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Willkommen  in der Mildnis?

An der Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation

von Geseko von Lüpke , erschienen in 05/2010

Wir haben es mit der Muttermilch aufgesogen: Kultur definiert sich als Gegensatz zur wilden Natur. Das läge in der Natur der Sache. Wird uns genau diese Haltung heute zum Verhängnis?

Bild

»Wenn wir wieder in die Wälder gehen, werden wir zittern vor Kälte und Furcht. Doch wir werden Dinge erleben, so dass wir uns selbst nicht mehr kennen; kühles, wahres Leben wird sich auf uns stürzen, und Leidenschaft wird unseren Körper mit Kraft erfüllen. Mit neuer Kraft werden wir aufstampfen, und alles Alte wird abfallen. Wir werden lachen, und Gesetze werden sich kräuseln wie verbranntes Papier.«

Die schwärmerischen Worte des englischen Romanciers D. H. Lawrence klingen wie eine poetische Umsetzung der zeitgenössischen Botschaft, die die Tabakindustrie auf Plakatwände pappt. Ob Marlboro-Man oder Camel-Trophy – das wahre Menschsein, die totale Freiheit, die grenzenlose Leidenschaft scheinen jenseits der Zivilisation zu liegen. Tief zu inhalieren, ist offenbar einer der letzten Zugänge zur Ursprünglichkeit. Und damit die Abenteuerlust nicht allzu groß wird, die Gefahr des Wilden kontrollierbar und die Marke verkäuflich bleibt, schaffen die Werbetexter gleich ein zeitgemäßes Wort: Willkommen in der »Mildnis«.
Während die letzten städtischen Grünflächen versiegelt werden, ist »Wildnis light« längst zum erfolgreichen Markenzeichen geworden. Rückkehrenden Wölfen und einwandernden Bären macht man zwar den Garaus. Aber während sich in den eingezäunten Gärten der Vorstädte die Gartenzwerge tummeln, eröffnet dafür in jedem Nest ein WildGlobe-Treckingladen. Die Mildnis hat eigene Regeln: Während die Zentralheizung im Einfamilienhaus behaglich brummt, lehnen sich Vati und Mutti im Lehnstuhl zurück, werden zu »Wolfsfrauen« und »wilden Männern« oder gehen mit Reinhold Messner oder Rüdiger Nehberg ohne Risiko in der Erlebnisliteratur auf Reisen. Im Kino wird mit dem Wolf getanzt, die traurige Zivilisation in Richtung der intergalaktischen Wildnis verlassen oder das virtuelle wilde Paradies frisch geklont in Pandora gefunden. Und auf die letzten scheinbar unberührten Erd-Flecken zwischen Nord- und Südpol hat für die ganz Mutigen ein Wettlauf der Touristikunternehmen eingesetzt: Zahllose Prospekte bieten Abenteuertrips »in die letzten Paradiese« an, Vollkasko inklusive.
Wildnis – ein Paradox! Ort des Schreckens, Quelle des Lebens. Ort der Sehnsucht, Verpackung für Träume. Metapher für Schöpfung und Chaos, Ursprung und Unberechenbarkeit, Unberührtheit und ­Bedrohung, die das Authentische sucht und zeitgleich Angst wachruft. Wildnis – die große Unbekannte?

