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Selbstversorgung in steilem Gelände

Gelebte Permakultur auf dem Innergreinhof in Osttirol.

von Petra Krubeck , erschienen in 36/2016

Ein steiler Osthang in über 1000 Metern Höhe – die Ausgangsbedingungen auf Margit und Sepp Brunners Bergbauernhof sind nicht die besten. Doch haben sie dank intensiver Planung ein beispielhaftes Permakultursystem geschaffen, das ihrer Familie ein gutes, einfaches Leben ermöglicht.

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© Foto: Petra Krubeck

Immer wenn ich mich mit Menschen aus Österreich über Permakultur unterhalte und sie nach guten Projekten frage, sprechen sie begeistert von den Brunners und ihrem Hof – und fragen dann, ob ich nicht deren Buch kenne. So will ich es genauer wissen – und vor allem: sehen – und buche den fünftägigen Kurs »Permakultur kompakt«. Anfang August mache ich mich auf den Weg vom Rheinland in Richtung Osttirol. Das sind rund eintausend Kilometer und genauso viele Höhenmeter – ein Anstieg von 85 auf 1085 Meter. Hier lebt, wenige Kilometer von Oberlienz entfernt, das Ehepaar Brunner auf dem Innergreinhof.
Kaum angekommen, werde ich von Margit und Sepp Brunner herzlich willkommen geheißen und gleich zum Mittagstisch geführt; die Hausherrin kocht hier Ost­tiroler Spezialitäten mit Zutaten aus dem eigenen Garten. Nach dem ersten Bissen ist klar: Diese Woche wird mindestens in kulinarischer Hinsicht ein Genuss!
Die Arbeitsteilung auf dem Hof bezeichnen die beiden selbst als klassisch. Margit kümmert sich um Küche und Haushalt. Das umfasst die Zubereitung der Mahlzeiten, die Verarbeitung von Obst, Gemüse und Milch, die Saatguterzeugung, Pflanzenanzucht und die Ernte im Gemüsegarten. Sepp versorgt die Rinder, kümmert sich ums Brennholz und die Pflanzenkläranlage, um Forstwirtschaft, Heugewinnung, Kompost, Bodenqualität, Instandhaltung von Haus und Hof; außerdem übernimmt er den Hauptanteil an den Permakulturkursen.
Der Hof umfasst drei Hektar Acker an einem steilen Berghang und zwei Hektar Wald, der allerdings vor wenigen Jahren bei einem schweren Unwetter komplett zerstört wurde und wieder aufgeforstet wird. Das Gelände ist nach Ost–Nordost ausgerichtet. Jeder Landwirtschaftsberater würde bei dieser Hofgröße und Lage abwinken und sagen, dass das nicht zum Leben reiche. Doch die Brunners leben gut von diesen Flächen.
Sepp Brunner versteht den Hof als Selbstversorgerhof mit Permakultur. Die Permakultur dient ihm als Werkzeug für eine gute Planung, und diese bekommen wir im Großen wie im Detail gezeigt. Der Innergreinof ist ein äußerst genau geplantes System, adaptiert an das Mikroklima in den Alpen und abgestimmt auf die Bedürfnisse seiner Bewohner. Kein Arbeitsschritt und kein Kraut sind hier dem Zufall überlassen, sondern alles steht in Wechselwirkung miteinander.
Der Hof wurde freilich nicht immer so genutzt wie heute. Bei der Übernahme war Sepp hauptberuflich als Landschaftsgärtner tätig. Der ständige Wechsel zwischen bezahlter Berufstätigkeit und der Berghof-­Bewirtschaftung im Nebenerwerb wurde zur wachsenden Belastung. Vor mehr als zehn Jahren war es dann so weit: Er hängte den Beruf an den Nagel, um sich ganz dem Hof zu widmen – obwohl anfangs unklar war, wovon die Familie mit drei Kindern ­leben sollte. Doch endlich hatte er den Kopf frei, um das System Berghof so zu planen, dass die ganze Familie davon ein gutes Leben führen konnte. Die beiden Standbeine, die sich dafür herauskristallisiert haben, sind der Selbstversorgergarten sowie die Permakulturschule mit dem kleinen Seminarbetrieb.

