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Ein halbes Jahr auf Wanderuni

von Fritzi, Pia, Emil, Tobias, Fiona, Markus , erschienen in 36/2016

Schulabschluss – und was dann? Ein Studium beginnen – oder zumindest eine Ausbildung. Ohne Atempause. Und dann?
Ab in die Arbeitswelt, Karriere machen, eine Familie gründen?
Sechs Monate, sechs Menschen, die sich Zeit lassen.

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© Foto: Markus Nischik/ www.wanderuni.de

Die gesellschaftlichen Anforderungen an unsere Generation sind hoch. Wo bleibt da Zeit für uns selbst – für eine tiefgehende Lebens­erfahrung? Die Sehnsucht, das Leben bewusster und freier zu gestalten, und die Suche nach dem, was uns wirklich erfüllt, hat uns zusammengebracht: sechs Menschen zwischen 20 und 26 Jahren. Wir gründeten die »Wanderuni«. Im Selbstversuch wollten wir erproben, ob sich Reisen mit eigenverantwortlichem Lernen und mit einem Leben in Gemeinschaft verbinden lässt. Wir hatten Erwartungen ausgetauscht, gemeinsame Themen herausgearbeitet und Referenten, Orte und Möglichkeiten gefunden, um diese anzugehen. Auch individuelle Lernthemen hatten wir gefunden und uns persönliche und gemeinsame Lernstrukturen ausgedacht. Auf unserem Gang sollten jene Ressourcen, die in den meisten Bildungseinrichtungen zu kurz kommen, im Vordergrund stehen: soziales Miteinander, Eigenverantwortung und Selbsterfahrung. Jeder von uns erzählt im Folgenden von einem der spannenden Monate.

 

Erster Monat: April – Emil
Endlich geht es los! Schon vor zwei Jahren, als ich mit der Bildungsbewegung »Funkenflieger« nach Berlin wanderte, war in mir die Idee von der Wanderuni entstanden. »Könnte ich nicht weiterhin auf diese Weise lernend unterwegs sein?«, fragte ich mich und erträumte große Visionen: ein deutschlandweites Wanderuni-Netzwerk, bestehend aus vielfältigen Lernorten und Wanderstudenten, die sich umherziehend ihren Themen widmen. Im Vorfeld unserer Wanderung hatte ich mich an vier Wochenenden mit Menschen über die Planung einer Lernreise ausgetauscht, über Erwartungen, Hoffnungen, aber auch die Ängste. Wir fanden schnell heraus, welche Themen uns inter­essierten, aber nicht jeder wollte einen solch großen Schritt wagen und ganze sechs Monate unterwegs sein. Es gab viel Fluktuation, und zwischenzeitlich war nicht klar, ob das Projekt wirklich zustandekommen würde – bis wir sechs uns letzlich für ein klares »Ja« entschieden. Dennoch kommen mir am ersten Tag starke Zweifel. Halte ich es aus, sechs Monate mit einer Gruppe unterwegs zu sein? Während unseres ersten Workshops im Elztal zu Gewaltfreier Kommunikation (GfK) findet sich der Raum, meine Sorgen mit den anderen zu teilen. Eine Woche bleibe ich noch am Ort, um mich selbst zu ordnen, während die Gruppe weiterzieht.

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Zweiter Monat: Mai – Fritzi
Wir begegnen vielen herzlichen Menschen und werden immer wieder von großzügiger Gastfreundschaft überrascht. Man gewährt uns Obdach, mal in einer alten Schule, einer Scheune oder in einem Pfarrhaus. Brot wird uns geschenkt, und wir werden zum Essen eingeladen. Durch Erzählungen über unser Projekt oder kleine Arbeitsverrichtungen versuchen wir, etwas zurückzugeben.
Ich spüre, dass mich die Langsamkeit des Wanderns in meine Mitte bringt. Das Aufstehen und Schlafengehen und die täglichen zwei Mahlzeiten werden zu Ankerpunkten, denn feste Termine in den Tagen gibt es kaum. Ich weiß nicht, was mich als nächstes erwartet, und fühle mich dadurch viel stärker mit dem Hier und Jetzt verbunden. In einem kleinen Selbstversuch reizen wir diese ­Erfahrung noch weiter aus: Eine ­Woche lang verbannen wir die Uhren, Handys und Landkarten in die hintersten Winkel unserer Rucksäcke und richten uns einzig nach den Rhythmen und Hinweisen aus unserer jeweiligen Umgebung.
Zugleich experimentiere ich mit den Formen meines Gehens. Manchmal wandere ich so leise und aufmerksam wie möglich, ohne etwas Bestimmtes zu fokussieren, und will alles auf einmal wahrnehmen: Landschaften, Bewegungen, Geräusche, Windstöße. Ich möchte nur beobachten, ohne zu bewerten. Dann wieder laufe ich wild und laut, singend und mit den Armen schwingend, später wieder verträumt, in mich gekehrt, während ich meinen Körper beobachte und dabei lerne, ihn besser zu verstehen.

