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Wir kommen hilfsbereit zur Welt

Studien belegen die grundsätzliche ­Kooperationsfähigkeit des Menschen.

von Anke Caspar-Jürgens , erschienen in 36/2016

Wird mein Kind einmal ein »­guter« Mensch? Diese Sorge treibt viele Eltern um. Dabei kommen Kinder bereits so auf die Welt.

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Hin und wieder lasse ich mich vom Treiben der fünf Jüngsten meiner Wahlfamilie faszinieren. Zwischen einem und fünf Jahren alt, organisieren sie ihr Spiel, vertiefen sich darin hingebungsvoll, werden lautstark uneins, trösten sich mitfühlend und sorgen dann wieder – mit neuen Absprachen zur Gerechtigkeit – dafür, dass ihr Spiel weitergehen kann. Ein sich selbst regulierender, kleiner Kosmos. Hatten Sie, liebe Leserinnen und Leser, schon einmal die Gelegenheit, eine spielende Kindergruppe still zu begleiten?

Meist beobachte ich: Taucht ein großer Mensch auf, bemüht, das Spiel und die entstehenden Zwistigkeiten durch die Brille seiner Vorstellung von Ordnung und Gerechtigkeit zu regeln, verändert sich die Atmosphäre. Dann wird gequengelt, gestritten und geschrien. Woher sollten wir Großen heute auch wissen, wie Kinder »funktionieren«, wenn sie unter sich sind? In fremdorganisierte Gruppen aufgeteilt, leben sie in der Regel unter Gleichaltrigen in Krippen, Kindergärten und Schulen mit wenig Chancen, ausgleichende Erfahrungen mit menschlicher Vielfalt zu machen. So hält sich bei vielen von uns die Vorstellung, Kinder seien stur, egoistisch und unfähig, mit anderen zu teilen. Wir sind davon überzeugt, dass wir ihre Dinge zu regeln und Grenzen zu setzen hätten – eine Auffassung, die Generationen geprägt hat, auch mich.
Aber sind Kinder wirklich nur auf sich bezogen? Das untersuchen seit einigen Jahren die Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und in Jena, an der Universität Manchester und in der Yale-Universität in den USA anhand von Hunderten Experimenten. Was sie herausfanden, bringt das über Jahrhunderte gefestigte westliche Weltbild über das, was Kinder sind, was sie können oder auch nicht können, ins Wanken.

Frühe Prägungen
Viele Verhaltensweisen von Babys und Kleinkindern erklären sich durch Prägungen aus grauer Vorzeit. Es wurde zum Beispiel festgestellt, dass Babys nach dem Aufwachen zunächst mit sehr leisen Geräuschen und Bewegungen auf sich aufmerksam machen. Wenn nach etwa 20 Minuten noch keiner kommt, fühlen sie sich den Gefahren einer imaginären Wildnis schutzlos ausgeliefert und beginnen, verzweifelt zu schreien. Noch heute funktioniert ein Verhalten, das in prähistorischen Zeiten half, das Überleben unserer Spezies zu sichern.
Säuglinge können, noch bevor sie ein Wort verstehen, über den Ausdruck der Stimme erspüren, ob der Mensch es gut mit ihnen meint oder nicht – eine Fähigkeit, die bei uns »Kultivierten« oft verschüttet ist. Sie sind von Geburt an auf Kooperation gepolt, denn schon ab der sechsten Lebenswoche tauschen sie sich aktiv mit ihrem Gegenüber aus – sei es durch Lächeln, Berührung, Blicke oder Stimme. Mit neun Monaten können sie einen Dritten in ihre Kommunikation einbeziehen und starten damit ein weiteres angeborenes Verhalten, die Kooperation mit mehreren. In gewisser Weise sind sie schon im Mutterleib selbstbestimmt, weil sie die Hormonausschüttung für ihre Geburt selbst einleiten oder auch verzögern können.

