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Wo Nachbarschaft gewebt wird

Das Stadtteilprojekt »Nachbarschaft Samtweberei« in Krefeld bringt das ­Gemeinwesen in einem benachteiligten Quartier wieder zum Pulsieren.

von Fabian Müller , erschienen in 34/2015

Bild

© Foto: Stefan Bayer

Die Lewerentzstraße in Krefeld liegt in der Nähe der Innenstadt. Zwischen den Autos, die auf beiden Seiten der zweispurigen Fahrbahn parken, schmücken ungewöhnlich viele Blumen die kleinen Grünflächen um die Straßenbäume. Auf selbstgemachten Schildern ist zu lesen, dass die »Baumbeete« von den ­Anwohnern gepflegt werden und nicht als Fahrradabstellplatz oder Hundeklo dienen sollen. Ich bin überrascht, wie viele Menschen auf der Straße sind: Kinder spielen an einer Straßenecke am Rand des Alexanderplatzes, gleich daneben begrüßt sich eine Gruppe Jugendlicher per Handschlag vor einem ­Kiosk. Ältere Männer stehen einige Häuser weiter vor verrauchten Cafés auf der Straße, gleich neben türkischen Reisebüros, Imbissläden und weiteren Kiosken. Eine Gruppe Afrikanerinnen in bunten Gewändern geht an mir vorbei. Entlang der Lewerentzstraße fällt mir die unterschiedliche Architektur der Gebäude auf: Kunstvoll renovierte Häuser aus der Gründerzeit, heruntergekommene Nachkriegsbauten und neu gebaute Wohnhäuser wechseln sich ab. So entsteht ein bunter Mix aus Fassaden und Farben, der typisch für das Viertel ist.

Aus dem Dornröschenschlaf erweckt
In der Lewerentzstraße steht auch die Alte Samtweberei, eine ehemalige Textilfabrik. Seit März 2014 haucht ein Nachbarschaftsprojekt der Immobilie und dem gleichnamigen Viertel neues Leben ein. Initiatorin ist die »Montag Stiftung Urbane Räume«, eine der drei Stiftungen des Unternehmers Carl Richard Montag. Sie alle haben das Ziel, jedem Menschen die gleichen Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben zu geben und dabei auch einen Kollektivsinn zu entwickeln. Die Stiftungsgruppe unterstützt Kunstprojekte, die Förderung von Kindern und Jugendlichen sowie die Gestaltung von Nachbarschaften, in denen Menschen sich leicht begegnen und einander mit ihren Fähigkeiten bereichern können.
Um eine solche Nachbarschaft zu verwirklichen, suchte die Montag Stiftung Urbane Räume im Rahmen ihres Programms »Initialkapital« eine größere leerstehende Immobilie in Nordrhein-Westfalen. Begegnung und gegenseitige Wertschätzung als Grundlagen für eine lebendige Nachbarschaft sind gerade in Stadtteilen, die von sozialer Benachteiligung und kultureller Vielfalt geprägt sind, wesentlich. Im Krefelder Samtweberviertel wohnen überdurchschnittlich viele Empfänger von Transferleistungen; das Bildungsniveau ist gering, und viele Häuser stehen leer.
»Es ist ein Stadtteil auf der Kippe«, betont Robert Ambrée, der die Entwicklung vor Ort für die Stiftung koordiniert. Er stellt zwei düstere Prognosen: »Entweder gerät das Viertel in eine Abwärtsspirale, in der Hauseigentümer weniger investieren, sich noch mehr Transferempfänger ansiedeln und die soziale Isolierung zunimmt. Oder Investoren bauen bzw. sanieren Wohnungen, so dass die Mieten steigen, ärmere Menschen verdrängt werden und die Renditen aus dem Stadtteil abfließen.« Der Ansatz der Stiftung biete hier einen dritten Weg, der das Viertel beleben und die Menschen zusammenbringen soll. Das Areal und die Immobilie gehören, seitdem die Fabrik 1971 in Konkurs ging, der Stadt Krefeld, die sich für eine Kooperation offen zeigte. Man einigte sich darauf, dass die Stiftung Urbane Räume die Immobilie im Erbbaurecht pachtet und die Stadt Eigentümerin des Areals bleibt. Der fällige Erbbauzins muss nicht entrichtet werden, solange die Überschüsse ins Viertel zurückfließen.

