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Zeit, zu leben

Grundschulwissen ist in wenigen Monaten erlernbar.

von Line Fuks , erschienen in 34/2015

Lernen wird in der Grundschule zu Arbeit und Pflicht – diese ungünstige Assoziation bleibt ein Leben lang ­erhalten. Dabei könnte Lernen spielerisch leicht sein.

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© Foto: privat

Wie die meisten Eltern wollte auch ich das Beste für meine Kinder. So initiierte ich zunächst einen Waldkindergarten und dann eine »freie Schule« im Sinn von Rebeca und Mauricio Wild, orientiert an den pädagogischen Gedanken von Maria Montessori. Mit der neuen Schule schien mir alles bestens zu sein – bis die damalige Schulleiterin in einem vertraulichen Gespräch über die Lerninhalte den folgenschweren Satz äußerte: »Das Grundschulwissen passt im Prinzip auf eine CD. Kinder könnten es innerhalb von ein bis drei Monaten erlernen.«
Sofort begann ich, zum Lehrplan der Grundschule zu recherchieren. Als ich zunächst die Herausforderungen im Fach Mathematik untersuchte, wurde mir bald bewusst, dass sich die behandelten Themen in den Klassenstufen eins bis vier kaum voneinander unterscheiden. Während der gesamten vier oder sechs Grundschuljahre geht es in diesem Fach hauptsächlich um die vier Grundrechenarten, wobei sich lediglich der Zahlenraum vergrößert. Nur wenige andere Themen, wie einfachstes Bruchrechnen und simple Geometrie, kommen noch hinzu. Benötigt man wirklich vier Jahre, um diese Lerninhalte zu verinner­lichen? Als Eltern entschieden wir uns damals, mit unseren Kindern den Weg des »Freilernens« zu gehen. Nachdem sie heute zu Teenagern herangewachsen sind, kann ich dazu aus eigener Erfahrung berichten.
Am Beispiel »Lesenlernen« kann ich begründen, warum wir an ein »an Interessen gebundenes Lernen« glauben. Wer an einem Thema kein Interesse hat, braucht sehr viel mehr Zeit, um die Inhalte verstehen und erlernen zu können. Nur die Dinge, die für uns wichtig sind, können auch wirklich begriffen werden und sich mit bereits vorhandenem Wissen vernetzen. So kann es in unserem Langzeit­gedächtnis abgespeichert werden.
In der Schule schreibt der Lehrplan vor, womit sich die Kinder beschäftigen sollen. Haben sie nicht die meisten Inhalte schulischen Lernens nach kurzer Zeit wieder vergessen? Vor Klassenarbeiten wird sämtlicher Lernstoff verschlungen und dann, unverdaut, für den Test wieder ausgespuckt: nicht gerade effektiv und nachhaltig! Sind die Fenster des Interesses aber geöffnet, geht das Lernen wie von selbst; es macht Spaß, und man benötigt nur wenig Zeit für das Verinnerlichen und Begreifen. Ist die Motivation, etwas zu verstehen und zu begreifen, groß, geht alles wie von selbst – ganz ohne Verkrampfung.

Sieben Kinder, sieben verschiedene Lernwege
An der Unterschiedlichkeit, wie unsere sieben Kinder mit dem Thema »Lesen« umgegangen sind, kann ich ihre Art des Lernens erklären.
Unser ältester Sohn brachte sich das Alphabet innerhalb einer Woche bei – mit Sandpapier-Buchstaben, die wir zu Hause herumliegen hatten. Nach etwa einem Monat hatte er begriffen, dass man die Buchstaben nur zusammenfügen muss, damit sich eine völlig neue Welt entfaltet. Von da an war er eine Leseratte.
Seine beiden eineinhalb Jahre jüngeren Schwestern haben sich die Buchstaben mit sechs Jahren beigebracht, indem sie immer wieder fragten: »Was ist das für ein Buchstabe?« Das eine Mädchen wurde zu einer Leseratte, die andere wollte nicht lesen. Sie begann damit erst mit zwölf Jahren. Erst las sie sehr stockend und hatte nicht wirklich Spaß dabei. Wir haben sie weitestgehend in Ruhe gelassen. Heute, mit 15 Jahren, liest sie gerne Biografien, Erfahrungsberichte und sogar englische Bücher. Sie hat ein fotografisches Gedächtnis und entnimmt Bildern deutlich mehr Informationen als ihre Mitmenschen.
Die beiden jüngeren Mädchen konnten mit vier Jahren bereits Erstlesebücher entziffern. Schon mit fünf Jahren las die eine von ihnen mit Wonne »Das Schneekind« von Nicolas Vanier – ein Erwachsenenbuch – voller Verständnis für dessen Inhalt.
Einer unserer beiden Jüngsten hatte schon im Alter von zwei Jahren mit Hilfe von Karten die Buchstaben gelernt, während der Bruder ihm immer mal wieder über die Schultern lugte und sich offenbar auf diese passive Art die Buchstaben einverleibte. Dieses Verhalten setze er fort, als der buchstabierende Bruder zu lesen begann. Erst kürzlich, mit fünf Jahren, begann er dann von einem Tag auf den anderen mit dem Selberlesen. Er inhaliert die Buchstabenwelt geradezu, seine Freude am Entdecken dieser Welt steckt an.

