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Lernfeld Allmende: Vom Geben und Nehmen

Wann können alle ihr Bestes geben?
Was tun, wenn Gemeingüter fehlen?

von Dieter Halbach , Kushad Claes , Steffen Andreae , Ute Gieseking , erschienen in 01/2010

Im November trafen sich vier Mitglieder von langjährig bestehenden Gemeinschaften in der Kommune Niederkaufungen. Ute Gieseking aus dem Lebensgarten Steyerberg, Kushad Claes von der Parimal Gut Hübenthal e.G. und Oya-Redakteur Dieter Halbach aus Sieben Linden diskutierten mit Gastgeber ­Steffen Andreae über ihre Erfahrungen mit gemeinschaftlichem Besitz. Ihr Resümee: Der Umgang mit Gemeingütern will gelernt sein, und die größten Schwierigkeiten ergeben sich, wenn die Allmende fehlt.

DIETER HALBACH
Gemeinschaftliche Prozesse sind für die Nutzung von Gemeingütern von zentraler Bedeutung. Wir sind hier aus verschiedenen Gemeinschaften zusammengekommen, um über unsere Erfahrungen mit der Pflege von Gemeingütern zu sprechen. Jeder könnte zu Beginn seine Gemeinschaft skizzieren und auf die Frage eingehen, wem die Gemeinschaft »gehört«. Verfügt ihr gemeinsam über die wichtigen Lebensgüter, oder gibt es Bereiche, die privat sind?

STEFFEN ANDREAE
Die Kommune Niederkaufungen ist seit dreiundzwanzig Jahren aktiv und realisiert eine gemeinsame Ökonomie, also eine Finanzstruktur, in der es kein Privateigentum gibt. Wir produzieren unterschiedliche Dinge und haben eine gemeinsame Kasse.

UTE GIESEKING
So lange gibt es ungefähr auch den Lebensgarten Steyerberg, seit fünfundzwanzig Jahren. Am Anfang des Projekts ermöglichte eine Eigentümerfamilie den Wiederaufbau eines von der englischen Armee hinterlassenen Arbeitslagers. Menschen konnten dort einziehen und die Siedlung wieder beleben. Gemeinsam wurde ein Seminarbetrieb aufgebaut. Heute stehen in der Mitte des Dorfs zwei große Gebäude eines Vereins. Alles andere ist dezentral organisiert, jeder ist für seinen Lebensunterhalt selbst zuständig. Mittlerweile existiert eine Stiftung, in deren Besitz ein Großteil der Häuser übergegangen ist, der Rest ist noch in Privateigentum.

KUSHAD CLAES
Unsere Gemeinschaft Parimal gibt es auch seit über zwanzig Jahren. Es fing mit einer kleinen, durch den Lehrer Osho inspirierten Wohngemeinschaft im Gutshaus von Hübenthal an. Ursprünglich hatte die Gemeinschaft das Gut von einem Besitzer gemietet, aber nach und nach haben Eigentümergemeinschaften Teile des Guts erworben. Irgendwann wurde klar, dass auch die Gemeinschaft Eigentum braucht, deshalb gründeten wir eine Genossenschaft. Sie besitzt inzwischen den Kernbereich der Anlage, in dem auch unsere Küche, der Essraum und der Gemeinschaftsraum liegen. Wir hoffen, dass wir den genossenschaftlichen Besitz noch ausweiten können.

DH
Das Ökodorf Sieben Linden ist ein neues Dorf, das außerhalb bestehender Strukturen aufgebaut wird. Die Menschen, die dort leben, bilden eine Genossenschaft, das heißt, die Grundlagen des Dorfs gehören allen gemeinsam: der Grund und Boden, die Gemeinschaftshäuser, die Energieversorgung, die Straßen oder unser Wassersystem. Innerhalb dieses Organismus existieren verschiedene einzelne Organisationen, Nachbarschaften, Betriebe und private Ökonomien. Bei uns ist es fast wie in einer mittelalterlichen Allmende: Im Dorfkern sind die Gemeinschaftshäuser und Plätze, auch innere Allmende genannt, dann kommen die eher privaten nachbarschaftlichen Wohnbereiche und dann die äußere Allmende mit forst- und landwirtschaftlichen Flächen. Von dort erhalten wir Bau- und Brennholz und einen Großteil unserer Lebensmittel. Abends wird es dunkel, weil es keine Straßenbeleuchtung gibt und keine Autos fahren. Unsere schönsten Qualitäten, sagen wir immer, sind neben den Menschen die Stille und der Sternenhimmel. Auch das sind Gemeingüter.

