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Der gemeinsame Alltag ist wichtig

Anke Caspar-Jürgens sprach mit dem ­Kinderarzt Herbert Renz-Polster über ­evolutionsbiologische Aspekte für ein gutes Leben mit Kindern.

von Anke Caspar-Jürgens , Herbert Renz-Polster , erschienen in 35/2015

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Junge Menschen verhalten sich für uns Erwachsene oft unverständlich. Herbert, in deinen Büchern begründest du das mit dem Argument, ihr Verhalten sei von den Lebens­bedingungen in vorgeschichtlicher Zeit geprägt und daher von erwachsenen Menschen, die sich der Moderne angepasst haben, kaum nachvollziehbar. In »Die Kindheit ist unantastbar. Warum Eltern ihr Recht auf Erziehung zurückfordern müssen« setzt du dich für die Rechte der Eltern ein. Aber wie steht es mit den Rechten der Kinder? Sie werden – ähnlich wie die von ­homosexuellen Menschen – bisher nur sehr begrenzt anerkannt. Warum betonst du ­besonders die Rechte der Eltern?

Kinderrechte sind zwar in aller Munde, aber das Entscheidende ist doch, wie wir tatsächlich mit Kindern umgehen. Rechte, Liebe und so weiter, das sind ja zunächst nur Worte.

Angenommen, wir würden unseren Kindern ein ihrer Art gemäßes Aufwachsen ermöglichen – so, wie du es, entsprechend den Ergebnissen neurobiologischer und anthro­pologischer Forschung beschreibst. Was würde das für unsere Kultur bedeuten?

Als man im vorletzten und letzten Jahrhundert die kleinen Kinder zur frühen Sauberkeit gequält hat, war das ja angeblich zu ihrem eigenen Nutzen. Und heute? Wir hängen noch immer bleischwere Gewichte an die ganz normalen kindlichen Verhaltensweisen. Das Schlafen etwa ist oft genug ein Tal der Tränen. Da sollen schon die Babys zur Selbständigkeit trainiert werden, indem sie alleine ­einschlafen müssen.

Ich habe gehört, dass du zu diesem Thema gerade ein weiteres Buch schreibst.

Ja – zusammen mit der Journalistin Nora Imlau. Beim Einschlafen trifft die evolu­tionsbiologische Prägung der Kinder frontal auf die Erwartungen der modernen Umgebung: Das Kind entstammt einer Welt, in der es lebensbedrohlich war, beim Schlafen alleine zu sein. Da schlichen Hyänen ums Lager, und es gab keine Zentralheizung! Jetzt begegnen wir diesem Kind mit der Forderung, dass es sich an unseren Zeitplan halten soll – weil morgens der Wecker klingelt und wir uns in den Kopf gesetzt haben, dass Kinder selbständig werden, indem wir uns ihrer Suche nach körperlicher Nähe verweigern. In dieser Frage begegnet uns durchaus das Thema Kinderrechte! Wie gehen wir auf die Bedürfnisse des Kindes ein? Sehen wir sie als berechtigt oder als Protest? Diese innere Sichtweise prägt ja die Beziehung zu unseren Kindern und deren Entwicklungsweg.

Warum ist es so schwierig, empathisch auf den Protest zu reagieren?

Die echten Bewährungsproben finden im ganz normalen Alltag mit all seinen Belastungen und Ablenkungen statt. Die Erwartungen der globalisierten Wirtschaft, die indirekt auch die Ziele unseres Bildungssystems beeinflussen, und die schon für Kindergartenkinder bestimmte Lernziele definieren, stehen einem unbefangenen Miteinander mit Kindern im Weg. Chancen liegen im Umgang mit den ganz Kleinen, mit deren Lebensanfängen – das ist eigentlich mein Lieblingsthema. In dieser Phase des Neubeginns sind die Eltern wie aufgekratzt; da schichtet sich etwas um, wenn sie einen kleinen Menschen neu kennenlernen.

Wurde nicht bei Müttern während dieser Zeit ein erstaunliches Wachstum ihres Gehirns festgestellt?

