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Natur in der Kulturlandschaft

Die Steigerung der Biodiversität im Rebberg kommt der ­Pflanzengesundheit und der Qualität des Weins zugute.

von Sonja Korspeter , erschienen in 36/2016

Wein wird heute meist in Monokultur angebaut. Ganze Regionen bestehen aus Reihen von Rebstöcken, ­dazwischen allenfalls etwas Gras. Doch einige Bio-Winzer bemühen sich darum, komplexe Ökosysteme auf ihren Gütern zu schaffen, um widerstandsfähige Pflanzen und ­bessere Weine zu erhalten.

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© Foto: Hans-Peter Schmidt

Der Haupterwerbsbetrieb von Andreas Dilger in Freiburg im Breisgau umfasst 3,5 Hektar Reben und 1,5 Hektar Streuobstwiesen; er beschäftigt eine Vollzeit-Arbeitskraft und einige Aushilfen. Die Produktvielfalt des eher kleinen Weinguts ist groß – fünf Rotweine, sieben Weißweine, zwei Roséweine; außerdem Sekt, Secco, Säfte, Schnäpse und Liköre, die alle auf dem Gut hergestellt werden. An bestimmten Wochentagen kann man sie direkt im hofeigenen Verkaufsraum erwerben. Ein Großteil der Spezialitäten wird über Gas-tronomie und Läden in Freiburg und der Region vermarktet. All das ist nichts Besonderes. Doch weinbaulich unterscheidet sich der zertifizierte Biobetrieb von anderen Winzereien der Gegend.

Mehr als Wein im Berg
Als erstes fällt auf, dass die Reihen zwischen den Reben vielfältig bewachsen sind. Andreas Dilger sät eine Mischung von etwa 30 Gründüngungspflanzen, die ganz unterschiedliche ­Wurzeltiefen und -arten haben, aus. Es sind viele blühende Sorten dabei, wie Phacelia, Winterwicke, Borretsch und Malve. Sie sorgen für einen guten Aufschluss des Bodens und damit für gute Bedingungen für die Bodenlebewesen. Solche Pflanzen helfen, Humus aufzubauen. Die Leguminosen unter ihnen führen dem Boden – und damit auch den Reben – Stickstoff zu. Die Pflanzen blühen zu unterschiedlichen Zeiten und locken viele Monate im Jahr Bienen und andere Nützlinge in den Weinberg.
Eine weitere Besonderheit: Andreas Dilger hat keinen großen Maschinenpark; er und seine Mitarbeiter erledigen viele Arbeiten per Hand. »So können wir beispielsweise ganz gezielt gipfeln, also Triebe und Blätter schneiden. Diese Detailarbeit ist eine wichtige Voraussetzung für hochwertige Trauben und damit für einen guten Wein.« Wohl nutzt er einen Weinberg-Schlepper mit einer Fräse, einem Mulcher (für die Pflege des Bodens zwischen den Rebstöcken), einer Rebspritze (für den Pflanzenschutz) und einem Scheibenpflug für die Unterstockarbeit.
Mit dem letztgenannten Werkzeug lockert Dilger den Boden direkt unter den Weinstöcken zwei bis drei Mal im Jahr. »Nach Möglichkeit kombiniere ich diese Arbeit mit einer Pflanzenschutzmaßnahme, um die Zahl der Durchfahrten mit dem Traktor gering zu halten.« Durch den Einsatz des Scheibenpflugs wird nicht nur die gute Durchlüftung der Reben gewährleistet, sondern auch der Boden gelockert und der Grasbewuchs als Wasserkonkurrent für die Reben entfernt. Zukünftig möchte Dilger diese Arbeit mit einem Pferd machen: die Bodenverdichtung sei dann geringer, und es werde kein Treibstoff verbraucht.
Die wesentliche Besonderheit des Biobetriebs liegt allerdings in der Wahl der Rebsorten. Winzer Dilger hat auf seinen Flächen nach und nach alle Weinstöcke durch robuste Sorten ersetzt, die widerstandsfähig gegen Pilze sind. Sie wurden vom Staatlichen Weinbauinstitut Freiburg (WBI) gezüchtet, das Wildreben aus verschiedenen Teilen der Welt mit hiesigen Sorten kreuzte. Über Jahre hinweg sind so Rebsorten entstanden, die für Echten und Falschen Mehltau weniger anfällig sind.
Diese Widerstandsfähigkeit beruht auf natürlichen Abwehr­mechanismen. Die Rebpflanzen reagieren auf einen drohenden ­Befall mit dem Verschluss ihrer Spaltöffnungen und der Verstärkung ihrer Zellwände, um das Eindringen der Pilze zu vermeiden. Außerdem reichern sie nach einer Infektion an der betroffenen Stelle umgehend antimikrobiell wirkende Pflanzenstoffe an, die die Entwicklung und Ausbreitung der Pilze verhindern.
Dennoch ist auch bei diesen Sorten noch zwei- bis viermal im Jahr der Einsatz von im Ökolandbau erlaubten Pflanzenschutzmitteln, wie Wasserglas (lösliche Silikate), Kupfer oder Netzschwefel (purer Schwefel), erforderlich. Zusätzlich werden gegen den gefräßigen Traubenwickler in den Rebanlagen kleine Pheromon-Verdunster aufgehängt, die überall den Duftstoff der Weibchen verbreiten. Die Männchen finden die Weibchen nicht, und es kommt nicht zur Eiablage auf dem Blütenstand oder der Traube. Larven würden nach dem Schlupf die Beerenhaut durchbohren; auf dem austretenden zuckerhaltigen Saft etabliert sich dann oft der Botrytispilz.
Eine weitere Pilzvorsorge ist die gute Durchlüftung der Reben, so dass Blätter und Trauben immer rasch abtrocknen und Pilzen keinen Nährboden bieten. Dies wird durch das regelmäßige Ausblättern erreicht. Aber auch die Struktur des Rebbergs spielt eine Rolle. Bei Dilger sind die Reihen zwischen den Reben mit 1,80 bis 2,50 Metern relativ breit. So kann der Wind gut hindurchstreichen, und die Pflanzen beschatten sich nicht gegenseitig. Die Reben stehen dafür in den Reihen etwas enger. Doch es geht auch hier nicht darum, den Maximalertrag zu bringen. Dilger lässt pro Weinstock nur etwa acht bis zwölf Triebe mit je zwei bis drei Trauben stehen. Diese Ertragsreduzierung komme der Qualität zugute.