SA
In Niederkaufungen gelten für alle die gleichen Besitzverhältnisse. Mir scheint, als ermögliche dies den Menschen, frei von ökonomischem Druck zu fragen, wie sie das Beste zur Gemeinschaft beitragen können. Das muss nicht unbedingt Geld sein, jemand hat z. B. kürzlich entschieden, weniger Arbeitszeit in der Schlosserei zu leisten, um an der Entwicklung eines alternativen Verkehrskonzepts mitzuwirken. Wäre er auf dem freien Markt als Einzelner tätig, hätte er es sich nicht leisten können, parallel das Verkehrsprojekt anzuschieben. Aber die Gemeinschaft konnte es tragen, dass er an zwei Tagen in der Woche nicht produktiv, sondern an seiner Vision gearbeitet hat.

Natürlich müssen alle damit einverstanden sein. Unsere Gemeinschaftstreffen sind Versammlungen einzelner Personen mit ihren einzelnen Interessen, die sich selbstverständlich nicht immer decken. Wenn man genauer hinschaut, lässt sich feststellen, dass Menschen, die in einer guten Kommunikation mit anderen stehen, ihren Freiraum leichter nutzen können als Einzelne, die sich mit vielen verhakt haben. Im Prinzip erleben wir genau das, was die Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom für funktionierende Allmenden erklärt: Es muss in hohem Maß soziales Kapital innerhalb der Gemeinschaft geben.

UG
Für uns im Lebensgarten Steyerberg ist wichtig, dass viele Räume allen gemeinsam zur Verfügung stehen – sogar eine Halle mit einer Bühne und ein großes Studio. Wir können die Räume nutzen, solange dort keine Seminare stattfinden, so dass sich viele kostenfreie Angebote entwickelt haben. Einige der Räume sind immer frei: ein Kinderraum und zwei Meditationsräume. Und alle besitzen den Schlüssel zum Raum unserer Lebensmittelkooperative, einem sehr kommunikativen Ort, wo wir jederzeit das, was wir an Lebensmitteln nehmen, in die Karten eintragen können.

Oft merken wir aber auch, dass uns gemeinschaftlicher Besitz fehlt: Wir haben so gut wie keine Außenräume, die nicht in Privat­besitz sind. Eigentümer vermochten einem Siedlungsprojekt, das in der Gemeinschaft drei Jahre lang intensiv vorbereitet wurde, im wahrsten Sinn »den Boden zu nehmen«. Der Ort, den wir unseren »heiligen Hain« nennen, ist auch ein potenzieller Bauplatz, aber wir haben mit dem Eigentümer ein Einvernehmen gefunden, dass dies unser Schwitzhüttenplatz bleibt. Es ist nur ein kleiner Platz ohne ein Gelände drumherum. Als Gemeinschaft können wir bei den privaten Häusern nicht beeinflussen, an wen sie verkauft und vermietet werden. Wir haben jetzt eine Stiftung und eine Häuservergabegruppe gegründet, damit freie Wohnungen wirklich im Interesse der Gemeinschaft vergeben werden, aber das ist schwierig. »Das Hemd ist mir näher als mein Rock«, das erleben wir immer wieder. Es gibt leider nicht genügend interessierte Menschen, um die gesamte Struktur so zu verändern, dass etwas durchgängig Gemeinschaftliches entstünde.

KC
Im Parimal erlebe ich, wie ich in einer unglaublichen Fülle lebe. Auch wenn ich wenig Einkommen habe, stehen mir durch die Gemeinschaft so viele kulturelle Möglichkeiten von einem kleinen Filmabend bis zu einem großen Sommerfest zur Verfügung, dass ich die Gemeinschaft eigentlich gar nicht mehr verlassen muss. Ich brauche mir auch kein eigenes Auto zu kaufen.