 

Dritter Monat: Juni – Tobias
Ich bin plötzlich ganz auf mich gestellt, denn wir haben beschlossen, uns für ein paar Tage zu trennen, um jeder und jedem Zeit für Besinnung, Reflexion und ­Inspiration zu geben.
So selbstverständlich mir unser tägliches Zusammensein war – jetzt, auf meiner Wanderung alleine durch den Thüringer Wald, erkenne ich, wie besonders diese Reise für mich ist. Lange habe ich einen eher konventionellen Lebensstil aus einer Kombination von Soziologiestudium und Arbeit geführt und für all die Dinge des täglichen Bedarfs bezahlt – nun bin ich diesem Alltag vollständig entronnen: Mein Kopf ist frei von Verpflichtungen und Leistungsdruck, stattdessen führe ich hier ein Leben in vollkommener Einfachheit. Alles, was ich brauche, trage ich auf meinem ­Rücken. Mich mit Essen aus Abfallcontainern zu versorgen, das Trampen und die Suche nach einem sicheren Schlafplatz gehören zu meinen neuen täglichen Herausforderungen.
Beim Alleine-Unterwegssein erlebe ich immer wieder tiefe Einsamkeit. Anstrengende und schwierige Situationen tauchen auf, als wollten sie mir sagen: »Lerne endlich, dir selbst genug zu sein!« In einer regnerischen Nacht finde ich keine trockene Bleibe, in einer anderen ­bekomme ich es mitten im stockfinsteren Wald so richtig mit der Angst zu tun. Dennoch, an He­rausforderungen kann man wachsen, und so werde ich bewusster in meinem Handeln. Ich lerne, dass auf schwierige Situationen gute folgen, wie zum Beispiel die Familie, die mich so herzlich aufnimmt, als gehörte ich dazu – wobei ich von der Mutter erfahre, dass sie durch Knochenkrebs ihr Bein verloren und gerade über diese Erfahrung zu neuem Lebensmut gefunden hat. Ich bin zutiefst gerührt und spüre: Genau solche authen­tischen und schönen Begegnungen voller Menschlichkeit und tiefen Gesprächen geben mir Kraft. Dafür bin ich hier!

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© Foto: Markus Nischik/ www.wanderuni.de

Vierter Monat: Juli – Pia
Mit der Wanderuni hatte ich für mich genau das richtige Projekt mit den richtigen Menschen gefunden und dafür mein Studium auf Eis gelegt. Mit meiner neuen Wahlfamilie baue ich in den Werkstätten des Familienzentrums »FEZ« in Berlin ein Gefährt mit sechs Plätzen, einen Fahrradbus – bei dem jeder mittreten muss, aber die Hauptverantwortung an den Lenkenden abgibt.
Für die nächsten zwei Monate verändert dieses große, ungewöhnliche Fahrzeug die Art unseres Unterwegsseins erheblich. Wir kommen schneller voran, befahren Radwege oder Straßen, und die Menschen schenken uns noch mehr Aufmerksamkeit. Auf einmal steht in den täglichen Begegnungen unser Gefährt im Vordergrund, und es kostet manchmal Mühe, den Menschen zugleich unsere Wanderuni-Ziele zu vermitteln. Auch die interne Kommunikation verändert sich: Auf diesem Untersatz muss der einzelne dem gemeinsamen Vorankommen den Vorrang geben. Das kann einerseits befreiend sein, birgt aber auch Konfliktpotenzial. In langen Aussprachen diskutieren wir, wie die individuellen Bedürfnisse weiterhin berücksichtigt werden können.
Wir besuchen Orte, an denen Menschen ein bewusstes, verantwortungsvolles Leben erproben: Wagenplätze, Wohnprojekte und Gemeinschaften, zu denen oft Werkstätten, Gärten und Kompost-toiletten gehören. Spätestens als wir unsere Schlafsäcke im Oya-Dorf Klein ­Jasedow ausbreiten, stellt sich mir die Frage: Wie will ich mein Leben führen – auch nach der Wanderuni? Was ist mir wirklich wichtig? Es gibt in der Welt viel zu viel zu entdecken, als dass ich wieder in den »Normalalltag« zurückkehren will.

