Oya braucht Mithilfe!

Alle Artikel der gedruckten Oya-Ausgaben sind auf dieser Website kostenlos zu lesen. Dahinter steckt viel Arbeit. Bitte helfen Sie mit, dass wir alle Texte weiterhin frei zur Verfügung stellen können:

• Nein, danke

• Ja, ich unterstütze Oya

Bitte wählen Sie hier den Betrag, mit dem Sie Oya unterstützen möchten:



Falls Sie kein PayPal-Konto haben, können Sie natürlich
auch direkt unsere Bankverbindung verwenden:

IBAN: DE96 4306 0967 1112 9897 00 • BIC: GENODEM1GLS
Verwendungszweck: Oya-Online Beitrag

Guter Kompost genügt

Terra Preta und »effektive Mikrooganismen« haben Konjunktur –
doch der gute, alte Kompost hat nach wie vor viel zu bieten.

von Holger Baumann , erschienen in 37/2016

Erst als Geheimtipp, dann als gut vermarktete Wundermittel zur Verbesserung des Bodenlebens machten und machen sogenannte effektive Mikroorganismen (EM) und Terra Preta (Schwarzerde) auf sich aufmerksam. Dies ist Anlass genug, einmal zu hinterfragen, welche Qualitäten und Wirkmechanismen dahinterstecken. Konnte man bisher nicht auch ohne gekaufte Produkte für gutes Wachstum im Garten sorgen?

Bild

© Foto: Kurt Forster


Tropische Verhältnisse
Seit Hunderttausenden von Jahren findet im tropisch feucht-heißen Klima Amazoniens eine intensive chemische Verwitterung statt – ganzjährig, ohne winterliche Unterbrechung. Die tropischen Roterden sind deshalb ausgelaugt. Die Bodensubstanz besteht überwiegend aus Zweischicht-Tonmineralen. Diese Bodenteilchen können die für eine fruchtbare Erde wichtigen Nährstoff­ionen, wie Kalzium, Magnesium, Kalium, nicht an sich binden (adsorbieren), so dass diese durch Niederschlag und Bodenwasser ausgewaschen werden. Man spricht von einer geringen Ionen-Austauschkapazität. Sämtliche im tropischen Ökosystem vorhandenen Nährstoffe sind in lebendigen Prozessen über dem Boden gebunden und befinden sich in einem ständigen Kreislauf von Aufbau, Abbau und Wiederaufbau; eine Anreicherung im Boden findet nicht statt.
Die Drei- und Vierschicht-Tonminerale unserer Böden in ­Europa haben dagegen eine große spezifische Oberfläche und damit eine sehr viel höhere, zum Teil vielfache, Ionen-Austauschkapazität. Ähnlich verhält es sich auch mit den bei uns vorhandenen organischen Bodenteilchen aus dem Mullhumus und anderen ­Huminstoffen. Sie haben eine enorme Austauschkapazität, die bis zu 50 Mal größer ist als die der Bodenteilchen in den Tropen; das heißt, diese Bodenteilchen haben eine sehr große Bindefähigkeit für die Nährstoffionen. Die größte Freude jedes Gärtners sind die Krümel seiner »Muttererde« – mit diesen Teilchen angereichert auch »Ton-Humus-Komplex« genannt – als Grundlage jedes guten Komposts und als Garant für lebendigen, fruchtbaren Boden in unserem mitteleuropäischen Klima.
So weit, so gut. Die Amazonier haben vor über 1000 Jahren die Lösung für ihr Problem des schnellen Auswaschens und der schlechten Bindefähigkeit von Nährstoffen gefunden: Pflanzenkohle – also Kohlenstoffteilchen – dient als Binder und Austauscher für Nährstoffionen. Die Kohlepartikel im Boden können der ­raschen Verrottung in einem dauernd feucht-heißen Klima widerstehen und die Nährstoffe adsorbieren. So entstand eine fruchtbare Schwarzerde, die optimale Grundlage für das Überleben in jenem tropischen Kulturraum war.

