Wohnen auf kleinem Fuß

Kleinsthäuser – kreative Experimente für eine andere Stadt.

von Elisabeth Voß , erschienen in 36/2016

Sogenannte Tiny Houses wecken Begeisterung – doch wie gestaltet sich Wohnen auf kleinstem Raum ökologisch und sozial sinnvoll?

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© Foto: Elisabeth Voss

Bei einem meiner nächtlichen Streifzüge durch das World Wide Web stieß ich zufällig auf »Das Nest« – ein Tiny House (engl. »tiny« – »winzig«), das günstig und zum Nachbauen geeignet in den Berliner Prinzessinnengärten errichtet werden sollte. Auf dem Foto sah es wie ein gewöhnliches Gartenhaus aus, ganz hübsch, aber nichts Besonderes. Trotzdem las ich die Beschreibung: »Wir wollen mit euch ein kleines Haus bauen. Aus Holz und groß genug für zwei. Während des Bauens laden wir euch dazu ein, eure Vorstellungen vom Leben in der Zukunft einzubringen und zu verwirklichen. Wichtig für uns ist, dass ihr es einfach nachbauen könnt. Alle Materialien gibt es im Baumarkt zu kaufen, und wahlweise kommen auch recycelte Baustoffe zum Einsatz. Ihr braucht nur einen Akkuschrauber, um die einzelnen Bausteine nach euren Wünschen zu eurem Tiny House zusammenzusetzen.« Die Idee gefiel mir sofort – nicht, dass ich unbedingt selbst ein Haus bauen möchte, aber dass so etwas möglich ist, faszinierte mich.
Initiiert wurde das Projekt von dem ­Filmemacher Hendrik Raufmann und seiner Partnerin Carlotta Demaria, die Architektur studiert hat. Mit ein paar Freundinnen und Freunden suchten sie – als Gruppe »Wieder Wild« – Unterstützung über eine Crowdfunding-Kampagne auf startnext.com. Kurz vor Mitternacht des Tages, an dem die Frist ablief, fehlte nicht mehr viel zum Ziel der benötigten 12 000 Euro, und so beteiligte ich mich schnell mit einem kleinen Betrag, um dabeizusein. Kurz darauf ging es auf der Baustelle los. Bei meinem ersten Besuch war ich erstaunt, wie groß eine Grundfläche von 5 mal 5 Metern aussieht, habe sogar ungläubig nachgemessen – so viel Platz für so ein kleines Haus! Mindestens zehn Leute sägten und hämmerten in der Sommerhitze.
Hendrik und Carlotta erzählen, dass sie aus ihren gutbezahlten Jobs in der Werbebranche ausgestiegen und auf der Suche nach Sinn um die Welt gereist seien. Sie hätten gesehen, wie Menschen in anderen Ländern sehr einfach leben können. Um zu zeigen, dass Bauen auch hierzulande ganz anders – preiswerter und vor allem selbstgemacht – möglich ist, entwickelten sie einfache Module aus Holzbalken und Sperrholzplatten. Gedämmt wird mit Holzwolle. Für die äußere Verschalung wurden Holzreste verwendet. Das Crowdfunding-Budget deckte die Materialkosten des ersten Häuschens, und etwa 60 Leute haben in verschiedenen Workshops mitgebaut.

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© Foto: Elisabeth Voss


Bisher ist das Nest eigentlich nur ein Schuppen, es fehlen noch Sanitär- und Elektroausstattung sowie ein Ofen. Im nächsten Jahr soll das Tiny House in den Prinzessinnengärten für Workshops genutzt werden. »Das Haus ließe sich wohl für insgesamt 20 000 Euro zum Wohnen fertigbauen, selbstgemacht und ohne Arbeitskosten«, schätzt Hendrik. Gemeinsam mit Carlotta sucht er inzwischen in Portugal neue Herausforderungen. Die beiden möchten ein Gästehaus als »Ort des Machens« errichten, wo sich die Gäste ihre Unterkunft selbst bauen, wo sie gemeinsam gärtnern und kochen und nicht nur erholt, sondern auch ermutigt und mit neuem Wissen nach Hause fahren. Noch ist Bauen in Portugal deutlich einfacher als in Deutschland, wo die Bauordnung viel Kreatives behindert.