Wir stehen einer neuen Wildnis gegenüber
Wer das Verhältnis zwischen Wildnis und Kultur untersucht, forscht an den Wurzeln des Dualismus, der als Mythos das Fundament der modernen Zivilisation bildet: Der feste Glaube an die Spaltung zwischen Mensch und Natur, Geist und Materie, Innen und Außen. In einem 250 Jahre alten Lexikon der Frühaufklärung ist »Wildnis« als die Wohnstätte des Wildes definiert: »Wohlanständige Sittsamkeit kann dort keine Wohnung aufschlagen.« Wildnis war jahrhundertelang das Unmoralische, Gefahrvolle, Ungemütliche, die Naturkatastrophe, die es abzuwenden galt. Der bedrohlichen Wildnis stand die gefahrlose, heimische Kulturlandschaft gegenüber. Wildnis war immer das »ganz Andere«, das, was hier nicht ist.
Wenn wir heute von Wildnis sprechen, dann assoziieren wir immer noch unberührte Natur, Dschungel, Einöde, ein regelloses ­Gebilde und Chaos. Doch die Wildnis ist nicht nur ein Synonym für Unberührtes und Ursprüngliches, sondern auch für das Gegenteil: Wir sprechen vom »Großstadt-Dschungel« und von »Straßenschluchten«, von »Finanzhaien« und »Korruptionssümpfen«. Denn was wir »Kultur« nennen, ist längst außer Rand und Band geraten. Wir stehen – in Zivilisation und Natur – einer neuen Wildnis gegenüber. Statt als heile Öko-Welt tritt uns die ungebändigte Natur in Form von ökologischen Krisenphänomenen entgegen. Indem wir, versorgt mit wilden Pferdestärken, Gase produzieren, die das Weltklima aufheizen, schaffen wir Unkontrollierbares, was uns dann als eine Wildnis mensch­gemachter Katastrophen ganz ungebändigt wieder gegenübertritt. Und wir fragen uns: Sind das Natur- oder Kulturkatastrophen?
»Wildnis« scheint im scharfen Gegensatz zu »Kultur« zu stehen, doch tatsächlich verkörpert sie einen festen Bestandteil derselben: Kultur braucht Wildnis als Gegenpol, um sich zu definieren. Nur vom Nicht-Wilden aus kann der Mensch die Wildnis wahrnehmen und definieren. Lebt er aber in ihr, dann sieht er sie nicht. In der Polarität spiegeln sich die zwei Seelen des Menschen als Naturwesen und als Kulturwesen. Wildnis ist das Unbeherrschte, Unberechenbare, das freie Naturgeschehen, was sich Regeln und Gesetzen entzieht und sich nach eigenen Regeln souverän organisiert. Die wilde Kreatur gilt als autonom und ungezähmt und handelt nach eigenem Willen. Wildnis ist die funktionierende Anarchie, in der ohne äußere Kontrolle das Leben fließt. Deshalb wird Wildnis auch mit persönlicher Freiheit gleichgesetzt. Kultur hingegen ist das Menschengemachte, das dem scheinbaren Chaos entrissene, zugleich aber auch das Duale, das von der ursprüng­lichen Einheit Abgespaltene. Die Sehnsucht nach Wildnis gleicht der räumlichen Utopie eines Orts, der grundsätzlich anders ist als das, was man gerade lebt – angesichts unserer modernen technischen Zivilisation ein idealer Ort, der eben nicht durch Technologie gekennzeichnet ist, sondern durch unberührte Natur. In ihm scheint man sich dem Reglement der ordnungswütigen Zivilisation entziehen zu können. Und was dann?

