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Macht Schenken glücklich?

Wie Gemeinschaften Crowdfunding nutzen, um Bauprojekte oder ­der Kauf einer Immobilie zu finanzieren, und was mögliche Gründe für den unterschiedlichen Erfolg der Aktionen sein können.

von Rüdiger Sinn , erschienen in 36/2016

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Auf Crowdfunding – frei übersetzt »Schwarmfinanzierung« – setzen viele Initiativen derzeit, um das nötige Geld für ihre Projekte aufzutreiben. Ob Café, Hofkauf oder Bauprojekt: Kreative, witzige und zugleich informative Spendenkampagnen finden sich auf diversen Internetplattformen. Ich wollte wissen, wie Gemeinschaften diese Möglichkeit der Geldbeschaffung für sich nutzen, und so begab ich mich auf eine intensive Forschungsreise.
»Die Erde gehört uns nicht … / Land freikaufen, Zukunftsmodelle bauen«, steht da als Filmtitel, während im Hintergrund in einer tief verschneiten Landschaft Menschen im Schnee umhertollen und sich dabei sichtlich wohlfühlen. So werben auf der Crowdfunding-Plattform »Betterplace« die Menschen des Haslachhofs am Bodensee um Schenkgeld zur Finanzierung ihrer Gemeinschafts-Immobilie.
Mehr als 100 Plattformen für Schwarmfinanzierungen sind im deutschsprachigen Raum zu finden. Das ­Informationsportal Crowdfunding.de unterscheidet klassische Crowdfunding-Plattformen (z. B. »Startnext.com« – für Kreative, Erfinder und Gründer), regionale Plattformen (z. B. »Crowdfunding-Berlin.com«), Spenden-Crowdfunding-Plattformen (z. B. »­Betterplace.org«, die vor allem gemeinnützigen Projekten ein Forum bietet und Spenden steuerlich absetzbar macht) sowie Investment-Plattformen (sogenanntes Crowdinvesting).

Eine Revolution von unten?
Eine neue Kultur des Schenkens?

Mit dem Crowdinvesting sind allerdings Tendenzen aufgekommen, die die Grundidee ad absurdum führen, denn beim »Crowd-Invest« geht es darum, dass die Geldgeber eine Rendite erwirtschaften. »Profitieren auch Sie von der Immobilien-Wertsteigerung in Deutschland«, wirbt beispielsweise die Internetseite Zinsland.de.
Die Crowdfunding-Pioniere traten hingegen an, um ­Menschen die Möglichkeit zu bieten, etwas Ungewöhnliches zu beginnen, auch wenn ihnen zunächst das nötige Grundkapital fehlt. So schrieb 2008 die Initiative »Indigogo.com«: »Seit Jahrhunderten kontrollierte eine kleine Mehrheit den Zugriff auf Finanzmittel. Indiegogo wurde mit dem Ziel ins Leben gerufen, den Finanzierungsprozess für kreative, unternehmerische und gute Zwecke von Grund auf zu revolutionieren.« Revolution von unten also – und es funktionierte: So sind bei Betterplace seit 2007 über 20 Millionen Euro für soziale Projekte zusammengekommen, und die Bundesgründerinnenagentur des Bundeswirtschaftsministeriums schreibt, dass allein in den ersten neun Monaten des Jahrs 2014 auf deutschen Plattformen 6,3 Millio­nen Euro an Spendengeldern durch Crowdfunding eingegangen waren. So entsteht auch eine neue Kultur des Schenkens mit krea­tiven Seiten im Netz. »Zeit schenken, statt Zeug« lautet etwa der Slogan einer gleichnamigen Internetseite. Dass Schenken tatsächlich glücklich macht, zeigte schon 2008 eine Studie mit dem Titel »Spending Money on Others Promotes ­Happiness«.
Schenken macht glücklich – das weiß auch Freddy Orazem, der das Gemeinschaftsprojekt »Leben im Klosterhof« in Kirchheim vor­anbringen möchte. Rund 20 Menschen sind dort aktiv engagiert, um ein Wohnprojekt zu verwirklichen, das sich in der Gründungsphase befindet. Das Crowdfunding soll dazu dienen, die Vorlaufkosten zu decken. »Allerdings ist das kein Selbstläufer«, berichtet Freddy Orazem, der die Schwarmfinanzierung betreut und dafür die Plattform Betterplace gewählt hat. Über den Newsletter und einen Adressenpool wurde die Informationen zum Spendenbedarf weitergetragen. Gespendet hätten zumeist Menschen, die bei dem Projekt dabei sein wollen; andere täten sich schwer damit. »Die effektivste Form, Menschen zu erreichen, ist nach meiner Erfahrung der persönliche Kontakt«, sagt Orazem.

