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Die gekränkte Gesellschaft (Buchbesprechung)

von Elena Rupp , erschienen in 35/2015

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In allen Lebensbereichen wirken Kränkungen und hinterlassen Spuren in der Seele: Da ist etwa die inhumane Arbeitswelt, in der Menschen nur als Profitbringer gelten; da sind religiöse Glaubenssätze, die Menschen Gott gegenüber als nichtig darstellen, oder auch durch die Wissenschaft verbreitete Bilder vom makellosen Menschen, neben denen der Unvollkommene, Schwache oder Kranke keinen Platz hat.
Solche Schauplätze untersucht das Buch »Die gekränkte Gesellschaft« und fragt: Was veranlasst Menschen dazu, einander zu entwerten? Gestützt
auf Interviews aus einer qualitativen Studie gibt die Philosophin Barbara Strohschein Einblicke in ver- schiedenste Lebensgeschichten. Immer wieder wird deutlich, welche Rolle die verinnerlichten Werte der Eltern oder der Gesellschaft spielen, die wie »Folien von Vorstellungen« über unser Denken und Handeln gelegt sind. Konflikte entstehen dort, so die Autorin, wo uns Schablonen – und damit Erwartungen – aufgedrückt werden, die uns nicht gerecht werden oder uns unter Druck setzen, die eigenen Ideale zu negieren. Dies führe schlimmstenfalls dazu, selbst mit abwertenden Handlungen auf das Gefühl der Verlet- zung zu reagieren. Jeder Entwertung gehe also eine Kränkung voraus, so die These.
Wie aus der Spirale ausbrechen? »Statt gekränkt sein – weiterdenken«, fordert die Autorin. Dazu gibt sie philosophisch geprägte Denkanstöße für eine achtsame Beziehung zu sich selbst; außerdem streift sie Beispiele für verbindende Formen des Miteinanders und nennt hier unter anderem die Gemeinschaf- ten ZEGG und Tamera. Sie beleuchtet nicht so sehr alltagspraktische Methoden, sondern plädiert für eine bewusste Geisteshaltung. Im Kern brauche es vor allem Menschen, die die Fähigkeit zur Selbstreflexion und zur Empathie sowie das Interesse zu wachsen, in sich tragen. Den negativen Szenarien setzt Barbara Strohschein auf diese Weise das positive Bild eines wandlungs- und lernfähigen Menschen entgegen.
Die im Buch genannten Beispiele nehmen Situa- tionen in den Blick, die klar als Entwertung zu erken- nen sind: etwa wenn Angestellte am Arbeitsplatz gemobbt werden. Vertiefend wäre es interessant, die subtilere Ebene alltäglicher Kommunikation genauer zu betrachten, etwa mit einem sprachwissenschaft- lich und psychologisch fundierten Blick wie dem des Begründers der Gewaltfreien Kommunikation, Mar- shall Rosenberg. Schließlich bedarf es nicht immer dramatischer Schauplätze und offener Aggression, um ungleiche Beziehungsebenen und somit (Ab-) Wertungen hervorzurufen.
So präsentiert das Buch zwar keine radikal neuen Erkenntnisse, schärft aber auf berührende Weise das Gefühl für die Tragweite von Kränkungen – nicht ohne den Leser mit einem ermutigenden Ausblick zu entlassen. 

Die gekränkte Gesellschaft
Das Leiden an Entwertung und das Glück durch Anerkennung.
Barbara Strohschein
Riemann Verlag, 2015,
416 Seiten
ISBN: 978-3570501788
17,99 Euro

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