Kulturschock
Was für ein Schock ist es für unser psychisches Sys- tem, plötzlich aus der Kultur herauszufallen. Erst: Bäume und Straßen, Telefonmasten und vorbeiflitzende Autos, Werbeplakate und Radiogeplärre, Hochgeschwindigkeit, Handyklingeln und die Stimme des Navis. Gerade noch Berge von Daten, die sich aus Medien und Computern über uns ergießen, schlagende Bässe aus Lautsprecheranlagen, das Tosen tieffliegender Jets, das Heulen einer Polizeisirene. Überall Worte, Zeichen und Symbole, die nach unseren Augen zu greifen scheinen und den Blick einfangen, als wäre er eine hilflos taumelnde Motte.
Und dann: Gar keine Worte, Geräusche nur von den Flüssen und dem Wind in den Bäumen, das Knistern des Feuers. Klänge der Nacht im Wald, das archaische Bellen des Rehbocks, der Ruf des Käuzchens, das Flattern der Fledermaus, das Husten des Siebenschläfers. Nur Herzschlag und Atem sind plötzlich so laut. Und winzige Käfer machen einen Lärm, dass die Fantasie Purzelbäume schlägt. Ohren, Augen, Nase und Haut öffnen sich voller Verwunderung, Farbe, Gerüche und Formen werden lebendiger, so als ob sie ihre Schalen und Schuppen hätten fallen lassen. Der Geist nimmt in tiefen Zügen ein Orchester von Eindrücken, von Kräften und Systemen wahr und in sich auf: Sterben und Wiedergeburt rundherum, ein Fluss, der frei strömt, sich leise singend an Widerständen entlangschlängelt; ein Pfad, der sich durch den Wald windet, erst hierhin, dann dorthin. Ein Versprechen von Überraschung, vom Einbruch des Unerwarteten. Ein friedliches, sanftes Licht zwischen den Bäumen hier, das uns hoffnungsvoll lächeln lässt. Dunkle Schatten, Schluchten und Sümpfe dort, die uns schaudern machen und an die Abgründe unseres Herzens und den Morast dunkler Gefühle und gärender Wunden erinnern.
Die Wildnis zu erfahren, ist etwas Körperliches, das der Sprache vorausgeht. Ein dauerndes Déjà-vu uralter Wahrnehmung, Tiefenzeit. Es sind Empfindungen, die sich den Worten entziehen und eher mit musikalischen Metaphern zu begreifen sind: Unhörbare Orchester, in denen alles richtig klingt, Töne, die mit den Saiten unserer Psyche resonieren. Da gibt es Chöre, die in dunklen Nächten entlang nebliger Flüsse zu hängen scheinen, durch die Wildnis gelegte Melodielinien. Momente, in denen der eigene Herzschlag sich nicht mehr von einem Hintergrundimpuls unterscheidet, der wie ein leises Trommeln zu uns dringt. Und manchmal schlicht der Klang gewordene Windwirbel, der mit den Nadelzweigen spielt. Wer das erlebt, schweigt, lächelt vielleicht – und fast jeder berichtet irgendwann von dem subjektiven Gefühl, dass da eine Intelligenz zu uns spricht, Weisheit wach wird in einem wortlosen Flüstern zwischen Mensch und Mitwelt. Doch das ist nichts, was wir kontrollieren könnten. Wer nachts draußen haust und verwundert von weitem auf die Lichter der Straßenlaternen, der heimischen Leuchter und das fahle, blaue Blitzen der Bildschirme schaut, der mag verwundert und staunend erkennen, dass all das aus der Angst vor dem Wilden entstanden ist.
Neunundneunzig Prozent seiner Geschichte war der Mensch Jäger und Sammler und die Wildnis sein Zuhause. Ein Ort der ihn ernährte und bedrohte, den er fürchtete und verehrte. Wir wissen nicht, wie unsere Vorfahren fühlten. Wir können nur ahnen, dass sie tief verbunden waren mit der Welt, die sie umgab. Ungetrennt, beobachtend, lauschend, die Wildnis lesend wie ein Buch. Wildnis – das war die »große Mutter«, nährend und strafend, liebevoll und grausam. Die Spaltung zwischen Mensch und Natur begann mit den ersten festen Siedlungen vor 7000 Jahren. Die schrittweise Umformung der Wildnis in Agrarlandschaften vollzog sich bis ins Mittelalter. Die unsichtbare Grenze wurde mit Palisaden und Stadtmauern sichtbar gemacht. Innen war Kultur, außen das Andere. Dort hausten die »wilden Menschen« der Märchen und Sagen. Bis ins 16. Jahrhundert dauerte es, bis die Benediktiner und Zisterzienser auszogen, Klöster in die Wildnis und Kirchen in das Dorf setzten, und mit dem Slogan »ora et labora« die Wälder rodeten, das Land »urbar« machten und seine Bewohner christlicher Sitte und Moral unterwarfen. Kontrolle durch Kolonisation lautete die Devise der sich ausbreitenden Zivilisation. Kolonisation der Wildnis, Kolonisation der wilden Menschen, Kolonisation der Frau, Kolonisation der eigenen Natur. Zähmung war der primäre kulturelle Impuls – ­bildhaft geworden in den gezirkelten französischen Gärten, die den Anspruch absoluter Kontrolle manifestierten und im absolutistischen Staat ihren letzten Ausdruck fanden. Kulturgeschichtlich setzte sich ein Denken durch, das die Wildnis als »unfertige Schöpfung« charakterisierte, in der es dem Menschen oblag, Gottes liegen­gelassene Arbeit zu vollenden. Immer weiter trieb man die Trennung von Mensch und Natur.