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Mit Crowdfunding zum Earthship
Die Gemeinschaft Schloss Tempelhof ist als Großprojekt bekannt; sie hat erst kürzlich mit Crowdfunding begonnen. Ein »Earthship« – ein Gebäude, das in Sachen Wasser-, Energie- und Wärmeversorgung weitestgehend autark funktioniert – sollte auf dem Gelände in der Gemeinschaft gebaut werden (siehe Artikel ab Seite 50). Insgesamt musste hierfür die stattliche Summe von 298 500 Euro aufgebracht werden. Die Kalkulation sah eine Misch­finanzierung aus Eigenkapital, Direktkrediten und Spenden vor. Das Projekt ist auf der Plattform Betterplace.org zu finden. Dort wird das Projekt erklärt, ein kurzer Film zeigt die zukünftigen Bewohnerinnen, und die Buttons zum Online-Spenden sind nur einen Klick entfernt.
Zum Crowdfunding-Gesamtpaket für das Earthship-Projekt wurde zudem eine Facebook-Seite eingerichtet. Über Mails ­hatten die Schwarmfinanzierungs-Koordinatoren Stefanie Raysz und ­Roman Huber die Netzwerke von Schloss Tempelhof bedient und direkt mit möglichen Spendern gesprochen. Diese Netzwerkarbeit hat sich gelohnt: Immerhin sind knapp 90 000 Euro von den angestrebten 95 000 Euro in relativ kurzer Zeit finanziert worden. Dank der Großzügigkeit vieler konnten die Bauarbeiten planungsgerecht beginnen.