Pflanzenschutz à la Permakultur
Hans-Peter Schmidt geht auf seinem Weingut »Mythopia« im Wallis in der Schweiz, das zugleich ein Forschungsinstitut beherbergt, das Thema Pflanzenschutz auf etwas andere Weise an. Doch auch er experimentiert mit verschiedenen Möglichkeiten, die Biodiversität im Rebberg zu erhöhen. »Meine Motivation ist nicht nur der ästhetische Wunsch nach Blüten und Grashüpfern. Das Ziel der Biodiversitätsförderung besteht darin, die Weinberge zu stabilen Ökosystemen umzuwandeln und durch eine nachhaltige Nutzung der natürlichen Kräfte die Terroir- und die Weinqualität zu steigern.« In einer solchen Umgebung seien die Pflanzen widerstandsfähiger, und natürliche Abwehrmechanismen machten es möglich, den klassischen Pflanzenschutz zu minimieren.
Um den Traubenwickler in Schach zu halten, wurden beispielsweise Versuche mit Bienen im Rebberg gemacht. Schmidt nimmt an, dass ihre Anwesenheit den Fraßschaden, den der Traubenwickler anrichtet, vermindert. Dies erkläre sich folgendermaßen: »Sozia­le Faltenwespen sind natürliche Feinde des Traubenwicklers. Die Raupen sind jedoch in der Lage, herannahende Wespen mit Hilfe von Sinneshärchen auf der Brust zu registrieren, und reagieren auf die Gefahr mit Stillhalten oder Fallenlassen. Da Bienen in einem ähnlichen Frequenzbereich summen wie Wespen,  kann deren Blütenbesuch bei Raupen die gleiche Reaktion auslösen. Als Folge fällt der Fraßschaden deutlich geringer aus.« Der Winzer kann zudem Weinberg-Honig ernten, und die Bienen übernehmen die Bestäubung von in den Randzonen stehenden Obstbäumen.
Obstbäume, Büsche und Hecken im Rebberg und um ihn her­um sind ein weiteres Element der Biodiversitätsstrategie von Mythopia. Sie locken Vögel, Schmetterlinge, Insekten und Reptilien an. Auch Steinhaufen und Ausgleichsflächen mit Aromakräutern und Wildblumen sollen dazu beitragen, die Vielfalt an Arten zu erhöhen und so das Ökosystem komplexer zu gestalten. Schmidt erläutert: »Bäume dienen auch als Sporenfänger und ermöglichen die Verbreitung von Hefen und unschädlichen ­Pilzen im Rebberg. Auf diese Weise nimmt die Vielfalt natürlicher ­Hefen zur Weinherstellung ebenso zu wie die Zahl der Konkurrenten der Schadpilze.«
Über Begleitkräuter im Rebberg freuen sich laut einer Studie von Katia Gindro auch die Mykorrhizen. Diese Pilzarten siedeln sich an den Wurzeln der Pflanzen an und tauschen mit diesen Stoffe aus: Sie erhalten Zucker und geben Phosphat, Stickstoff und andere Mineralstoffe an die Pflanze. Bei guter Mykorrhizierung könne die Rebpflanze mehr Nährstoffe aufnehmen, wachse dadurch besser, sei widerstandsfähiger und trage schönere Trauben. Mythopia experimentiert deshalb auch mit speziellen Mykorrhiza-Produkten. Insbesondere wird aber auch erprobt, welche Kulturen sich besonders für eine Kombination mit Weinreben eignen. Entscheidend ist dabei, auf welche Art die Kulturen gepflegt werden. Schmidt ist davon überzeugt, dass der Boden nicht gewendet und die Pflanzen nicht zerschnitten werden sollten. Deshalb hat er ein eigenes Gerät entwickelt. Der »Rolojack« ist eine Walze mit geschwungenen, stumpfen Klingen, die die Bodenbegrünung abknickt und auswalzt. Der Boden werde so gegen Erosion und Trockenheit geschützt, die Bodenaktivität gefördert, Stickstoff und CO2 blieben gebunden. »Früher haben die Hufe von Haustieren die Arbeit des Rolojack im Rebberg übernommen«, erzählt Schmidt.