Lernen im Zeitwohlstand
Wir durften dieses einfache, geschmeidige Lernen erleben, mussten aber auch erfahren, was geschieht, wenn man den Kindern künstlich etwas nahebringen will. Unsere beiden Töchter liebten es, Mathematikhefte auszufüllen, als sie fünf und sechs Jahre alt waren. Mit Feuereifer und roten Backen jonglierten sie mit den Zahlen, und schon bald mussten wir ihnen Hefte der zweiten und dritten Klasse besorgen!
Als wir sie dann – im Rahmen einer staatlich verordneten Bildungsvereinbarung – zu Hause gemäß dem offiziellen Lehr- und Zeitplan zu beschulen hatten, verspürten sie auf einmal einen diffusen Zwang, ihre Mathematikhefte bearbeiten zu müssen. Die Leichtigkeit der Freiwilligkeit war wie weggeblasen. Sie legten die Hefte zur Seite und verloren auch sonst jeglichen Spaß am Lernen. Durch unser scheinbar notwendiges Drängeln hatten wir den Zauber des Lernens zerstört. Das machte uns sehr betroffen und führte letztlich dazu, dass wir zu bewusst schulverweigernden Eltern wurden. Gerade weil uns Bildung und eine positive Sozialisation außerordentlich wichtig sind, haben wir uns so entschieden. Sicherlich gibt es gute Schulen und Pädagogen, und nicht allen Kindern schadet Schule. Doch für uns ist ein Leben mit Schulalltag nicht mehr vorstellbar. Wir unterstützen unsere Kinder, finanzieren ihre Bildung aus eigener Tasche – und werden dennoch in Deutschland dafür kriminalisiert.
Der Satz der Schulleiterin »Das Grundschulwissen ist in wenigen Monaten erlernbar« hat sich mit den Jahren bewahrheitet. Dass die Kinder in den Zeitfenstern ihres Interesses lernen, schenkt ihnen enorm viel Freiraum. Unseren Kindern bleibt viel Zeit zum Spielen, Experimentieren und zur Beschäftigung mit spezifischen Themen, die oft weit über den Lehrplan hinausgehen.
Nicht ohne Grund erinnern sich die meisten Erwachsenen nur noch an ein Minimum ihres Schulwissens. Wer das nicht glaubt, kann sich gerne einem Realschultest unterziehen. Nur die ganz Mutigen schreiben das Abitur nach. Als Eltern, denen Bildung wichtig ist, sind wir also zu Schulverweigerern geworden. Wir kennen mittlerweile viele Jugendliche, die sich in höchstens einem Jahr auf das Abitur vorbereitet und es mit einem sehr guten Notendurchschnitt bestanden haben – weil sie es wirklich wollten. Warum also diese extrem lange Schulzeit? •

 

Line Fuks (41) lebt mit ihrer Partnerin, vier eigenen und drei angenommenen Kindern als Patchworkfamilie in Portugal oder auf Reisen durch Europa. Seit 17 Jahren setzt sie sich mit der Entwicklung des Kindes im Rahmen der Gesellschaft und ihrer Erziehungseinrichtungen auseinander.

Mehr natürliche Lernerfahrungen miterleben:
Line Fuks: Eine Familie zieht in die Wildnis. Re Di Roma, 2015

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