Mitteleuropäische Verhältnisse
Freilich funktioniert dieses System auch bei uns: Wir können Holz – wie bei der Holzkohleherstellung – oder auch anderes Pflanzenmaterial unter Sauerstoffausschluss, also mittels Pyrolyse, verschwelen, wobei auch Kohlenmonoxid, Wasserstoff und Methan entstehen. Dann können wir die Holzkohle zermahlen und mit organischem Material, z. B. Kompost, vermischen, und selbstverständlich bekommen wir dadurch einen sehr fruchtbaren Boden.
Die Pyrolyse als solche ist allerdings ein Prozess, der sehr hohe Temperaturen benötigt, also erheblichen Energieeinsatz erfordert, wie es etwa an der Freien Universität Berlin erforscht wurde.
Ist das, was im ganzjährig tropisch-feuchten Amazonien sinnvoll und ökologisch clever war, auch im kühl-gemäßigten Mitteleuropa sinnvoll? Ist die gezielte Herstellung von Terra Preta für die Selbstversorgung von Gemeinschaften und Familien wirklich nötig, und ist sie ökologisch vertretbar? Meine Antwort ist ein deutliches Nein! Hat man sowieso Holzkohlestücke aus der Asche eines Holzofens, sollte man beides in den Kompost geben. Aber nötig ist die gezielte (!) Verschwelung für Terra Preta keinesfalls. Abgesehen von den genannten Gasen, die entweichen, und der energetischen Verschwendung, sollte man die klimatischen Bedingungen und die Bodenverhältnisse des eigenen Lebensorts berücksichtigen.
Während der Humus in den heißen Tropen durch hohe Niederschläge ganzjährig verbraucht und weggezehrt wird, haben wir in Mitteleuropa eine mehrmonatige Vegetationsruhe, in der sich – zum Beispiel im Laubwald – aus den gefallenen Blättern langsam Humus bildet und anreichert.
Die Pflanzenverschwelung erscheint mir nicht nur energetisch unsinnig und ökologisch bedenklich. Bei uns besteht in der Regel gar nicht die Notwendigkeit, dass wir den Boden mit quasi unverrottbaren Kohleteilchen mischen, um einer Auswaschung der Nährstoffe Einhalt zu gebieten – jedenfalls nicht mit energieaufwendig hergestellter Biokohle! Nutzen wir doch lieber das, was unsere Klima- und Vegetationszone bietet: die Möglichkeit nämlich, gute Komposte mit wunderbaren Ton-Humus-Teilchen als Quelle nachhaltiger Fruchtbarkeit herzustellen. In lehmigen Böden verhindern diese Teilchen, dass Nährstoffe ausgewaschen werden. Das genügt. Man braucht im Selbstversorgungsgarten nicht mehr zu tun, als Kompost nach bester biologisch-organischer Praxis zuzubereiten. Dass ein achtlos anwachsender Haufen von Rasenschnitt oder Küchenabfällen allerdings noch lange kein guter Kompost ist, sondern dass Komposte und der Kompostplatz überhaupt Aufmerksamkeit und Pflege benötigen – das scheint unter Hausgärtnern oft nicht ausreichend bekannt zu sein.

Bild

© Foto: Kurt Forster



Crash-Kurs Kompostpflege
Ein Mix von verschiedenen organischen Materialien ist die Basis guten Kompostierens. Also wurden Wild- und Beikraut aus den Beeten, Pflanzenreste – alles möglichst in kleine Stücke geschnitten – und der Inhalt der häuslichen Biotonne jeweils in Lagen aufgeschichtet. Bei einem allmählich wachsenden Komposthaufen bleibt es meist kalt im »Bioreaktor«. Schichtet man alles auf einmal zu einem anderthalb Meter hohen Haufen und gibt in die Lagen frische, grüne Biomasse, wie etwa Rasenschnitt, kann man aufgrund der fleißigen Mikroben, die sich in der ersten Verrottungsphase explosionsartig vermehren, Temperaturen bis über 70 Grad Celsius erreichen. Ich bitte die Nachbarn stets, mir ihren Rasenschnitt über den Zaun zu kippen, denn er ist eine Quelle für wunderbaren Humus.
Damit die Mikroben – in einer Handvoll Kompost gibt es mehr davon, als Menschen auf der Erde leben – und in weiteren Verrottungsphasen die Würmer und Gliedertiere fleißig im Komposthaufen arbeiten und leben können, gießt man zuweilen, besonders bei Trockenheit, Wasser darüber. Bei jedem Regen sammelt es sich bei mir in Eimern und Bottichen am Kompostplatz an – denn feucht muss es sein für die kleinen Helfer!