Pioniere für das Gemeinwesen
Das »Pionierhaus«, zuvor das Verwaltungsgebäude der Fabrik, wurde nach dem Projektstart nur so weit wie nötig renoviert, um schnell und günstig vermietet werden zu können: Rund 60 neue Nutzer, hauptsächlich Künstler und Designer, haben sich dort bereits Ateliers und Büros eingerichtet. Viele von ihnen arbeiten oder studieren an der Hochschule Niederrhein, die nur wenige Gehminuten entfernt liegt. Durch ihre Projekte fördern die neuen Fabrikbewohner die Entwicklung des Stadtteils: Einige von ihnen unterstützen beispielsweise Kinder und Jugendliche mit Lernschwächen dabei, ihre Stärken kennenzulernen. Angeboten wird auch Hausaufgabenbetreuung nach der Schule, was eine Erleichterung für die vielen Alleinerziehenden im Viertel ist. Eine freie Theologin berät Menschen in schwierigen Lebensphasen, etwa beim Tod eines Angehörigen. Eine Künstlerin wiederum öffnet ihr Atelier regelmäßig zum gemeinsamen Nähen und Stricken, mit ihr kann man sich auch über alte Handarbeitstechniken austauschen.
Die Überschüsse aus der Vermietung – geplant sind 60 000 Euro pro Jahr – fließen direkt zurück in gemeinnützige Projekte aus dem Viertel. Zudem arbeiten die Nutzer des Pionierhauses pro gemietetem Quadratmeter eine Stunde im Jahr direkt für das lokale Gemeinwesen. Im Jahr kommen so insgesamt gut 900 Stunden zusammen, zum Beispiel für Sport- oder Kunstkurse, aber auch für praktische Arbeiten wie das Pflegen der Baumbeete. Auf diese Weise kann Gemeinschaft in der direkten Begegnung und im praktischen Tun entstehen.

