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Heimat oder Durchlauferhitzer?

Gedanken zur Integrationskraft von Gemeinschaften.

von Tilmann Sauerwein , erschienen in 37/2016

Welche Ansätze sind denkbar, ­damit Gemeinschaften besser mit dem Neueinstieg und dem Abschied von Mitgliedern zurechtkommen? Angeregt durch ein Netzwerktreffen im Lebensgarten Steyerberg mit Menschen aus über zehn Gemeinschaften, macht sich Tilmann Sauerwein ­Gedanken über die Integration neuer und den Wegzug vertrauter Menschen.

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© Foto: www.robertvolkmer.de

In manchen Gemeinschaften scheint über die Zeit die Bereitschaft abzunehmen, sich auf neue Mitglieder einzulassen. Die Erfahrung, dass »die Neuen« doch nicht lange bleiben, sitzt tief: Wenn die Zuzügler ein paar Jahre Durchhaltevermögen bewiesen haben, werden sie langsam integriert – aber dann ziehen sie doch weiter. Was für ein Selbstverständnis haben Gemeinschaftsmenschen gegenüber den »Newbies«? 
Wer sich dazu entschließt, in Gemein­schaft zu leben, ist oft durstig nach Entwicklung – so sehr, dass er oder sie dafür bereitwillig das alte, bekannte Lebensumfeld verlässt. Diesen Hunger und Enthusiasmus bringen neue Mitglieder in die bestehenden Gemeinschaften ein. Die Alteingesessenen mögen dabei an ihren eigenen Hunger erinnert werden und sich Fragen wie diese stellen: »Sind wir noch bereit für Veränderung? Wohin? Wie sehr?« Suchen, finden, gestalten sie noch den dafür nötigen Raum für sich und ihr Umfeld? Ziehen sie sich vielleicht lieber zurück oder verlassen gar die (temporäre) Heimat? 
Jeder Mensch macht im Leben Entwicklungen durch. Gemeinschaften sind oft ein effektiver Katalysator für sehr persönliche Spielarten von Entwicklung: Hier begegnen einem viele Spiegel, und an jedem Konflikt lässt sich herrlich beobachten, welche der eigenen Schattenseiten das Gegenüber gerade herausfordert. Die Heftigkeit, mit der solche Prozesse mitunter einhergehen, kann sowohl die Neuen als auch die Altgemeinschaft selbst überfordern.
Es ist diese rasante persönliche Entwicklung, die es beispielsweise vielen ­Paaren schwermacht, eine gesunde Beziehung aufrechtzuerhalten, nachdem sie sich einer Lebensgemeinschaft angeschlossen haben – so viele neue Anstöße prasseln auf sie ein. Auch meine Partnerin und ich haben es nach unserem Zuzug in Steyerberg vor über sechs Jahren versäumt, uns die Zeit zu nehmen, um uns gegenseitig mitzuteilen, was uns bewegt. Dabei liegt gerade im gemeinsamen Ankommen die Chance, diesen Wandel bewusst wahrzunehmen und zu gestalten. Paare, die das versäumen, können sich rasch zu weit voneinander entfernen. Seit unserer Trennung bereichern wir unsere Gemeinschaft nun mit einer weiteren Patchworkfamilie.
Was aber bedeuten neue Mitglieder – egal ob als Paar, Familie oder Singles – für die bestehende Gemeinschaft? Wie will sie mit ihnen umgehen? Eine Patenschaft hier, ein Probejahr da, der Gemeinschaftskurs und die Annäherung ermöglichen vielleicht Freundschaften – klären aber nicht, welches Selbstverständnis den Neuen entgegengebracht wird. Von außen betrachtet, geben Gemeinschaften für manche Menschen das Bild einer heilen Welt ab: ein Ort der Wärme, Zuwendung, Familie und Heimat. Hier wollen tiefe Wünsche nachgenährt, soll endlich die ersehnte Zugehörigkeit gespürt werden. Diese Fähigkeit stellt tatsächlich eine große Qualität von Gemeinschaft dar. Sie bietet zudem ein Feld von Gleichberechtigung, gegenseitiger Wertschätzung und Anerkennung. Deshalb lebe ich persönlich gern in Gemeinschaft.