Die Mischung macht’s
Darüber hinaus kann man seinen Kompost verbessern, indem man alle 20 bis 30 Zentimeter eine dünne Schicht Kalk darüberstreut, um gegen eine allzu große Säure gefeit zu sein. Ist das der Kompost zu sauer, verschwinden etwa die Regenwürmer als wichtigste humusschaffende Lebewesen überhaupt. Saure Milieus, also einen niedrigen pH-Wert, lieben sie gar nicht.
Weiterhin kann man den Stickstoffgehalt erhöhen, indem man von Zeit zu Zeit Hornspäne einstreut, die »Fingernägel« der Kühe. (Müsste man als Veganer dann etwa künstlichen Stickstoffdünger einstreuen?) Warum Stickstoff? Die lebenden Helfer im Kompost bestehen, wie wir Menschen, zum großen Teil aus Proteinen. Sollen sie die zu kompostierende Biomasse verwerten, also essen und wieder ausscheiden, brauchen sie einen gewissen Stickstoffanteil, um ihre körpereigenen Proteine zu erzeugen. Es geht um das sogenannte C-zu-N-Verhältnis, und da sollte auf etwa 20 bis 30 Kohlenstoffatome (C) ein Stickstoffatom (N) kommen. Die Körperproteine selbst haben ein C-zu-N-Verhältnis von etwa 3 : 1 bis 4 : 1. Bei reinem Stroh beträgt das Verhältnis 100 : 1; es wird deshalb nur noch von den härtesten Zersetzern verrottet, nämlich von pilzlichen Wesen. Ein gewisser Stickstoffanteil ist also für die Helfer im Bioreaktor nötig, aber natürlich auch für die Pflanzen in den Beeten.
Wie angeführt, haben wir in unserer Klimazone beste Drei-und Vierschicht-Tonminerale als mineralische Grundlage. Durch gute Kompostarbeit kann der Gärtner seine Erden mit unendlich vielen Krümeln voller Ton-Humus-Teilchen verlebendigen.
Bild

© Foto: Kurt Forster


In der Zeit der Vegetationsruhe geht die Verrottung und Verlebendigung durch Oberflächenkompostierung und Mulchen weiter, während die Entnahme der Nährstoffe für Monate pausiert. Dass diese nur in kaum nennenswerten Größenordnungen ausgewaschen werden und daher keine arme Erde hinterlassen, dafür sorgen eben diese Humusteilchen in Lehm-, aber auch in Sandböden.
In Sandböden ist es langwierig, den Humusanteil zu erhöhen. Um kurzfristig erfolgreichen Anbau zu betreiben, könnte Terra Preta in der Tat helfen, aber ohne eine langfristige Anreicherung von Humus durch die beschriebene Praxis kann auf Sandböden nicht nachhaltig biologisch angebaut werden.

Zellulose – Alternative zur Holzkohle
In den Gärten von Gemeinschaften und Familien kann tatsächlich Zellulose unsere »Bio-Kohle« sein. Statt Holzkohle wird zerkleinertes Papier aus Eierkartons und Papiertüten – selbstverständlich kein bedrucktes oder buntes Papier – verwendet, das man zusammen mit anderen Garten- und Küchenabfällen kompostiert. Dies ist ökologisch vertretbar, da wir achtsam das verwerten, was uns im Haushalt unter die Finger kommt. Papier und Holz, also Zellulose und Holzstoff, werden – im Verrottungsvorgang bzw. über Kompost in die Gartenerde eingebracht – zu Dauerhumus. Diese Stoffe verrotten langsam und bilden so haltbare Bodenaggregate, die Nährstoffe langfristig binden und nach und nach abgeben – also jene Funktionen erfüllen, die im Regenwaldklima die Kohlenstoffteilchen der Terra Preta übernehmen.