Aber auch uns fehlt der gemeinsame Grund und Boden. Vor einigen Jahren hätten wir den ganzen Gutshof für wenig Geld gemeinschaftlich kaufen können, aber die damaligen Bewohner hatten nicht genug Kraft und Zuversicht, dass sie das nötige Geld gemeinsam beschaffen könnten. Den Schritt zu gemeinschaftlichem Eigentum haben wir erst kürzlich durch die Gründung der Genossenschaft nachgeholt. Wir wussten, wenn wir das nicht tun, werden wir womöglich nicht mehr lange existieren. Diese Einsicht hat damals sehr viel Energie erzeugt: Entweder schaffen wir es gemeinsam, oder nicht, und wir haben wirklich etwas auf die Beine gestellt, auch finanziell.

Trotzdem sorgt der Umstand, dass viele noch in Eigentumswohnungen leben, sowohl finanziell als auch energetisch für Unsicherheit. Durch das Privateigentum sind natürlich Werte geschaffen worden, die Gebäude wurden renoviert. Das kann ich alles würdigen, aber eine zu starke Individualisierung birgt auch eine sehr starke Gefahr.

DH
Gab es bei so vielen Individualisten in der Gemeinschaft auch Konflikte beim Aufbau der Genossenschaft?

KC
Ja, die gab es. Sie hatten im Kern damit zu tun, dass kein Konsens darüber bestand, in welche Richtung wir das Geld der Genossenschaft investieren. Von Anfang an gab es zwei Meinungen und letztlich nie einen Konsens. Wir arbeiten an dieser Kommunikation und machen eine Supervision, um wieder Gemeinsamkeit zu finden.

DH
Bei uns im Ökodorf Sieben Linden ist es so, dass es ein bisschen von all dem gibt, was ich eben gehört habe. Uns prägt die Genossenschaft als ökonomische Basis, durch sie haben wir keine großen Konflikte um Macht und Eigentum. Aber die Menschen sorgen selbst für ihren Lebensunterhalt. Insofern gibt es eine gewisse Freiheit. Man muss nicht bei allen Dingen fragen, ob das jetzt für die Gemeinschaft in Ordnung ist. Überhaupt gibt es viel Autonomie, so dass vieles in nachbarschaftlichen Zusammenhängen gelöst wird, zum Beispiel wie Wohnraum konzipiert wird. Wir nennen das die Einheit in der Vielfalt.

Wenn eine so differenzierte und große Gemeinschaft bei Konflikten keine Spaltung erleben will, ist viel Kommunikation und auch innere spirituelle Arbeit gefragt. Die steht bei uns im Zen­trum, auch wenn wir uns Ökodorf nennen und man meinen könnte, es gehe in erster Linie um Ökologie. Das Herz der Gemeinschaft ist die gegenseitige Wahrnehmung, vor allem die Wahrnehmung unserer Verschiedenheit. Lange haben wir darunter gelitten, dass der Regelungsbedarf wie bei vielen basisdemokratischen Gemeinschaften so hoch war. Inzwischen haben wir eine dezentrale Struktur mit einer gewissen Hierarchisierung geschaffen. Es gibt fünf Räte: die Genossenschaft als Hüterin des Ganzen, einen Rat für Lebensmittel, außerdem einen Rat für Bauen und Wohnen, einen für Bildung und Öffentlichkeit und einen für Soziales. Diese fünf Räte sind jeweils mit fünf Menschen besetzt, die von der Gemeinschaft ausgewählt wurden, weil sie auch als Persönlichkeiten Kompetenz und Vertrauenswürdigkeit vermitteln. Du bist sozusagen zum Liebhaber für die Dinge, um die du dich wirklich kümmern möchtest, von der Gemeinschaft auserwählt.

Ich frage mich immer wieder: Was ist der Nährboden, damit die Menschen einer Gemeinschaft für ihre gemeinsamen Güter wirklich ihr Bestes geben? Wann tun sie es, und wann mogeln sie sich raus?

SA
Der Hintergedanke, »ich profitiere von den andern, ohne etwas zu geben«, funktioniert in Niederkaufungen gar nicht. Es kann natürlich passieren, dass jemand seinen Bereich nicht gut pflegt und alle davon betroffen sind. Was sind die Ursachen dafür, dass jemand etwas vernachlässigt? Mit unserer ökonomischen Struktur haben wir eine gute Basis, um solche Situationen auszuhalten, um uns auch die Zeit zu nehmen, die Person zu unterstützen. Ich glaube, wenn Menschen in einer guten Situation sind, haben sie von sich aus das Bedürfnis, Gutes an die Gemeinschaft abzugeben.