Doch die Überwindung der Wildnis hatte erodierende Wunden nicht nur ins Antlitz der Erde geschlagen, auch in der Seele der Menschen klaffte bald ein Loch. Weil die wilde Natur Jahrhunderttausende lang primärer Bezugspunkt gewesen war, wuchs die Sehnsucht nach dem unberührten, freien, natürlichen Leben. Einerseits repräsentierte die Wildnis die gefährliche, unberechenbare Natur, vor der man sich schützen musste, andererseits war sie heiliger Raum und Wohnort der Götter, die man verehrte.
Einerseits symbolisierten die »wilden Männer« in den Mythen tierhafte Unzivilisiertheit, ungebremste Sexualität und unkontrollierte Gewalt, andererseits repräsentiert schon das älteste mythische Urbild dieser Gestalt, Enkidu im Gilgamesch-Epos, ein psychisch feinfühliges Wesen, das prophetische Träume deuten konnte und der Natur heiligen Respekt entgegenbrachte. Einerseits war der mittelalterliche Wald ein bedrohlicher, gefährlicher Ort mit wilden Tieren und giftigen Pflanzen, Zuflucht der »Vogelfreien« und Verbannten, andererseits der Nährboden und Refugium für Ideen, Philosophien, heilkundliches Wissen, Widerstand und Rebellion. Auch die modernen Bilder vom »edlen Wilden« verkörpern diese Doppeldeutigkeit. Gelten sie doch als zurückgeblieben, abergläubisch und unzivilisiert, während man ihnen zugleich unverdorbene Würde und reine Moral, Tapferkeit und Zähigkeit attestierte – oder unterstellte. Literarische Gestalten wie der letzte Mohikaner, Winnetou, Robinsons Begleiter Freitag oder Tarzan genießen bis heute eine große Popularität, die deutlich macht, welche Bedeutung diese Tugenden, die der Zivilisation zum Opfer gefallen sind, für uns nach wie vor haben.
Die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation aber verlagerte sich in den Bereich der psychischen Innenwelt. Kultur bedeutete schon bald Affektkontrolle und Körperdisziplin. Sigmund Freud hatte die innere Wildnis das »Es« genannt und seine Kontrolle und Unterwerfung durch die Ordnungsmacht des »Ich« nicht zufällig mit Sinnbildern belegt, die aus dem Bereich der Flurbereinigung, Domestizierung, Landnahme und Sklaverei stammen: »Gefesselte Sklaven der Triebe tragen den Thron der Herrscherin. Wehe, wenn sie befreit würden. Der Thron würde umgeworfen, die Herrin mit Füßen getreten«, schwadronierte der Erfinder der Psychotherapie. »Das ›Es‹ ist ein Chaos, hat keine Organisation, bringt keinen Gesamtwillen auf, kennt weder logisches Denken noch Moral. Es ist ein sumpfiges, morastiges Gebiet, das erst durch die Ich-Entwicklung überhaupt urbar wird.«
Wie sehr sich innere und äußere Kontrolle bei den Bemühungen, die Triebnatur zu unterwerfen, ins Unermessliche steigern, hat Norbert Elias in seiner Zivilisationstheorie ausgearbeitet. Mit einer Fülle von Belegen zeigte er, wie seit dem Mittelalter die Affektkontrolle zugenommen hat und nun ein menschlicher Sozial­charakter vorherrscht, den Elias den »Homo clausus« nannte: Ein gegenüber der Umwelt abgeschlossener, in sich verschlossener, wenn nicht sogar eingeschlossener Mensch, vorwiegend ein Mann, dem innere und äußere Natur gleichermaßen fremd geworden sind.
Kann der zurückkehren – und wenn ja, wohin?
Fraglos ist: Die vom Menschen unberührte Natur ist im Zug dieser Entwicklung verschwunden. In einer Zeit, in der Luft, Gewässer und Böden mit zehntausenden Produkten der chemischen Industrie durchsetzt sind, gibt es keinen Flecken mehr, der naturbelassen geblieben ist. Alles »Unberührte« ist Illusion, jeder Traum der Rückkehr Realitätsflucht. Die Wildnis der Zukunft wird neu und anders sein.

