Grüne Wirtschaft

Kritik aus zwei unterschiedlichen Perspektiven.

von Elisabeth Voß , erschienen in 35/2015

Während die einen fast heilslehrenartig die »grüne Wirtschaft« als Lösung aller ökologischen und sozialen Probleme propagieren, betonen andere, dass genau diese vermeintliche Lösung den Zustand verschlimmert.

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Unter dem Titel »Aus kontrolliertem Raubbau« hat Kathrin Hartmann eine faktenreiche und erschütternde Abrechnung verfasst. Am Beispiel von Palmölplantagen in Indonesien und Garnelenzucht in Bangladesch schildert die freie Journalistin anschaulich die verheerenden Folgen des »grünen Wachstums« für die Natur und für die Menschen, deren Lebensgrundlagen systematisch zerstört werden. Urwälder auf Borneo und Sumatra werden für oft illegal angelegte Plantagen abgeholzt. Als Alternative zur Über­fischung der Meere werden in Bangladesch in riesigen Aquakulturen Shrimps produziert – für den Weltmarkt der Gourmet-Produkte. Dafür werden uralte Mangrovenwälder, die das Land vor Stürmen und Überschwemmungen schützen, vernichtet. Für den Konsum in den reichen Ländern werden Indige­ne, die über Generationen vom Wald lebten, mit Gewalt vertrieben. Ihnen bleiben schlecht bezahlte Jobs in der Nachhaltigkeitsindustrie unter oft sklavereiähnlichen Bedingungen oder im Tourismus. Wenn NGOs ihnen an Stelle von Landrechten nur »Hilfe zur Selbsthilfe« anbieten, unterstützt dies letztlich die Strategien der Vertreibung.

Es sind immer wieder dieselben globalen Akteure, die sich die Lebensgrundlagen der Indigenen aneignen, wie die Konzerne Wilmar und Monsanto. Sie geben sich ein grünes Mäntelchen, unterstützt von der Weltbank, der Bill & Melinda Gates Foundation, der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und willfährigen NGOs wie dem WWF, der den Unternehmen an gemeinsamen Runden Tischen zur Legitimierung ihres Handelns verhilft, zum Beispiel mit dem RSPO-Siegel für nachhaltiges Palmöl. Dass ­solche Zertifikate nichts über die Herstellungs­bedingungen des Produkts aussagen, sondern längst selbst Waren sind, zeigen Beispiele wie das Qualitätssiegel des TÜV Rheinland für Palmölplantagen oder das Naturland-Biosiegel für Garnelen aus der »Shrimpshölle von Bangladesch«. Unilever-Chef Paul ­Polman – von der Autorin als »Tütensuppenheiland« vorgestellt – spricht gerne und viel vom »Gemeinwohl«. Unilever ist der weltweit größte Palmölverarbeiter und Träger des Deutschen Nachhaltigkeitspreises, der nicht etwa für gute Taten, sondern für vollmundige Versprechen verliehen wird.
Für ihre Recherchen beschränkt sich Kathrin Hartmann nicht auf Textquellen, sondern ist an die Orte des Grauens gereist. Sie hat sich selbst ein Bild von der Zerstörung gemacht, hat tote Zonen und apokalyptische Verwüstungen auf sich wirken lassen, die sie seither in ihren Träumen verfolgen. Mit Indigenen ist sie auf gefährlichen Routen in entlegene Winkel gefahren, hat deren Mut und Widerstand aus nächster Nähe erlebt. Ihr Blick ist immer solidarisch, aus der Perspektive der Unterdrückten und Entrechteten.

Transformative Strategien, Solidarität, Mut und Entschlossenheit
Viele der Probleme, die Kathrin Hartmann beschreibt, kommen auch in der »Kritik der grünen Ökonomie« von Thomas ­Fatheuer, Lili Fuhr und Barbara Unmüßig vor. Die Autorinnen und der Autor sind für die Heinrich-Böll-Stiftung tätig, die den Grünen nahesteht. Sachlich und präzise analysieren sie die Notwendigkeit grundlegender ökonomischer Veränderungen, sezieren »fragwürdige Ins­trumente und Innovationen« und benennen blinde Flecken. Gleich eingangs diagnostizieren sie die zentralen Knackpunkte: »Grüne Ökonomie ist blind für Macht und Politik und für Fragen von Gerechtigkeit und Demokratie.« Folgerichtig kritisieren sie Technik­fixierung und Wachstumsversprechen und referieren die Risiken der Ökonomisierung der Natur. Der Überblick über die Bandbreite der Ansätze und unterschiedlichen Perspektiven ist ausgesprochen lehrreich. Auch Aspekte wie Commons und Geschlechterfrage, Zivilgesellschaft und Partizipation fließen ein.
Beide Bücher unterscheiden sich deutlich in Tonfall und Zielrichtung. Kath­rin Hartmann spricht mir aus der Seele; ihre aufrechte politische Haltung empfinde ich als wohltuend. Sie schreibt wütenden Klartext, gespickt mit Wortwitz, und in ihren Beispielen liegt neben der Trostlosigkeit auch Hoffnung. So berichtet sie von streikenden Arbeitern in der Palmölindus­trie, von widerständigen Landlosen in Bang­la­desch und von Frauen in El Salvador, die sich in einer Nähkooperative zusammengeschlossen haben. Diese kämpferischen Alternativen basieren auf einer substanziellen Systemkritik. Sie haben einen grundlegend anderen Charakter als die Lösungen, nach denen das Team des oekom-Buchs sucht. Beim Lesen werde ich mitunter ungeduldig, mir fehlt der Biss. Es ist mir zu wenig greifbar, wenn die Machtfrage angesprochen wird, dabei aber die Systemfrage ausgespart bleibt. Die »Kritik der grünen Ökonomie« zielt darauf, deren Fehler und Unzulänglichkeiten zu beheben und eine bessere, radikalere »Green Economy« umzusetzen, die den Ressourcenverbrauch effektiv senken und mehr Gerechtigkeit schaffen soll. Mir ist bewusst, dass Politik auch Realpolitik bedeutet, und ich kann es wertschätzen, wenn sich Menschen kritisch und aufrecht auch mit diesem schwierigen und oft unbefriedigenden Feld befassen. Gleichzeitig teile ich die Hoffnung nicht, dass sich auf die wichtigen Fragen, die hier aufgeworfen werden, auf sachlicher Ebene Antworten finden lassen. Während Thomas Fatheuer, Lili Fuhr und Barbara Unmüßig auf »transformative Strategien für eine lebenswerte Zukunft« zielen, die auszuhandeln wären, ruft Kathrin Hartmann zu »Solidarität, Mut und Entschlossenheit« auf. Vielleicht ist für eine Transformation hin zu einer gerechten Welt beides nötig. • 

 

Aus kontrolliertem Raubbau
Kathrin Hartmann
Blessing, 2015
448 Seiten
ISBN 978-3896675323
18,99 Euro

Kritik der Grünen Ökonomie
Thomas Fatheuer, Lili Fuhr, Barbara Unmüßig
oekom, 2015
176 Seiten
ISBN 978-3865817488
14.95 Euro

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