Gleichzeitig wirkt eine gemeinsame Grundhaltung wie eine Art Standard. Die Argumentation »nee, also tut mir leid, ich muss ja für meinen eigenen Geldbeutel arbeiten, ich hab grad keine Zeit für dich« kann hier niemand bringen.

UG
Bei uns gibt es viele, die ganz viel geben, aber auch viele, die sich in der Gemeinschaft eher zurückhalten. Manche ziehen sich schon seit Jahren zurück. Dennoch tragen sie auf ihre Weise, z. B. durch Nachbarschaftshilfe, durch einen ganz besonderen Laden oder eine unerwartete Spende zum Gedeihen bei. Manchmal kann man gar nicht sagen, warum es plötzlich in der Gemeinschaft fließt oder warum es sich staut und nicht mehr weitergeht. Es kommt darauf an, die Energie ins Fließen zu bringen.
SA Ich kann mir nicht vorstellen, dass es eine Energie-Auswirkung gibt, die so stark ist, dass sie die Auswirkung einer ungleichen Verteilung ausgleichen kann. Wenn ich in einem Projekt Ärmere und Reichere habe – wieviel Energiearbeit muss ich leisten, um da wieder in den Fluss zu kommen, ohne diese materiellen Verhältnisse zu ändern? Gleichheit auf der ökonomischen Ebene ist für mein Verständnis eine elementare Grundlage für das Gelingen von Gemeinschaft.

DH
Im Ökodorf Sieben Linden gibt es auch Ungleichheit durch die wirtschaftliche Selbständigkeit der einzelnen, aber sie existiert nicht in den grundlegenden Bereichen, wo wir uns als Gemeinschaft verwirklichen. Die Unterschiedlichkeit der Lebensstile bei uns hat auch etwas sehr Kreatives. Da lässt sich nichts vereinheitlichen. Aber es gibt diese gemeinschaftliche Ökonomie auf der Ebene der Gemeingüter durch unsere Genossenschaft. Eine passende Organisationsform für die Gemeingüter halte ich für zentral wichtig für das Gelingen von gemeinschaftlichem Leben, und am Beispiel Lebensgarten Steyerberg und Parimal zeigt sich ja auch, wie sehr die Menschen damit ringen, wenn so eine Organisation anfänglich nicht gegeben ist.

Während ich die Stiftungsgründung des Lebensgartens Steyerberg als Supervisor begleitet habe, ist mir deutlich geworden, welch langen Atem solche nachholenden Prozesse brauchen. Verletzungen aus der Vergangenheit brauchen Raum, um zu heilen, Menschen in unterschiedlichen Rollen – Besitzer, Mieter oder Habenichtse – müssen ein gemeinsames Selbstverständnis finden und an Zukunftsvisionen glauben.

KC
Die Zukunftsvision, die uns als zunächst vorrangig spirituelle Gemeinschaft weiterhilft, ist ein wachsendes politisches Bewusstsein. Uns wird deutlich, dass wir ein Prototyp für ein zukunftsfähiges Miteinander sein könnten. Selbverständlich sind wir in einer Entwicklungsphase, in der wir noch viel lernen, aber auch dieses Lernen ist beispielhaft. Wir lernen gerade, Dinge zu akzeptieren, die wir früher abgelehnt haben, wie zum Beispiel effektives Arbeiten oder anerkannte Hierarchien – natürlich nicht Hierarchien, die im alten Stil funktio­nieren, sondern durch gegenseitige Akzeptanz.

DH
Mitunternehmer sein in einem komplexen gemeinschaftlichen Organismus kann ja vielleicht auch zur spirituellen Praxis werden, oder nicht? Also nicht nur gemeinsame Meditation, sondern gemeinsame Genossenschafts-Sitzungen!

KC
Ja, wir lernen auch, dass Gemeinschaftsprozesse am besten funktionieren, wenn eine kleine Gruppe, drei bis vier Menschen, wirklich Lust hat, etwas umzusetzen, und dafür Sorge trägt, dass ein Bereich gepflegt wird.