Effektive Mikrobenarbeit
Wer eine nachhaltige Bodenbearbeitung und Kompostwirtschaft betreibt, braucht keinen sogenannten Kompostbeschleuniger zu kaufen, und auch keine effektiven Mikroorganismen. Beides sind Mikrobenmischungen, die helfen sollen, den Rotteprozess zur Kompostierung in Gang zu bringen. Das EM-Konzept wurde von dem japanischen Gartenbau-Professor Teruo Higa bekanntgemacht. EM sind ein bestimmter Mikrobencocktail, vorwiegend aus Milchsäurebakterien und Hefen, der eine effiziente Rotte ermöglichen soll, um so ein günstiges Bodenmilieu – und damit Bodenfruchtbarkeit – zu schaffen.
Muss ich also eine Rezeptur kaufen, deren Zusammensetzung sorgfältig geheimgehalten wird? Wollen wir nicht in der Lage sein, auf dem Land, wo wir wohnen und gärtnern, in Zusammen­arbeit mit der intelligenten Natur möglichst viel selbst zu schaffen?

Duftiges Wunderwerk
Wir können unsere überaus effektiven Mikroben am Standort selbst erzeugen bzw. vermehren. Sie stellen sich nämlich bei guter Kompostpraxis von alleine ein: all die guten Eubakterien, Hefen und Strahlenpilze, die Milchsäurebakterien, Cyanobakterien und viele, viele mehr. Haben sie sich einmal im Komposthaufen angesiedelt, kann man mit dieser Komposterde den nächsten, neu aufgesetzten Haufen impfen; dort vermehren sie sich weiter. Dass aus teils stinkendem Abfall ein herrlich duftiger Humus werden kann, bleibt auch bei aller Kenntnis der Vorgänge ein Wunderwerk der Natur. Das immer wieder neue Staunen darüber hat mich einst zum bio-organischen Gartenbau und zum Biologiestudium geführt.
Rudolf Steiner, Pionier des Bio-Gärtnerns, hat schon vor bald 100 Jahren gesagt: »Düngen heißt, den Boden beleben!« Und damit trifft man auch heute genau ins Zentrum eines nachhaltigen biologischen Landbaus: Alles steht und fällt mit der Qualität des lebendigen Komposts.
Bild

© Foto: Kurt Forster


Man muss nicht unbedingt alle vorkommenden Mikroben und Kleinstlebewesen kennen –die sind nicht einmal den Biologen bekannt –, aber man kann ihrem Wirken vertrauen, wenn man sich kundig macht, wie organischer Gartenbau und vor allem Komposterzeugung funktioniert.
Man kann auch im Haushalt so etwas Einfaches tun, wie ­Joghurtgläser auszuspülen, um dem Komposteimer Milchsäurebakterien zuzuführen. Ebenso kann Seifen- bzw. Spülwasser über den Kompost geschüttet werden, was aufgrund der Alkalität die Bodensäure ein wenig vermindert. Wir können dem Wunderwesen Kompost vertrauen, dass es bei all unserer Vorsicht in gewisser Weise auch hilft, zum Beispiel künstliche Duftstoffe aus dem Spülmittel abzubauen. (Es kommt dabei aber immer auf die Menge an.)
Schließlich sollte man sich nicht veräppeln lassen: Gerade im Gartensektor gibt es eine unüberschaubare Vielzahl von angepriesenen Produkten, die man gar nicht benötigt. Da gilt es, sich selbst schlau zu machen und sich – wie etwa für einen Arztbesuch – als kundiger Bürger zu emanzi­pieren.
Dann ist es möglich, dass man ohne viel Zukauf das Wesentliche selbst erschaffen kann: einen lebendigen und fruchtbaren Boden, der mit den Pflanzen und Menschen harmoniert. •


Holger Baumann (61) ist unter anderem Biologe, Biogärtner, Waldorflehrer und Autor. Mit praktischem Gärtnern und Selbstversorgung ­beschäftigt er sich bereits seit 1974.

Nach Kompostwissen graben:
Internet:
Interessante Versuchsergebnisse: www.ithaka-journal.net/pflanzenkohle-in-kleingarten-resultate-2011
Kreislaufwirtschaft im Modellprojekt: www.terraboga.de
Literatur:

• Paul Seitz: Kompost und Boden. Gartenbibliothek Kosmos, 1994
• Herwig Pommeresche: Humussphäre – Humus, ein Stoff oder ein System? OLV, 2004
• Krafft v. Heynitz, Georg Merckens: Das biologische Gartenbaubuch. Ulmer, 1981 
• Gerda und Eduard W. Kleber: Gärtnern im Biotop mit Mensch. OLV, 2015

Zurück zur Startseite

Hintergrundinfos zu Oya auf Facebook

Oya gemeinsam ermöglichen!