Ent-Täuschung ist notwendig
Im Rückblick sehe ich, wie sehr auch ich mich nach einer Angebundenheit gesehnt habe. Ich wollte nicht vereinzelt in Kleinfamilie leben. Eine Großfamilie, eine Heimat, in der man sich umeinander kümmert, wenn es nötig ist, in der mensch füreinander da ist – das wäre doch schön!
In großen Gemeinschaften kommen und gehen Jahr für Jahr schätzungsweise fünf bis zehn Prozent der Mitglieder. Nach ein paar Jahren, in denen ich das Kommen und Gehen beobachten konnte, hat sich jedoch meine Sicht erweitert. Um einmal den Analysten auszupacken: Die Ankömmlinge durchleben ähnliche Prozesse. Wenn ich genau hinsehe, müssen alle mitgebrachten Erwartungen enttäuscht werden. Kaum eine Gemeinschaft kann die Heimatwünsche erfüllen, die Familie ersetzen. Erst nach dieser Ent-Täuschung entsteht der Raum, sich auf die Gemeinschaft, wie sie wirklich ist, einzulassen. Von diesem Punkt an gelingen authentische Verbindungen leichter. Was tut mensch nun nach der Läuterung, der Weiterentwicklung, dem Ankommen, dem Niederlassen?

Erfahrung weiterzugeben ist in Ordnung!
Menschen mit dieser Erfahrung im Rücken können Begleiter für den schwierigen Prozess des Annehmens und Einlassens sein. Sie wissen um die Wünsche und Sorgen der Neuen und können ihnen bewusst den nötigen persönlichen Entwicklungsraum geben, damit sie gemeinschaftsfähiger werden. Das große Geschenk der Gemeinschaften liegt darin, die persönliche Entwicklung sehr zu beschleunigen. Diese Entwicklung dient den Einzelnen und der Gemeinschaft (und damit letztendlich sogar der Gesamtgesellschaft). Dürfen die »Älteren« sich also wissend verhalten? Ist es arrogant, Lehrer­anteile zu leben? Sind Gemeinschaften bereit, sich als gesellschaftliche Schulen zu sehen, die gewillt sind, im Sinn einer Ausbildung am Ende der Lehrzeit die Türen zur Welt zu öffnen? 
Ich appelliere an die Großzügigkeit der Alteingesessenen: Geben wir den Neuen und Suchenden nicht nur wertvolle Erfahrungen, sondern auch immer Freiheit, wenn manche von ihnen ihren Weg wieder außerhalb weitergehen! Statt uns zu grämen, lasst uns doch Vertrauen in die entstandene Verbindung fassen, die weit in die Zukunft wirkt. Heimat bleibt auch im Wandel erhalten, wenn wir sie im Herzen verankern konnten. 
Freilich schmerzt es trotzdem, wenn ein liebgewordener Mensch uns verlässt. Welchen Umgang finde ich selbst und welchen findet die Gemeinschaft mit dem Verlust? Können wir uns auf den tiefen inneren Kontakt verlassen, den wir hoffentlich bewusst aufgebaut haben? Geben wir der Trauer darüber, dass die räumliche Distanz steigt, genügend Raum? Der Gemeinschaftskörper verändert sich, wenn ein Mensch geht. Das will gewürdigt und gesehen, integriert werden. Dafür können wir Rituale schaffen, Abschiedsfeste feiern, einen Platzhalter-Baum pflanzen, ein Bild aufhängen, ein Andenken von den Gehenden einfordern. Mit welcher Perspektive gestalten wir dieses Ritual? Wird die räumliche Trennung von Dauer sein?
Lassen wir die Tür doch offen, und stellen wir einen Stuhl hin für die Person, die geht! Das Heimatgefühl der Zugvögel für die verlassene Gemeinschaft ist nur dauerhaft, wenn sie es in sich selbst zu etablieren vermochten.