DH
Ihr habt den Seminarbereich gerade an eine Frau abgegeben, die den Betrieb als private Unternehmerin übernimmt. Sie gibt ihr Herzblut hinein, sie ist verantwortlich. Entsteht erst durch diesen Schritt zur unternehmerischen Selbständigkeit wirkliches Engagement?

SA
Auch ein kultureller oder kreativer Impuls kann zu einem ökonomisch stabilen Organismus führen, das ergibt eine andere Qualität als ein rein ökonomisches Interesse. Für mich ist die vorrangige Frage: Was braucht es an Strukturbedingungen, an Kommunikationsmöglichkeiten, an Liebesbeziehungen – egal was –, damit jemand sagt: Da gebe ich mein Herzblut hinein.

DH
In den traditionellen Dorfallmenden gab es harte Sanktionen für diejenigen, die gegen das Allgemeinwohl verstoßen haben, das ist sicherlich kein Modell für die Gegenwart. Ich erlebe, dass es weniger ­darum geht, Regeln aufzustellen, sondern um eine Kultur des Umgangs mit Gemeingütern. Das heißt, dass ein Gemeingut nicht nur eine bestimmte Landfläche ist, sondern auch die Idee eines Menschen, wie diese Fläche gestaltet werden kann. Seine Idee fließt in die Gemeinschaft ein, die nun vor der Herausforderung steht, den schma­len Grat zwischen der Verwirklichung einzelner Lebensträume und dem Gemeinwohl zu gehen.

Der Einzelne braucht Freiraum, darf sich nicht nur als Rädchen im Getriebe fühlen. Wenn bei uns eine Versammlung beginnt, danken wir uns als erstes ausführlich gegenseitig, denn wir sind ja in puncto Wertschätzung alle unterernährt. Es ist wichtig, zu sagen: Ich finde es großartig, dass du diese Ecke gefegt hast.

Auch eine andere Kultur im Umgang mit neuen Ideen ist wichtig. Ich habe oft den Mechanismus erlebt, dass jemand mit einer ­neuen Idee erstmal »auseinandergenommen« wird. Dabei ist auch der Ideen­fundus ein Gemeingut. Die Kraft dieser neuen Ideen kann eine Gemeinschaft nur aushalten, wenn alle in ihrer eigenen Kraft sind und sich gegenseitig fördern, so dass jeder wachsen kann und Fehler machen darf. Dass der Einzelne diesen Freiraum erhält, erscheint mir ein verbindendes Element zwischen unseren doch sehr verschieden strukturierten Gemeinschaften.

SA
Ja, das ist etwas Grundlegendes, unabhängig davon, wie unterschiedlich unsere momentanen Situationen und ökonomischen Bedingungen sind. Das ist eines der wesentlichen Qualitätsmerkmale von gemeinschaftlichem Leben. Ich glaube aber, dass die Verzahnung zwischen der Kultur des Umgangs miteinander und den ökonomischen Strukturen gründlich betrachtet werden muss. Der Kapitalismus lässt sich nicht mit einer guten Kommunikation heilen.

DH
Die Frage nach der ökonomischen Struktur ist ja auch eine politische. Wer entscheidet eigentlich über die Dinge, die ich brauche und nutze?

SA
Deshalb haben wir unsere Arbeitsbereiche möglichst dezentral organisiert. Jeder Bereich arbeitet sehr autonom, und es arbeiten dort diejenigen, die wirklich die jeweilige Tätigkeit ausüben wollen. Jeder kann zu einem beliebigen Zeitpunkt sagen: »Ich will nicht mehr in der Schlosserei arbeiten, sondern in der Kita.« Indem jeder diese Freiheit hat, verstärken sich das Wissen und das Gefühl, dass Menschen diejenige Arbeit tun, in der sie sich selbst verwirklichen können.

