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Wenn dich der Koyote mit Fragen löchert

Über eine uralte Methode der Wissensübertragung und Naturverbindung

von Jochen Schilk , erschienen in 05/2010

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Der Kalifornier Jon Young versteht sich darauf, Menschen gründlich mit ihrer natürlichen Umwelt zu verbinden. Die Trennung, ­unter der wir modernen Menschen ­leiden, hält Young für ein mentales ­Konstrukt. Auf der körperlichen Ebene – vor allem durch unsere fünf Sinne, die wir mit den Urahnen aus der Steinzeit und allen Säugetieren gemein haben – seien wir Natur. Deshalb bedient sich Youngs Methode dieser Sinne als Schlüssel zur Rückverbindung.

1971, als zehnjähriger Junge im suburbanen New Jersey, war Jon Young in der Nachbarschaft dem einundzwanzigjährigen Tom Brown jr. begegnet, der nicht aufhörte, ihn mit tausend seltsamen Fragen zu löchern. Ob er auch diesen Vogel da vorne im Gebüsch gesehen habe, mit dem Ding im Schnabel, und ob das Gebüsch nicht überhaupt auffällig sei? Und wenn Jon dann noch einmal nachsah und Bericht erstattete, wartete Tom schon mit neuen Fragen, die er wie nebenbei ins Gespräch einstreute. Jons Fragen beantwortete Tom mit Gegenfragen und neuen Aufgaben. Erst Jahre später fiel Jon Young auf, dass er sich durch sein detailliertes Naturwissen und seine Beobachtungsgabe stark von den übrigen Mitmenschen unterschied. Diese Dinge zu kennen, war offenbar ganz und gar nicht normal. Doch wie um alles in der Welt hatte Tom ihm über die Jahre diese Fülle an Informationen und Fähigkeiten beigebracht? Von einem Unterricht, wie er ihn aus der Schule kannte, war ja gar nichts zu merken gewesen!

Lernen durch Fragenstellen
Tom Brown hatte als Junge selbst eine derartige Ausbildung genossen, und zwar durch einen Freund seines Großvaters, einem meisterhaften Fährtensucher-Scout vom Volk der Apache-Indianer. Stalking Wolf (»Pirschender Wolf«), so der Name des alten Mannes, hatte sich dabei schlicht jener Lehrmethode bedient, mit deren Hilfe viele naturnah lebende Völker seit Jahrtausenden effektiv Wissen von einer Generation in die nächste weitergeben. Bei Jäger-und-Sammlerinnen-Völkern betrifft dieses Wissen freilich zuvorderst die lebenswichtige Kenntnis der Elemente und Vorgänge in ihrer natürlichen Umgebung (siehe auch den Beitrag von Peter Gray auf Seite 56). Doch die Grundzüge der von Young »Mentoring« genannten Lehrmethode – das Fragenstellen, die intensive Beziehung zwischen »Mentor« und Lernendem, die Nutzung von Neugier und Kreativität sowie das Einbeziehen aller Sinne und der lebendigen Natur, um ein emotionales Lernfeld entstehen zu lassen – lassen sich, so Jon Youngs Erfahrung, zumindest teilweise auch bei der Übermittlung modernen Wissens zur Anwendung bringen.
Nach dem Studium der Anthropologie (mit einem Schwerpunkt auf Jäger-Sammlerinnen-Völker), baute Young 1983 die erste Wilderness-Awareness-School der USA auf und betreut seit den 90er Jahren weltweit Programme zur Natur-Rückverbindung sowie insbesondere zur Weitergabe des ­»Coyote-Mentoring«-Modells. In der indigenen Tradition von Stalking Wolf steht der Koyote für den höchsten Grad an Naturverbindung in Kombination mit Schläue und Kreativität bei der Lösung von Problemen.
Auch die Herausforderung, als Lehrer vor einer Schulklasse zu stehen und 30 zappeligen, desinteressierten Jugendlichen Stoff vermitteln zu müssen, ist Young nicht fremd: »Wenn ich von den wertvollen 45 Minuten fünf Minuten nehme und erst einmal tief durchatme und die Schüler freundlich anlächle, habe ich schon ein wenig ihrer Aufmerksamkeit, und auch sie fangen an, sich zu entspannen, werden aufnahmebereit für neues Wissen.« Naturvölker lehren und lernen sehr viel durch Nachahmung, und Young weiß, dass die Schüler ihn unwillkürlich imitieren, wenn er hörbar Atem schöpft und einen erholsamen Blick auf den Baum vor dem Fenster wirft. »Dann erzähle ich ein bisschen, zum Beispiel, wie schön mein Spaziergang gestern nach Unterrichtsende gewesen ist. Ich nehme sie mit auf eine visualisierte Reise durch die Hügel, berichte von dem Hirsch, den ich gesehen habe, und flechte Fragen in das lockere Gespräch ein: ›Wer von euch hat schon einmal einen Hirsch gesehen?‹ oder ›Könnt ihr euch vorstellen, wie diese Landschaft geformt wurde?‹, ›Wie entstehen eigentlich Kristalle?‹ Ich bin für die Kids in diesem Moment der Zugang zur Natur. Vielleicht lachen wir zusammen über irgendwas, und ohne dass die Klasse es richtig merkt, webe ich meine Geschichte um den Unterrichtsstoff, der so mit einem Mal zu etwas richtig ­Lebendigem wird.«