Hilfsbereitschaft zählt
Was sagt es über unsere von Abgrenzungen und Ängsten dominierte Erwachsenenkultur aus, wenn schon sechs Monate alte Babys eine eindeutige Tendenz zur Hilfsbereitschaft zeigen und fähig sind, zwischen Täter und Opfer, also zwischen »Gut« und »Böse« zu unterscheiden? Zuerst 2007 von Paul Bloom an der Yale University durchgeführt, fanden bis zum Jahr 2014 entsprechende Experimente mit Winzlingen verschiedener ethnischer Herkunft und in unterschiedlichen Settings – auch in England und Deutschland – statt. Dabei ergab sich, dass mehr als 80 Prozent der Babys diejenigen Spielfiguren, die zuvor eine hilfsbereite Rolle gespielt hatten, bevorzugten. In manchen Versuchsreihen konnten die Kleinen auch zwischen Helfern, Behinderern sowie einer unbeteiligten Figur wählen. Auch hier bevorzugten sie den Helfer vor dem Unbeteiligten – und den Unbeteiligten noch vor der behindernden Figur.
Das belegt, dass schon Säuglinge das Tun und Lassen Dritter beurteilen können und davon beeinflusst werden. Dass es hier um ein angeborenes und nicht um ein erlerntes Verhalten geht, zeigen ebenfalls die Studien zum Thema »Wie Kinder teilen«. Wenn es Eltern schier zur Verzweiflung treibt, dass sich die Kleinen wieder einmal weigern, gerecht zu teilen, könnten sie sich vielleicht durch den Blick auf die evolutions­biologisch bedingten Voraussetzungen entspannen. In diversen Studien wurde herausgefunden, dass Dreijährige einem anderen Kind nur dann von einer »Belohnung« etwas abgeben, wenn sich beide diese zuvor im Rahmen einer gemeinsamen Aktivität erarbeiten konnten. Wurde das Kind ohne ersichtlichen Grund oder für eine nur von ihm allein gelöste Aufgabe belohnt, so Katharina Hamann vom Max-Planck-Institut in Leipzig, gab es bestenfalls einen kleinen Teil seiner Belohnung ab.
Mit Michael Tomasello zusammen leitete sie eine Studie, derzufolge sich schon 12 bis 18 Monate alte Kleinkinder in die Rolle eines Erwachsenen hineinversetzen können, indem sie zum Beispiel spielen, Mutter oder Vater zu sein. Im zweiten Lebensjahr sind sie in der Lage, einen wegstrebenden Partner wieder in ihr Spiel einzubeziehen. Sie tun dies aber nicht, wenn dieser das nicht möchte. Demnach beobachten Kleinkinder nicht nur das Verhalten ihrer Partner, sondern auch deren Ziele. Zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr werden dann aus gemeinsamen Zielen gemeinsame Verpflichtungen. Von ihrem Gegenüber erwarten sie jetzt das normgerechte Ausfüllen seiner Rolle und finden eine Bestrafung gerecht, wenn dieses seinen Beitrag nicht leistet. Tomasello und Hamann beschreiben dies als das Vermögen, sich in andere hineinversetzen zu können, ihre Intentionen zu verstehen und sie zu teilen. Daraus entwickelten sich gemeinsame Ziele und Aktivitäten. Die Perspektive, eine »objektive« Wirklichkeit zu teilen, zu reflektieren (ich sehe, wie du mich siehst) und sich dabei sozialen Normen ausgesetzt zu wissen – dazu seien unter den Tieren nur Menschen imstande.
Könnte die frühkindliche Gerechtigkeit vielleicht nur eine Reaktion auf die Erwartungshaltung der Eltern sein? Dies untersuchte der Entwicklungspsychologe Robert Hepach aus Leipzig mit seinem Team, indem er zweijährige Kinder vom Schoß der Mutter aus beobachten ließ, wie er auf einem Tisch Dosen zu einem Turm stapelte und dann vergeblich versuchte, eine herab­gefallene zu erreichen. Fast alle Kinder der ersten Gruppe, die helfen durfte, hoben die Dose für ihn auf. Einer weiteren Gruppe wurde von ihren Müttern am Helfen gehindert, ebenso in der dritten Gruppe, doch kam hier ein zweiter Erwachsener dem Studienleiter vor den Augen der Kinder zu Hilfe. Eine versteckte Kamera erfasste dabei die Pupillenweite der Kinder als Indikator für ihren Erregungszustand – je aufgewühlter ein Mensch ist, desto stärker weiten sich seine Pupillen. Kinder, die die Dose nicht aufheben durften, waren demnach emotional erheblich aufgewühlter als die helfenden. Diejenigen der dritten Gruppe beruhigten sich erst, als der Helfer einschritt. »Die Hilfe an sich ist entscheidend – und sei es von Fremden«, so Hepbach, der folgert: »Das zeigt, dass die frühkindliche Hilfsbereitschaft tatsächlich das Wohlergehen anderer Menschen zum Ziel hat.«

Die Keime aufblühen lassen
Es ist also keineswegs so, wie Sigmund Freud es unterstellte, dass wir die Reise ins Leben als »amoralische Tiere« starten und erst durch die Erziehung moralische Kategorien erlernten. »Eine wachsende Zahl von Beweisen legt nahe, dass Menschen von Beginn an einen moralischen Sinn ­haben«, sagt Paul Bloom, Psychologe an der Universität Yale. »Ein gewisser Sinn von Gut und Böse scheint uns in den Knochen zu stecken.« Das Einzigartige an der menschlichen Moral sei das Gefühl von gegenseitiger Verbindlichkeit. »Wir sind programmiert zu helfen. Empathie ist eine automatische Reaktion, über die wir nur wenig Kontrolle haben. Wir können sie unterdrücken, mental abblocken oder darin versagen, nach ihr zu handeln, aber – mit Ausnahme eines winzigen Prozentsatzes an Menschen, bekannt als Psychopathen – keiner ist immun gegen die Situation eines anderen«, kommentiert der Primatologe Frans de Waal.
Paul Bloom weist darauf hin, dass wirklich moralisches Handeln selbstverständlich erst durch tiefe Einsichten entsteht und deshalb eine Sozialisation in diese Richtung von hoher Wichtigkeit ist. So sind wir herausgefordert, uns und unseren Kindern den Erhalt der (über)lebensfördernden Ressourcen – etwa Hilfsbereitschaft, Großherzigkeit oder die gegenseitige Verbindlichkeit in Gemeinschaft – innerhalb unserer gegenwärtigen, auf massive Konkurrenz ausgerichteten Kultur in jeder Beziehung zu ermöglichen. •

Mehr zum Thema hören und lesen:
Buchtipp: Michael Tomasello: Eine Naturgeschichte des menschlichen Denkens. Suhrkamp, 2014
Video: »Can Babies Tell Right From Wrong?«
kurzlink.de/babies_right_wrong
Eine Linkliste, die zu den genannten Studien führt, finden Sie bei der Internet-Version des Artikels auf www.oya-online.de.

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