen eigenständig in der Lage sind, den Minimalkonsens aus sich ­heraus zu finden. Es stellt sich ja auch die Frage: Ist der Minimalkonsens das, wozu alle zähneknirschend schließlich »Ja« sagen können? Oder hat das weniger mit Zähneknirschen zu tun, sondern eher mit einem Streben nach einem größten – statt kleinsten – gemeinsamen Nenner?

Ich habe lange überlegt, ob ich den Begriff »Minimalkonsens« verwenden soll, aber um darüber sprechen zu können, was ich erforsche, hat er sich geeignet. Es sind doch sehr unscheinbare Verhaltensweisen; sie unterliegen nicht der Idee, dass sie auf jeden Fall ein funktionierendes Zusammenleben ermöglichen müssten. Ich möchte vier Dinge herausstreichen:
Erstens geht es vor allem um die kleinsten Praktiken, um Körpersprache, das Grüßen, die bloße Präsenz in öffentlichen Räumen. Zweitens ist die Bedeutung des Prozesshaften zentral – das Nachvollziehen von Veränderung. Spannungen und Konflikte habe ich als produktiv wahrgenommen, da sie letztendlich als ein Ringen um Veränderung verstanden werden können, solange die Handelnden mit der gegenwärtigen Situation nicht zufrieden sind. Drittens ist mir die Bedeutung des Unvollkommenen wichtig. Das zeigt sich zum Beispiel am Thema »Mehrsprachigkeit«: Es geht gar nicht darum, eine fremde Sprache perfekt zu sprechen, sondern um die Geste, die Sprache des anderen zu verwenden; Anerkennung und Verständigung resultieren daraus. Viertens geht es mir in der Forschung darum, Perspektiven zu verschieben. Es ist mir wichtig, immer wieder diejenigen zu fragen, deren Meinung häufig überhört wird, die aber zum Beispiel aufgrund ihrer beeindruckenden Migrationsgeschichte vieles erlebt haben, was ihnen ermöglicht, das Zusammenleben anders anzugehen.
Diese vier Aspekte führen dazu, dass ich den entstehenden Konsens als minimal qualifiziere: Er strebt keine Vollkommenheit oder Absolutheit an, sondern macht das Zusammenleben lediglich grundsätzlich bewältigbar. So bleiben letztlich auch die Verschiedenheiten zwischen Menschen bestehen und verschwinden nicht.

Das ist alles gut nachvollziehbar, aber es wäre ja auch möglich, Konsens nicht als etwas zu begreifen, das alle gleichmacht oder in dem alle sich notgedrungen tolerieren, sondern ein größtmöglicher Konsens könnte auch eine wohlwollende Akzeptanz der Differenzen einbeziehen, zum Beispiel indem eingesehen wird, wieviele unterschiedliche Fähigkeiten nötig sind, um konstruktiv zusammenzuwirken.

So definiert, könnten wir gerne auch vom »größten gemeinsamen Nenner« sprechen. Wesentlich erscheint mir die Bedeutung des Respekts gegenüber Andersartigkeit. Das ist ein großer Unterschied zur Toleranz. Auch Konflikte können respektvoll ablaufen. Toleranz hingegen impliziert immer ein Machtverhältnis: Jemand hat die Entscheidungsmacht, jemand anderen zu tolerieren, und gibt diesem entweder Raum für seine Andersartigkeit oder nicht. Die umgekehrte Perspektive interessiert in diesem Verhält­nis nicht. Respekt hingegen findet auf Augenhöhe statt, so dass Aushandlungen mit offenem Ergebnis möglich werden. Alle bringen ihre Vorstellungen darüber, wie Zusammenleben funktioniert, mit, sind aber bereit, dieses Eigene ins Fremde zu übersetzen und das Fremde ins Eigene. Das Ergebnis wird eine Kombination von beidem sein.

Könnte so ein Ansatz dabei helfen, das selbst unter aufgeklärten Menschen verbreitete Schablonendenken gegenüber ­Menschen verschiedener Kulturen oder ­Szenen etwas aufzubrechen?

Konvivialität birgt für mich einen Hoffnungsschimmer, auch politisch gesehen. Begriffe wie »Multikulturalismus« oder »Integration« sind aussortiert und zum Teil wiederbelebt worden. »Konvivialität« bringt einen viel offeneren und zugleich radikaleren Begriff in die Diskussion. Jedoch ist auch Konvivialität als Konvivialismus bereits normativ überlagert. Leider sind die Schablonen in den Medien und im politischen Diskurs unglaublich wirkmächtig. Sie suggerieren eine Homogenität, die verkennt, welche Unterschiede zwischen den Menschen bestehen, auf die sie angewendet werden. So entspricht das in Lateinamerika verbreitete Bild, alle Migranten aus Westafrika seien arme Straßenhändler, nicht der Wirklichkeit. Mir geht es darum, die große Differenziertheit des Lebens kommunizierbar zu machen. Die Welt wird komplexer werden, und wir müssen versuchen, sie zu verstehen. Genau hinzusehen und ­dabei ungewohnte Umgangsformen zu entdecken, scheint mir ein guter Start zu sein.

Herzlichen Dank für das Gespräch. •


Tilmann Heil (33) ist Postdoktorand am Exzellenzcluster der Universität Konstanz und am Nationalmuseum der Föderalen Universität von Rio de Janeiro. Er forscht zu sozialen Hierarchien, Migration und Konvivialität.