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Magerer ist mehr

Wie der Drei-Zonen-Garten zu Artenvielfalt und Autarkie beiträgt.

von Markus Gastl , erschienen in 35/2015

Magere Böden tragen die größte Artenvielfalt. Wer im eigenen Garten ­bewusst eine solche Fläche einrichtet, tut viel für die Natur – und kann zusätzlich überschüssige Nährstoffe aus dieser Fläche in die dünger­bedürftigen Teile des Gartens überführen.

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Überall entstehen Permakulturgärten und Projekte, die eine Selbst- oder Zusatzversorgung zum Ziel haben. Die Flächen werden oft intensiv genutzt, die Produktivität ist hoch. An einigen dieser Orte werden die nicht verdauten Nährstoffe über eine Komposttoilette zur produktiven Erde zurückgeführt. Viel öfter allerdings gehen diese wertvollen Stoffe verloren, weil außerhalb des Gartens endverdaut wird. Diese und andere Verluste – etwa intensiver Anbau und Auswaschung durch Niederschläge – zehren den Boden aus, so dass irgendwann gedüngt werden muss.
Das ist ein ganz natürlicher Prozess. Die Düngemittel stammen manchmal von selbstgehaltenen Tieren, in der Regel jedoch von Quellen, die außerhalb der Anbaufläche liegen. Konventionell ist das sogenannter Kunstdünger, hergestellt mit viel Primärenergie aus fossilen Brennstoffen; alternativ ist es Mist von biologisch geführten Tierbetrieben.
Ist es nachhaltig, ein System durch Zufuhr von Nährstoffen und Energieträgern von außen fruchtbar zu halten? Was, wenn etwa der Pferdehof schließt und kein regionaler Bio-Mist mehr zu bekommen ist? Auch dort, wo Unabhängigkeit angestrebt wird, bestehen häufig Abhängigkeiten.

Zonen-Modelle fördern neue Perspektiven
Wie jedes andere Projekt kann auch ein Garten nur dann nachhaltig sein, wenn die Versorgungsfrage systemintern geklärt ist. Ich schlage eine Zonierung des Gartens vor, denn diese schafft oft neue Denk- und Lösungsansätze für die wahrhaft zukunftsfähige und nachhaltige Bewirtschaftung.
Wenden wir uns zunächst dem bekannten Fünf-Zonen-Modell der Permakultur zu, das sich um den Kernbereich – quasi den Nullpunkt – gruppiert: Zone 1 ist die unmittelbare Nähe von Wohnbereichen. Hier werden Pflanzen angebaut, die täglich genutzt und intensiv gepflegt werden: Kräuter oder Feingemüse. Zone 2 ist der Gemüsegarten mit weniger intensiv genutzten bzw. zu pflegenden Kulturen. Zone 3 bezeichnet die landwirtschaftlichen Flächen mit Getreide, Kartoffeln und anderen Anbauprodukten, die weniger Pflege brauchen und in ­großen Mengen gleichzeitig geerntet werden. Zone  4 – Wiesen, Obstbäume, Nussbäume – benötigt kaum Pflege. Die Ernte beschränkt sich hier auf einen bestimmten Zeitpunkt im Jahr. Zone 5 wäre ein Bereich der Wildnis als Ruhezone für die Natur. Idealerweise finden hier keine Eingriffe des Menschen mehr statt.
Grundlage dieses Konzepts ist eine Raumaufteilung nach praktischen Kriterien. Die Zonierung richtet sich nach der Pflege und Aufmerksamkeit, die die einzelnen Pflanzen und Kulturen benötigen.
Damit zurück zur Eingangsfrage: Wie lässt sich das Problem der Versorgung mit Nährstoffen lösen? Nur die Zone 5 kommt wohl dauerhaft ohne Zufuhr von Nährstoffen aus; vielleicht könnte aus den Zonen 4 und 5 sogar Material entnommen und in die anderen Zonen zur Verbesserung von deren Fruchtbarkeit eingebracht werden.
Ist nun eine Zone denkbar, der man ständig Nährstoffe entnimmt und die durch die Entnahme noch wertvoller für das Gesamtsystem würde? »Sorge tragen für die Erde« ist eine Grundforderung der Permakultur. Zur Frage der Fruchtbarkeit addieren sich so noch Fragen nach dem ökologischen Wert eines Gartens: Wie können wir – neben einer hohen Produktivität – eine Vielfalt an Nützlingen und anderen Lebensformen, die Teil der Natur sind, fördern? Was, wenn es in unserem System eine Zone gäbe, die besonders diesen Tieren dient?
Meine Antwort auf all diese Fragen ist das Modell eines Gartens mit drei Zonen. Hier ist ein zusätzlicher Bereich – die »Hot-Spot-Zone« – vorgesehen, die Vielfalt an Tieren und Pflanzen und zugleich die system­interne Versorgung mit Nährstoffen ermöglicht.
Jede der drei Zonen weist ihren eigenen Charakter auf. Die »Pufferzone«, aufgebaut und nutzbar als Waldgarten, hat eine räumliche und energetische Abgrenzungs- und Schutzfunktion. Sie besteht aus einer Vielfalt einheimischer Sträucher sowie aus eingebauten Naturmodulen wie Totholz, Sandbiotopen, Insektenhotels, Steinstrukturen, Versteckmöglichkeiten usw. Hier können Heuhaufen end- oder zwischengelagert und Komposthaufen zur regelmäßigen Entnahme etabliert sein.
Die Hot-Spot-Zone besteht aus strukturreichen und mageren Biotopen, analog zu Blumenwiesen, Sandgruben oder Steinbrüchen, die in Mitteleuropa die größte Vielfalt an Pflanzen und Insektenarten stellen (siehe Markus Gastls Beiträge in Oya 12 und 15). Durch die Anlage solch einer Zone wird systemintern das Versorgungsproblem gelöst, da diese Flächen mager bleiben müssen und die notwendige Nährstoffentnahme durch Mahd oder Staudenschnitt die Qualität der Zone fördert!
Die »Ertragszone«, wo der hauptsäch­liche Anbau zur Selbstversorgung stattfindet, ist das Herz des Gartens. Hier ist guter Boden entscheidend, hier müssen regelmäßige Düngergaben die Fruchtbarkeit erhalten. Schnittgut aus der Hot-Spot-Zone kann hier als Mulchmaterial Nährstoffe liefern.
In allen drei Zonen lässt sich Unterschiedliches ernten. Entsprechend ihrer optimalen ökologischen Lebensraumbedingungen wachsen Beerensträucher, fruchttragende Bäume, Heckenbegleitpflanzen wie Bärlauch, Brennnesseln und Knoblauchrauke am besten in der halbschattigen Pufferzone. Kräuter (Thymian, Ysop, Johanniskraut etc.) sowie reichhaltiges Wildgemüse (Löwenzahn, Wegerich etc.) gedeihen am vitaminreichsten und aromatischsten auf mageren, sonnendurchfluteten Böden der Hot-Spot-Zone. In der gepflegten Erde der Ertragszone sprießen das Gemüse und die starkzehrenden Kräuter.
Ein System – gleich, ob nun Garten- oder Produktionsfläche –, das neu errichtet wurde, funktioniert umso besser, je mehr Einzelteile es beinhaltet. Je mehr verschiedene Pflanzen- oder Tierarten also auf einer Fläche vorkommen, desto reichhaltiger präsentieren sich die ökologischen Regelkreise und somit die Gesamtstabilität des Systems. Eingriffe, Unregelmäßigkeiten und Belastungen wie Schädlingsbefall können in einem jungen System immer auftreten, aber bei ausreichender Vielfalt auch schnell system­intern gelöst werden.