Die alte Paradies-Vision neu kultivieren
Unsere Schöpfungsgeschichte endet mit der Vertreibung aus dem wilden Garten des heiligen Paradieses. Und die Kulturgeschichte besteht seitdem in dem Versuch, ein neues Paradies zu schaffen. Bis heute haben wir es in den »Urban Jungles« nur zu Möbel- und Einkaufsparadiesen gebracht. Der Einblick in die Wildnis könnte aber dazu beitragen, auch die Kulturlandschaft als wilden Garten zu gestalten und damit die alte Paradies-Vision neu zu kultivieren. Denn je mehr die Wildnis zurückgedrängt wurde, desto wichtiger wird sie für den Menschen, der ja biologisch immer noch der alte ist. Die Wildnis ist zur Metapher unserer Träume geworden, zur Projektionsfläche für unsere innere Natur, zum Symbol unserer Sehnsucht nach Rückbindung an etwas viel Größeres, was jenseits menschlicher Kontrolle liegt – selten mal geahnt in Momenten der Stille, der Harmonie oder des Schreckens auf Berggipfeln, an schroffen Küsten, in Sturmnächten oder unter Sternenhimmeln. Ein Pilgergang, ein ­Retreat, eine Auszeit in der Wildnis können deshalb Weltbilder ins Rutschen bringen, weil die Selbstorganisation dort draußen viel weiser scheint, als alle wackeligen kulturellen Konstruktionen. In ihr lässt sich erkennen, wo wir herkommen, welche Rolle im Netz des Lebens wir spielen, wo wir stehen auf der Reise durch das Leben. Die Wildnis vergewissert den Menschen seiner Selbst, zwingt zur Rückkehr auf das Wesentliche, fordert Präsenz und Achtsamkeit gegenüber dem Geheimnis des Lebens. Sie bricht ein für allemal mit der zivilisatorischen Lüge, dass wir getrennt wären von der Natur, und beendet jeden Anthropozentrismus, der allein den Menschen an die Spitze der Schöpfung stellt. Es ist eine emanzipatorische Weisheit für den überkulturierten Menschen, die da draußen aufbricht. Brauchen wir also Wildnis als Ort des Lernens für eine inspirierte Form des »Kulturschutzes«, und sollten wir dafür weniger über Parks für Naturschutz nachdenken?
Der Ökologe und Alternative Nobelpreisträger Michael Succow fordert ebenso wie der Pionier des deutschen Naturschutzes Hubert Weinzierl bereits die Einrichtung von Wildnisschutzgebieten als »heilige Räume«. Auch kritische Theologen wie Eugen Drewermann stimmen zu: »Mir scheint der Amazonas-Urwald heiliger als der Petersdom.« Das bedeutet nicht, die Wildnis als romantischen Ort zu idealisieren. »Die Natur ist so wenig eine Idylle, wie Gott lieb ist«, sagt pointiert der Wissenschaftsphilosoph Klaus-Michael Meyer-Abich.
Die Grenze zwischen Wildnis und Kultur scheint hauchdünn. Nicht nur, weil der Mensch biologisch Natur ist und bleibt, sondern auch, weil angesichts eines neuen Naturverständnisses die alte Polarität ad acta gelegt werden muss. Tatsächlich wird – kurz bevor sie vom Globus verschwunden ist – die Wildnis heute neu und anders entdeckt: als Lernfeld für Komplexität und allgegenwärtige Selbst­organisation, für die Kreativität offener Systeme und funktionierender Kreisläufe jenseits menschlicher Kontrolle – Wildnis wird zu nicht weniger als zur Matrix des Lebendigen. Sie macht der Wissenschaft heute deutlich, dass die Welt auch ohne menschlichen Eingriff bestens