Haustiere im Weinberg
Hühner und Schweine waren bis vor 50 Jahren noch ein alltäg­liches Bild zwischen den Rebstöcken. Land war knapp. Man hielt sie, um Mist als Dünger zu gewinnen, und für die Eigenversorgung. Im Rebberg übernehmen sie beim Fressen zugleich Pflegearbeiten: Sie halten die Begrünung kurz, wandeln sie in wertvollen organischen Dünger um und liefern außerdem Eier, Milch sowie Fleisch. Schmidt hat auf seinem Betrieb festgestellt, dass die Anwesenheit von Tieren zudem für eine deutlich höhere Vielfalt an Mikroorganismen sorgt, was die Gefahr des Schädlingsbefalls minimiere. »Die Mikroorganismen im Dung sorgen in Kombination mit dem Niedertrampeln der Begrünung für die Förderung des Bodenlebens sowie für Schutz und Aufbau von Humus. Schafe – sie müssen klein genug sein, um keinen Schaden anzurichten – fressen im Frühjahr auch die Seitentriebe an den Stämmen und erledigen so einen Arbeitsgang des Winzers.« Wenn man sie richtig einsetzt, können Schafe sogar die Entblätterung der Traubenzone übernehmen.

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© Foto: Sonja Korspeter


Allerdings machen Tiere auch eine Menge Arbeit, denn sie müssen eingezäunt und immer wieder umgetrieben werden. Hühner brauchen Schutz vor Raubtieren, Eier und Fleisch müssen vermarktet werden. Es gilt also abzuwägen, ob und welche Tiere gehalten werden. Mehr Arbeit machen auch die Pflege von Obstbäumen und Hecken oder die Anlage von Gemüsekulturen zwischen den Rebreihen. Die Befahrbarkeit des Rebbergs wird unter Umständen eingeschränkt.
Betrachtet man die Verbesserung der Biodiversität unter rein ökonomischen Gesichtspunkten, so rechnen sich Obstbäume, Hecken, Tiere, Aromakräuter und Salat als Begleitpflanzen heute sicherlich nicht. Doch wer als Winzer Nachhaltigkeit, Ressourcenschutz und lebendige Natur­räume für ebenso wichtig erachtet wie eine hohe Weinqualität, sollte über die geschilderten Maß­nahmen nachdenken. Der Aufwand für den Pflanzenschutz lässt sich deutlich senken, und das Arbeitsumfeld wird attraktiver, wenn statt endloser Reihen in Monokultur vielfältige Weingärten mit Bienengesumm, bunten Blüten und schattigen Pausenplätzchen entstehen. •


Sonja Korspeter (40) studierte Soziologie und ist freie Journalistin. Aktuell baut sie eine Internetseite für den Austausch bäuerlichen Erfahrungswissens auf. www.terrABC.org

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