Die Zonierung ist überall möglich
Meinen »Hortus Insectorum« (»Garten der Insekten«) habe ich seit 2007 nach diesen Prinzipien entwickelt. Mit dem Wunsch, Vielfalt, Schönheit und Nutzen auf der ursprünglichen Fettwiese zu ­etablieren, sind die Zonen bei der Anlage auf den 7500 Quadratmetern fast wie von alleine aus ökologisch motivierten Überlegungen her­aus entstanden. Sie sind in diesem Garten deutlich gegliedert und fast in konzentrischen Kreisen um ein kleines Bauernhaus angeordnet. Zur Anlage der mageren Hot-Spot-Zone war der Abtransport von 35 Lkw-Fuhren mit gutem Humus notwendig; im Gegenzug wurden weit über 70 Fuhren Sand, Steine und Bauschutt als Grundlage für artenreiche Blumenwiesen und Steingärten verarbeitet. Dieser Abbau von guter Erde ist für viele Gärtner auf den ersten Blick nicht nachvollziehbar, aber für die Schaffung von Vielfalt in einer Hot-Spot-Zone unbedingt notwendig. Laufkäfer, Raubwanzen, die Vielzahl der Spinnen, – ganz allgemein die Mehrzahl der Nützlinge – können ihre Entwicklungszyklen nur auf mageren Standorten abschließen. Heute versorgt mich der Garten mit Gemüse, Obst und anderen Nahrungsmitteln aus allen drei Zonen, wobei die zentrale Ertragszone nur etwa zehn Prozent der Fläche einnimmt.
Im Jahr 2013 kaufte ich einen weiteren Garten, in dem jahrzehntelang auf 2800 Quadratmetern und in Hanglage Edelrosen kultiviert und mit fremdländischen Schaupflanzen kombiniert wurden. Hier galt es, die drei Zonen mosaikartig zu etablieren und die Strukturen der Vorbesitzer zu nutzen. In diesem Garten ist mein Fokus viel stärker auf Selbstversorgung ausgerichtet als im Insektengarten. Die räumliche Verteilung der Zonen ist hier fast ausgeglichen.
Beide Gärten mögen als Beispiele dienen, wie die drei Zonen auf jeder beliebigen Fläche eingerichtet werden können – ganz unabhängig davon, ob es sich um eine Neuanlage oder um die Umgestaltung eines bestehenden Gartens handelt.
Ich freue mich darüber, dass viele meiner Besucher Anregungen mit nach Hause nehmen. Sie erkennen das ökologische Potenzial ihres Gartens und beginnen, in Kreisläufen zu denken. •


Markus Gastl (47) ist davon überzeugt, dass Vielfalt Hilfe benötigt. Er begleitet Menschen durch seinen Garten und darüber hinaus.

Mehr zum Drei-Zonen- und zum Insektengarten:
Literatur
Markus Gastl: Drei-Zonen-Garten – Vielfalt, Schönheit, Nutzen, Pfeil Verlag 2015, 160 Seiten, 19,80 Euro.
Internet
www.hortus-insectorum.de

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