funktioniert und es keiner Verbesserung einer vermeintlich unfertigen Schöpfung bedarf. Wilde Systeme wie Tümpel, Regenwälder oder Wetterformationen zeigen uns faszinierende Regeln der Selbst­organisation. Mensch beginnt zu begreifen, dass die Organe seines Innenlebens – Herz, Nieren, Gedärme oder Genitalien – wildes Land sind, durchzogen von sprudelnden Blutflüssen, Lymphe, Speichel, ­Samen und Schleim, die kulturell ganz und gar unkorrekt funktionieren und sich durchaus wild gebärden können. Moderne Therapien entdecken den Körper in seiner Weisheit neu und öffnen über diesen wilden Zugang Türen zu Psyche und Geist. Pädagogen wollen dem Nachwuchs in Waldkindergärten und mit wilder Didak­tik soziales und harmonisches Verhalten beibringen. Erlebnis­pädagogik soll den zivilisationsgeschädigten modernen Menschen zurück zur eigenen Natur bringen, Umweltpädagogik anhand sinnlicher Naturerfahrung den richtigen Umgang mit den natürlichen Ressourcen lehren. Nicht weniger als 70 »Naturschulen« und Hunderte von »Umwelt­stationen« wurden in den letzten Jahren gegründet. Der neue Zweig der Ökopsychologie konstatiert, dass die natürliche Umwelt und die psychische Innenwelt ein und dasselbe seien: Wir ­sähen die Welt so, wie wir sind; wer von der eigenen Natur getrennt sei, könne auch keine gesunde Beziehung zur Umwelt entwickeln. Um die innere Wildnis zu erforschen, wandelt sich die Psychotherapie seit Jahren zur Erlebnis- und Körpertherapie, in der die Triebnatur nicht mehr wortreich kontrolliert, sondern offen ausagiert werden soll. Da ist Wildnis nicht mehr das Gegenteil von Kultur, sondern wird zu ihrem Werkzeug.
Die verbliebenen Reservate von Wildnis werden dabei zu Lehrstücken einer ständigen Evolution, in denen man dem Wilden beim Gestalten der Welt zuschauen kann. Konsequenterweise spricht man heute nicht mehr vom musealen »Naturschutz«, sondern vom dynamischen »Prozessschutz« und lässt – wie im Naturpark Bayerischer Wald – die Finger von der Wildnis und dem Borkenkäfer freie Bahn. Dahinter verbirgt sich nicht weniger als ein Bewusstseinswandel von kulturhistorischen Ausmaßen: Nachdem sich menschliche Kultur über Jahrtausende über die Abgrenzung von der Wildnis definierte, wird das Wilde heute zum schützenswerten Kulturgut. Statt den Menschen als Veredler von Gottes unvollkommener Schöpfung zu sehen, fordert die neue Würdigung der ungezähmten Natur eine neue Rolle des Menschen – die des wachen Beobachters und verantwortungsvollen Gärtners im Netzwerk des Lebens. Statt die Wildnis nach Außen zu projizieren, wird dem Menschen deutlich, dass er selbst ein nur sehr oberflächlich kulturell geprägtes Wesen ist. »Die zivilisatorische Schicht«, so hat der Psychologe und Wildnisforscher Robert Greenway festgestellt, »ist nicht dicker als drei Tage!« 

 

Geseko von Lüpke (51), Politologe und Ethnologe, Journalist und ­Autor zahlreicher ­Bücher über Nachhaltigkeit und Bewusstseinswandel, Visionssuche-Leiter.

Wilder Lesestoff:
Sylvia Koch-Weser, Geseko von Lüpke: Vision Quest – Visionssuche:
In der Wildnis allein auf dem Weg zu sich selbst, Drachen Verlag, 2010  

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