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Vertrauen bilden

Der 17-jährige Julian Mohsennia stieg aus der Realschule aus.

von Julian Mohsennia , erschienen in 36/2016

Freilerner-Porträt – Folge 2
Was erleben junge Menschen, die mit Hilfe ihrer ­Familien ihre Bildung jenseits von Schule organisieren? Oya-Autor Alex Capistran hat eine Reihe von Freilernerinnen und Freilernern eingeladen, ihre Geschichte zu erzählen.

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© Foto: Mireille »Rosenrot« Schülpke

Nach Freilern-Erfahrungen in Kanada und dem Besuch einer Freien Schule in Deutschland habe ich mich inzwischen wieder fürs Freilernen entschieden. Heute beschäftigt mich vor allem das Programmieren von Internetseiten.

Meine ersten Jahre im schulpflichtigen Alter verbrachten wir in Kanada, wo ich zu Hause lernte. Besonders auffallend war dort die freundliche Kultur uns Freilernern gegenüber: Ob bei der Autovermietung oder im Supermarkt – überall begegneten wir Leuten, die uns meist gut zuredeten, sobald das Wort »Unschooling« fiel. Der kanadische Staat unterstützte uns mit 800 Dollar jährlich. In unserer mittelgroßen Stadt gab es jede Woche Treffen mit mehr als 70 Freilernerfamilien, außerdem wurden von Einheimischen viele Angebote extra organisiert, zum Beispiel »Gymnastik für Unschooler«. Viele Unis in den USA und Kanada begrüßen explizit Freilerner, weil sie wissen, dass diese jungen Menschen Begeisterung mitbringen. In so einem Rahmen konnte ich mich wunderbar entfalten.
Aus beruflichen Gründen musste meine Familie wieder nach Deutschland zurückkehren. Dort hat es mir in der Grundschule, einer Freien Schule, sehr gut gefallen. Wir Kinder konnten jederzeit raus ins Freie und uns das Lernen frei einteilen. In der fünften Klasse an der Realschule wurde alles sehr viel strikter mit festen Pausen- und Unterrichtszeiten. Ich fand es seltsam, dass man zwar den Kleinkindern zutraute, sich ihre Zeit frei einteilen zu können, den Älteren dann aber nicht mehr. Durch die vorgegebenen Lerninhalte verschwand mein Eigenantrieb zusehends: Ich saß die meiste Zeit nur vor dem Computer oder Fernseher. Bald kamen ständiges Bauchweh und Kopfschmerzen hinzu. Meine Mutter fragte mich eines Morgens, was ich mir wünschen würde, wenn ich einen Wunsch frei hätte. Meine Antwort war: nicht mehr zur Schule gehen zu müssen.
Wir haben mich dann einfach von der Schule abgemeldet – und bisher keine behördliche Post bekommen. Es hat anderthalb Jahre gedauert, bis ich wieder Lust hatte, von mir selbst aus Dinge zu tun. Heute lerne ich viel und habe nicht das Gefühl, mir könnte langweilig werden: Neben meinem Engagement im Vorstand des Septré e. V., einem Verein von und für Freilerner, interessiere ich mich für Webdesign und -administration und habe gerade erst eine Freilernerseite programmiert. Wir haben bereits über 700 Mitglieder – da gibt es für mich als Administrator einiges zu tun.
Auf der Internetseite geht es darum, sozialen Austausch entstehen zu lassen – weil der uns Freilernern ja angeblich immer fehlt. Ich teile allerdings nicht die Ansicht, dass die herkömmliche Schule ein Ort des sozia­len Zusammenkommens ist: Man darf dort kaum miteinander ­reden, und die Mitschüler sind oft eher Konkurrenten als Freunde. Ich persönlich habe sehr viel mehr Freunde, seit ich nicht mehr zur Schule gehe – nur wohnen die nicht drei Häuser weiter, sondern sind über ganz Europa verteilt. Manchmal ist das belastend, aber es regt auch dazu an, viel zu reisen. Trotz aller Möglichkeiten von Skype bis Facebook würde ich mir aber wünschen, in der Nachbarschaft Gleichgesinnte treffen zu können.
In der Staatsschule geht es darum, dass alle mehr oder minder das Gleiche lernen; dabei bringt es viel mehr, wenn jeder in seinem Bereich sehr gut ist, dann wissen wir als Gesellschaft viel mehr. Die Menschen lernen ja überall und bei allem, was sie tun. »Lernen ist eine Nebenwirkung von Leben«, sage ich immer. Man muss dabei gar nichts erzwingen. Ich lerne, was ich brauche oder was mich gerade besonders interessiert. Bei meinem Lernen geht es nicht darum, einen riesigen Bereich auf einmal in mein Hirn zu pressen – es ist nicht so flächenhaft, sondern entsteht mehr in der konkreten ­Praxis.
Falls ich doch mal besonders viel oder besonders komplizierte Dinge wissen muss, arbeite ich mich eben in die Materie hinein: Wer Vertrauen in sich hat, schafft auch, was er sich vornimmt. Beim Freilernen geht es für mich nicht darum, bestimmte Dinge zu lernen, sondern in mir das Vertrauen zu bilden, dass ich mir alles aneignen kann, was mich interessiert. • 

www.schulfrei-community.de

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