Ja, richtig. Als Gesellschaft müssen wir aufmerksam sein: Ermöglichen wir den Frauen eine gelingende Geburt ohne Stress? Der Fötus ist ein offenes System, wie Menschen es im Grund bis ins hohe Alter bleiben. ­Allerdings verankern sich Stresssituationen im ungeborenen Kind extrem nachhaltig. Evolutionsbiologisch ist das auch sinnvoll, denn wenn der Fötus die Information erhält, dass er in eine sehr stressvolle Umwelt hineingeboren wird, kann er seine Gehirnfunktionen darauf einstellen.
Sicherlich sagen alle: »Ja, Geburten sollen individuell und selbstbestimmt vor sich gehen.« Die Realität entwickelt sich aber in die Gegenrichtung. Die Medikalisierung von Geburten liegt im Trend. Derzeit kommen gerade die Hausgeburten und Geburtshäuser extrem unter Druck.

Deshalb bröckelt der gesellschaftliche Zusammenhalt! Daran knüpft sich die Frage an: Was verstehst du unter Erziehung?

Erziehung besteht für mich im Kern aus der Art, wie wir die Beziehungen zu unseren Kindern gestalten und sie leben. Dem liegt unser Menschenbild zugrunde, unsere Sicht auf die Welt und unser Bild vom Kind.

Wie ließe sich ein artgerechtes Aufwachsen kompromisslos umsetzen?

Das gibt es nicht. Als Individuen gehen wir ja immer von unserem eigenen inneren Hintergrund aus und handeln entsprechend unseren Prägungen.

Aber so, wie es derzeit läuft, fahren wir gegen die Wand. Besteht also die Herausforderung darin, die Welt so zu sehen, wie sie ist, um dann nach einer guten (Über-)Lebensmöglichkeit zu schauen, die Vielfalt zulässt?

Das sehe ich auch so. Wir fahren gegen die Wand. Warum? Weil wir die wirklich entscheidenden Fragen der menschlichen Entwicklung nicht beantworten.

Kannst du diese Fragen formulieren?

Das Kind fragt nach Sicherheit und nach Beheimatung. Das Kind fragt damit nach einem Leben in verlässlicher Beziehung. Dar­auf haben wir keine Antwort. Zum Thema Sicherheit: Werden wir in 50 Jahren noch sicher sein? Sind wir irgendwo beheimatet – auch im Sinn einer Wohlfühlheimat, einer seelischen Heimat? Wir leben in einer Welt, die Beziehungen belastet, weil sie von uns vom ersten Atemzug an fordert, zu funktionieren. Dieses Rennen geht zu Lasten der Ressourcen, mit denen wir unsere Beziehungen gestalten können. Für dieses Gestalten brauchen wir innere Stärke, Freiheit, Zeit und Entspannung. Aber ich sehe, dass die Welt immer mehr in Richtung Effizienz und Leistungsorientierung rutscht. Das nimmt uns die Möglichkeit, uns aufeinander einzulassen, ohne zugleich nach dem Nutzen fragen zu müssen – ­gerade Kinder brauchen das so dringend. Sie leben sehr stark im Hier und Jetzt – im Sein, nicht im Habenwollen. Der Zwang zu ­funktionieren nimmt den Kindern das R­echt auf ihren Tag, wie der Arzt und Pädagoge Janusz ­Korzcak es ausgedrückt hat.

Das klingt, als würdest du recht pessimistisch in die Zukunft blicken.

Ja, ich bin skeptisch, ob sich dieser Zustand ändern lässt, obwohl ich glaube, dass Menschen von ihrer Evolution her auf ein Leben von Angesicht zu Angesicht vorbereitet sind. Das war unsere Erfahrungswelt und auch die einzig nachhaltige Lebensform. Wir haben zu 99 Prozent der Menschheitsgeschichte als kleine Gruppen gelebt, wo unser »Kapital« das Vertrauen in die anderen und in ein gutes Zusammenleben mit ihnen war. Tagtäglich mussten unsere Vorfahren das »Ich« und das »Wir« in der Gruppe austarieren. Sich dabei über die anderen zu stellen oder als Trittbrettfahrer nichts für das Ganze zu tun – das ging auf Dauer nicht.
Aus solchen Zusammenhängen haben wir uns heute gelöst und finden uns – erst seit einem Prozent der Menschheitsgeschichte – in einer anonymen Massengesellschaft wieder. Selbstverständlich entstehen da Machtgefälle und Gesellschaften mit Eliten, die sich Vorteile verschaffen – über Landbesitz, über Positionen, über alles, was den Menschen vom »Du« abtrennt. Darauf sind wir nicht vorbereitet. Wir suchen heute Wege und ­Visionen, um die Massengesellschaft irgend­wie menschlich zu meistern, aber das ideale System ist nicht in Sicht. Wir leben in der Demokratie, und trotzdem gibt es mise­rable Verarmung und menschenunwürdige Verhältnisse in aller Welt. Ich glaube nicht, dass sich dieses Dilemma auflösen lässt. Wir können nur in jeweils kleinen Gruppen versuchen, als Menschen in die Verantwortung zu kommen.