Geplant fürs gute Leben
Das Herzstück der Selbstversorgung ist der am Steilhang liegende, terrassierte Obst- und Gemüsegarten, der nach Abzug der Flächen für die Wege rund 600 Quadratmeter umfasst. Dieses Stück Land ernährt Margit und Sepp Brunner, dazu die vierköpfige Familie der Tochter sowie über den Sommer alle vier Wochen jeweils rund 15 Kursteilnehmerinnen.
Neben dem Garten gibt es ein kleines Feld mit Mais für Polenta. Ein bis zwei Kälber sorgen für Fleisch, ein bis zwei Milchkühe liefern den Rohstoff für Butter, Sahne, Käse und Topfen (Quark), und einige Hühner sorgen für das tägliche Frühstücksei. Der Selbstversorgungsgrad in Bezug auf Lebensmittel liegt bei 100 Prozent für Fleisch, Milchprodukte, Eier und Gemüse und bei 80 Prozent für Obst. Alles andere, etwa Getreide, wird im Ort gekauft.
Die für die Selbstversorgung notwendigen Tätigkeiten erledigt das Ehepaar im Jahreszyklus selbst. Beim Gemüse bedeutet das: Saatgutgewinnung und -lagerung; Aussaat; Vereinzelung; Einpflanzen ins Beet; Kultivieren; Ernten; Haltbarmachung durch Trocknen, Lagern, Einkochen und Einlegen; außerdem die Herstellung der Aussaaterde, die Unterstützung des Bodenlebens, das Anlegen der Terrassen und Wege am Hang. Beim Obst ist es ähnlich, hier kommen das Beschneiden der Bäume und Sträucher sowie die Veredelung hinzu. Nicht zu vergessen sind die Betreuung des Kalbs, das Melken der Kuh, die fast tägliche Weiterverarbeitung der Milch sowie die Heugewinnung für die Winterzeit. Das Brennholz für Herd und Heizung muss gemacht werden, die Werkzeuge wollen gewartet werden – und dann gibt es noch die üblichen Kleinigkeiten, die auf einem Hof so anfallen.
Für den Start ins Gartenjahr ist die Herstellung der Erde für die Aussaat und fürs Umtopfen unerlässlich. Für Sepp ist das eine herrliche Wintertätigkeit, bei der über 14 Tage hinweg rund 1000 Liter Aussaaterde produziert werden. Dafür nimmt man drei Jahre alten Kompost, der sich anfühlen muss wie Kaffeepulver. Dieser wird zum Sterilisieren in einen alten Dampfentsafter aus Aluminium gegeben und auf dem Holzherd in der Küche auf 75° C erhitzt, um unerwünschtes keimfähiges Saatgut abzutöten. Nach dem Abkühlen mischt man in einer Schubkarre 10 bis 20 Volumenprozent Holzkohle und 10 Prozent Steinmehl bei.
Der Kurs lebt von diesem Praxisbezug, den vielen Übungen und praktischen Tipps.