 

Fünfter Monat: August – Markus
Chcę się nauczyć polskiego – ich möchte gerne Polnisch lernen. So beginnt mein August an der polnischen Ostsee. Wir verbringen hier die längste Zeitspanne an einem Ort – rund zwei Wochen – und genießen die Möglichkeiten und Freiheiten, die diese kurze Sesshaftigkeit mit sich bringt. Wir schlafen an einer hohen Steilküste in einem Wald, der mich des Nachts mit seinen leuchtenden Pilzen magisch berührt. Tagsüber treffen wir uns zum Lernen. Derzeit erproben wir uns in Wahrnehmungs- und Bewusstseinsübungen.
Ich möchte noch mehr als sonst im Moment leben, Sandburgen bauen, ihrem Verfall zusehen und den Wellen lauschen. Eines Nachmittags schwimme ich zu ein paar Felsen, weit draußen im Meer, und vertraue dabei auf mein Glück. Doch nach wenigen Metern stellt sich meine Idee als waghalsig heraus. Der Wellengang ist zu hoch. Ich muss mich entscheiden. Vorzeitig zurückkehren oder es weiter riskieren und eventuell alles aufs Spiel setzen?
Es fällt mir sehr schwer, von meinem Ziel loszulassen. Als ich umkehre, merke ich erst, wie schwer es an diesem Tag ist, gegen die Übermacht des Meeres anzukämpfen. Endlich wieder Boden unter den Füßen, bleibe ich total erschöpft und überglücklich noch einige Zeit am Strand liegen. Wenn ich bisher auch nur wenig ­Polnisch sprechen kann, so habe ich doch meine äußersten Grenzen austesten können. Später werde ich in diesem Monat meine erste Bewerbung schreiben, während wir entlang der Neiße weiter und weiter nach Süden fahren.

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© Foto: Markus Nischik/ www.wanderuni.de

Sechster Monat: September – Fiona
Die Wanderuni neigt sich dem Ende zu. Auf einem alten Schwarzwaldhof präsentieren wir uns gegenseitig unsere Lernergebnisse, diskutieren, welche Gruppenstrukturen sich bewährt haben und wie sich die Beziehungen zwischen uns entwickeln konnten. Wir sprechen über Erfolge und ­Misserfolge unserer Reise – freuen uns und ­bedauern.
Einen runden Abschluss finden wir schließlich dort, wo unsere Reise begann: bei dem vom Herzen her denkenden GfK-Referenten im Elztal. Durch ihn kann ich endlich entdecken und wertschätzen, was und wie viel in unserer Mitte entstanden ist: Ein halbes Jahr lang haben wir uns tatsächlich als Gruppe und auch in unseren Einzelbeziehungen gegenseitig ­gehalten und angetrieben, um bis zum Ende durchzuhalten. ­Unsere bewusste Arbeit an der Gemeinschaftsbildung half, all unsere Reibungen und Auseinandersetzungen zu bestehen. Wir haben Verantwortung füreinander übernommen und ein »Wir« entwickelt, das auch den Raum für Ich-Besinnung und die Herausbildung von Selbstwirksamkeit ermöglicht hat.
Wir bemerken, dass die Einfachheit unseres Unterwegsseins und die Naturnähe unsere Intuition geschult haben, dass wir etwas Schönes auf intensivere und aufmerksamere Weise genießen als zuvor. Wir haben gelernt, die Geschenke des Lebens anzunehmen und wertzuschätzen, und wir entwickelten ein neues, wohltuendes Grundvertrauen in das Leben und die Menschen. Ganz gewiss –
es gibt immer einen Weg! Ja, es gab auch richtig anstrengende Abschnitte; oft mussten wir über den eigenen Schatten springen. Dennoch möchte ich kein einziges Erlebnis missen. Auch wenn wir nicht so viel Faktenwissen angehäuft haben wie in entsprechender Zeit in einer regulären Bildungseinrichtung – die wichtigen Erfahrungen unserer Reise hätte uns kein Klassenraum oder Hörsaal vermitteln können. Sie werden uns für unser ganzes Leben bereichern.

 

Ausblick
Im eigenen Zuhause angekommen, ist es für uns alle ein sonderbares Gefühl, nicht mehr Tag für Tag mit den vertrauten Mitstreitern unterwegs zu sein, sondern unsere Wege alleine weiterzugehen. Aber abgeschlossen ist die Wanderuni für uns damit keinesfalls! Erst recht geht es uns jetzt darum, das Gelernte auf alternativem Lern- und Lebensweg in die Tat umzusetzen – ob in Gemeinschaft oder auf weiteren Reisen, wird sich zeigen. In das alte Leben zurückkehren, das geht nicht, und das wollen wir nicht mehr!
Darüber hinaus möchten wir weitere junge Menschen inspirieren, sich auf ihren eigenen Weg zu machen: Bereits zwölf Inter­essenten kamen zum Planungstreffen im Lebenslernort »Mühle am See« in Heichelheim und begeisterten sich für die Wanderuni 2016. Auch der eine oder die andere von uns denkt über ein weiteres Wandersemester nach. •


Auch mal lernend der Wanderlust frönen?
www.wanderuni.de

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