Das Geld floss nicht, es tröpfelte nur
Einfach war die Crowdfunding-Aktion allerdings auch hier nicht. »Über sechs bis acht Wochen mussten wir ständig dranbleiben«, erzählt Stefanie Raysz. »Die Bereitschaft, das Projekt zu unterstützen, war auf der emotionalen Ebene sehr groß. Immer wieder wurden wir angespornt, weiterzumachen – monetär war es dennoch schwierig.« Das Geld floss nicht, es tröpfelte nur. Viel Unterstützung kam aus dem eigenen Newsletter-Verteiler, und hier trafen schließlich auch größere Beträge ein.
Trotz des fehlenden Restbetrags konnte der Earthship-Bau begonnen werden. Zum angestrebten Bezug bis Weihnachten reichte es allerdings nicht, so dass die Baustelle momentan einen Winterschlaf hält. Im Frühjahr soll das Gebäude dann mit gespendeter Freiwilligen-Arbeit fertiggestellt werden.
Wird bei dem Tempelhofer Projekt rund ein Drittel der Summe über Crowdfunding finanziert, so haben es kleinere Initiativen mit einem entsprechend kleineren sozialen Umfeld deutlich schwerer. »Leben in Lauf« heißt der Verein, der im fränkischen Lauf an der Pegnitz ein Gemeinschaftsprojekt initiieren möchte. Die Summe, die über eine Schwarmfinanzierungsaktion hereinkam, ist überschaubar – nicht zuletzt deshalb, weil die Sache nicht besonders stark beworben wurde. »Immerhin haben mehrere Personen in diesem Zug ihre Mitarbeit erklärt«, erzählt Erich Derks, der Vorstand des Vereins. Seine Erfahrung: »Wenn die Menschen spenden, dann für ganz konkrete Dinge, wie zum Beispiel die Finanzierung unserer Internetseite.«
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Den Interessierten zum Spender machen
Ortswechsel: Zurück zum Haslachhof, wo es Spätsommer geworden ist. Kinder tollen umher, in der Küche gackern Hühner, und überall wird emsig gewerkelt. Die zwölf Erwachsenen, die derzeit hier leben, konnten zu Pfingsten durchatmen, denn da konnten sie den Hof endlich kaufen. Es hat also geklappt mit der ­Finanzierung, die sich aus Direktkrediten, einem Kredit der GLS-Bank sowie aus Spenden zusammensetzt. Die Gemeinschaft hatte sich für Deutschlands größte Crowdfunding-Plattform Betterplace entschieden, denn diese legt ihre Geschäftsberichte im Netz offen und finanziert sich über Spenden und Förderer.
Dennoch: Obwohl Schenken doch so glücklich macht, will der potenzielle Schenker erst einmal gewonnen werden. Crowdfunding will also gelernt sein: »›Sympathischer Film, sympathische Menschen‹ – so klangen die Rückmeldungen auf unseren Clip«, erinnert sich Martina Volkmann vom Haslachhof und resümiert: »Aber den tieferen Sinn unserer Vision konnten wir damit nicht umfassend abbilden. Wir hätten die vielschichtigen Gründe, weshalb so ein Projekt Sinn stiftet und unterstützenswert ist, noch besser herausarbeiten sollen.«
Eine Gemeinschaft an ein Netz von vielen zu knüpfen und damit unabhängiger von den Einflüssen einzelner zu machen, das erschien den Projektgründerinnen naheliegend. »Wenn viele Menschen unsere Idee mittragen, gibt das Kraft und Bedeutung«, sagt Katharina Philipp und meint damit auch den ideellen Gehalt jenseits des Geldbetrags.
Das Projekt soll eine Anlaufstelle für Initiativen und Ideengeber in der Region werden. Die ersten Seminare, die den Hof mit Leben füllen, gab es schon in diesem Sommer. »Wir werden teilen«, ist Martina Volkmann überzeugt. »Angefangen von materiellen Dingen über gesammeltes Wissen und Know-how bis hin zur Zusammenarbeit im täglichen Tun und wechselseitiger Kinderbetreuung. Dass der Hof von vielen Menschen mit großen und kleinen Beträgen finanziert wurde, passt da sehr gut dazu.« Nach dem Motto »Steter Tropfen höhlt den Stein« wurde zunächst die Crowdfunding-Seite verlinkt und über den großen Mailverteiler geschickt. Als der Film fertig war, gab es eine Erinnerungsmail, und schließlich sprachen die Gemeinschaftsgründer auch Menschen in ihrem nahen Umfeld an. Mit dieser Strategie hat Katharina Phillip gute Erfahrungen gemacht. »Empowered Fundraising« nennt die 25-Jährige diese Gespräche, die sie von dem Australier John Croft gelernt hat. »Der potenzielle Spender soll im Gespräch ein Gefühl dafür bekommen, wie hoch der Betrag ist, den er mit ganzem Herzen schenken kann. Dabei geht es weniger um die eigentliche Höhe des Betrags, als um die Beziehung und das Dabeisein von Herzen. Ein so aufgebauter Unterstützerkreis gibt unserem Projekt auch später noch Kraft.