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© Foto: Petra Krubeck


Im Gemüsegarten fallen auch größere Arbeiten an, etwa die Instandhaltung der Terrassen. Die Terrassierung ist notwendig, da man in einem so steilen Gelände zum einen nicht gut stehen und arbeiten könnte, zum anderen Regen und Schnee zu viel Schaden anrichten und den mühevoll aufgebauten Humus samt Pflanzen fortspülen würden. Die Wege sind sowohl bergaufwärts als auch bergabwärts mit knapp kniehohen Befestigungen versehen. Hierzu ist jeweils in einem Abstand von etwa einem Meter ein Pflock tief in die Erde geschlagen, dazwischen liegen Bretter. So entstehen langgestreckte Beete quer zum Hang, die etwa anderthalb Meter breite, aufsteigende Flächen aufweisen. Durch die Hangneigung kann man diese Flächen leicht bearbeiten und überschauen. Jährlich wird geprüft, ob einzelne Pflöcke oder Bretter ausgetauscht werden müssen; alle acht bis zehn Jahre wird alles in einem mehrwöchigen Kraftakt komplett erneuert. Das Bauholz dafür kommt wie das Brennholz aus dem eigenen Wald.
Überall im Gemüsegarten verteilt stehen Obstbäume – nicht zu viele, so dass sie dem Gemüse nicht die Sonne nehmen, aber genug, um die nützlichen Aspekte der Bäume, wie Schatten im Hochsommer und Bergbefestigung durch die Wurzeln, zu sichern. Ein Teil des Gartens hat weniger bis keine Bäume, da hier vor allem die sonnenliebenden mehrjährigen Kräuter und Gewürzpflanzen stehen.

Planwirtschaft
Den Winter über wird – auf Grundlage der Pläne aus den vorherigen Jahren – ein detaillierter Pflanzplan erstellt, so dass die notwendigen Fruchtfolgen auf den Gemüse­beeten eingehalten werden. Früh im Jahr beginnt dann die Anzucht der verschiedenen Gemüsesorten in einem kleinen Gewächshaus, bis sie in die Beete gesetzt werden können. Die Planung der Aussaat erfolgt zum einen genau auf die Permakulturkurse abgestimmt, so dass immer ausreichend frisches Gemüse, wie Salat oder Radieschen, punktgenau reif wird. Zum anderen geschieht es auch in Hinblick auf die Einlagerung in der Winterzeit und auf die Reifezeit der Samen zur Saatgutgewinnung für das Folgejahr. Den Sommer über widmet sich Margit Brunner täglich morgens ab fünf Uhr zwei Stunden lang der Ernte, Nachpflanzung und Pflege.
Ich verstehe immer mehr: Dies ist ein ausgetüfteltes System, das auf jahrelanger Erfahrung mit den lokalen Gegebenheiten und den verschiedensten Pflanzen beruht.
Mit den Kursen, in denen Margit und Sepp Brunner mit Herzblut ­Permakultur vermitteln, nehmen sie das über die Selbstversorgung hinaus notwendige Geld ein. Sie achten aber darauf, dass der Seminarbetrieb nicht zum Selbstzweck wird, sondern sich in das eigene Leben einfügt. Dies, so erzählt Sepp, sei auch der Grund, warum nur rund acht Seminare pro Jahr stattfänden.
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© Foto: Petra Krubeck


Zwar wäre die Nachfrage durchaus größer, doch das Ziel der Permakulturschule sei für sie nicht Reichtum, sondern lediglich ein gutes Auskommen. Überdies könnten sie die Teilnehmer bei der jetzigen Kurszahl noch als Persönlichkeiten wahrnehmen, auf jeden eingehen, jede in ihren Stärken bestätigen und zu neuen Denkweisen anregen. Nur wenn nach jedem Kurs wieder drei oder vier Wochen Zeit für die persönliche und gemeinsame Entwicklung bestehe, sei es für sie möglich, die Besucher herzlich zu betreuen.
Da kommt bei mir schnell die Frage auf, ob sie nicht auf manche Dinge verzichten müssen. Sepp Brunner antwortet mit dem Beispiel Auto: Sie hätten ihres schon vor Jahren abgeschafft und erledigten seither alle notwendigen Einkäufe und Besuche im Umkreis von 25 Kilometern mit dem Fahrrad bzw. seit einem Jahr mit dem E-Bike. So sparten sie nicht nur die direkten Kosten für ein Auto – Anschaffung, Benzin, Instandhaltung, und Versicherung – sondern kämen vor allem nicht mehr in Versuchung, mal schnell bei einem Angebot – beispielsweise im Baumarkt – zuzuschlagen. Allein der Gedanke, den Einkauf den steilen Berg hochzuschleppen, erklärt Sepp Brunner lachend, ließe die Verlockung jedes Angebots stark verblassen. In Urlaub führen sie sowieso nicht, und falls man mal weiter weg müsse, dann böte sich die Bahnstation im Ort an. Somit sei für ihn das Leben ohne Auto kein Verzicht, sondern letztlich eine konsequente Umsetzung eines nachhaltigen und einfachen Lebensstils.
Immer wieder verdeutlicht Sepp das Gesagte mit lebhaften Bildern voller Humor und Wahrheit: »Wir Permakulturisten sollten sein wie ein Teebeutel: Der Beutel zeigt, da steckt guter Tee, gute Qualität drin; der Faden zeigt, er ist gut zu handhaben; und der Papierschnipsel sagt, wer ich bin.« Das sind Bilder, die ich in Erinnerung behalte.