Unterstützung lokaler Projekte
Die Montag Stiftung Urbane Räume fördert auch gemeinnützige Initiativen im Samtweberviertel. Dazu ruft sie einmal im Jahr zu einem Wettbewerb auf. Eine Jury aus Bewohnern und einem Stiftungsmitarbeiter entscheidet dann darüber, welches Projekt welchen Anteil des Preisgelds von 5000 Euro erhält.  In diesem Jahr wurden 21 Projekte vorgestellt. Dazu gehört nicht nur die Idee eines lokalen Internetradios, bei dem auch Schulklassen mitwirken können, sondern auch die des Nachbarschaftstreffs »Café International«, der nun im Pionierhaus stattfindet.
Um die verschiedenen Aktivitäten zu vernetzen, existiert außerdem ein monatlicher Stammtisch. Hier entstehen oft Freundschaften, die über das gemeinsame Engagement im Quartier hinausgehen. Robert Ambrée betont, der Stiftung gehe es insbesondere darum, den Menschen im Viertel den Kontakt mit Fremden und Fremdheit zu erleichtern und die Fähigkeit zu fördern, sich in andere hin­einzuversetzen und sie zu verstehen. 
Es erscheint plausibel, dass sich Verständnis füreinander durch gemeinsame Aktionen und Ziele fördern lässt, die ja immer einen Anlass bieten, miteinander ins Gespräch zu kommen. Allerdings frage ich mich auch, welche Tücken sich zeigen, wenn eine professionell arbeitende und finanzierte Stiftung mit selbstorganisierten und ehrenamtlichen Nachbarschaftsprojekten zusammenarbeitet.
Robert Ambrée meint dazu, der Stiftung sei durchaus bewusst, dass sie von außen als Akteur mit Geld und Kompetenz aufträte. Sie handele aber nicht von oben herab, sondern begegne den Bewohnern auf Augenhöhe und betrachte sie als die Experten für ihre Situation. Seine Arbeit bewege sich zwischen einer Offenheit für die Impulse der Menschen im Samtweberviertel und einem von der Stiftung geschaffenen Rahmen, auf den sich alle Beteiligten langfristig verlassen könnten. Vom Konzept her würde angestrebt, dass ähnliche Projekte zusammenarbeiteten, um ihre Ressourcen zu bündeln – was sich jedoch nicht erzwingen lasse. Robert Ambrée erzählt von dem Versuch, zwei Projekte zusammenzuschließen, die zwar inhaltlich gut zueinander passten, deren Initiatoren sich aber nicht verstanden hätten. Es sei dann völlig in Ordnung, dass beide weiterhin einzeln nebeneinander existierten. Überhaupt gehe es oft darum, den Menschen Raum zu lassen und von ihnen nicht zu erwarten, dass sie sich kontinuierlich engagieren. Jeder könne eine Zeitlang mitmachen, dann wieder zurücktreten, um vielleicht später erneut einzusteigen. Projektideen tauchten auf, würden umgesetzt und weiterentwickelt – oder verliefen im Sand. Die Stiftung unterstütze diesen »Flickenteppich«, wie Robert Ambrée es nennt, indem sie bei der Förderung von Einzelprojekten keine dauerhaft strukturierte Planung voraussetze. Mit lokalen Einrichtungen wie Vereinen und Initiativen arbeite sie jedoch auch langfristig fest zusammen.
Eine dieser Einrichtungen ist die lokale Bürgerinitiative »Rund um St. Josef«, einige Straßen von der Fabrik entfernt. Sie wurde 1974 gegründet, und ist seither zu einer festen Anlaufstelle für die Bewohner im Stadtteil geworden. Neben einer Jugendkunstschule und einem großen Angebot an Bildungskursen auch für Erwachsene hat die Initiative eine Jugendfreizeitstätte mitten im Stadtteil eingerichtet. Als ich diese betrete, ist es laut: Musik dringt aus den Lautsprechern, Kinder laufen umher, Jugendliche spielen Tischtennis. Sylvia Esters ist seit 18 Jahren bei der Initiative und kümmert sich insbesondere um die Kunstschule. Sie sieht die Arbeit der Montag Stiftung im Viertel als eine sinnvolle Ergänzung zu den bestehenden Angeboten, da sie den Kontakt zwischen den verschiedenen Einrichtungen über längere Zeit fördere und ausbaue. So entstünden Synergien, und es kümmere sich jemand darum, dass sinnvolle Vorhaben nicht bereits an ersten Schwierigkeiten scheiterten. Um die Menschen des Viertels zu erreichen, profitiere die Stiftung wiederum davon, dass diese zu Einrichtungen wie »Rund um St. Josef« ein gewachsenes Vertrauensverhältnis hätten.