Das Spielfeld gestaltbar lassen
Eine große Herausforderung für die ­Alten und eine große Bleibeperspektive für die Neuen bestünde in der ehrlichen Bereitschaft, allen Mitgliedern den Raum zu geben, das vertraute Spielfeld umzugestalten. Diese Neuerungen eröffnen gerade den etablierten, gebliebenen Geistern neue, ungeahnte Möglichkeiten. Welch schöne Aussicht!
Wie also lässt sich ein guter Nährboden für die Veränderungswünsche aller schaffen? Dieser Boden sieht für die Mitglieder mit Inventarnummer anders aus als für die Frischlinge. Der Wunsch nach Entwicklung ist, genau genommen, die Basis und das Elixier für das Leben in Gemeinschaft. Wenn dieser Wunsch sich nicht mehr entfalten kann und abstirbt, erlahmt die gesamte Gruppe. Wir können als Organismus durchaus einige Menschen integrieren, die mental faul geworden sind. Für eine lebendige, wache und nachhaltige Gemeinschaft jedoch sollten wir deren Anteil so gering wie möglich halten.
Ich sehe die Tendenz, dass die geistig beweglichen »Elders« eben das tun, was sie können: sich bewegen. Wenn sie sich nicht in neue Räume innerhalb der Gemeinschaft hineinbewegen können, bewegen sie sich weg und hinaus aus der Gemeinschaft und stellen damit einen Verlust an Wissen und Erfahrung dar.
Es bleiben dann die Bequemen, Zurückgezogenen. Sie haben ja vor Jahren in die Engagement-Rentenkasse eingezahlt und können sich jetzt aufs Altenteil zurückziehen. Die Neuen sollen sich erst mal beweisen – aber bitte dabei nicht so viel Wind machen! Gestählt durch jahrelange Gemeinschaftserfahrungen, haben diese Menschen mitunter großen Einfluss. Wie können wir das Feuer in ihnen wieder entzünden, welche Form von Yoga macht sie wieder flexibel?
Hier im Lebensgarten Steyerberg bekommen unsere Neuen nach einem Jahr ein ausführliches Feedback. Sie werden gehört und gespiegelt. Das ist oft berührend und wunderschön. Die Patenschaft endet damit offiziell, der Alltag übernimmt. Aber wie geht es weiter? Die Entwicklung hört ja nicht auf. Auch im zweiten, fünften und zehnten Jahr gäbe es viel zu sehen, zu hören und zu erzählen. Die Erfahrungen der »alten Hasen« in unseren Gemeinschaften sind nicht unwichtiger als die der ersten Zeit. Wer nimmt sich deren Gedanken an – und zwar besonders dann, wenn Freundschaften wegbrechen, Kreise kleiner werden und dem Zahn der Zeit erliegen? 
Wie wäre es, wenn wir Perspektiven für alle Phasen der Gemeinschaftszugehörigkeit entwickelten und das Modell der Patenschaft umdrehten: Nach dem Probejahr wählt sich das neue Gemeinschaftsmitglied einen Menschen, dem es die Patenschaft zurückgibt. Es wählt ein sesshaftes Mitglied, das so von der Frische, dem Entwicklungswillen des Neuen angeregt werden kann. Derdiedas Frischgebackene bietet einem ­alten Mitglied, das sich anscheinend von der persönlichen Entwicklung zurückgezogen hat, den besagten Yogakurs an. Die Aufgabe besteht lediglich darin, zu fragen »Wohin soll der nächste Schritt gehen?« und diese Frage für die Dauer der ­Patenschaft nicht aus den Augen zu verlieren. Es ist sicherlich spannend zu sehen, wie derdiedas Alte reagiert!
Zu guter Letzt gebe ich den bequemen Geistern noch ein gutes Argument an die Hand, dieses Heft wieder entspannt zur Seite legen und sich wohlgefällig zurücklehnen zu können: »Wir haben doch nicht den Anspruch einer therapeutischen Gemeinschaft! – Die Verantwortung möge doch ­bitteschön jeder für sich selbst übernehmen! – Wenn der Schüler bereit ist, wird der Lehrer schon erscheinen …«
Ja, ja das ist richtig. Ich habe aber den Wunsch, von beseelten, wachen Menschen umgeben zu sein. Aus Altem erwächst Neues. Daher wünsche ich mir den besten Nährboden für unsere Entwicklung – und den kann und möchte ich gestalten! Terra Preta entsteht auch nicht von alleine. •


Tilmann Sauerwein (46), Diplom-Ingenieur und Unternehmer, lebt mit zwei Kindern seit 2009 in der Gemeinschaft Lebensgarten Steyerberg.

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