Die Permakulturbewegung erden
Was Sepp bei der Vermittlung vor allem am Herzen liegt: Permakultur solle als Koffer voller Werkzeuge und Möglichkeiten verstanden werden, die dazu dienen, das eigene Leben zu planen und eine Existenz aufzubauen. In der Permakultur gehe es primär nicht um einzelne Gartenelemente, sondern um die systemische, ganzheitliche Planung. Plastisch erläutert er dies an den »drei heiligen Kühen der Permakultur« – Kräuterspirale, Pizzaofen und Kompostklo: »So viel Ökoscheißen auf dem Kompostklo können wir nicht, um einen Flug nach New York zu kompensieren«, bringt er unseren westlichen Konsum auf den Punkt.
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© Foto: Petra Krubeck

Über die Kursinhalte hinaus interessieren mich als Permakulturdesignerin seine Gedanken und Visionen zur Permakultur als Bewegung für eine nachhaltige Zukunft. Sepp glaubt, dass zahlreiche Projekte scheitern, weil viele Permakulturisten keine Wurzeln hätten; wie Nomaden zögen sie von einem Projekt zum anderen – egal, ob diese Projekte real oder nur in ihrem Kopf existierten. Aus diesem Grund mangele es noch an Kristallisationspunkten, die erfolgreiche Permakulturgeschichten zeigen. Nach 30 Jahren könnte die Bewegung eigentlich weiter sein; es passiere noch immer zu viel »Kopfpermakultur«. Irgendwann müsse jeder die Entscheidung treffen: »Hier will ich meine Wurzeln hineintreiben.« Wenn wir dann all die permakulturelle Planungsenergie etwa in kleine Grundstücke hineinfließen ließen, ergäbe sich eine Landschaft voller permakultureller »Hotspots« – die Permakultur wäre ein Renner, da ist sich Sepp Brunner sicher.
Der Innergreinhof gehört zu den wenigen mir bekannten Leuchtturmprojekten, die permakulturelles Leben mit allen Sinnen erfahrbar machen. Mit Sepp und Margit Brunner stehen nicht nur Bergbauern mit umfassendem Wissen über Selbstversorgung vor uns, sondern zwei Menschen, die die permakulturelle Vorgehensweise verinnerlicht und ihren eigenen Stil gefunden haben. Sie leben uns ein authentisches Beispiel für eine nachhaltige Zukunft vor. •


Petra Krubeck (52) lebt und arbeitet im Großraum Köln/Bonn. Seit 2012 ist sie Permakultur-Designerin und engagiert sich im deutschen Permakultur Verein.

Hofbesuch per Buch:
Permakultur für alle. Harmonisch leben und einfach gärtnern im Einklang mit der Natur, Sepp und Margit Brunner, ­Löwenzahn Verlag, 2007

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