Beteiligung der Bewohner
Der Ansatz der Stiftung, eng mit lokalen Initiativen zusammenzuarbeiten, hört sich vielversprechend an. Doch wichtig scheint mir, dass die Quartiersbewohner die Angebote auch aufgreifen und ihre eigenen Vorstellungen einbringen. Wie können die Menschen als Experten an der Entwicklung ihres Stadtteils beteiligt werden? Robert Ambrée berichtet, dass die Stiftung noch vor Projektbeginn eine Umfrage initiiert hatte, die nach den Bedürfnissen der Menschen im Samtweberviertel fragte und nach dem, was ihrer Meinung nach noch fehle. Die Ergebnisse von knapp 90 Interviews zeigten unter anderem, dass die Befragten mehr Mit­einander statt Nebeneinander wollten und auch bereit waren, sich dafür zu engagieren. Um die Angebote der Stiftung weiter bekanntzumachen, gibt es Infokampagnen und Nachbarschaftsfeste. Eines davon ist das Kirschblütenfest auf dem Alexanderplatz, das mit Unterstützung der Stiftung von einem lokalen Bürgerverein organisiert wird. Eine weitere Möglichkeit zur Beteiligung ist der jährliche »Viertelsratschlag« bei dem die Bewohner in Arbeitsgruppen die Aufgaben der Nachbarschaft Samtweberei definieren und Schwerpunkte festlegen können; zur Zeit sind dies die Jugendarbeit und Sprachvermittlung. Dass letztere nötig ist, zeigt sich auch daran, dass bei Bewohnertreffen oft Übersetzer gebraucht werden, um die Menschen verbal zu erreichen. Die Stiftung will zudem ab Herbst möglichst niedrigschwellig dazu einladen, über die Frage zu diskutieren, wie die noch leerstehende, 3000 Quadratmeter große Halle im Innenhof der Samtweberei genutzt werden soll. Im Gespräch sind etwa überdachte Sportplätze. Durch diese Beteiligung innerhalb des Stadtteils, hofft Robert Ambrée, können die Menschen erfahren, dass es sich lohne, sich auch außerhalb des Viertels eine politische Stimme zu verschaffen. Wenn er in die Zukunft blickt, sieht er als mögliches Ziel eine Stadtteilvertretung, die wie ein politisches Gremium arbeitet. Vorbild ist für ihn dabei die Gemeinwesenarbeit in Düren Nord, in der eine von den Bewohnern gewählte Vertretung bereits aktiv ist. Langfristig sollen zudem lokale Träger die Koordination der Samtweberei übernehmen, so dass sich die Stiftung ab etwa 2018 zurückziehen kann. Bis dahin sollen auch die restlichen Gebäude des Areals in 35 Einheiten für gemeinschaftliches Wohnen, weitere Büroräume und ein »Nachbarschaftswohnzimmer« für die Haus- und Stadtteilbewohner verwandelt werden.

Offene Fragen für die Zukunft
Nach meinem Besuch bin ich erstaunt, wie viel sich in nur eineinhalb Jahren im Samtweberviertel getan hat. Was ich mitnehme, ist die Erkenntnis, dass in einem Stadtteil andere Maßstäbe für gemeinschaftliches Miteinander angelegt werden müssen als in einem Ökodorf – ganz einfach deshalb, weil die Ausgangslage verschieden ist. Möglichkeiten für ein wertschätzendes Miteinander sind allerdings hier wie da zahlreich vorhanden.
Hinsichtlich der Zusammenarbeit zwischen Stiftung und lokalen Akteuren habe ich herausgefunden, dass es wichtig ist, einerseits für die Ideen der Bewohner offen zu sein und flexibel auf Schwierigkeiten bei der Umsetzung zu reagieren. Andererseits ist es jedoch auch sinnvoll, eine Struktur mit Zielen und klaren Entwicklungsschritten anzubieten, auf der die Menschen und Initiativen vor Ort aufbauen können. Entscheidend ist jedoch der vertrauensvolle Kontakt zwischen der Stiftung, den Nutzern des Pionierhauses und den übrigen Bewohnern des Samtweberviertels. Mein Eindruck ist, dass die Erfahrungen der Stiftung zum Nutzen aller einfließen, ohne dass diese sich aufdrängt. Spannend bleibt die Frage, ob und wie dauerhafte Strukturen ohne den professionellen Rahmen von den Bewohnern selbst entwickelt werden können. Die nächsten Jahre im Samtweberviertel werden das zeigen – und auch, inwieweit das Beispiel ausstrahlen kann. •

Fabian Müller (26), studiert an der Universität Witten/Herdecke Philosophie und Kulturreflexion. Er interessiert sich für gemeinschaftliche Lebensformen und dafür, wie diese in andere Kontexte übertragen werden können.

Allesamt mal hingucken:
www.samtweberviertel.de

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