Gründet sich deine Zukunfsvision auf überschaubare Gemeinschaften?

Ich sehe das wie Harald Welzer mit seinem Ansatz des »Futur Zwei«. Wir müssen eigenständig verwirklichen, was wir uns als ein gutes Leben in der Zukunft vorstellen – im Grund müssen wir uns eine eigene Welt erschaffen. Wichtig finde ich, dass wir uns nicht abkapseln, sondern selbstbewusst verwirklichen, was wir sind und wer wir sind.

Gibt es gemeinsame Werte in all den Gruppen, die bereits versuchen, Gesellschaft im Sinn eines guten Lebens neu zu erfinden – seien es Nachbarschafts-Netzwerke, familien­ähnliche Zusammenhänge oder virtuelle Gemeinschaften, die geistigen Austausch pflegen?

Der Grundwert ergibt sich letztlich aus unserer menschlichen Architektur: Wir leben einerseits von Beziehungen, wollen eingebunden und zugehörig sein. Andererseits wollen wir wirksam sein und mitbestimmen können.
Diese beiden Aspekte im Fokus zu haben, schärft den Blick für den gegenseitigen, täglichen Umgang miteinander. Was für Kinder bleibt, sind nicht die von uns gesetzten Ziele, sondern einzig und allein die Weise, wie wir tagtäglich miteinander in Kontakt sind. Darin besteht die eigentliche »Förderung«. Wie und in welchem Geist wir den Alltag gestalten, wird zur Grundlage ihrer seelischen und auch körperlichen Entfaltung, ja auch ihrer Bildung. Die muss meiner Meinung nach daran anknüpfen, was für ein Kind dringend und drängend ist – und das geschieht im Alltag, in seinem Spiel, seinem Wirken im Hier und Jetzt. Das gilt es zu unterstützen und auszugestalten.

Ist es in diesem Sinn nicht auch wichtig, die täglichen Beziehungen zwischen den Erwachsenen zu kultivieren – dass sie vielfältiger und spielerischer werden? Oft heißt es zwar: Hier in der Stadt bei meinem Beruf geht so etwas nicht. Deine Aufforderung heißt aber: »Du hast Nachbarn, ihr habt alle Kinder. Tut euch zusammen.« Wie könnten die Menschen diese Beziehungen von Angesicht zu Angesicht verwirklichen?

Die Trennung zwischen Arbeit und der Sorge für die Kinder ist tatsächlich der Grundkonflikt. Ursprünglich gab es das so nicht. Die arbeitende Mutter und die ihr Kind versorgende Mutter waren immer dieselbe Person – aber heute bringen wir sie gegeneinander in Stellung. Wir trauen uns nicht, das zusammenzudenken. Von dieser Blockade müssen wir weg, sonst wird in unseren Gemeinschaften und Familien das Kind mitsamt der Kindheit zunehmend ausgelagert. Dabei wäre viel Miteinander möglich, wenn wir uns vom Effizienzgedanken lösen könnten! Wir müssten zum Beispiel fordern, dass ein Büroarbeitsplatz auch etwas für ein Kind sein kann. Nur wenige Eltern praktizieren das, etwa im Kind-Mutter-Büro oder im Kind-Vater-Büro.

In diesem Sinn ist die »Rockzipfelbewegung« unterwegs. »Kind-Vater-Büro« höre ich zum ersten Mal.