Menschenrecht auf Wohnen
Inspiriert wurde das Nest vom Architekturwettbewerb »Rachel«. Dessen Ini­tiator, der Philosoph Lars Lange, engagiert sich im Kölner Verein »Jack in the Box«, der unter anderem Seecontainer ausbaut. Der Wettbewerb bezieht sich auf Rachel Carson, die in den frühen 1960er Jahren mit ihrem Buch »Der stumme Frühling« auf die zerstörerischen Folgen von Pestiziden in der Landwirtschaft hinwies und als eine der Wegbereiterinnen der Ökologiebewegung gilt. Lars verfolgt mit »Rachel« weitreichende Ziele: »Wir leben in einer Zeit, in der der bloße Aufenthalt auf unserem gemeinsamen Planeten mit der Erbringung von Leistungen für andere verbunden ist. Wohnen in Miet- oder Kredithäusern ist eine neue Form der Tributpflichtigkeit. ›Rachel‹ versucht nicht-konfrontativ, das Menschenrecht auf Wohnen und das Recht auf Land zu thematisieren. So wie bisher können wir nicht weitermachen: Wohnen und Bauen sind für die Emission von über 40 Prozent aller treibhausrelevanten Gase verantwortlich. Wir müssen neue, suffi­ziente Formen des Zusammenwohnens finden, um einen enkeltauglichen Lebensstil zu erreichen.«
In einer ersten Stufe des Rachel-Wettbewerbs wurden Konstruktionsideen für bewegliche und kombinierbare Kleinsthäuser gesucht, die für weniger als 25 000 Euro realisierbar sind. Sie sollen sich elek­trisch selbst versorgen können, ihre Wasserversorgung und Abwasserentsorgung den jeweiligen Umgebungsbedingungen möglichst autonom anpassen sowie selbstverständlich aus unschädlichen, recycelbaren Materialien herstellbar sein. Zu den Teilnahmebedingungen gehörte, dass die Wettbewerbsbeiträge unter eine Creative-Commons-Lizenz gestellt werden, so dass sie öffentlich verfügbar bleiben. Das Preisgeld steuerte der Energieversorger Naturstrom bei. Zusätzlich hatte die Schweizer Zeitschrift »Zeitpunkt – Für intelligente Optimistinnen und konstruktive Skeptiker« einen Sonderpreis ausgelobt, der das sozio-ökonomische Potenzial des Projekts deutlichmachen soll: Bis zu 100 Rachel-Gebäude sollen zeichnerisch neben- und übereinander zu einer Kleinstsiedlung verflochten werden. Drei Entwürfe konnten sich den Sonderpreis teilen.
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© Foto: Huldreich Hug


Von der Jury, der unter anderen der Postwachstumsforscher Niko Paech und der Umweltjournalist Niels Boeing angehörten, wurde Ende 2013 ein Entwurf von Huldreich Hug mit dem ersten Preis prämiert, der sogleich im Berner Lorrainequartier umgesetzt wurde. Dort wehrt sich eine Nachbarschaft gegen ein Luxusbauprojekt und errichtete auf dem Bauplatz am Centralweg das 5 mal 5 Meter große und 3 Meter hohe Haus. Als Gruppe »Hier baut das Quartier« sammelten die Nachbarinnen und Nachbarn 10 000 Schweizer Franken auf einer Onlineplattform und nochmals den gleichen Betrag durch größere Einzelspenden, so dass die Materialkosten gedeckt waren. Eine lokale Firma errichtete unentgeltlich ein Fundament, ein Handwerkskollektiv baute das Haus im Januar 2014 gemeinsam mit Huldreich Hug innerhalb weniger Tage in unbezahlter Arbeit auf. Restaurants in der Umgebung versorgten die Bauleute mit kostenlosem Essen. Das liebevoll »Böxli« genannte Häuschen dient nun als Ausstellungs- und Versammlungsraum für die Nachbarschaft.
In einer zweiten Wettbewerbsstufe sollten alle Entwürfe einschließlich Kostenschätzung baureif ausgearbeitet werden. Das teils neu zusammengesetzte Preisgericht hat bereits getagt, und die achtzehn eingereichten Beiträge wurden veröffentlicht. Die Preisverleihung kann jedoch aus organisatorischen Gründen erst im Frühjahr 2016 stattfinden. Die Vielfalt der Einreichungen ist beeindruckend. So sieht zum Beispiel der Entwurf von Christian Pfeil Mikroreaktorfassaden vor, in denen Algen Biomasse zur Energiegewinnung liefern sollen. Angela Dabkiewicz möchte Seecontainer so miteinander kombinieren, dass 10 Quadratmeter privaten Wohnraums pro Person ausreichen und möglichst viel Alltag auf gemeinschaftlichen Flächen stattfindet. Im Modell »Park & Life« von Carolin Feldmann stehen im Untergeschoß Elektrofahrzeuge zur Verfügung, in den oberen Etagen gibt es flexibel anmietbare Module zum Wohnen und Arbeiten.
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© Foto: Hannes Bhend


»Rachel-Initiator« Lars Lange hält wenig von den romantisierten Tiny Houses; er nennt sie »Karikaturen bürgerlicher Einfamilienhäuser« und setzt stattdessen auf modulare Bauweisen für gemeinschaftliches Wohnen. Mit einer kleinen Gruppe bereitet er die Gründung einer Genossenschaft vor, die in Köln ein Bauprojekt auf Grundlage eines Rachel-Entwurfs umsetzen soll. Mir scheint, das könnte ein Weg für manch gemeinschaftliches Wohnprojekt sein, das sonst an den Baukosten scheitern würde. Vielleicht denke ich doch noch einmal über das Bauen nach, denn »Rachel« weckt meine Sehnsucht nach kleinen, kuscheligen Wohnverhältnissen in großen gemeinschaft­lichen Zusammenhängen. •


Elisabeth Voß (60) publiziert, unterrichtet und berät zu Selbstorganisation und alternativem Wirtschaften. Soeben erschien ihr »Wegweiser ­Solidarische Ökonomie« in einer zweiten Auflage. www.voss.solioeko.de

Wenn’s in den Fingern juckt und ein Bauplätzchen wartet:
www.wiederwild.org
www.rachelarchitektur.de
www.hierbautdasquartier.ch