Transformationspotenzial
Das Ziel eines Mentoring-Prozesses – der idealerweise zwischen nur zwei Personen abläuft – ist, dem Lernenden zu ermöglichen, »zu Natur zu werden« (becoming nature). Der auf Reisen in die Natur geschickte Adept weiß bald, dass ihn bei seiner Rückkehr wieder allerhand Fragen zum Erlebten erwarten. Immer offener werden dadurch seine Sinne für das äußere Geschehen: Wetter, ­aktive Tiere, Pflanzen, die sich ihm zeigen, Gerüche … Der Mentor ist mehr Coach als Lehrer.
»Ich finde heraus, worauf der Lernende neugierig ist, und verbinde dies immer gründlicher mit all seinen fünf Sinnen, bis zu dem Punkt, wo er vollständig im Augenblick verankert ist«, erklärt Young. »Wenn da keiner ist, um diese ganzen Fragen zu stellen, wird er wohl nie aus seinem Kopf herausgehen und seine Sinne auf alle Facetten der natürlichen Welt richten.«
Die Formen und Texturen dieser Welt sprechen in der Erfahrung der Wildnispädagogen die tiefsten Aspekte des menschlichen Bewusstseins an, das Eintauchen in die Natur bringe lebensbereichernde Freude sowie die Fähigkeit, den Herausforderungen des Lebens mit einer positiven Haltung zu begegnen. Dabei ist dieser Prozess frei von Religion, Ideologie oder Politik. Lernende und Mentoren erleben dies im Idealfall eingebettet in eine Gemeinschaft oder ein Netz von Menschen, deren Kultur ebenfalls von Naturverbindung geprägt ist. Nur Musik, so der begeisterte Volkstanz-Fiddler Young, habe einen vergleichbar verbindenden Effekt wie das Natur­erleben. Er hält es deshalb für seine Mission, »jeder Gemeinschaft auf der Welt Räume und Möglichkeiten zu geben, sich mit allem, was um sie herum existiert, wiederverbinden zu lassen«.
Dies, so die Überzeugung des schlauen Koyoten, würde zu einer »gigantischen Transformation« der Welt führen. 

 

Weitere Fährten:
www.jonyoung.org, www.pluspedia.de/index.php/Naturmentoring
Literatur
Das Grundlagenwerk zur Wildnispädagogik von Jon Young, Ellen Haas und Evan McGown »Coyote’s Guide to Connecting with ­Nature«, OWLink Media, 2008, soll im Frühjahr 2011 als »Wildnispädagogik: Mit dem Coyote-Guide zu einem tieferen Verständnis der Natur« im Biber-Verlag erscheinen. 

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