DH
Meine Initiative für ein neues Musikfestival im Herbst mit dem Titel »autumn leaves« ist demgegenüber eher ein Beispiel für Unternehmertum. Meine Gemeinschaft hat es anfangs nicht wichtig gefunden, dass es so ein Festival bei uns gibt. Manche waren sogar ein bisschen dagegen. Dann habe ich gesagt: »Okay, ich nehme das auf meine Kappe, ich übernehme die ökonomische Verantwortung!«. Das erste »autumn leaves« fand statt, und die anderen haben die Musik gehört, das Festival genossen, und viele haben sich danach bedankt, dass ich meinen Plan in die Tat umgesetzt hatte.

SA
Und wenn es schiefgegangen wäre – wenn du einen großen Verlust gemacht hättest?

DH
Ich habe ja ein Minus gemacht, ganz persönlich, aber es konnte gemindert werden, indem ich für die gemeinschaftlichen Güter wie unser Gelände oder die Zelte erstmal nichts bezahlen musste und viele auch ehrenamtlich geholfen haben. Da wurde mir viel Wohlwollen entgegengebracht. Ich war also doch in die Gemeinschaft eingebettet. Wichtig war für mich aber, dass ich in unserem System die Freiheit hatte, zu sagen: »Ich gehe ein Risiko ein!«

KC
Das ist ein sehr interessanter Punkt und eine Parallele zu unserem Seminarhaus. Es als Gemeinschaft zu führen, war unrentabel, aber es hat eine Person gegeben, die gesagt hat: Ich mache es. Genau wie du gesagt hast: Ich mache das Musikfestival. Was genau war dein Impuls?

DH
Mein Impuls war, mehr Kultur für die Gemeinschaft anzubieten, aber auch die Verwirklichung von meinem persönlichen Wunsch, mehr künstlerisch zu arbeiten. Die Förderung persönlicher Initiativen kann doch auch auf einem Common Ground stattfinden, so dass in allen Aktivitäten die Gemeingüter und nicht der Konkurrenzkampf die Basis sind.

SA
Bei uns in Niederkaufungen hättest du als Einzelner das Projekt vermutlich so, wie du es in Sieben Linden verwirklicht hast, nicht realisieren können. Wenn wir uns aber als Kommune dafür entschieden hätten, dann wäre dies eine getragene Sache gewesen, und die Last der ökonomischen Verantwortung wäre geteilt worden.

KC
Projekte, die wirklich innovativ waren, sind auch bei uns aus der Initiative Einzelner entstanden. Daraus müssen wir lernen und uns fragen: Wie münden solche eigenständigen Initiativen wieder in einen gemeinschaft­lichen Kontext? In der Gemeinschaft droht die Gefahr, dass eine Idee abgeblockt oder zerredet wird, aber ein Einzelner kann mutig einen ersten Schritt machen.

SA
Wir sollten in diesem Punkt aber vom Resultat her lernen, nicht vom Weg.

KC
Richtig, wir sollten lernen, dieser Initiativkraft eines Einzelnen im gemeinschaftlichen Kontext mehr Raum zu geben. Diese Kräfte müssen wir unterstützen.

SA
Ja, ich will auch nicht den Eindruck vermitteln, als wäre in Niederkaufungen auch zwischenmenschlich durch die ökonomische Basis bereits alles in Ordnung.

UG
Das ist vielleicht ein bisschen wie das alte Problem: Was kam zuerst: Henne oder Ei? Vielleicht schaffen wir uns eine Rechtsform, in der das Land nicht mehr dein privates Eigentum ist, du darfst es nur benutzen. Aber Recht allein reicht nicht aus, wie man am Beispiel der Gemeinschaftsstadt Auroville sehen kann. Das Land dort gehört den Menschen zwar nicht, aber viele Menschen gehen noch genauso damit um, als wäre es ihres. Hier hat man eine Struktur verändert, aber nicht das Bewusstsein. Die Menschen verhalten sich weitgehend genau wie vorher. Du kannst dann zwar gewisse Spitzen des ungewünschten Verhaltens abfangen, aber nur begrenzt.

DH
Damit sind wir wohl beim Grundthema unserer heutigen Gemeinschaftsversuche angekommen: Gemeinschaft und Individualität. Wenn diese beiden menschlichen Kraftquellen nicht mehr in entgegengesetzte Richtungen fließen, dann können wir, glaube ich, es auch schaffen, unsere Gemeingüter zu erhalten und zu nähren.
Habt vielen Dank für dieses Gespräch!

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