« Größtmögliche Transparenz und Informationen über das Projekt sowie viel Vertrauen seien dafür nötig, aber auch das Einholen einer verbindlichen Zusage. So hat Katharina sich auferlegt, den möglichen Spender nach einer Woche noch einmal an seine Zusage zu erinnern. Durch die Frage im Erstgespräch, ob sie ihn bei Nichteinhaltung nochmals ansprechen darf, muss dies auch nicht übergriffig wirken.
Obgleich es nun schon einige Projekte gibt, die von der Gemeinschaftsszene durch Crowdfunding finanziert wurden, ist die Idee immer noch relativ neu – »wohl auch deshalb, weil so ein Gemeinschaftskonzept komplex und schwierig zu erklären ist und viele Fragen aufwirft«, vermutet Joachim Lang. Der Physiker hat Erfahrung mit alternativen Wohn- und Lebensformen – er hat die Haslachhof-Gemeinschaft mit aufgebaut. »Meine Wahrnehmung war, dass Menschen, die für den Kauf des Hofs spenden wollten, ganz konkret nachgefragt haben, was mit dem Geld gemacht wird und ob wir gemeinnützig sind.« Beim Kauf der Immobilie benötigte der gemeinnützige Verein zunächst Geld zum Kauf von 4,5 Hektar Land. Das Land gehört also dem gemeinnützigen Verein. Das Leben in Gemeinschaft ist allerdings – dem Vereinsrecht nach – bislang nicht als gemeinnützig anerkannt. Die Gemeinschaftsgründerinnen und -gründer mussten hier also genau trennen.
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Was ist die richtige Strategie?
Die Strategien beim Fundraising sind entsprechend den Projektzielen ganz unterschiedlich. Für Menschen, denen eine andere Wirtschaftsordnung am Herzen liegt, ist klar, dass zum Beispiel Crowd-Invest-Plattformen nicht in die Zeit des Wandels passen. Wenn es um den guten Zweck geht, dann trennen sich schnell die Projekte, die sich beispielsweise um Flüchtlingshilfe drehen und bei denen man spenden kann, von denen, die »Kapitalfreunde« oder »Renditefokus« heißen, bei denen man investiert und die erstaunlich oft in der Immobilienbranche zu Hause sind.
Crowdfunding passt meiner Meinung nach gut zu Gemeinschaftsprojekten – allerdings auch nur dann, wenn das Projekt transparent und gemeinwohlorientiert agiert. Wenn es nur darum geht, anderen Menschen »billigen« Wohnraum zu finanzieren, werden Spender stutzig und hinterfragen den Sinn der Aktion. Die hinter dem Projekt stehende Idee sollte also möglichst nachvollziehbar und transparent gemacht werden, um auch kritische Menschen zu überzeugen. Außerdem fällt den Menschen das Spenden leichter, wenn die zu erzielende Spendensumme nicht unerreichbar hoch erscheint und wenn konkrete Dinge damit finanziert werden. Um einen möglichst großen Adressatenkreis zu erreichen, ist der Zugriff auf ein umfangreiches Netzwerk von Vorteil. Schließlich sollte man die Aktion wieder­holen; das bringt die nötige Aufmerksamkeit. Professionelle Auftritte erfahren mehr Beachtung, und das Vertrauen steigt, wenn die Spender wissen, dass das Geld auch wirklich dort ankommt, wo man es möchte. Eine schöne Geste ist zum Beispiel, sich bei den Spendern mit einem Brief zu bedanken oder sie zu einem Dankesfest einzuladen.
Crowdfunding im weitesten Sinn kann auch bedeuten, andere mit seiner Arbeitskraft zu unterstützen. Beim gemeinsamen Handanlegen können sich auch Menschen mit wenigen finanziellen Mitteln einbringen. So entsteht – ganz nebenbei – auch Gemeinschaft! •


Rüdiger Sinn (44), gelernter Schreiner, Grund- und Hauptschullehrer, ist Redakteur einer Fachzeitschrift im Holzbau. Er lebt seit August 2015 in der Haslachhofgemeinschaft.

Von den Geldsammel-Erfahrungen anderer profitieren:
Die Projekte:
www.gemeinschaft-leben-lauf.de
www.gemeinschaft-haslachhof.de
www.earthship-tempelhof.de
www.gemeinschaft-klosterhof.de
Crowdfunding:
www.betterplace.org
www.startnext.com
www.indiegogo.com
www.zeit-statt-zeug.de

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