Diese Initiative gibt es in Leipzig. Es ist wichtig, das Denken für das Ungewohnte zu öffnen, mutig dazu zu stehen und mit den entsprechenden Forderungen in die Betriebe zu gehen. Manche Mitarbeiter hätten tatsächlich die Macht, etwas zu verändern – weil sie für die Arbeitgeber eine bedeutende Ressource sind, bräuchten sie nicht zu kuschen. Wer zum Beispiel sich und sein Kind als ein Paket ansieht, wird das auch entsprechend verhandeln und sagen: »Ich will einen Arbeitsplatz, an dem ich entweder flexibel bin und Zeit mit meinem Kind teilen kann oder wo mein Kind nahebei gut aufgehoben ist.« Gerade jetzt, während des Kita-Streiks, funktioniert so manches, von dem es vorher hieß: »Das geht gar nicht!«

Dass Menschen sich oft als machtlos wahrnehmen, hat in meinen Augen auch viel mit unserem Schulsystem zu tun. Schülerinnen und Schüler haben keine Macht, sondern erfahren Hierarchie und Konkurrenz. Das steht konträr zur ihrer evolutionären Prägung. In den meisten Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften werden meines Wissens junge Menschen ab 14 Jahren als verantwortliche Erwachsene angesehen. In deinen Büchern machst du sichtbar, wie viel Lebenszeit durch Schule vereinnahmt wird, wie das den familiären Beziehungen schadet und nicht nur die Potenziale der Kinder reduziert, sondern auch ihr Bewusstsein für Selbstermächtigung. Wie könnte Schule stattdessen sein?

Kinder sind von ihrer unterschiedlichen Entwicklungsreife her füreinander tolle Lehrerinnen und Lehrer – da würde ich ansetzen. Sie lernen durch das Lehren, indem sie die anderen in ihre Welt mitnehmen und auch für jüngere Kinder Verantwortung übernehmen. Warum sollten Schulen diese Ressource ungenutzt lassen? Im Hort oder in einer Krippe ließe sich so etwas sofort umsetzen, aber es gibt kaum Modelle, die ein solches Miteinander ermöglichen würden. Schule wird meistens immer noch als ein rigides Kohorten-System mit Oben–Unten bzw. Erwachsenen–Kindern verstanden. Je freier wir das gestalten, desto mehr kann auch das vom Kind geleitete Lernen ins Spiel kommen.

Demokratische Schulen, etwa die »Kapri­ole« in Freiburg oder die »Netzwerkschule« in Berlin sind Beispiele für die Gestaltung von Räumen, in denen sich Kinder für Neues öffnen und zugleich Geborgenheit finden können. Ich denke gerade an das Gutachten von Andreas Weber und Reiner Klingholz zum demografischen Wandel, das schon 2009 am Berlin-Institut veröffentlicht wurde. Sie empfehlen »radikale Innovation statt geordnetem Rückbau« auch für den Bereich Schule. Statt kleine Schulen zu schließen und Kindern lange Busfahrten zuzumuten, schlagen sie vor, die Lehrer zu den Schülern in die Dörfer zu bringen. Eltern und Nachbarn könnten den Kindern dann als Freunde zur Seite stehen.

Jeder sollte die für ihn passende Lösung finden. Und wenn Eltern in einem lebendigen Zusammenhang die Ressourcen haben und sich die Bildung ihrer Kinder zutrauen – warum nicht, wenn ihnen das als der richtige Weg erscheint? Für mich sind solche Herangehensweisen Teil der Freiheit.

Ich danke herzlich für dieses motivierende Gespräch. •


Herbert Renz-Polster (55) beschäftigt sich als Kinderarzt, Wissenschaftler und Buchautor mit der kindlichen Entwicklung. Er hat vier Kinder und lebt mit seiner Frau in der Nähe von Ravensburg. Kontakt: www.kinder-verstehen.de

Erhellende Lektüre von Herbert Renz-Polster:
• Kinder verstehen. Born to be wild: Wie die Evolution unsere Kinder prägt. Kösel, Neuauflage 2015
• Wie Kinder heute wachsen: Natur als Entwicklungsraum. Beltz, 2014
• Die Kindheit ist unantastbar: Warum Eltern ihr Recht auf Erziehung zurückfordern müssen. Beltz, 2014

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